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"Muss Sieg von Lissa werden"#

Vor 150 Jahren besiegte die österreichische Marine unter dem Kommando von Admiral Tegetthoff in einer Seeschlacht vor der Insel Lissa die Flotte Italiens.#


Von der Wiener Zeitung (Sonntag, 17. Juli 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Leo Leitner


Die Schlacht von Lissa auf einem Gemälde von Alexander Kircher
Die Schlacht auf einem Gemälde von Alexander Kircher.
Foto: © Heeresgeschichtliches Museum/Wikimedia Commons

Im April 1866 befahl Kaiser Franz Joseph I. den Aufbau einer "operativen Eskader" der k.k. Kriegsmarine und ernannte Konteradmiral Wilhelm von Tegetthoff zum Kommandanten dieses Geschwaders. Die meisten der verfügbaren Schiffe mussten aufgerüstet oder überhaupt total überholt werden, wie das bereits für seeuntüchtig erklärte hochbordige Linienschiff "Kaiser".

Viele Holzschiffe wurden mit Eisenbahnschienen und Ankerketten beschlagen. Von den sieben Panzerschiffen mussten fünf nachgerüstet und die zwei neuen, "Erzherzog Ferdinand Max" und "Habsburg", erst fertig gepanzert werden. Die Auslieferung der bei Krupp in Essen bestellten Geschütze hatten die Preußen verhindert. Die neuen Schiffe mussten daher mit alten Geschützen aus dem Arsenal bestückt werden. Nur durch die Aufnahme von zusätzlich 1300 Arbeitern waren die außerordentlichen Arbeitsanforderungen in den Werften zu bewältigen.

Auf der Reede von Fasana wurde die Eskader "einexerziert", Tag für Tag Schießen und Manövrieren geübt. "Drille so bald und so viel als möglich", wurde den Schiffskommandanten eingeschärft. In sämtlichen Bereichen engagierte sich Tegetthoff persönlich. Er war rastlos tätig. Die mitreißende Kraft seiner Persönlichkeit und die unbeugsame Entschlossenheit zum Handeln bauten im Offizierskorps und bei den Mannschaften ein starkes Vertrauen zu ihm auf.

Kriegsgegner Italien#

Am 20. Juni 1866 erklärte Italien Österreich den Krieg, am 24. Juni wurde das italienische Heer bei Custozza durch die Österreicher unter Erzherzog Albrecht besiegt, und am 26./27. Juni führte Tegetthoff mit 12 Schiffen eine "scharfe Rekognoszierung" vor Ancona durch. Er wollte sich ein möglichst genaues Bild vom Stand der italienischen Flotte machen, die Aktion sollte aber auch eine Herausforderung des Gegners sein.

Der nahm sie aber nicht an, blieb unter dem Schutz der Küstenbatterien. Die Österreicher hatten mit diesem Wagnis einen moralischen Sieg errungen. Die eigenen Mannschaften waren tief beeindruckt, die gegnerischen Marineure verblüfft und weite Schichten der Öffentlichkeit verstört über die Passivität ihrer Marine.

Die junge italienische Marine war 1861 durch Zusammenschluss der Marinen von Neapel und Sardinien entstanden. Sie verfügte über moderne Großkampfschiffe, die in Geschwindigkeit, Feuerkraft und technischer Ausstattung den österreichischen Schiffen überlegen waren. Die mangelhafte "Einexerzierung" der Mannschaften und Disziplinlosigkeiten belasteten jedoch die Qualität der Einsätze.

Kommandant der italienischen Eskader war Carlo Conte di Per-sano, der schon einmal ohne Erfolg gegen eine österreichische Flotte gekämpft hatte. Seine Qualifikation zur Führung wurde allgemein als nicht ausreichend empfunden. Differenzen mit zugeordneten Vizeadmiralen unterstrichen geäußerte Vorbehalte.

Persano hatte von der Regierung den strikten Auftrag erhalten, die feindliche Flotte aufzuspüren, sie ohne Zögern anzugreifen und zu vernichten. Italien müsse Herrin der Adria werden! Die Flotte war der Stolz der Nation - und diese war vom Sieg der Flotte zutiefst überzeugt. Mit Ungeduld wurde das Auslaufen erwartet. Persano jedoch zögerte, fand immer neue Gründe, die ihn daran hinderten. Dieses Zaudern verärgerte nicht nur Regierung, Presse und Bevölkerung, sondern hatte besonders bedenkliche Auswirkungen auf die Moral der Mannschaften.

Die Befehle wurden drängender, im Auftrag des Königs wurde bei weiterer Resultatlosigkeit Enthebung vom Kommando angedroht. Die Flotte verließ am 16. Juli 1866 Ancona, lag am 17. Juli vor Lissa (Vis) und begann am 18. Juli mit der Beschießung der Insel.

Die nach Südwesten vorgelagerte dalmatinische Insel war ein wichtiger Marinestützpunkt. Baulich gut erhaltene Verteidigungswerke waren mit veralteter Artillerie bestückt, die aber noch wirkungsvoll eingesetzt werden konnte. Die Angreifer waren von dem heftigen Widerstand überrascht, den die österreichischen Soldaten leisteten. Anlandungsversuche mit der Marineinfanterie missglückten. Damit war der Operationsplan, nach Besetzung Lissas über die Insel Lesina (Hvar) auf das Festland vorzustoßen und dort Stützpunkte für weitere Operationen einzurichten, gescheitert.

Die Bewegungen italienischer Kriegsschiffe vor Lissa, über die am 17. und 18. Juli Meldungen in Pola eintrafen, wurden anfangs als Ablenkungsmanöver interpretiert, um die österreichische Eskader aus ihrem Hafen herauszulocken und dann einen ungehinderten Vorstoß in die obere Adria riskieren zu können. Das Bild änderte sich aber völlig, als über die große Zahl von Schiffen und die Intensität der Beschießung berichtet wurde. Das war keine Scheinaktion, es ging um die Besetzung der Insel und die nachfolgenden Aktionen.

Tegetthoff meldete seinen Entschluss zum Auslaufen, erhielt die Genehmigung zum "Handeln nach eigenem Ermessen" und gab die notwendigen Befehle an die Schiffskommandanten. Die "operative Eskader" begann am 19. Juli 1866 um etwa 14 Uhr mit drei Divisionen (Panzerschiffe, Holzschiffe, Kanonenboote und Raddampfer) in der vorgeschriebenen Winkel- oder Keilformation ihren Marsch nach Lissa, wo sie am Freitag, dem 20. Juli, erschienen.

Ein fataler Fehler#

Schwerer Seegang und stürmisches Regenwetter herrschten an diesem Morgen, erst zwischen neun und zehn Uhr klarte es auf. Aus dem zerfließenden Nebel trat die Steilküste von Lissa hervor, und vor ihr dampfte in langsamer Fahrt die italienische Flotte. "Ecco, i pescatori" ("da kommen die Fischer") soll Conte Persano beim Anblick der heranbrausenden österreichischen Flotte gesagt haben. Der fatale Entschluss, sein "Flaggenschiff" (wie die altösterreichische Bezeichnung hieß) "Ré d’Italia" zu verlassen und auf das starke Turm-Ramm-Schiff "Affondatore" (Versenker) überzusetzen, bezeugt ein Verhalten, das später als Feigheit oder Angst vor dem Gegner verurteilt wurde.

Auf dem österreichischen "Flaggenschiff" "Ferdinand Max" waren inzwischen die Signale "Klar Schiff zum Gefecht" und - gerichtet an die Panzerschiffe - "Den Feind anrennen und zum Versinken bringen" geflaggt worden. Durch das kurze Stillhalten von "Re d’Italia", als Persano sein Flaggenschiff wechselte, hatte sich eine Lücke in der Kampflinie der Italiener geöffnet, in die nun die österreichischen "Panzer" zum Kampf Schiff gegen Schiff hineinstießen.

Kurz vor 11 Uhr fiel vom italienischen Panzerschiff "Principe di Carignano" der erste Schuss, mit dem die größte Seeschlacht zwischen Trafalgar (1805) und Tsu-shima (1905), zugleich das erste Gefecht zwischen gepanzerten Schiffen, begann. Von dem auf "Ferdinand Max" vorbereiteten Signal "Muss Sieg von Lissa werden" konnte nur mehr "muss" geflaggt werden.

Über den Schiffswechsel des Admirals Persano waren nur wenige Kommandanten informiert, die meisten konnten daher die Signale von "Affondatore" nicht verstehen oder beachteten diese überhaupt nicht. Die italienische Flotte war praktisch ohne Führung. Beschädigte Schiffe scherten aus und kehrten nach Ancona zurück; die Holzschiffe nahmen nicht am Gefecht teil. Der an sich richtige Gedanke, dass der Kommandant aus einem größeren Bewegungsraum den Einsatz der einzelnen Schiffe besser lenken könnte, blieb wirkungslos.

Aus dem Getümmel der Schiffe und ihrem Nahkampf auf engstem Raum, dem "Mêlée", treten zwei Ereignisse deutlich hervor: der Untergang der "Re d’Italia" und das Überleben des Linienschiffes "Kaiser". "Re d’Italia", durch einen Treffer im Steuerruder in ihrer Manövrierfähigkeit eingeschränkt, wollte sich vom Kampf absetzen, wurde aber in der Vorwärtsfahrt durch ein sich querstellendes österreichisches Schiff behindert. Den Moment des Stillstandes beim Umschalten auf Rückwärtsfahrt nutzte der Kapitän der "Ferdinand Max", Linienschiffskapitän von Sterneck, zum Rammstoß. Die gerammte Fre- gatte bäumte sich auf, Wassermassen stürzten in das aufgerissene Vorderschiff - "Re d’Italia" versank.

Der Maschinist auf "Ferdinand Max" vollbrachte eine technische Meisterleistung. Zum Zeitpunkt des Stoßes lief das Schiff auf Höchstgeschwindigkeit und wurde nach dem Stoß blitzartig auf Rückwärtsfahrt umgeschaltet. An der Stelle des Unterganges brach das Inferno aus. Viele Matrosen wurden vom Sog des untergehenden Schiffes mitgerissen, andere gerieten unter die kämpfenden Schiffe, einige konnten sich schwimmend ans Ufer retten.

Schäden und Verluste#

Auf österreichischer Seite erlitt das Linienschiff "Kaiser", das allein schon durch seine imponierende Größe zur Zielscheibe der feindlichen Artillerie wurde, die größten Verluste an Menschen und Material. Das Schiff ging nicht verloren, es wehrte sich trotz der schweren Schäden energisch gegen die Angriffe der feindlichen Panzerschiffe, konnte sich aus der Einkreisung lösen und den sicheren Hafen erreichen. Ein entsetzliches Schicksal erlitt die Mannschaft des italienischen Kanonenbootes "Palestro". Ein Brand war bereits gelöscht worden, aber bei weiterem Beschuss entzündeten sich Granaten, die eine gewaltige Detonation auslösten und das Schiff mit der Mannschaft in der Luft zerriss.

Nach 14 Uhr formierten sich beide Flotten, gingen in Wartestellung, aber das Gefecht flammte nicht wieder auf. Die Seeschlacht vor Lissa, die 612 Tote bei den Italienern und 38 Tote bei den Österreichern gefordert hatte, war zu Ende.

In Ancona berichtete Persano, seine Flotte habe sich auf dem Schlachtfeld behauptet und das Linienschiff "Kaiser" versenkt. Diese Version hielt sich längere Zeit im In- und Ausland. Tegetthoff sandte über Spalato (Split) seinen Bericht über die Schlacht und den österreichischen Sieg nach Wien, wo bereits am Morgen des 21. Juli 1866 in Extrablättern der Sieg vor Lissa gefeiert wurde.

In die düstere, gedrückte Stimmung, die seit der schweren Niederlage bei Königgrätz (3. Juli 1866) herrschte, brachte dieser Sieg etwas Aufhellung. Tegetthoff, inzwischen zum Vizeadmiral (dem damals höchsten Rang in der Marine) befördert, präsentierte vor in- und ausländischen Gästen die angeblich gesunkene "Kaiser" und erläuterte die Bedeutung des Sieges für Österreich als künftige Seemacht.

Wiener Zeitung, Sonntag, 17. Juli 2016

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