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Nichts gewusst gilt nicht #

Der „Stollen der Erinnerung“ im „Museum Arbeitswelt“ zeigt, wie die Steyr-Werke KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter einsetzten. Und die Ausstellung „Die Gerechten“ setzt Judenrettern ein Denkmal. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 31. Oktober 2013)

Von

Sonja Fercher


Stollen der Erinnerung
Stollen der Erinnerung. In einem ehemaligen Luftschutzbunker beleuchtet der „Stollen der Erinnerung“ die Geschichte Steyrs zur NS-Zeit.
Foto: © Verein Museum Arbeitswelt MAW

Eines können die Bewohner von Steyr nur schwer behaupten: Dass sie nichts gewusst hätten. Denn mitten in der Stadt, direkt gegenüber der Marienkirche und gleich neben der Brücke vor der Mündung der Steyr in die Enns haben KZ-Häftlinge vor den Augen aller geschuftet. Man setzte ihr Leben aufs Spiel, damit andere einen sicheren Unterschlupf bekamen: Unterhalb des Schlosses Lamberg errichteten KZHäftlinge einen Luftschutzbunker, der erst kürzlich als „Stollen der Erinnerung“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Die exponierte Lage wollte man bewusst nutzen, um die Geschichte der in Steyr internierten KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter aufzuarbeiten. Heute ist der Ort über einen bequemen Fußweg erreichbar, der entlang der Steyr zur Fachhochschule und dem daneben liegenden Museum Arbeitswelt führt. Damals gab es diesen fast pittoresken Weg nicht, vielmehr gelangten die Häftlinge nur über einen schmalen Holzsteg zum Stollen.

Das Schild über dem Stolleneingang ist knallrot und scheint fast zu leuchten, so dass auch heute niemand behaupten kann, die Ausstellung im Vorbeigehen übersehen zu haben. Entlang der hufeisenförmigen Stollenanlage sind die Ausstellungsstücke in verschiedenen Kapiteln angeordnet. Dabei hat man sich den düsteren Stollen und seine Biegungen zu Nutze gemacht, um Themen voneinander abzugrenzen, Exkurse einzubauen oder aber den Besuchern Zeit zu geben, um das Gesehene zwischendurch wirken zu lassen. „Die Grundidee ist, dass man den Stollen mit dem Jahr 1938 betritt, wo es eng wird: Der Raum wird eng, aber auch das Leben der Menschen, die Freiheit wurde beschränkt und man wusste nicht, wie es weitergeht“, erklärt Karl Ramsmaier vom Mauthausenkomitee Steyr die Symbolik.

Ein Zentrum der Waffenproduktion#

Die Stadt Steyr war Zentrum der Waffenproduktion und bezog somit ihre Existenz aus Kriegen, wie Architekt Bernhard Denkinger betont, der die Ausstellung künstlerisch gestaltet hat. Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich begann der rasante Aufstieg der Steyr-Daimler-Puch AG zu einem riesigen Kraftfahrzeugs- und Rüstungskonzern, der Teil der „Reichswerke Hermann Göhring“ war. Zwischen dem Jahr 1937 und 1944 wuchs die Zahl der Beschäftigten von 7000 auf 50.000, wie Ramsmaier vorrechnet. Bei weitem nicht all diese Beschäftigten arbeiteten dort freiwillig, sogar die Hälfte waren Zwangsarbeiter. Zudem war die Steyr-Daimler-Puch AG eine der ersten Rüstungsfirmen, die KZ-Häftlinge beschäftigten. „Bisher wurde verdrängt, dass die Steyr-Werke in acht Konzentrationslagern für sich haben arbeiten lassen“, kommentiert Karl Ramsmaier.

Die ersten KZ-Häftlinge dürften schon im Frühjahr 1941 eingesetzt worden sein. Eine wesentliche Rolle dabei spielte der Generaldirektor der Steyr-Werke Georg Meindl, der gute Beziehungen zur SS pflegte.

Nebenlager des KZs Mauthausen #

Zunächst wurden die Häftlinge noch vom nahe gelegenen KZ Mauthausen nach Steyr transportiert. Anfang 1942 begann man dann damit, im Steyrer Stadtteil Münichholz ein Lager für die KZ-Häftlinge zu errichten – zusätzlich zu den Baracken, in denen Zivil- und Zwangsarbeiter untergebracht waren. Ein Plan macht die Größe des Areals deutlich, das wie eine Stadt in der Stadt wirkt. Auf einem „sehr seltenen Plan“, wie Ramsmaier betont, sieht man die Struktur des KZs. Nicht minder bedrückend ist eine Liste, in der Steyr-Generaldirektor Meindl Fachkräfte anfordert. „Man kann nicht oft nachweisen, dass ein Industriebetrieb wissentlich darauf hinarbeitet, KZ-Häftlinge als Arbeiter für sein Werk zu bekommen“, unterstreicht Architekt Bernhard Denkinger.

Stollen der Erinnerung
Gedenkort ist der 1943 von KZ-Häftlingen errichtete, 140 Meter lange Lambergstollen nahe dem Zusammenfluss von Enns und Steyr.
Foto: © Verein Museum Arbeitswelt MAW

Seit zehn Jahren engagiert sich Theologe Ramsmaier nun schon dafür, dass im Luftschutzstollen eine Ausstellung eingerichtet wird. Zufrieden führt er durch die engen Gänge und ergänzt die historischen Informationen immer wieder mit Geschichten, wie dieses oder jenes Ausstellungsstück seinen Weg zum Mauthausen-Komitee Steyr gefunden hat. Eines dieser Stücke sind Fotos und Texte der Polin Leokardia Stanislawska, die als 17-Jährige zur Zwangsarbeiterin wurde. „Uns ist es darum gegangen, das Schicksal der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den Mittelpunkt zu stellen und anhand ihrer Geschichte das Thema verstehbar zu machen“, erklärt Ramsmaier. Sachinformationen wechseln sich entsprechend mit Bildern und Zitaten der Internierten ab. Besonders gelungen ist das gleich zu Beginn, wo man neben Stanislawska noch zwei weitere Zwangsarbeiter „begleitet“. Die Geschichte fassbar zu machen, das erreichen die Ausstellungsmacher außerdem, indem sie die „große“ Geschichte erzählen, indem sie auf lokale Verwicklungen hinweisen und Dokumente verwenden, die eben diese belegen.

Sonderausstellung „Die Gerechten“ #

Daneben wird auch gezeigt, wie in diesem Unrechtssystem Solidarität geübt wurde – nicht nur unter den Häftlingen, sondern auch von der Zivilbevölkerung, die den Gefangenen etwa heimlich Lebensmittel zukommen ließen. Ein anderes Kapitel der Ausstellung zeigt, wie die Häftlinge versucht haben, ihre Erlebnisse auch künstlerisch zu verarbeiten, unter den Ausstellungsstücken sind etwa Karikaturen des Künstlers José Cabrero Arnal. Dieser sollte nach dem Krieg mit seinem Comic „Pif, le chien“ in Frankreich bekannt werden, die in deutscher Übersetzung etwa im Comicheft Yps erschienen.

Das Ende der Ausstellung ist den Kapiteln Widerstand und Gedenken gewidmet, ganz im Sinne der bereits erwähnten Symbolik der Ausstellung: „Mit dem Jahr 1945 geht es wieder in die Freiheit hinaus“, so Ramsmaier. Gemeinsam mit der temporären Ausstellung „Die Gerechten“, die zum ersten Mal Retter von Jüdinnen und Juden in Österreich zeigt, leistet das Museum Arbeitswelt im Gedenkjahr der Novemberpogrome seinen Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.

DIE FURCHE, Donnerstag, 31. Oktober 2013