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Zerstörte Pracht#

Eine Schau im Museum Judenplatz erinnert an die Wiener Synagogen.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 19. Mai 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Das historische Foto zeigt die Innenansicht der 'polnischen Schul' in der Leopoldsgasse 29, erbaut von Wilhelm Stiassny, zerstört im Novemberpogrom von den Nationalsozialisten
Das historische Foto zeigt die Innenansicht der "polnischen Schul" in der Leopoldsgasse 29, erbaut von Wilhelm Stiassny, zerstört im Novemberpogrom von den Nationalsozialisten.
© JMW

25 große Synagogen standen in Wien vor 1938. Heute gibt es eine.

Die Ausstellung "Wiener Synagogen" im Museum Judenplatz dokumentiert, welche architektonischen Kunstwerke von der rassistischen Raserei der Nationalsozialisten zerschlagen, niedergebrannt, zerstört wurde.

Aber soll man Steinen nachtrauern, wenn man weiß, dass Millionen Menschen in den KZs ermordet wurden?

Doch so einfach ist die Antwort nicht. Es ist den Kuratoren Bob Martens und Herbert Peter gelungen, in der Erinnerung an die Synagogen die Tragödie der jüdischen Gemeinde Wiens wachzurufen. Wenn Wien vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten an die 100 Synagogen, Tempel und jüdische Bethäuser hatte und heute auf etwa 17 kommt, von denen lediglich der Stadttempel als "groß" anzusprechen ist (und selbst er nicht annähernd die Größe der großen Synagogen der Vergangenheit erreicht), dann verdeutlicht sich auch darin das in der Geschichte beispiellose Verbrechen. Oder wie Kurator Bob Martens mit ironischem Understatement sagte: Heute fehlt die Klientel. Denn das jüdische Leben wurde aus Wien vertrieben, die Menschen verjagt oder ermordet; nie wieder ist es so zurückgekehrt, wie es einmal war.

Auch davon kündet diese Ausstellung, das ist gleichsam ihr geistiger Oberbau.

Bilder der Prachtentfaltung#

Was zu sehen ist: vor allem Fotos von Synagogen in Außen- und Innenansicht. Doch dabei bleibt es nicht. Diese Fotos dokumentieren die Bauten mit den Mitteln der Zeit und geben Auskunft über die Prachtentfaltung der Synagogen.

Entstanden sind sie ab Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem Kaiser Franz Joseph den Juden die Gründung einer Gemeinde gewährte und den Bau von Gotteshäusern, die im Stadtbild sichtbar sind. Der Kaiser scherte sich nicht um ein Bürgertum, das in falsch verstandenem christlichen Denken den Antisemitismus mehr oder minder versteckt kultivierte. Somit passt diese Ausstellung, auch ohne es auszusprechen, sehr gut in dieses Kaiser-Franz-Joseph-Jahr.

Zuvor war der Bau von Synagogen in Wien mit permanenten Spannungen verbunden und von Schikanen begleitet gewesen. Im Mittelalter gab es eine jüdische Synagoge, ihre Grundmauern sind im Museum Judenplatz zu sehen. Doch sie wurde 1420 abgetragen, ihre Steine verbaute man in der Universität. 1625 durften im Getto im Unteren Werd drei als solche erkennbare Synagogen entstehen, aber bereits 1670 wurden die Juden aus Wien vertrieben. Um den Kaiser zu ehren, der sie verjagte, wurde der Bezirk in Leopoldstadt umbenannt...

Nach 1850 setzte nahezu ein Synagogen-Bauboom ein, an dem sich zahlreiche Architekten beteiligten, unter ihnen Ludwig Förster, Wilhelm Stiassny, Ludwig Tischler oder Hugo von Wiedenfeld. Die Synagogen hatten dadurch kein einheitliches Aussehen, manche schienen sich im äußeren Erscheinungsbild an christlicher Sakralarchitektur zu orientieren, andere haben den Charakter von Repräsentativbauten, denen man die religiöse Bestimmung nicht auf den ersten Blick ansieht.

Den Architekten folgend, erweitert sich die Schau über Wien hinaus und blickt auch über die Grenzen des heutigen Österreich hinaus in die Städte der Habsburger-Monarchie.

Synagogen räumlich simuliert#

Bob Martens, in Eindhoven geborener und in Österreich niedergelassener Architekt und Hochschullehrer, ist Spezialist für räumliche Simulation. Er hat, und das ist der spannende zweite Teil der Ausstellung, für die Schau virtuelle Rundgänge durch die Synagogen erstellt, durch zerstörte wie nicht in Gebrauch befindliche. Man kann so mit ein paar Fingertipps auf dem iPad etwa den Schmalzhoftempel besichtigen oder den Jubiläumstempel in der Siebenbrunnengasse oder die Kaschlschul in der Kaschlgasse.

Und während man solche Besichtigungen unternimmt, fragt man sich, wieso nicht alle jene Gebäude, die seit 1938 an die Stelle der Synagogen und Beträume getreten sind, entsprechende Gedenkplaketten tragen. Bei den Gebäuden, die im Besitz der öffentlichen Hand stehen, ist das weitestgehend durchgeführt. Doch es schmerzt, dass private Eigentümer das Gedenken verweigern können und es auch tun.

Denn 25 große Synagogen standen in Wien vor 1938. Heute gibt es eine.

Information#

Wiener Synagogen - Ein Memory. Bob Martens, Herbert Peter (Kuratoren) in Zusammenarbeit mit Danielle Spera und Werner Hanak-Lettner; Museum Judenplatz bis 17. November 2016

Wiener Zeitung, Donnerstag, 19. Mai 2016

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