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Die Wunden der Nachkommen #

Zum Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung wünscht sich Filmregisseurin Sabina Zwitter-Grilc eine andere Gedenkkultur. Das evangelische Kärnten thematisiert indes seine Mittäterrolle. #


Von der FURCHE (Donnerstag, 10. Oktober 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Sonja Fercher


Kärntner Slowenen
...darunter auch ein erheblicher Anteil der Kärntner Slowenen.
Foto: Wikipedia
Abstimmungsgebiete Kärnten
Kärntner Abstimmung. Am 10. Oktober 1920 stimmte die Mehrheit der Kärntner Bevölkerung für den Verbleib bei Österreich, ...
Foto: Wikipedia

NS-Opfer erzählen ihr Schicksal, es sind Kärntner Slowenen, Roma und Juden. Zwischen die Filmszenen geschnitten ist der Schrei von Munch, einmal als Bild, einmal von Menschen. „Das ist der stumme Schrei, der ungehörte Hilferuf, der spätestens bei der Inhaftierung der Menschen erschallt ist und der bis heute den Alltag der jungen Generationen mitgestaltet“, erklärt Regisseurin Sabina Zwitter-Grilc. Sie selbst ist als Kärntner Slowenin Nachfahrin von NS-Opfern. Gespräche mit Nachfahren diverser Opfergruppen ließen sie eine Gemeinsamkeit entdecken: Die Traumata der Opfer wirken in ihren Kindern und Enkeln bis heute nach. Eindrucksvoll zeigt sie den langen „Schatten der Scham“, wie sie das Phänomen im Titel ihres Dokumentarfilms nennt. „Auf diesen Schrei muss man endlich hören und zur Kenntnis nehmen, welche Wunden diese Menschen in sich tragen“, meint die Regisseurin.

Eine dieser Wunden entstand am 10. Oktober 1920. Es ist jener Tag, an dem die Kärntner bei einer Volksabstimmung entschieden, dass Süd-Ost-Kärnten bei Österreich bleibt und nicht an Slowenien geht. Für diese Lösung gestimmt hatten nicht zuletzt Kärntner Slowenen. Jede zweite Stimme für Österreich wurde sogar von ihnen abgegeben. Gedankt hat man den Kärntner Slowenen dafür aber nicht, ganz im Gegenteil, meint Zwitter-Grilc: „Der 10. Oktober war der Startschuss für anti-slowenische Hetze. Diese erreichte ihren Höhepunkt in der NSZeit, als sie vertrieben und in KZs deportiert wurden.“ Mit dem Ende des NS-Regimes brachen für Kärntner Slowenen kaum bessere Zeiten an. Vielmehr habe man nahtlos an die anti-slowenischen Ressentiments angeknüpft. Für den 10. Oktober wünscht sich Zwitter-Grilc deshalb auch eine andere Gedenkkultur: „Man muss sich einmal bei den Kärntner Slowenen entschuldigen, denn ihnen wurden tiefe Verwundungen zugefügt. Damit diese heilen können, gehört es dazu, dass man sich vor diesen Opfern verneigt und sagt: Das wird nie wieder passieren.“

Slowenen und Protestanten #

Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Täterrolle führte dieses Jahr die Evangelische Kirche in Kärnten. Es ist ein Umweg, der die beiden Kärntner Minderheiten „zusammenführt“. Immerhin leben Protestanten und Kärntner Slowenen in unterschiedlichen Teilen Kärnten. Doch über die Mittäterschaft von Protestenten im NS-Regime gibt es eine Verbindung. „Glaube. Gehorsam. Gewissen. Protestantismus und Na NS-Opfer erzählen ihr Schicksal, es sind Kärntner Slowenen, Roma und Juden. Zwischen die Filmszenen geschnitten ist der Schrei von Munch, einmal als Bild, einmal von Menschen. „Das ist der stumme Schrei, der ungehörte Hilferuf, der spätestens bei der Inhaftierung der Menschen erschallt ist und der bis heute den Alltag der jungen Generationen mitgestaltet“, erklärt Regisseurin Sabina Zwitter-Grilc. Sie selbst ist als Kärntner Slowenin Nachfahrin von NS-Opfern. Gespräche mit Nachfahren diverser Opfergruppen ließen sie eine Gemeinsamkeit entdecken: Die Traumata der Opfer wirken in ihren Kindern und Enkeln bis heute nach. Eindrucksvoll zeigt sie den langen „Schatten der Scham“, wie sie das Phänomen im Titel ihres Dokumentarfilms nennt. „Auf diesen Schrei muss man endlich hören und zur Kenntnis nehmen, welche Wunden diese Menschen in sich tragen“, meint die Regisseurin. Eine dieser Wunden entstand am 10. Oktober 1920. Es ist jener Tag, an dem die Kärntner bei einer Volksabstimmung entschieden, dass Süd-Ost-Kärnten bei Österreich bleibt und nicht an Slowenien geht. Für diese Lösung gestimmt hatten nicht zuletzt Kärntner Slowenen. Jede zweite Stimme für Österreich wurde sogar von ihnen abgegeben. Gedankt hat man den Kärntner Slowenen dafür aber nicht, ganz im Gegenteil, meint Zwitter-Grilc: „Der 10. Oktober war der Startschuss für anti-slowenische Hetze. Diese erreichte ihren Höhepunkt in der NSZeit, als sie vertrieben und in KZs deportiert wurden.“ Mit dem Ende des NS-Regimes brachen für Kärntner Slowenen kaum bessere Zeiten an. Vielmehr habe man nahtlos an die anti-slowenischen Ressentiments angeknüpft. Für den 10. Oktober wünscht sich Zwitter-Grilc deshalb auch eine andere Gedenkkultur: „Man muss sich einmal bei den Kärntner Slowenen entschuldigen, denn ihnen wurden tiefe Verwundungen zugefügt. Damit diese heilen können, gehört es dazu, dass man sich vor diesen Opfern verneigt und sagt: Das wird nie wieder passieren.“

Slowenen und Protestanten #

Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Täterrolle führte dieses Jahr die Evangelische Kirche in Kärnten. Es ist ein Umweg, der die beiden Kärntner Minderheiten „zusammenführt“. Immerhin leben Protestanten und Kärntner Slowenen in unterschiedlichen Teilen Kärnten. Doch über die Mittäterschaft von Protestenten im NS-Regime gibt es eine Verbindung. „Glaube. Gehorsam. Gewissen. Protestantismus und Nationalsozialismus in Kärnten“ lautete der Titel einer Ausstellung. Eines schickt Kurator Alexander Hanisch-Wolfram aber gleich voraus: Die Gleichung, wonach Protestanten automatisch auch Nazis waren, stimme so pauschal keinesfalls. In der Ausstellung wird der Widerstand „im Kleinen“ gezeigt, denn einen organisierten evangelischen Widerstand wie in Deutschland gab es nicht.

Gedenktag. Die offiziellen Feierlichkeiten des Landes Kärnten zum 10. Oktober laufen dieses Jahr teilweise wieder zweisprachig ab., Foto: © Landesarchiv
Gedenktag. Die offiziellen Feierlichkeiten des Landes Kärnten zum 10. Oktober laufen dieses Jahr teilweise wieder zweisprachig ab.
Foto: © Landesarchiv

Aber auch die andere Seite wird gezeigt: Der Einfluss deutsch-nationaler Vorstellungen auf städtische Kirchengemeinden in Kärnten, die Beteiligung von evangelischen „Illegalen“ am Juli-Putsch im Jahr 1934, Kollaboration mit den Nazis und nur behäbige Aufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass der Deutsch-Nationalismus bei Protestanten auf fruchtbaren Boden fiel, hat in der Orientierung an Deutschland als „Mutterland der Reformation“ einen Grund. Ebenfalls von Bedeutung war der Priestermangel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, weshalb Priester aus Deutschland geholt wurden. Dazu kam der Einfluss deutscher Vereine wie dem deutsch-national ein NS-Opfer erzählen ihr Schicksal, es sind Kärntner Slowenen, Roma und Juden. Zwischen die Filmszenen geschnitten ist der Schrei von Munch, einmal als Bild, einmal von Menschen. „Das ist der stumme Schrei, der ungehörte Hilferuf, der spätestens bei der Inhaftierung der Menschen erschallt ist und der bis heute den Alltag der jungen Generationen mitgestaltet“, erklärt Regisseurin Sabina Zwitter-Grilc. Sie selbst ist als Kärntner Slowenin Nachfahrin von NS-Opfern. Gespräche mit Nachfahren diverser Opfergruppen ließen sie eine Gemeinsamkeit entdecken: Die Traumata der Opfer wirken in ihren Kindern und Enkeln bis heute nach. Eindrucksvoll zeigt sie den langen „Schatten der Scham“, wie sie das Phänomen im Titel ihres Dokumentarfilms nennt. „Auf diesen Schrei muss man endlich hören und zur Kenntnis nehmen, welche Wunden diese Menschen in sich tragen“, meint die Regisseurin. Eine dieser Wunden entstand am 10. Oktober 1920. Es ist jener Tag, an dem die Kärntner bei einer Volksabstimmung entschieden, dass Süd-Ost-Kärnten bei Österreich bleibt und nicht an Slowenien geht. Für diese Lösung gestimmt hatten nicht zuletzt Kärntner Slowenen. Jede zweite Stimme für Österreich wurde sogar von ihnen abgegeben. Gedankt hat man den Kärntner Slowenen dafür aber nicht, ganz im Gegenteil, meint Zwitter-Grilc: „Der 10. Oktober war der Startschuss für anti-slowenische Hetze. Diese erreichte ihren Höhepunkt in der NSZeit, als sie vertrieben und in KZs deportiert wurden.“ Mit dem Ende des NS-Regimes brachen für Kärntner Slowenen kaum bessere Zeiten an. Vielmehr habe man nahtlos an die anti-slowenischen Ressentiments angeknüpft. Für den 10. Oktober wünscht sich Zwitter-Grilc deshalb auch eine andere Gedenkkultur: „Man muss sich einmal bei den Kärntner Slowenen entschuldigen, denn ihnen wurden tiefe Verwundungen zugefügt. Damit diese heilen können, gehört es dazu, dass man sich vor diesen Opfern verneigt und sagt: Das wird nie wieder passieren.“

Slowenen und Protestanten #

Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Täterrolle führte dieses Jahr die Evangelische Kirche in Kärnten. Es ist ein Umweg, der die beiden Kärntner Minderheiten „zusammenführt“. Immerhin leben Protestanten und Kärntner Slowenen in unterschiedlichen Teilen Kärnten. Doch über die Mittäterschaft von Protestenten im NS-Regime gibt es eine Verbindung. „Glaube. Gehorsam. Gewissen. Protestantismus und Nationalsozialismus in Kärnten“ lautete der Titel einer Ausstellung. Eines schickt Kurator Alexander Hanisch-Wolfram aber gleich voraus: Die Gleichung, wonach Protestanten automatisch auch Nazis waren, stimme so pauschal keinesfalls. In der Ausstellung wird der Widerstand „im Kleinen“ gezeigt, denn einen organisierten evangelischen Widerstand wie in Deutschland gab es nicht. Aber auch die andere Seite wird gezeigt: Der Einfluss deutsch-nationaler Vorstellungen auf städtische Kirchengemeinden in Kärnten, die Beteiligung von evangelischen „Illegalen“ am Juli-Putsch im Jahr 1934, Kollaboration mit den Nazis und nur behäbige Aufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass der Deutsch-Nationalismus bei Protestanten auf fruchtbaren Boden fiel, hat in der Orientierung an Deutschland als „Mutterland der Reformation“ einen Grund. Ebenfalls von Bedeutung war der Priestermangel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, weshalb Priester aus Deutschland geholt wurden. Dazu kam der Einfluss deutscher Vereine wie dem deutsch-national eingestellten Evangelischen Bund auf die evangelischen Gemeinden in Kärnten.

Politische Klimaverbesserung #

Ein weiterer Strang in diesem Gewirr an Einflussfaktoren war die religiös-politische „Los von Rom“-Bewegung, die sich gegen die „slawenfreundliche“ katholische Kirche richtete – und damit in den Kärntner Slowenen auch ein Feindbild fand. Umgekehrt vermengte sich auch bei den Kärntner Slowenen Kirche und Nationalismus, so der Kurator. Diese habe sich etwa im Spruch ausgedrückt: „Ein guter Slowene ist Katholik.“ Viele Wortführer der Kärntner-slowenischen Nationalisten seien Katholiken gewesen. „Da entstand natürlich schnell Konfliktpotenzial, weil Vertreter auf beiden Seiten übers Ziel hinausschossen.“ Für Hanisch- Wolfram liefern diese Aspekte aber nur teilweise Erklärungen für den Konflikt zwischen Deutsch-Kärntnern und Kärntner Slowenen. Schließlich bleiben Protestanten in Kärnten bis heute eine Minderheit.

Im Ausstellungskatalog meint der Theologe Alex Töllner, dass die Marginalisierung während der NS-Zeit zwar den Blick vieler Protestanten auf die Kärntner Slowenen geöffnet habe. „Zu einer Solidarisierung mit den vor allem seit April 1941 in Kärnten systematisch verfolgten und deportierten Slowenen kam es dagegen nicht.“ Auch nach 1945 sollte es hierzu noch eine Weile dauern. Heute erklären sich der evangelische Bischof Michael Bünker und Superintendent Manfred Sauer wiederholt solidarisch mit den Anliegen der Kärntner Slowenen.

Der politische Wechsel in Kärnten sorgte inzwischen für eine Klimaverbesserung, so Regisseurin Zwitter-Grilc. Ablesen lässt sich dies etwa an den Feierlichkeiten am 10. Oktober, die heuer wieder zweisprachig stattfinden. Allerdings komme diese Verbesserung zu spät und bleibe symbolisch. Gelebte Zweisprachigkeit sehe anders aus: „Da müsste man große Anstrengungen setzen, damit es attraktiv wird, Slowenisch zu lernen, und auch Geld in die Hand nehmen.“ Sonst, so befürchtet die Regisseurin, ist die Kultur und Sprache der Kärntner Slowenen in Gefahr unterzugehen – ganz so, wie es die Nazis wollten.

DIE FURCHE, Donnerstag, 10. Oktober 2013