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Wo liegt der eigentliche Glaubensverlust? #


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 43/2012


Der ehemalige Kurienkardinal Walter Kasper, dessen Stimme in päpstlichen Räten noch immer Gewicht hat, erstellte neulich eine Diagnose der Kirchenkrise, die bemerkenswert ist und sich auf folgende Feststellungen konzentriert: Es gebe keine Ablehnung des Christentums, denn in Asien und Afrika würden Katholiken- und Priesterzahlen steigen. In Europa aber sei das Kirchensystem der früheren Volkskirchen zusammengebrochen, diese würden nur mehr ein Minderheitendasein in der hier säkularisierten Gesellschaft fristen.

Das sollte jedoch nicht, wie Kasper hervorhebt, dazu führen, die traditionellen Inhalte oder Formen über Bord zu werfen! Die Kirche würde sonst zur „Nussschale, die stürmischeren Zeiten kaum stand hält.“ Wo sich die Gesellschaft nicht mehr auf Gott (!) als Grundlage für ihr Selbstverständnis stütze, sei alles erlaubt und relativ.

Wenige Tage später nahm Kardinal Schönborn zum selben Thema Stellung. Die Entkirchlichung sei in seinem Land rasant. Traditionelle Strukturen würden den Herausforderungen und Ansprüchen nicht mehr gerecht. An ihrer Stelle müssten lebendige Zellen des Glaubens geschaffen werden, wo neues Engagement entstehe. Das bedürfe der Wiederentdeckung der gemeinsamen priesterlichen Berufung aller Getauften! (Ganz offensichtlich sogar ohne geschlechtliche Differenzierung.)

Doch Freude wäre voreilig. Denn der Erzbischof betont, „dass die Umwälzungen, die wir erleben, offenbar nicht an den Besonderheiten der katholischen Kirche festgemacht werden könnten – etwa am Zölibat, unserer Ehe- und Sexuallehre oder dem Primat des Papstes“. Dies alles soll offenbar bleiben, da es der Kirche eben eigen sei.

Widersprüchliches und Übereinstimmendes#

Diese beiden Erklärungen versuchen, die Krise der Kirche zu deuten, ihr Inhalt erweist sich aber selbst als deren Ursache. Zunächst durch ihre fehlende Übereinstimmung, was eine klare Haltung der so oft ins Spiel gebrachten „Weltkirche“ vermissen lässt. Soll sich nichts an den Inhalten und Formen ändern (Kasper) oder bedarf es neuer Strukturen der Seelsorge (Schönborn)? Gar solcher, die sich viel mehr auf noch mehr Engagement aus dem Kirchenvolk stützen?

Letzteres wäre natürlich sehr zu begrüßen und lässt auf die Erkenntnis schließen, dass ohne Laien beiderlei Geschlechts nichts mehr geht! Insofern äußert Schönborn sehr wohl immer wieder Änderungswillen und die Bereitschaft, Traditionen über Bord zu werfen. Ja, er behauptet sogar, dass seine „anderen Antworten“ auf die Probleme viel wichtiger und wirksamer wären als die sonst eingemahnten, über die man nicht einmal zu reden bereit ist. Wie seine „neue Gründerzeit“ wirklich aussieht, bleibt freilich weiterhin noch im Unklaren.

Offenbar geht es ihm wie überhaupt allen Bischöfen um Organisatorisches, also um Verwaltungsstrukturen sowie geänderte Formen und Ausdehnung der Gemeinden. Arbeit aus Not anders zu verteilen ist aber nur Defensivstrategie der Mängelverwaltung, das dabei verwendete und eher großspurige Wort „Reformen“ nicht angebracht. Subsidiarität wäre viel mehr zu verwirklichen, also eine Entlastung der immer weniger werdenden Priester durch Übertragung neuer Aufgaben in die Verantwortung von Laien! Also etwa das Spenden der Krankensalbung, die Predigt oder die Gestaltung und Leitung neuer Formen von Gemeindefeiern mit eucharistischem Charakter.

In der Abweisung all dessen stimmen die beiden Kardinäle überein. Eine strikte Grenzlinie wird gezogen, die zwischen den Geweihten und den „gewöhnlichen“ Christen verläuft. Sie darf nicht überschritten werden, was nicht hinnehmbaren Ungehorsam der immerhin zum allgemeinen Priestertum Berufenen bedeuten würde. Nur der heilige Ämterstand kann ja „in persona Christi“ handeln und muss daher seine exklusiven Rechte behalten – „Reformen“ hin oder her! Sofern man solche überhaupt für nötig hält, worüber ja keine Einigkeit zu bestehen scheint.

An Bord der Nussschale#

Es kann nicht oft genug gesagt werden: Ursache der Krise ist nicht die unaufhaltsame Säkularisierung als Begleiterscheinung des Fortschritts weg vom „Gottesstaat“. Sie liegt vielmehr im überholten System einer Zwei-Stände-Kirche, wie sie nach der staatlichen Etablierung und Verfremdung des Christentums als Kopie weltlicher Machtstrukturen gebildet wurde. Die Korrektur durch Aufwertung des Gottesvolkes beim II. Vatikanischen Konzils war längst fällig, aber sie wurde und wird – wie der Wiener Weihbischof Krätzl treffend feststellte – konsequent „im Sprung gehemmt“.

In die Köpfe der Hierarchie will nicht hinein, dass es bei den von Schönborn genannten „Besonderheiten“ der katholischen Kirche um arge Behinderungen der Seelsorge als eigentliche Aufgabe der Kirche geht. Wenn man unzählige Berufungen zurückweist oder verjagt, weil man auf der Konstruktion eines privilegiert abgehobenen Amtspriestertums ausschließlich unverheirateter Männer beharrt, fördert man die religiöse Verödung.

Es stimmt, auf Gott müssten wir uns stützen, was Kasper bei der Welt vermisst. Wahrscheinlich weiß sie längst besser, wo Gott wohnt als die Insassen der Nussschale Rom, die voll Angst sind wie damals die Jünger im Sturm auf dem See. Sie sollten wieder auf den hören, den sie den Herrn nennen. Das Festklammern an Traditionen hat Jesus nicht gelehrt, sondern vielmehr neue Wege mit Mut und Gottvertrauen zu gehen!

Immer stärker tritt ins Bewusstsein des Gottesvolkes, dass es einer Rückkehr zum Glauben Jesu bedarf. Seiner Frohbotschaft sind Schönborns „Besonderheiten“ fremd und widersprechend, bei ihm gab es nur einen „Primat“, den Gottes. Es ist also unfassbar, dass – wie jetzt wieder bei Kasper – immer wieder das Nein zu sinnlos und schädlich geworden Vorschriften als Abkehr vom Glauben oder gar von Gott bezeichnet wird. Das ist ungeheuerlich. In Wahrheit geht es heute um die Überwindung eines Glaubensverlustes der Kirchenleitung!