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Vorhang auf für neue Dramen#

Im Jahr 1912 verlor das deutschsprachige Theater drei bedeutende Direktoren: Max Burckhard, Otto Brahm und Alfred von Berg. Sie etablierten Arthur Schnitzler am Theater und waren auch selbst Schriftsteller.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 27. Oktober 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Reinhard Urbach


Max Burckhard (1854-1912), Otto Brahm (1856-1912) und Alfred von Berger (1853-1912)
Theaterdirektoren und Wegbereiter der Moderne: Max Burckhard (1854-1912), Otto Brahm (1856-1912) und Alfred von Berger (1853-1912), v.l.n.r.
Fotos: Wikimedia

Das Jahr 1912 ist ein Trauerjahr für das Theater im deutschen Sprachraum. Am 16. März war Max Burckhard (*1854) gestorben, Direktor des Burgtheaters von 1890-1898. Am 24. August folgte ihm Alfred von Berger (*1853), amtierender Burgtheaterdirektor seit 1910. Schließlich starb am 28. November Otto Brahm (*1856), erst Direktor des Deutschen Theaters (1894-1905), danach bis zu seinem Tode des Lessingtheaters in Berlin. Bei allem Eigensinn hatten sie eines gemeinsam: Sie etablierten Arthur Schnitzler als Theaterautor. Otto Brahm brachte mehr Vorstellungen von ihm heraus, als jeder andere Direktor. Max Burckhard setzte ihn mit der Uraufführung der "Liebelei" in Wien durch. Und Alfred von Berger machte ihn zum wichtigsten zeitgenössischen Autor des Burgtheaters. "Der junge Medardus" wurde zum meistgespielten Stück seiner kurzen Direktionszeit. Ihm folgte "Das weite Land", das am 14. Oktober 1911 an neun Bühnen des deutschen Sprachraums zugleich herauskam.

Otto Brahm war der wichtigste deutsche Theatermann des letzten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts. Er begann mit einem Paukenschlag: 1885 holte er Heinrich von Kleist aus der Vergessenheit und machte ihn zu einem ständig gespielten Autor der Moderne. 1889 gründete er die "Neue Freie Bühne", die abseits vom offiziösen Theaterbetrieb dem neuen Drama den Weg bereiten wollte. Damit war Ibsen gemeint.

Das Programm des jungen, revolutionären Aufklärers war nichts Geringeres als die Wahrheit. Dafür gab es eine neu entdeckte dramatische Form, das analytische Drama. Wenn man die gesellschaftliche Wirklichkeit entblößte, kam die nackte Wahrheit zum Vorschein. Und siehe, es war eine Lüge. Ibsens Lebenslügendramatik musste doch auch eine deutsche Entsprechung haben können. Und so "erfand" Otto Brahm den Naturalismus und seinen bedeutendsten Protagonisten: Gerhart Hauptmann.

Das neue Burgtheater#

1890 wurde Max Burckhard zum Burgtheaterdirektor bestellt. Um die Situation zu begreifen, die er vorfand, gilt es einige Jahre zurückzugehen. Einer seiner Vorgänger, Adolf von Wilbrandt, war von 1881 bis 1887 der letzte nominelle Direktor des "Alten Burgtheaters" am Michaelerplatz. Mit Sophokles und Calderon hat er das Repertoire bereichert. In seiner Zeit wurde ein neues Hoftheater am Ring gebaut, das dem Repräsentationsbedürfnis der Monarchie genügen sollte. Wilbrandt wollte sich der Strapaze des Umzugs ins neue Haus nicht aussetzen und schied - ein seltener Fall in der Geschichte des Burgtheaters - auf eigenen Wunsch aus dem Amt.

Der Umzug wurde zur Katastrophe. Die Akustik im neuen funktionierte nicht, beim Bau der Logen war nicht berücksichtigt worden, dass man von ihnen auch auf die Bühne sehen sollte. Das Kammerspiel, das im Alten Burgtheater zu einem durch Generationen kultivierten intimen Sprechstil geführt hatte, war auf der neuen Bühne unhörbar. Die alten Kulissen passten nicht auf die größere Bühne. Der Interimsdirektor und ehrwürdige Doyen des Hauses, Adolf von Sonnenthal, war überfordert. Sein Nachfolger August Förster starb ein Jahr nach der Bestellung. Wer konnte da helfen? Es war ein Himmelfahrtskommando. Franz Joseph seufzte: "dass wenn ich nicht Kaiser wäre, ich nicht Burgtheater Direktor sein möchte. . ."

Der artistische Sekretär, der die Geschäfte geführt hatte, Alfred von Berger, hatte sich selbst aus dem Verkehr gezogen. Er war mit einer ehrgeizigen Burgschauspielerin, Stella Hohenfels, verheiratet. Ein Direktor mit einer Protagonistin des Hauses an seiner Seite, das ging nicht. Auch Wilbrandt war mit einer Burgschauspielerin verheiratet. Auguste Baudius verließ das Haus während seiner Direktionsjahre. Das war damals so.

Der junge, theaterfremde Ministerialbeamte Burckhard wurde dem Anspruch gerecht, der in ihn gesetzt wurde. Er ging so brachial wie möglich, und so opportunistisch wie nötig vor. Was ihm an Praxis fehlte, ersetzte er durch kulturpolitische Erwägungen. Er brachte Ibsen, Hauptmann, Sudermann, auch Anzengruber, obwohl er wusste, dass das Haus dafür nicht geeignet war. Er engagierte junge "Sensations"-Schauspieler wie Adele Sandrock und Josef Kainz, obwohl er wusste, dass er damit den alten Ensemblegedanken durch ein neuartiges Starwesen störte. Er nahm dafür in Kauf, dass er sich mit der Schratt gut stellen musste, um einen gewissen Rückhalt beim Kaiser zu finden, dem der neue Spielplan so gar nicht gefallen wollte.

Burckhard öffnete das Burgtheater ärmeren Schichten, die nach einem zwölfstündigen Arbeitstag nicht ins Theater gehen konnten, indem er an Sonntagnachmittagen Vorstellungen zu ermäßigten Preisen ansetzte. Schließlich baute er das Burgtheater aufwändig um, alle Mängel konnte er jedoch nicht beseitigen.

Berger hingegen vermied diese, als das Hamburger Deutsche Schauspielhaus von dem Architektenteam Helmer und Fellner errichtet wurde, das von da an den deutschen Sprachraum und das Herrschaftsgebiet der Österreich-Ungarischen Monarchie mit Theaterbauten überzog. In Hamburg machte Berger von 1900 - 1910 einen Spielplan, wie er ihn sich fürs Burgtheater erträumte. Als er schließlich doch ans Burgtheater kam, als kranker Mann, konnte er nur noch wenig von seinen Plänen umsetzen.

Ende einer Ära#

1912, mit dem Tod dieser drei Direktoren, ging eine Ära zu Ende. Die Epoche des naturalistischen Theaters machte dem Symbolismus Platz, später dem Expressionismus. Die Allround-Opulenz Max Reinhardts, der Brahm aus dem Deutschen Theater verdrängt hatte, gab es schon. Sie hielt sich dreißig Jahre und fand ihren Höhepunkt bei den Salzburger Festspielen. Und Arthur Schnitzler, der nicht zum Festspieldichter oder Opernlibrettisten wie Hugo von Hofmannsthal wurde, zog sich allmählich vom Theater zurück. Einen brüderlichen Mitstreiter wie Otto Brahm, einen kumpelhaften Sportsfreund wie Max Burckhard, einen begeisterungsfähigen Gönner wie Alfred von Berger fand er nicht mehr.

Alle genannten Direktoren waren auch Schriftsteller. Max Burckhard schrieb satirische Komödien über österreichische Korruptionsfälle. Das kostete ihn das Amt. Berger wurde nicht behelligt, obwohl er psychoanalytische Fallstudien schrieb, die Skandalpotenzial enthielten. Schon 1896 hatte er in einer enthusiastischen Rezension der "Studien über Hysterie" von Freud/Breuer eine Verbindung zwischen der neuen Wissenschaft und der Literatur hergestellt. Er betonte darin den Primat des Dichterischen.

Die Dichter haben das Neuland schon erkundet, bevor die Forscher kommen. Und Neuland meint er auch mit der Darstellung lesbischer Liebe in seiner Erzählung "Die Italienerin" (1904) gefunden zu haben: Der Galan der berühmtesten Kurtisane im Wien von 1683 hat sie einer reichen Partie wegen verlassen. Als seine Frau von den Türken geraubt wird, bittet er die Kurtisane, sie mit Hilfe ihrer erprobten Liebesdienste zu retten. Das gelingt, doch will die Frau bei der Kurtisane bleiben. Ein leichter Hinweis auf Sacher-Masoch ist zu spüren.

Beispiele für lesbische Liebe gab es schon in Fülle. Balzacs "Mädchen mit den Goldaugen" ist das markanteste Beispiel. Als Vorlage könnte Berger auch der Roman "The Bostonians" ("Die Damen aus Boston") von Henry James (1887) gedient haben. Auch eine Dreierbeziehung, nur verlässt dort eine Frau ihre Geliebte für einen Mann. Das war die Regel: die Überwindung lesbischer zugunsten heterosexueller Liebe. Auch Grillparzer hatte für Sappho einen strammen Liebhaber erfunden, der sich aber für eine ihrer jüngeren Gespielinnen entschied.

Was Berger von ähnlichen Produktionen unterscheidet, ist die unbefangen selbstverständliche und also nicht als pathologisches Delikt diffamierte Darstellung weiblicher erotischer Selbstbestimmung. Die Frage, warum Freud dieses Thema erst 1905 aufgriff, hat der Berliner Germanist Stefan Goldmann jüngst mit dem Hinweis auf Bergers Erzählung beantwortet. Freud erinnerte sich an Bergers Anspruch auf den Primat des Dichters, konnte sich aber die Zurechtweisung nicht verkneifen: Die Dichter mögen früher dran sein, die Forscher aber sind genauer. Auch in der Behandlung der Bisexualität, die ihn in diesen Jahren beschäftigte.

Abseits der Norm#

Bisexualität, das ist das Stichwort für einen vierten Direktoren-Todesfall. 1911 war Adolf Wilbrandt (*1834) gestorben. Auch er ein Dichter. Die unermessliche Zahl seiner dramatischen und epischen Werke ist zu Recht vergessen. Bis auf eines: "Fridolin’s heimliche Ehe", 1875 in Wien erschienen. Der von Schülern umschwärmte Professor enthüllt einem jungen Freund sein Geheimnis: Er spürt männliche und weibliche Regungen in sich. Um damit leben zu können, geht er mit sich als Mann und sich als Frau eine "heimliche Ehe" ein.

Wilbrandt hat aber nicht nur vom Leben abgeschrieben, das Urbild ist bekannt, sondern folgt einer Theorie des ersten bekennenden Homosexuellen in Deutschland, Karl Heinrich Ulrichs, der die Bipolarität der sexuellen Veranlagung als Erster entdeckt hat. Auch für Wilbrandt, wie später für Berger, war Homosexualität kein Makel. 1882 erschien die zweite Auflage. Da war er schon Burgtheaterdirektor. 1884 wurde er von König Ludwig II. von Bayern in den Adelsstand erhoben. 1885 erschien die amerikanische Übersetzung "Fridolin’s Mystical Marriage", sie gilt als erste Darstellung männlicher Homosexualität in Amerika.

Sowohl Wilbrandts Roman als auch Bergers Erzählung sind nur von motivgeschichtlichem Interesse. Bemerkenswert daran ist jedoch, dass es sich um Tabubrüche handelt, um die abwertungsfreie Darstellung als strafrechtlich relevant oder als psychopathologisch geltender Tatbestände. Sie wurden nicht zum Skandal. Ihre Verfasser blieben als Theaterdirektoren tragbar.

Wie das Beispiel Arthur Schnitzler zeigt, dessen Bücher und Stücke wiederholt als ehrenrührig und sittenwidrig gebrandmarkt wurden, waren die Zeitgenossen keineswegs unempfindlich gegenüber Abweichungen von der Norm. Vermutlich verstanden die Ordnungshüter die Darstellung "widernatürlicher Unzucht" als Spintisiererei. So konnten diese der öffentlichen Entrüstung entschlüpfen.

Reinhard Urbach, geboren 1939, Leiter der Dramaturgie des Burgtheaters unter Intendant Achim Benning und von 1988 bis 2002 Direktor des Theaters der Jugend. Lebt in Wien.

Wiener Zeitung, Samstag, 27. 10. 2012