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Wiens Konzerthaus hat doppelt Grund zum Feiern #

Die Wiener Konzerthausgesellschaft begeht diese Saison ihr 100-jähriges Bestehen, ihr renommiertes Alte-Musik-Festival „Resonanzen“ geht in das dritte Dezennium. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 10. Jänner 2013)

Von

Walter Dobner


Jordi Savall
Jordi Savall
Foto: © Lukas Beck

Erstmals kommen die Berliner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle zu einer Residenz, die Wiener Philharmoniker sind ebenfalls mit zwei verschiedenen Programmen zu erleben, darunter erstmals unter Marc Minkowski. Weil aller guten Dinge drei sind, werden auch die Philharmoniker aus New York unter ihrem Musikdirektor Alan Gilbert anreisen. Die Rede ist vom Musikfest der Wiener Festwochen, das heuer (11. Mai bis 29. Juni) die Wiener Konzerthausgesellschaft ausrichtet, die damit ihr 100-jähriges Bestehen festlich feiert. Schließlich haben sich auch das Philharmonia Orchestra London unter Esa-Pekka Salonen, Pianistenprominenz wie Maurizio Pollini, Evgeni Koroliov oder Rudolf Buchbinder und mit Hagen, Belcea und Quatuor Mosaiques drei der führenden Quartettformationen angesagt.

Auf die nächsten hundert Jahre #

Mitglieder der Berliner und Wiener Philharmoniker unter Rattle werden das mit dem Konzerthaus-Kompositionspreis „Towards the Next 100 Years“ ausgezeichnete Werk von Gregory Emfietzis „Fear (not)“ uraufführen, Marc Minkowski wird an einem Abend Wagners „Holländer“ und Pierre- Louis Dietschs auf dem sehr ähnlichen Libretto basierenden Zweiakter „Le vaisseau fantôme“ dirigieren. Münchens scheidender GMD Kent Nagano leitet zum Abschluss mit den Wiener Symphonikern, namhaften Solisten und Sunnyi Melles als Sprecherin zwei Aufführungen von Schönbergs monumentalen „Gurre-Liedern“. Damit feiert der bisherige Intendant Bernhard Kerres seinen Abschied, Matthias Naske, zuletzt Chef der von ihm aufgebauten Neuen Philharmonie Luxemburg, wird ihm nachfolgen.

Micrologus
Micrologus. Das kubanische Ensemble Micrologus unter seiner als Sängerin, Harfenistin und Posaunistin auftretenden Leiterin Patrizia Bovi startet zu einer musikalischen Reise nach Neuspanien, Neugranada und Peru.
Foto: © Justin Winz

Schon Alexander Pereira hatte während seiner Zeit als Generalsekretär der Wiener Konzerthausgesellschaft die Absicht, ein Alte- Musik-Festival zu etablieren, konnte es wegen seines Wechsels als Intendant an die Zürcher Oper aber nicht mehr realisieren. Seine Nachfolger Karsten Witt, Christoph Lieben- Seutter und Bernhard Kerres griffen diese Idee auf. Heute zählen die traditionell im Jänner – dieses Jahr vom 19. bis 27. – veranstalteten „Resonanzen“ zu den meist beachteten Alte-Musik-Festivals. „Gerade im Jänner sehnen sich viele Menschen nach warmen Ländern. Mit unseren ‚Traumreisen‘ haben sie im Wiener Konzerthaus die Möglichkeit, zumindest in Gedanken dorthin zu kommen“, erläutert Kerres das diesjährige Festival-Motto. Gleich zu Beginn lädt die hierzulande immer noch als Geheimtipp gehandelte französische Formation Le Poème Harmonique unter Vincent Dumestre zu einem musikalischen Streifzug um die Welt. Jordi Savall, seit Anfang der „Resonanzen“ mit dabei, taucht mit dem mexikanischen Tembembe Ensamble Continuo in lateinamerikanische Barockmusik ein. Das Concerto Romano unter Alessandro Quarto entführt – wie könnte es bei seinem Namen, das zugleich so etwas wie Motto ist, anders sein – in weniger bekannte römische Musikgefilde.

Foto: © k. K.
Foto: © k. K.

Gut gehütetes Geheimnis #

Das kubanische Ensemble Micrologus unter seiner als Sängerin, Harfenistin und Posaunistin auftretenden Leiterin Patrizia Bovi startet zu einer musikalischen Reise nach Neuspanien, Neugranada und Peru, die Hamburger Ratsmusik von Hamburg zu einem Abstecher nach Persien mit Peter Mati´c als literarischem Begleiter. Er widmet sich mit der „Vermehrten Moscowitischen und Persianischen Reysebeschreibung“ einem Bestseller aus 1656.

Zu den Künstlern des Festivals zählt auch einer der Grandseigneurs der Alte- Musik-Szene, Ton Koopman. Unter dem Titel „Grand Tour“ setzt er – bei seinem ersten Cembalo-Solorecital im Konzerthaus – Meisterwerke des englischen, französischen, italienischen und deutschen Barock in Beziehung zueinander. Das Festivalfinale bringt, ausgeführt von La Symphonie du Marais unter Hugo Reyne, die österreichische Erstaufführung von Jean-Philippe Rameaus Ballettoper „Les Indes galantes“. Ergänzt wird das Musikangebot durch eine Ausstellung historischer Instrumente. Das Rahmenprogramm in der Resonanzen-Lounge im Berio-Saal des Konzerthauses bleibt bis zum Festivalbeginn ein gewohnt gut gehütetes Geheimnis.

DIE FURCHE, 10. Jänner 2013