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"O sag nicht, was dich quält"#

Der Wiener Lyriker und Dramatiker Alfred Grünewald (1884-1942) ist heute weitgehend vergessen. Aber es gibt durchaus noch Leser, die an seiner melancholischen Sprachkunst Gefallen finden.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 28. Februar/1. März 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Volker Bühn


Alfred Grünewald, porträtiert im Jahr 1910.
Alfred Grünewald, porträtiert im Jahr 1910.
© Abb.: Wien Museum

Der Wiener Schriftsteller Alfred Grünewald war vom Beruf her Architekt, von Berufung her Lyriker, und in den Jahren 1909 bis 1938 war er ein fester Bestandteil der österreichischen Literatur. Er war ein Meister der lyrischen Form, schaurig-humoriger Balladen und expressionistischer Einakter, auch wenn er nicht wie sein Freund Stefan Zweig ein belletristischer Superstar wurde.

Der Werdegang des Alfred Grünewald, jüngstes Kind einer ungarischen Kaufmannsfamilie jüdischen Glaubens, war konventionell. 1884 in der Leopoldstadt geboren, wuchs er in gesicherten Verhältnissen auf, der Vater leitete die österreichische Dependance einer britischen Parfümfirma. Nach der Realschule (dem heutigen Brigittenauer Gymnasium) und der Technischen Hochschule arbeitete er bei dem Architekten Adolf Loos, einem der Väter der modernen Architektur; bereits im Studium veröffentlichte er Gedichte in Zeitschriften wie der "Muskete" oder der "Zeit".

Gefördert wurde der Student von der Verlagsbuchhandlung Hugo Heller am Bauernmarkt, wo er Gedichte vortrug, wo aber auch sein erster Balladenband, "Mummenschanz des Todes", erschien. Dieses neuromantische Werk in barocker Sprache fand enthusiastische Aufnahme, selbst Karl Kraus verschloss sich nicht und setzte die Ballade "Hans Zwiesel" in seine "Fackel".

In illustrer Umgebung#

Eine Zeit lang stand er an vorderster Front jener literarischen Bewegung, die man als die "Zweite Generation des Jungen Wien" bezeichnet: Die Freunde Felix Braun, Franz Theodor Csokor, Ernst Peter Tal und Stefan Zweig zählten dazu, die Schriftstellerin Alma Johanna Koenig kannte er seit seiner Jugend - er hatte sie zum Schreiben ermuntert. Ludwig von Ficker, Herausgeber der Zeitschrift "Der Brenner", interessierte sich für ihn, ebenso der Inselverlag, jedoch kam keine Verbindung zustande.

Zwar veröffentlichte Grünewald vor allem zwischen 1918 und 1923 eine Vielzahl von Büchern, darunter Lyrik, Dramen und weitere Balladen, doch nahm die Presse kaum noch Notiz von ihm. Womöglich hatte das damit zu tun, dass viele Gedichte unverhohlen die Schönheit junger Männer feierten, vielleicht aber auch damit, dass er sich dem literarischen Zeitgeist entzog und Wert auf vollendete Form legte - avantgardistische Sprachzertrümmerung war ihm zuwider. Als Beispiel sei der Anfang des Liebesgedichtes "Trennung nach erstem Besuch" angeführt:

Kann es denn sein, dass ich dich wiedersehe?!

Dies Zimmer war verzaubert. Deine Nähe

gab leise Glorie jedem Ding und war

schon fast Erinnerung. Dein helles Haar

berührte dieses Kissen. Fänd ich doch

die Schmiegung deines schönen Hauptes noch!

Es nutzte ihm nicht, dass sich Freunde wie Albert Ehrenstein für ihn einsetzten, genauso wenig die Aufführung seines Fastnachtsschwanks "Urians Lendenschmuck" im Wiener Komödienhaus: der Erfolg blieb ihm versagt. Ein Dichter, der nicht in die Zeit passen wollte, weil er altmodischerweise Dichtung als zeitlos verstand. Sein späterer Biograph Oscar Jan Tauschinski, der Lebensgefährte Alma Johanna Koenigs, drückte diese Haltung so aus: "Man trägt heute nicht Balladen, sie sind nicht gefragt, und somit übersieht man, dass Grünewald in seinen Büchern Mummenschanz, Karfunkel, Teufel aus Wien, in diesem nicht gefragten Artikel verblüffend Originelles und formal Meisterhaftes geleistet hat. Noch viel weniger trägt man strenge Metren und Versformen, und darum verkennt der flüchtige Beurteiler nur zu leicht, dass in dem starren Panzer von Grünewalds späten Gedichten ein heißes, liebevolles, ja liebeskrankes, sehr zart empfindendes, sehr leicht verletzliches Herz schlägt."

Obwohl ihm die Anerkennung des Publikums versagt blieb, gab Grünewald Mitte der zwanziger Jahre den ungeliebten Architektenberuf auf und widmete sich ganz der Schriftstellerei. Heraus kam unter anderem die Aphorismensammlung "Ergebnisse", die 1995 erneut aufgelegt wurde, und 1935 gelang ihm mit der Tragödie "Walpurga und Agathe" eine Aufführung im Burgtheater unter Direktor Röbbeling - sicher sein größter kommerzieller Erfolg, wenn das Stück auch nur dreimal gespielt wurde.

Rückzug ins Private#

Privat lebte der Dichter zurückgezogen in der Josefstadt am Hamerlingplatz, brieflich hielt er vor allem Kontakt zu dem Berliner Publizisten Kurt Hiller, einer seiner treuesten Freunde überhaupt, obgleich aus der Ferne. Leider sind seine Briefe an Hiller zum größten Teil bei einer Hausdurchsuchung im März 1933 in die Hände der SA gefallen und vernichtet worden, dadurch bleiben gerade die 1920er Jahre seiner Biographie weitgehend im Dunkeln.

Daneben lehnte er es ab, sich irgendwelchen Parteiungen anzuschließen, lediglich im PEN-Club sowie der Platen-Gesellschaft war er seit Mitte der zwanziger Jahre Mitglied. Der Fanatiker der Form bezeichnete sich selbstironisch als Pedant, als "Genie" im Gewand des Philisters, in der Tat kleidete er sich "ausgesucht, keineswegs jedoch überfeinert", wie sich Felix Braun erinnerte, "eine ganz einmalige, höchst eigenständige und bewusst antikonventionelle Persönlichkeit". Obwohl von vielen als liebenswürdig und zuvorkommend bezeichnet, war er gewiss nicht Everybody’s Darling: "Eine Aura von extremer Einsamkeit lag um ihn. Unter Menschen wirkte er, als sei seine Seele irgendwo auf einer für uns unerreichbaren Insel in einem Meer von Trauer", charakterisierte Oscar Jan Tauschinski den Fünfzigjährigen. Fremde schätzen ihn daher oft als arrogant ein, und tatsächlich klingen manche seiner Aphorismen danach: "Leerheit verdrängt Fülle. Lade dir keinen ins Haus, der deine Zimmer verödet." Dennoch dürfte das eine Fehleinschätzung sein, denn der angebliche Hochmut ist nichts weiter als ein Schutzmechanismus: "Unterscheide Arroganz von berechtigter Notwehr", verteidigte er sich einmal.

In den 1930er Jahren zog er sich von alten Freunden weitgehend zurück, las aber immer noch in privaten Zirkeln seine Werke vor und hatte Kontakt zu literarischen Kreisen, die sein einziger "Schüler" Leo Schmidl vermittelte, etwa zu dem rührigen nationalistischen Funktionär Friedrich Schreyvogl. Allerdings dürfte er ihm politisch gewiss nicht nahegestanden haben, wo er doch seit den 1920ern in der "Arbeiterzeitung" publizierte. Immerhin genoss er die zweifelhafte Ehre, im antisemitischen Schmierblatt "Der Stürmer" als einer derjenigen angeführt zu werden, der "auch einmal zu den verpönten Autoren" gehören wird. Diese Drohung sollte sich tatsächlich erfüllen.

1938, am Vorabend des "Anschlusses" Österreichs an Nazi-Deutschland, versuchte sich Grünewald mit einer Überdosis Veronal das Leben zu nehmen. Der Versuch misslang. Er wurde ins Allgemeine Krankenhaus eingeliefert, und wie ein Hohn musste es ihm vorkommen, während der Hitlerrede auf dem Heldenplatz das Bewusstsein wiederzuerlangen. Im Zuge der Novemberpogrome kam er zusammen mit seinem Bruder ins KZ Dachau; die Überfahrt musste grauenvoll gewesen sein. Ein kurzer Bericht darüber hat sich in einem Brief erhalten:

"Mein Auge war nach den furchtbaren Schlägen ins Gesicht voller Blut; und es ist ein wahres Wunder, dass ich nicht meine Sehkraft einbüßte. Sie ist seit Dachau sehr geschwächt. Die Reden der Folterknechte kann ich in all ihrer Gemeinheit nicht wiedergeben. In meinem Abteil wurde ein armseliger Mensch fast totgeschlagen, weil er den viehischen Satz: Jehova ist ein A...loch nicht wiederholen wollte, und immer wieder sagte: Jehova ist mein Gott."

Im Jänner 1939 entließ man ihn mit der Option, sofort das Deutsche Reich zu verlassen. Da kein Staat den alternden Lyriker aufnehmen wollte, entschloss er sich zur Flucht über die Schweiz nach Südfrankreich, wo er in Nizza bis zum Herbst 1942 in ärmlichsten Verhältnissen und - wie viele andere Flüchtlinge - zeitweilig in Internierungslagern lebte. Dennoch schrieb er ununterbrochen und konnte kleinere Texte in Schweizer Zeitungen veröffentlichen; eine umfangreiche Fabelsammlung sowie seine schönsten Gedichte sind in dieser Zeit entstanden. Wie etwa das Gedicht "Im Volkston":

Wer kann wohl müder sein

als der, der lang allein

verlorne Wege ging?

Sein Leid ist nicht gering.

Und fänd er wo auch Rast,

ist er doch keinem Gast.

Die Wolken ziehn zuhauf,

es steigen Nebel auf.

O sag nicht, was dich quält; es wär dem Wind erzählt.

Im Sommer 1942 begannen die Deportationen der Juden in Frankreich. Grünewald wurde zunächst in das Lager Les Milles bei Aix-en-Provence verschleppt, dann ging es über Paris-Drancy am 7. September nach Auschwitz, wo er zwei Tage später ermordet wurde.

Für die Ewigkeit#

Gewiss ist Alfred Grünewald heute weitgehend vergessen, allerdings nicht ganz: 1964 wurde unter der Regie des emigrierten Wieners Paul Patera sein Theaterstück "Johannes geht in die Irre" in Stockholm uraufgeführt, im Jahr 1969 gab Oscar Jan Tauschinski die Gedichtanthologie "Klage des Minos" heraus, 1990 begleitete Hans Weigel mit markigen Worten den Wiederabdruck der Gedichtanthologie, 1995 erschien eine Neuausgabe seines Aphorismenbands "Ergebnisse".

Schließlich konnten 2013 zwei Bücher von Prosatexten und Gedichten veröffentlicht werden, größtenteils bisher ungedruckte Texte aus der Exilzeit samt einer ausführlichen Biographie. Seine Fangemeinde mag klein sein, aber sie hat die Jahrzehnte überdauert. Oder, wie der Meister selbstbewusst einmal sagte: "Was das Genie schreibt, ist Testament. Vollstrecker ist die Ewigkeit."


Volker Bühn, geboren 1958, ist Soziologe und arbeitet als Anwendungsprogrammierer bei einer mittelständischen Versicherung in Köln.

Information#

Felix Braun: Das Licht der Welt. Geschichte eines Versuches als Dichter zu leben, Herder-Verlag, Wien 1949.

Alfred Grünewald: Klage des Minos. Eine Auswahl zusammengestellt und eingeleitet von Oskar Jan Tauschinski,. Wien: Bergland-Verlag 1969 (mit einer lesenswerten Einleitung von Tauschinski.)

Volker Bühn: Alfred Grünewald (1884-1942). In: Literatur und Kritik, Heft 465/466, Juli 2012.

Alfred Grünewald: Reseda. Novelle, und andere Prosa. Hrsg. von V. Bühn, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2013.

Wiener Zeitung, Sa./So., 28. Februar/1. März 2015