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Auflehnung gegen das Verschwinden #

Die Salzburger Dichterin Juliane Windhager, vor hundert Jahren als Juliane Maria Häuptner in Bad Ischl geboren, war eine der großen Einzelgängerinnen der modernen österreichischen Literatur. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Mittwoch, 31. Okotber 2012)

Von

Christian Teissl


© Foto: EPA
© Foto: EPA

„Vorwiegend Lyrik“ lautet der ironische Titel eines Gedichts, das 1967 erstmals im Druck erschien, zu einer Zeit, die reich war an Manifesten, an großen kämpferischen Gesten und engagiert vorgebrachter Polemik. Dieses Gedicht jedoch ist mit leiser, unaufgeregter Stimme gesprochen; es fordert nichts ein, es prangert nichts an, sondern spinnt lediglich die sattsam bekannte Formel „schreibt vorwiegend Lyrik“ konsequent weiter, verwandelt die vermeintlich so eindeutige biografische Angabe in ein vieldeutiges Erinnerungsbild: „Er schreibt / mit dem Stecken im Kies / eine Chronik: / Pizzicati / zwei Ober im Frack / eine Schnellpolka / Erdbeereis / schmelzend im Becher / jetzt vorwiegend Lyrik.“

Auch die Verfasserin dieses Gedichts, Juliane Windhager, schrieb über weite Strecken ihres Lebens vorwiegend Lyrik, machte sich als Lyrikerin einen Namen und wurde in den letzten fünfundzwanzig Jahren ihres Lebens zu einer zwar abseitigen, doch fixen Größe der österreichischen Literatur. Als 1959 ihr erster Gedichtband „Der linke Engel“ erschien, war sie keine junge Autorin mehr, lag ihr literarisches Debüt bereits ein Vierteljahrhundert zurück und war längst in Vergessenheit geraten. Unter ihrem Mädchennamen Lily Häuptner hatte sie 1936 den Roman „Cordula und das Erbe der Freien“ veröffentlicht, während des Krieges dann eine Novelle mit dem Titel „Die Kassiansnacht“ und kurz nach dem Ende des Krieges, nun schon unter ihrem gültigen Autorennamen, einen historischen Roman um Paris von Lodron, den Erzbischof von Salzburg zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Von einer regelmäßigen publizistischen Tätigkeit konnte in jenen Jahren keine Rede sein, wohl aber von wiederholten Versuchen, so ambitioniert wie vergeblich, als Verfasserin von handwerklich solider, ästhetisch unauffälliger erzählender Prosa auf literarischem Gebiet Fuß zu fassen.

Juliane Windhager
Windhager. Erst in den letzten 25 Jahren ihres Lebens wurde Juliane Windhager (1912– 1986) zu einer zwar abseitigen, doch fixen Größe der österreichischen Literatur.
© Foto: Privat

Schauder vor dem Geheimnis des Schicksals #

Was schließlich Juliane Windhagers späte Hinwendung zur Lyrik bewirkt haben mag, bleibt unklar – mit autobiografischen Auskünften war sie zeitlebens sparsam; fest steht jedenfalls, dass sie erst im Gedicht zu sich selbst gefunden hat. Vers für Vers formte sich ihre Identität als Autorin, rasch fand sie Anerkennung im Kreis der Kollegen. „Das Faszinierende ihrer Gedichte“, schrieb niemand Geringerer als Gerhard Fritsch nach Erscheinen ihres lyrischen Erstlings, „ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie aus einem Landschaftsbild, ja manchmal nur aus einem Stilleben oder einer Genreszene ohne jede Mache den Schauder vor dem Geheimnis des Schicksals ins Wort zwingt. Ihre Gedichte lassen uns in der Welt des Alltags eine neue Dimension entdecken.“

Der einflussreiche deutsche Dichter und Kritiker Karl Krolow ebnete ihrer Lyrik den Weg nach Deutschland, zum Verlag Hoffmann & Campe. Der dort erschienene Band „Talstation“, aus dem das eingangs zitierte Gedicht stammt, legt eindrucksvoll davon Zeugnis ab, mit welch radikaler Stringenz sich Windhagers lyrischer Personalstil weiterentwickelte, weg von Reim und Strophe, weg von allen Trakl-Nachklängen, allem Schwelgen in Farben und Stimmungen von Herbst und Verfall, hin zu einer verknappten, anspielungsreichen, schwebend leichten und schillernden Sprache. „Die Lyrik der Autorin wurde unpersönlicher, ohne an menschlicher Substanz zu verlieren“, bemerkte der Salzburger Germanist Josef Donnenberg in seiner Besprechung des Bandes „Talstation“, „Gefühle werden nicht mehr so direkt mitgeteilt, Ich-Aussagen sind selten. Juliane Windhager hat sich von verbrauchten literarischen Konventionen befreit, ohne irgendwelchen ihr wesensfremden modischen Bräuchen zu verfallen.“

Die finnische Stadt Oulu
Die finnische Stadt Oulu
Foto: © Sandra Rugina

Mit diesem Band, aber auch mit ihren höchst glücklichen Ausflügen ins Hörspielfach („Staubflocken“, 1965), erwies sich Windhager auf ihre Weise als eine legitime Vertreterin der literarischen Moderne dieses Landes und so fand sie – als eine von ganz wenigen Autorinnen ihrer Generation – Aufnahme in den Kreis um den Verleger- Patriarchen Wolfgang Schaffler. In dessen Residenz-Verlag erschien 1979 ihr letzter Gedichtband „Schnee-Erwartung“ und fünf Jahre darauf, als krönender Abschluss ihres literarischen Lebenswerkes, der Prosaband „Ein Engel in Oulu“. Mit der vergleichsweise konventionellen Prosa der 25-jährigen Lily Häuptner haben die Kurzgeschichten und Miniaturen dieses Bandes nichts mehr gemein, viel verbindet sie jedoch mit der Lyrik ihrer Autorin. In Windhagers erster Gedichtsammlung etwa findet sich unter dem Titel „Weißbrot“ folgende Reminiszenz an die Großmutter: „Das trockene Weißbrot schmeckt / nach dem Raum, darin Großmutter saß, / vom Alter grau und klein / aber mit einem Spitzenfichu am Hals. / Sooft ich die Greisin besuchte, / bekam ich Weißbrot von ihr, / das bedeutete damals / etwas Seltenes, beinahe Kostbares / denn der Krieg war eben zu Ende / und nur ganz alte Leute durften Weizen kaufen.“

Mit der ganzen Kraft der Erinnerung #

Aus diesen prosaischen Versen ist, 25 Jahre später, im letzten Buch der Autorin, die folgende lyrische Prosa geworden: „In Erinnerung geblieben (ist mir) das Weißbrot, das meine mehr als achtzigjährige Großmutter auf ärztliche Verschreibung bezog. Ich habe noch den zarten, etwas abgestandenen Geschmack auf der Zunge, denn in den ersten Nachkriegsjahren war dieses Gebäck eine Seltenheit, beinahe etwas Exotisches, und nur in Großmamas Zimmer habe ich davon gekostet.“

Prosaband
Oulu Der Prosaband „Ein Engel in Oulu“, zwei Jahre vor ihrem Tod, 1984, erschienen.
Foto: © Sandra Rugina

Schnee-Erwartung
Schnee-Erwartung
Foto: © Sandra Rugina

Aus prägenden Erinnerungen wie diesen webt diese Autorin ihre Texte. Nicht eine Suche nach der verlorenen Zeit ist es, was sie antreibt, sondern eine Rebellion gegen das Diktat der vergehenden Zeit, gegen die Ordnung der Chronologie und damit auch eine Aufl ehnung gegen das Verschwinden von Menschen und Dingen. Stets darauf gefasst zu einem Toten zu sprechen, kehrt sie in ihren Versen immer wieder an jene Orte zurück, die sich seit den Tagen der Kindheit von Grund auf verändert haben, stemmt sich mit der ganzen Kraft ihrer Erinnerung gegen das Augenscheinliche, gegen den Status quo, schöpft zur Not sogar aus dem Leeren, aus den Leerstellen, die durch den Tod entstanden sind, und schenkt Dinge her, die es längst nicht mehr gibt: „Schwer ists, ich weiß, / jemand Reichem etwas zu schenken, / alle meine Bestände / habe ich durchgesehn: / etwas Wirkliches muß es sein. // Deshalb kaufe ich / ein Paar Handschuh / im Laden, den’s lang nicht mehr gibt, / dort sind sie in weißen Pappschachteln / aufbewahrt, sauber beschriftet“, heißt es in einem exemplarischen Gedicht ihres Bandes „Die Disteltreppe“ von 1960.

Im Sichtbaren das Unsichtbare aufzuspüren, langsam Dahinschwindendes ins Wort zu bannen und ihm dadurch eine Dauer zugeben, Verschwundenes beim Namen zu nennen, zur Sprache zu bringen und ihm damit eine Gegenwart zu verleihen: darin bestand die große Lebensarbeit dieser Autorin.


DIE FURCHE, 31. Okotber 2012