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Wie es war und was es ist#

Catherine Fried erinnert sich an das Leben mit ihrem Mann Erich Fried#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 20. Dezember 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Ulrike Kozeschnik-Schlick


Der Dichter schrieb Liebesgedichte - nur nicht an seine Frau.#

Catherine und Erich Fried
Catherine Fried an der Seite ihres Mannes, des Dichters Erich Fried.
Foto © Günter Zint

Catherine Fried, Erich Frieds Witwe, auf Wienbesuch. Der Anlass: die Enthüllung der Steine der Erinnerung für Frieds Vater Hugo, der im Mai 1938 von der Gestapo tödlich verletzt wurde, und für seine geliebte Großmutter Malvine, die 1943 im KZ Auschwitz starb, am Haus in der Alserbachstraße 11: Dort hat Fried seine Kindheit und Jugend verbrachte, ehe er als 17-Jähriger nach England emigrieren musste.

Catherine Fried (76) erinnert sich im Interview mit der "Wiener Zeitung" an 24 Jahre Ehe mit dem in Österreich geborenen deutschen Dichter.


"Wiener Zeitung":In Wien haben Sie Anfang der 60er Jahre Ihren späteren Mann kennengelernt, in jener Stadt, die er noch als Schüler verlassen musste, die für ihn mit so vielen schrecklichen Erinnerungen verbunden war. Was empfinden Sie heute für diese Stadt?

Catherine Fried: Mit Wien verbindet mich eine Art Erinnerung, die sich nicht an einer Sache festmachen lässt. Das erste Treffen, bei dem ich Erich ziemlich klein, ziemlich dick und ziemlich hässlich fand, also keineswegs eine Liebe auf den ersten Blick, nichts Romantisches. Wien war lange Jahre Erichs Alptraum, er schaffte es ja nicht einmal, mit Budapest zurechtzukommen, weil es ihn an Wien erinnerte. Erst in den 1980ern besuchten wir erstmals gemeinsam die alte Wohnung am Alsergrund, wo jetzt die Tafeln angebracht sind. Und gleich daneben sein berühmtestes Gedicht "Was es ist".

Ich weiß von ihm, wie sehr er seine Großmutter Malvine liebte - sie hat ihn ja großteils aufgezogen - und wie er so gar nicht mit seinem Vater zurechtkam. Erich wollte sogar unsere Tochter Malvine nennen. Unmöglich, stellen Sie sich das auf Englisch vor! Aber eines ist sicher, das habe ich auch bei der Gedenkfeier gesagt: Erich war froh, vor seines Vaters Tod seinen Frieden mit ihm gemacht zu haben. Es ist übrigens großartig, dass es in Wien die Steine der Erinnerung gibt. Ich kannte diese Art der Aufarbeitung der Vergangenheit bisher nur aus Berlin.

Im Vorjahr waren Sie in Begleitung Ihres Sohnes Klaus in Wien?

Es war November, wir standen vor dem Haus, konnten aber nicht hinein. Es nieselte und war kalt, und Klaus war deprimiert. Da entdeckten wir am Eck einen Shop mit Namen "Bambie" und mussten lachen. Und gleich daneben den Eingang zum Elektroladen von Erichs Freund Ernst Eisenmaier, der später auch emigrierte, ein begabter Maler. Animiert durch ihn hat Erich als Bub eine "ewige" Glühbirne erfunden, deren Patent noch heute in der Nationalbibliothek aufliegt. Wie übrigens Erichs Nachlass, bei dessen wohlgeordnetem Anblick mein Sohn ausrief: "Das kann nicht meinem Vater gehören." Weil der alles in einem Chaos von Büchsen, Schachteln und fliegenden Blättern verwahrt hatte, einfach nichts wegwerfen konnte.

Gab es je den Wunsch, nach Wien zu ziehen?

Nein, Erichs Identität war Deutschland, er sagte immer: "Ich bin ein deutscher Dichter." Dort wurde er verlegt, dort las er, dort hatte er seine wichtigsten Freunde, etwa Rudi Dutschke, oder Diskussionspartner wie Günter Grass. Dort war seine Meinung gefragt, die zu vertreten er jede Gelegenheit nutzte. Berlin als Wohnort wäre eine Alternative zu London gewesen. Aber ich bin froh, dass es nie so weit kam. Ich hatte immer Angst, dass man auf Erich schießt wie auf Rudi. Und aus Deutschland waren natürlich auch die meisten Groupies, die ihm bis nach England folgten.

Und bei Ihnen im Haus wohnten?

Und das uneingeladen. Doch wir führten ein offenes Haus, für Freunde, Studenten, Fans und Schmarotzer, ja auch die, denn die richtigen Underdogs hatte Erich ja besonders ins Herz geschlossen, was ich, ehrlich gesagt, nie verstand. Überhaupt waren wir uneins, wer bei uns wohnen soll und warum. Etwa seine krebskranke Ex-Frau Nan, die er aus Dänemark zu uns "heimholte", obwohl es auch dort, bei ihrer Familie, Therapien gegeben hätte. Oder seine Mutter, die ständig bei uns wohnte.

Wie war Erich Fried als Ehemann und Vater?

Kompliziert. Er war ständig unterwegs, auf Lesereisen, zu Podiumsdiskussionen, das war seine Welt. Und bei der Rückkehr - es musste immer jemand da sein, wenn er wieder einmal heimkehrte - arbeitete er weiter, ohne Unterbrechung. Schnell, konzentriert, selbstsicher. Übersetzungen, Gedichte. Liebesgedichte, keines davon an mich. Das gab natürlich Spannungen. Er stellte nur fest: "Ich bin Dichter, Dichter schreiben Gedichte, auch Liebesgedichte." Doch man musste ihn bewundern. Einerseits für sein Selbstvertrauen, aber auch dafür, dass er es als Einziger in England - dem Land der freudig dilettierenden Künstler, meist Adelige, die es nicht nötig hatten, von ihrer Kunst oder Neigung auch zu leben - schaffte, sehr bald von seiner Dichtkunst und den Übersetzungen zu leben, ja eine Großfamilie damit durchzubringen.

Was unsere Kinder betrifft, die hatten jede Freiheit. Vielleicht weil er selbst keine Kindheit hatte. Durch seine Behinderung, er hatte ein Nervenleiden, war er körperlich doch sehr eingeschränkt und kompensierte das durch Intellekt und Talent. So spielte er schon mit fünf Jahren professionell und erfolgreich Theater. Als die Kinder größer wurden, war Erich eine echte Glucke. Er wollte sie nicht ziehen lassen, ich war dafür. Ich sei lieblos, sagte er, nur weil ich den Wunsch von David, seinem Sohn aus der zweiten Ehe, der mit Nan, der viele Jahre bei uns wohnte, verstand.

Sie haben ursprünglich englische Sprach- und Literaturwissenschaft studiert, lebten und arbeiteten in Paris, zeichneten, fotografierten und fertigten erste Skulpturen, sind heute Künstlerin. In Ihrer Ehe waren sie aber hauptsächlich Hausfrau, Mutter - und Chauffeuse.

Das stimmt, für eine eigene Karriere oder eigene Interessen wäre kein Platz gewesen. Meine Chauffeurs-Tätigkeit, wenn ich Erich zu Terminen brachte, war lange Jahre unsere einzige Zeit im Londoner Alltag zu zweit. Ich habe mich ernsthaft erst viel später - 14 Jahre nach unserer Heirat - in unseren von mir so bezeichneten späten Flitterwochen in Heidelberg gefragt, ob mir die Ehe mit Erich das alles wert ist. Er war damals zauberhaft, wie immer, wenn er unterwegs war, ein wunderbarer Reisegefährte. Doch was tat er? Er korrigierte seine Liebesgedichte. Ich kam darin wie üblich nicht vor. Durch den Abstand von daheim konnte ich die Situation erstmals überblicken und wusste, ich muss für mich eine Entscheidung fällen. Würde es schmerzen, ihn zu verlieren? Aber ich bin als jüngstes mehrerer Geschwister schon von Kindheit an kompromissbereit. Und ich liebte und schätzte ihn zu sehr. Es ist, was es ist mit der Liebe.

Catherine Fried: Über kurz oder lang. Erinnerungen an Erich Fried.

Wagenbach Verlag, 139 Seiten, 15,90 Euro.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 20. Dezember 2012