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Im Schattenreich der Troglodyten#

In Heimito von Doderers weit verzweigtem Romanwerk tauchen sehr unangenehme Hausmeister und Hausmeisterinnen auf. Einige Überlegungen zu einer tiefsitzenden Antipathie des Autors.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 3. September 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Gerhard Strejcek


Verblasstes Schild in einem Wiener Hauseingang
Verblasstes Schild in einem Wiener Hauseingang.
Foto: © Nérostrateur/Wikimedia Commons

Wer einen (beliebigen) Doderer-Roman zur Hand nimmt, gerät unversehens in die Fänge eines ausgesprochen "conciergeophoben" Autors, der den Hausmeister ins verbale Visier nimmt. Natürlich nicht den Hausbetreuer von heute oder die Gestalten, die Zenker/Patzak in den legendären "Kottan"-Folgen aufleben ließen, sondern den Portier, Majordomus oder schlicht Hausbesorger von einst. Er saß in einer Aussparung des Parterregangs bei halb geöffneter Luke und lauerte auf Bewohner, die den Sperrkreuzer nicht entrichten wollten oder sich sonst so absonderlich benahmen - wie Doderer selbst, der nächtliche Besucherinnen oder sein eigenes Ausbüchsen in zwielichtige Lokale mit Abschlagszahlungen beim Türhüter büßen musste.

Die Rache für derartiges Unbill erfolgte prompt, wenn auch sublimiert in Prosaform. Nicht einmal im Alterswerk "Roman No. 7" entließ Doderer die Hausbesorger und die meist noch unwürdigeren Hausbesorgerinnen in einen schlecht bezahlten, aber verdienten Ruhestand. Ganz im Gegenteil, in "Die Wasserfälle von Slunj", dem ersten, noch vollständig erschienenen Teil des auf vier Bände angelegten "Roman No. 7", treten zwei besonders durchtriebene Exemplare jener Gattung auf, die der Autor bösartig als "Troglodyten" (Höhlenbewohner) charakterisierte. Die kupplerische Wewerka in der Adamsgasse und das ehemalige Gangsterliebchen Wenidoppler an einer etwas besseren, ungenannten Adresse jenseits des Donaukanals.

Erpresserinnen#

Perfid zeichnet Doderer die Charaktere der beiden Hausmeisterinnen: Sie umgarnen denselben arbeitsamen, wenn auch nicht biederen Hausbewohner, den Prokuristen Chwostik, und spannen ihn für ihre trüben Aktivitäten ein. Der ehemalige Angestellte der Devotionalienhandlung Debrössy tritt in das Mietverhältnis seiner verstorbenen Eltern in der Landstraßer Adamsgasse ein. Nach einem erfolglosen Versuch, dem eigenen Nachkommen die Wohnung zu sichern, schlägt die Wewerka (geborene Nechwatal) Chwostik die Untervermietung an zwei burgenländische Prostituierte vor. Mit der Zustimmung des gutmütigen Angestellten, der seiner nunmehrigen Firma "Clayton bros." viel Nutzen stiftet, setzt die Wewerka ihre maligne Absicht um. Sie pflanzt die zwei, durchaus sympathisch gezeichneten Dirnen Fini und Feverl in die Wohnung Chwostiks ein und kann fortan jeweils zweimal den Sperrkreuzer von den Kunden kassieren, wogegen der nominelle Mieter an ihrer Statt das Kuppler-Risiko trägt.

Laut Doderer wurde die Wohnungsprostitution in diesem Teil des dritten Bezirks damals geduldet, was er vermutlich besser wusste als andere, da er keine zwei Gassen weiter seine Jugend im "Stammhaus" in der Stammgasse verbrachte.

Dennoch bleiben beim Leser leise Zweifel, ob hier nicht eine bewusste Verdrehung der realen Vorbilder Platz fand, denn unbegreiflicher Weise findet Chwostik "gegenüber", das heißt auf der Leopoldstädter Seite des Donaukanals, ein vermeintlich anständiges Quartier, in dem allerdings die allgegenwärtige Hausbesorgerin Wenidoppler ihr Unwesen treibt. Sie war einst dem Einbrecher Okrogelnig verbunden und gerät dank Chwostik an dessen Hinterlassenschaft, die er in einem Nachtkästchen versteckt hat. Deshalb zieht es sie auch magisch in das nun von Chwostik bewohnte Appartement.

Durch ein massives Trinkgeld den Erpressungsversuchen der Vorgängerin in der Adamsgasse entgangen, muss sich der zum Direktor aufgerückte Mieter fürderhin vor den Avancen der durchaus attraktiven Wenidoppler in Acht nehmen. Genau dieses vornehme Entwinden kostet wiederum Einiges an Münzgeld in damaliger, harter Kronen-Währung, denn mit Kreuzern lässt sich die Dame nicht abspeisen.

Eigene Erlebnisse#

Rund um die Hausmeisterepisoden flocht der Autor gerne seine eigenen erotischen Erlebnisse in die Romane ein. Auch in seiner um 1958 begonnenen Tetralogie sollte es nicht anders sein, mit dem Unterschied, dass der Autor zweimal verheiratet, sein "Mr. Hyde" in den Büchern aber stets Junggeselle war. In seinem einsamen, ledigen Dasein nimmt etwa der erwähnte Prokurist Chwostik zeitweise die Dienste von "Nicht-Passantinnen" am alten Standort in Anspruch; in diesem Punkt wird er zum Alter Ego des Autors, denn Doderers Schilderung einer vor Chwostik im Stiegenhaus ausladend bergan schreitenden "dicken Dame" erinnert an seine eigenen Vorlieben, die er durch Inserate und Treffen mit reiferen Frauen dokumentiert hat. Viele der realen Partnerinnen Doderers entsprachen diesem Typus, so auch seine zweite Gattin Emma Maria, welche aber lange Zeit nicht mit ihm zusammen wohnte. In dieser Zeit lebte Doderer keineswegs monogam. Somit ist auch klar, dass der Autor trotz seines sehr freundlichen, vermutlich auch trinkgeldschwangeren Verhältnisses zur realen Hausbesorgerin "Poldi" in seiner Josefstädter Wohnung unter Beobachtungsdruck geriet.

Zeitzeugen, die den Dichter in den zunächst sehr mageren Nachkriegsjahren kannten und sahen, beschreiben ihn als höflichen und mageren Herrn, dessen asiatische Züge in einem merkwürdigen Gegensatz zu seinem altösterreichisch gefärbten Idiom standen. So umgänglich und humorvoll Doderer meist war, er konnte auch anders, wie seine Gewaltphantasien nahelegen. Nicht von ungefähr war Kajetan von Schlaggenberg neben dem Sectionsrat Gey-renhoff oder René von Stangeler (alle in den "Dämonen") jeweils ein Alter Ego des Autors, die in ihrer Gesamtheit mosaikartig seine eigene Persönlichkeit reflektierten.

Gerne lebte der Autor die Prügel an seinen Romanfiguren aus, so etwa wenn in den "Wasserfällen von Slunj" die Hausmeisterin Wewerka mit zwei gewaltigen Ohrfeigen Richtung Horizont befördert wird, wo sie förmlich zerplatzt und den Roman verlässt. Die Aggression, die der Autor hier seiner Romanfigur angedeihen lässt, hat etwas Verstörendes an sich und nimmt der humoristisch gemeinten Pointe ihre Unschuld.

Eine positiver gezeichnete Hausmeistergestalt ist der Herr Waschler, der in den "Dämonen" auftritt, als sich die Ereignisse um den Justizpalastbrand verdichten. Waschler baut seine ganze Torwächter-Imposanz auf, als er zwei versprengten "Rowdies" den Eintritt in ein Haus der Gemeinde Wien verwehrt. Da das Haustor im Rathausviertel keine Luken aufweist, stellt sich Waschler schließlich eine Leiter auf, um von einem der Bogenfenster aus das Geschehen auf der Straße zu beobachten, das bekanntlich zu einer Tragödie großen Ausmaßes geriet.

"Prolet-Arier"#

Bliebe es nur beim Herrn Waschler, dann wären "Die Dämonen" durchaus neutral, was die Hausmeisterfrage betrifft. Doch dem Leser bleibt nicht verborgen, dass der Autor rund um die Hausmeisterfigur politische Abrechnung betrieb. In der ersten Hälfte des bereits in der Vorkriegszeit begonnen opus magnum legt Doderer zunächst dem noblen Herrn Gürtzner-Gontard einen Hausmeister-Monolog in den Mund.

Gontard schwadroniert darüber, dass die Hausmeister von einer "Klasse" zur "Rasse" geworden sind; als problematisch erweist sich hier das Wortspiel "Prolet-Arier", wonach laut Gontard offenkundig das Wesen der NS-Barbarei und des Bolschewismus vergleichbar sein sollen, da sich Menschen durch die pure Zugehörigkeit zur Klasse (Proletarier) oder zur Rasse (Arier) von anderen abheben wollen. So spannt sich ein verharmlosender Bogen vom Hausmeister, der ja meist proletarischer Natur war, zum (vermutlich ebensolche Wurzeln aufweisenden) "Blockwart", den Doderer nicht ausdrücklich nennt.

Noch eine zweite Stelle im umfangreichsten Roman Doderers ist dem Hausbesorger-Stand gewidmet. Der Autor malt da die "bösartige und fast dämonisch-obstinate Ausdünstung der hier hausenden Menschenrasse" aus und kommt nach weiteren Ausführungen über die schlechthin unmögliche Hausmeister-Vertreibung zur "geradezu furchtbaren Lebensgesinnung" dieser Menschen. Der logische Schluss aus dieser Tirade ist jener der Unbewohnbarkeit einer Hausmeister-Höhle: "Deshalb bleiben derartige Höhlen auch stets ihrem ursprünglichen Zweck erhalten, und es würde in Wien jedermann mit Grausen sich weigern, in eine Hausmeister-Wohnung zu ziehen, es sei denn, er gehöre dieser Rasse selbst an oder stamme etwa von ihr ab."

Derartige Abneigung muss fundierte Gründe haben. Doch was sollte vor den Hausmeistern konkret verborgen bleiben? Welche Sorgen motivierten den Autor zu derart harscher Ablehnung jener Höhlen- und Grottenbewohner, die ihn auf ihre beschränkte und aufsässige Art zu Tobsuchtsanfällen reizten? Antworten darauf finden sich in den biographischen Arbeiten Wolfgang Fleischers und Dorothea Zeemanns, aber auch diese beiden Quellen können die Schlüsselerlebnisse nicht zur Gänze erhellen.

Geheime Schaulust#

Weiteren Aufschluss im Romanwerk geben die "Zihaloide" in "Die erleuchteten Fenster", denn sie teilen Neigungen des Autors. Hier ist anzumerken, dass der Amtsrat Zihal, die namensgebende Figur des Werks, von Doderer ebenfalls als "Troglodyt" eingestuft wird, wiewohl es sich bei ihm um keinen Hausmeister handelt. Doderer geht ironisch auf die anthropologisch und prähistorisch interessante Form des Wohnens in Höhlen ein, das nunmehr eine "fatal spießige, ja geradezu unappetitliche Angelegenheit" geworden sei, wie Wendelin Schmidt-Dengler in seinen lesenswerten Doderer-Aufsätzen meint. Der Germanist hat dieses Porträt als "wenig schmeichelhaft" eingestuft und auf die autobiographischen Züge hingewiesen, was den Voyeurismus betrifft.

Was sich in und gegenüber von Doderers Wohnungen abspielte, bleibt natürlich unbekannt, und das ist gut so. Aber es gibt einen unverdächtigen Zeitzeugen, der hiezu Interessantes berichtet. Der Regisseur Billy Wilder, der in der Josefstadt unweit des langjährigen Doderer-Wohnhauses eine Privatschule besuchte, erzählte in einem Interview, dass es sich bei seinem damaligen Gegenüber um ein übel beleumundetes Stundenhotel handelte. Somit kamen voyeuristische Gelüste in der stillen Gasse gewiss erfolgreich zum Durchbruch, sofern sich nicht der Hausmeister als stets präsenter Störenfried in die Beobachtung einmengte.

Literatur#

  • Wendelin Schmidt-Dengler: Jederzeit besuchsfähig. Über Heimito von Doderer, hrsg. von Gerald Sommer, C.H. Beck, München 2012, 320 Seiten.

Gerhard Strejcek, geboren 1963 in Wien, ist Außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Wiener Zeitung, Samstag, 3. September 2016