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Raupenspuren#

Auf dem Weg zur ersten Begegnung mit einem T-34#

von Martin Krusche

Gleisketten. Ich kannte diesen Fachausdruck lange nicht. Wir sagten als Kinder einfach „Raupen“. Raupenschlepper. Schubraupe. Daher auch: Caterpillar. Die Marke stand für den Fahrzeugtyp. Später erfuhr ich, Caterpillar sei das englisch Wort für Raupe.

Ich erinnere mich an einen kleinen Buben in der Sandkiste vor dem Hochhaus, in dem ich aufwuchs. Ein Terrain des Spielens und des Streitens. Der Bub kniete im Sand, riß mit dem Schaufelchen eine Spur auf, machte mit dem Mund dazu kein vertrautes Motorengeräusch, sondern tönte: „Caterpillar, Caterpillar, Caterpillar, Caterpillar!“

T-34 auf dem Kalemegdan in Beograd. - (Foto: Martin Krusche)
T-34 auf dem Kalemegdan in Beograd. - (Foto: Martin Krusche)

Also Gleisketten. Die kannte ich damals wenigstens unter dem Begriff Panzerketten. Panzer fahren noch, wo sich Lastwagen mit ihren Rädern schon eingraben.

Das hatten mir Groschenhefte wie „Der Landser“ vermitteln können. Das machte auch Groschen-Spielzeug erahnbar; nicht nur das von Matchbox.

Apropos! Den metallenen Matchbox M3 Tank Transporter mit dem aufgelegten Centurion-Panzer hatte ich im Volksschulalter auf einem Nachtkästchen im Spital vorgefunden, nachdem die Narkose für meine Mandeloperation verebbt war. (Heute wären für ein Original aus der Zeit um die 90,- Euro fällig.)

In der Grazer Münzgrabenstraße existierte nahe dem Dietrichsteinplatz ein Spielwarengeschäft mit sagenhaften Beständen. Ich glaube, es trug den schillernden Namen Ciglenec.

Dort konnte ich, wenn das Geld gerade reichte, Fahrzeuge von einer noch viel kurioser klingenden Marke kaufen: Roco Peetzy.

Das Peetzy ist verschwunden, die Firma Roco (in Bergheim, Salzburg) bedient den Markt aktuell mit Modelleisenbahnen. Das Militärsegment wird unter der Marke Minitanks vertrieben; inzwischen für H0 maßstabgerecht in 1:97. In meinen Kindertagen waren die Modelle im Maßstab 1:90, farblich alle düster, tief dunkelbraun. (Es ist also in der Fertigung offenbar nur eine Art Kunststoffgranulat verarbeitet worden.)

Die historische österreichische Marke Roco-Peetzy wurde von Minitank abgelöst. - (Grafik: Archiv Martin Krusche)
Die historische österreichische Marke Roco-Peetzy wurde von Minitank abgelöst. - (Grafik: Archiv Martin Krusche)
Gegenwart: Ein GMC CCKW 353 im Maßstab 1:87 als Fertigmodell von Roco Minitank. - (Foto: Martin Krusche)
Gegenwart: Ein GMC CCKW 353 im Maßstab 1:87 als Fertigmodell von Roco Minitank. - (Foto: Martin Krusche)
Gegenwart: Der Tiger als Bausatz aus dem Roco Minitank-Katalog 2016/17. - (Grafik: Archiv Martin Krusche)
Gegenwart: Der Tiger als Bausatz aus dem Roco Minitank-Katalog 2016/17. - (Grafik: Archiv Martin Krusche)

Unter den Panzern hatte ich einst drei Lieblingsmodelle. Den deutschen Tiger, den russischen T-34 und den amerikanischen M 60. Dieses Faible ergab sich aus den Formen der Fahrzeuge, ihre Qualitäten als Waffensysteme fand ich erst wesentlich später interessant.

Das historische Haupt-Match, wie es uns auch in Spielfilmen angedient wird, war mit keinem amerikanischen Panzer besetzt. Es lief zwischen dem deutschen Tiger (Panzerkampfwagen VI) und dem russischen Stalin-Tank. Das ergab Legendenstoff in einer trivialen Deutung von Ost-West-Verhältnissen.

Ich wußte als Kind natürlich auch nichts von der unfaßbaren Panzerschlacht bei Kursk. Aber ich war durch die Groschenhefte und einige Bücher schon im Bilde, was die Acht-Acht betraf. Eine markante, deutsche Flugabwehrkanone (8,8-cm-FlaK 18/36/37), mit der panzerbrechende Granaten verschossen werden konnten. Dieses Langrohr-Geschütz wurde modifiziert (8,8-cm-KwK 36) und in denTurm des Tiger-Panzers geschraubt.

Dem hielt der T-34 seine Massivität, Robustheit und vor allem hohe Stückzahlen entgegen. Rolf M. Urrisk notierte in seinem Buch über die österreichische Panzerwaffe (2006), Prüfungen hätten belegt, daß der T-34 „für die Massenproduktion durch ungelernte Arbeiter geeignet ist“, was ihm nichts von einem enormen „Kampfwert“ nahm. Im Gegenteil. (Die T-34 Stückzahlen überboten den fein gearbeiteten Tiger enorm.)

Der amerikanische M 60 gehört einen späteren Ära an; hier in Österreich ausgemustert. - (Foto: Martin Krusche)
Der amerikanische M 60 gehört einen späteren Ära an; hier in Österreich ausgemustert. - (Foto: Martin Krusche)
Der T-34 war nach dem Zweiten Weltkrieg weiter im Einsatz, auch in Österreich. - (Foto: Martin Krusche)
Der T-34 war nach dem Zweiten Weltkrieg weiter im Einsatz, auch in Österreich. - (Foto: Martin Krusche)

Der Stalin-Tank, von 1955 bis 1964 auch mit 27 Exemplaren in Österreichs Bundesheer präsent, sieht entsprechend brutal zusammengehämmert aus. Philip Threwitt schrieb in seinem Buch über Panzerfahrzeuge (2000): „Aber seine Effektivität strafte das raue und einfache Äußere Lügen“.

Es hat lange gedauert, bis ich mir einen T-34 in der Realität ansehen konnte, worauf man durch Miniaturen nicht vorbereitet ist. Warum mir das wichtig war? Ich bin ein Kind des Kalten Krieges. Ich wuchs also mit tiefen Ressentiments gegenüber den slawischen Menschen auf, die auch in meinen Kindertagen als angebliche „Untermenschen“ denunziert worden waren.

Ein altes Spielzeug, nur für Kinder reicher Leute erschwinglich: Turnierritter im Stechzeug, zirka 1540/1550 (Photo: Andreas Praefcke, Public Domain)
Ein altes Spielzeug, nur für Kinder reicher Leute erschwinglich: Turnierritter im Stechzeug, zirka 1540/1550 (Photo: Andreas Praefcke, Public Domain)

Ich war als Bub in allerhand Gedankengut der Nazi gebettet, ohne das dechiffrieren zu können. Als Teenager hatte ich dann eine Menge einschlägiges Schriftgut inhaliert und zahlreiche Kriegsfilme gesehen, außerdem einige Zeit lang (mit mäßigem Talent) Modelle von Kriegsgerät gebaut. Ich war von dieser Maschinenwelt fasziniert, ohne eine brauchbare Anschauung zu haben, wozu das Zeug eigentlich da ist.

All das hatte mir keine realistische Vorstellung verschafft, was für ein Monster der T-34 ist. Bei einem Besuch der Stadt Beograd sah ich mir den Kalemegdan an, jene beeindruckende Festung über der Stadt, die einst von Muslimen und Christen genutzt wurde, die Spuren beider Kulturen und vieler Kriege trägt.

Dort stand ich dann zum ersten Mal vor einem Stalin-Tank. Man will sich gar nicht vorstellen, wie es sich anfühlen mag, zwischen einen rollenden Verband solche Stahlmonster zu geraten. Das alles ergibt übrigens eine bemerkenswerte Lektion, welche Rolle Fahrzeugminiaturen seit jeher spielen. Es geht spziell um die Adaptionsphasen, in denen sich Gesellschaften mit neuen Technologien vertraut machen.

Das heißt, Spielzeugautos und Spielzeugwaffen haben eine vermittelnde Funktion und wurde in genau diesem Sinn auch eingesetzt, seit erste kleine Blechlokomotiven gefertigt wurden, um als motorenlose „Schrubber“ durch Kinderzimmer geschben zu werden, wahlweise auch von einem Uhrwerk angetrieben oder sogar von kleinen Dampfmaschinchen befeuert; eine Frage de Kaufpreises.

Naja, eigentlich ging das schon im Mittelalter los, wo manche Königskinder einen kleinen Ritter auf seinem Pferd zum Geschenk erhielten, Püppchen, kampfbereit im „Stechzeug“, auf ein Brettchen mit vier Rädern genietet.