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Elefant oder Eintagsfliege? (Essay, 1985)#

Probleme und Ergebnisse der Fernsehwirkungsforschung am Beispiel "Holocaust" und anderen Medienereignissen
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von Peter Diem

I. Vorbemerkungen#

"Elefant oder Eintagsfliege", dieser Titel ist bewusst gewählt: er soll der Frage Ausdruck verleihen, ob die Wirkung der Massenmedien, schwergewichtig wie ein Elefant, mit dem Langzeitgedächtnis der Zuseher zu tun hat, oder ob es sich wie bei einer Eintagsfliege um ein vorbeiziehendes, ephemeres Ereignis handelt, wenn jemand Botschaften der Massenkommunikation nutzt. Es ist ja überhaupt - und das in Parenthese - ein seltsames Zeitalter, in dem wir leben, ein Zeitalter, in welchem Wirklichkeiten und Zeichen materielos werden. Wenn Sie als Journalisten daran denken, dass die auf den Redaktionsbildschirmen erscheinenden Buchstaben, die Lettern in Ihren Setzereien oder in unseren Computern und Zeichengeneratoren, eigentlich nur mehr Leuchtsignale sind, also nicht die materielle Haltbarkeit des gedruckten Wortes haben, so sehen Sie, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der Information schwerelos und leicht zerstörbar geworden ist.

Der von mir gewählte Titel soll also die generelle Problematik der Medienwirkung ausdrücken, und wahrscheinlich wird mein Referat mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben.

1. Das komplexe Phänomen "Wirkung"#

Wenn wir uns zunächst mit dem Begriff "Wirkungsforschung" selbst auseinandersetzen, erkennen wir sofort, wieviele Eingrenzungsprobleme und wieviele Einordnungsfragen dabei auftreten. Handelt es sich um die Aktivierung des Kurzzeitgedächtnisses oder des Langzeitgedächtnisses? Geht es darum, ob fünf Minuten nach einer "Zeit im Bild"-Sendung oder zehn Minuten nach Lektüre der "Kronen-Zeitung" ein Medienkonsument noch weiß, was er eben rezipiert hat; oder geht es darum, ob die Massenmedien unsere Gesellschaft verändern, ob sie neues "Bewusstsein" bilden, ob im Langzeitgedächtnis (Denk)-Prozesse ausgelöst, ob im kollektiven Bewusstsein oder Unterbewusstsein einer Gesellschaft "Wirkungen" erzielt werden. Wovon also sprechen wir? Der Begriff der Wirkungsforschung ist zu einem vielgebrauchten Ausdruck der modernen Kommunikationsforschung geworden, für mich ist er freilich ein schwammiger, schwer fassbarer Begriff. Es ist nicht möglich und auch nicht sinnvoll zu versuchen, diesen Begriff hier zu definieren. Ich möchte daher nur einige allgemeine Anmerkungen machen. Fest steht, dass es keine monokausalen Wirkungen gibt. Jeder Wirkungsvorgang ist vielmehr als ein hochkomplexer Prozess zu sehen. Mit anderen Worten: Soll eine Botschaft eine Wirkung erzielen, dann wird das kaum der Fall sein, wenn diese Botschaft nur über einen einzigen Kanal, über eine einzige Quelle, über eine einzige Meldung kommuniziert wird. Erst wenn ein Thema über viele (Nachrichten)-Kanäle, über Zeitung, Radio, Fernsehen, Gespräche am Arbeitsplatz, unter Freunden, in der Familie, sowie durch vertiefende Lektüre, durch Karikatur, öffentliches Gespräch, Diskurs der politischen Parteien und andere gesellschaftliche Kräfte Gestalt annimmt (wie das etwa bei der ökologischen Bewegung der Fall war) erst dann, so meine ich, kann man wirklich von Medien Wirkung sprechen. Erste These also: Medienwirkung ist komplex, multikausal, hat mit Sozialisation zu tun. "Grünes Denken" beispielsweise ist etwas, was in den Mittelschulen kommuniziert wird, von Schulbank zu Schulbank - weniger in den Kaffeehäusern einer Stadt, in denen vor allem Pensionisten sitzen. Wenn sich ein solches Thema aber bis dorthin durchspricht, dann ist es offensichtlich öffentlich "wirksam."

2. Gesamtwirkunqen oder Einzelwirkungen? #

Handelt es sich bei Medienwirkung um soziale Gesamtwirkung? Sind wir selbst, die wir bereits in einer Fernsehgesellschaft leben, oder mehr noch unsere Kinder, die mit dem abendlichen Fernsehen aufwachsen, in einer ganz anderen Weise Mensch als dies die Generationen vor uns war? Soll die Frage nach der Wirkung der Medien eine Frage der Gesamtwirkung der Informationsgesellschaft thematisieren, oder soll mit Hilfe der Wirkungsforschung die Einzelwirkung einer 30 Minuten dauernden Rede des US-Präsidenten R. Reagan zum Thema "Grenada" festgestellt werden? Oder sprechen wir über Teilwirkungen, wie z.B. jene der "Gewalt in den Massenmedien", - nicht nur über Gewalt im Fernsehen, sondern auch über Gewaltdarstellungen in den Print-Medien, in denen ja bekanntlich das Bild eines US-Offiziers in Saigon gezeigt wurde, der gerade einen Gefangenen erschossen hat. Es gibt zum Thema "Gewalt im Fernsehen", wie Sie wissen, eine ganze Reihe von Theorien. Da ist zunächst die "Katharsis-These". Sie besagt: In den Medien dargestellte Gewalt vermindert Aggressionen beim Zuseher, indem sie Triebentladungen herbeiführt. Oder die "Inhibitions-These," die behauptet, dass durch die Schockwirkung der gezeigten Gewalt beim Zuseher vorhandene Aggressionen gehemmt werden; schließlich drittens die "Angst-Theorie", wonach durch in den Medien dargestellte Gewalt beim Zuseher ein Klima der Angst erzeugt wird, die ihn nicht gewalttätig werden lässt, oder die Theorie der "Habitualisierung" bzw. "Desensibilisierung", also der Gewöhnung und Abstumpfung der gesamten Gesellschaft durch Mediengewalt. Nicht zuletzt aber die "Imitationsthese", der zufolge Mediengewalt den Zuseher zu gewalttätigen Handlungen bzw. ihrer Nachahmung anregt. Das alles sind auch Fragen der Wirkungsforschung, über die man eine eigene Tagung durchführen kann. Ich möchte dazu nur eine These einbringen: Die Menschen vermögen zwischen "wirklicher" Gewalt (etwa Berichte in den Nachrichtensendungen des Fernsehens) und zwischen fiktiver Gewalt (wie in Wild-West-Filmen und Krimis) genau zu unterscheiden. Ein neues Kapitel im Bereich der Gewalt im Fernsehen ist das Kapitel der Gewalt in Videoclips. Eine amerikanische Untersuchung hat deutlich gemacht, dass 50 Prozent aller Videoclips zum Teil brutale, zum Teil mit Sexualität vermischte Gewalt enthalten; die Auswahl aus dem Gesamtangebot der Videoclips mit so hohem Gewaltanteil stellt für jede Rundfunkanstalt ein großes Problem dar, insbesondere auch deswegen, weil die Nachfrage gerade für die gewaltsamsten Videoclips am größten ist.

3. Behaltensleistunq, Werbewirkung etc.#

Sprechen wir bei Wirkungsforschung, wie ich schon angedeutet habe, von der Behaltensleistung, also davon, wieviel von einer medial übermittelten Nachricht im Gedächtnis haften bleibt, oder sprechen wir vielleicht von der Werbewirkung, die durch Fernseh-Werbespots erzielt werden kann. Hier ist die ganze Werbewirtschaft und Werbewissenschaft am Werk, die nicht bloß die Reichweite und die Kumulation von Werbespots sorgfältig bis ins Detail beobachtet und berechnet, sondern die sich dann eben auch mit Fragen beschäftigt, welche Art von Fernsehwerbung am wirksamsten sei. Sie gelangt immer wieder zu dem Ergebnis, dass das Fernsehen in besonderer Weise dazu geeignet ist, emotionale, breitflächige, vor allem imagebildende Wirkungen zu erzielen, während die Print-Medien nähere Informationen nachliefern, etwa dass der Schlitzverschluß einer Fotokamera aus Titan besteht und Belichtungszeiten von zweitausendstel bis viertausendstel Sekunden schafft (in der TV-Werbung kann man solche Informationen nicht mehr wirksam kommunizieren).

II "Medienereignisse" #

DVD-Cover
DVD-Cover - Wikipedia

Ich beschäftige mich im zweiten Teil meines Referates mit allgemeinen Bemerkungen zu einigen Medienereignissen. Man muss natürlich auch hier definieren: Was ist überhaupt ein Medienereignis? Man kann meines Erachtens zwischen Ereignissen auf drei Ebenen unterscheiden: direkt erlebte Ereignisse (von größerer oder kleinerer persönlicher Bedeutung), medial in Nachrichtensendungen vermittelte, reale Ereignisse (chronikale Meldungen, z.B. ein gerettetes Kind, eine Flugzeugkatastrophe, das nicht mehr finanzierbare Budgetdefizit, der Falklandkrieg, Fernsehduelle zwischen Spitzenpolitikern, Rassenunruhen etc.), sowie schließlich medial vermittelte Ereignisse, die keine "wirklichen Wirklichkeiten" darstellen, also etwa Spielfilme, Fernsehspiele und Fernsehkrimis. Wir müssen nun bedenken, dass gerade die letztgenannten Ereignisse hohe Einschaltquoten haben und bis zu 63 Prozent der Österreicher manche dieser Ereignisse im Fernsehen anschauen und miterleben.

Meines Erachtens liegt ein "Medienereignis" aber nur dann vor, wenn es eine große Begleitpublizistik gibt, einen mit einhergehenden öffentlichen Diskurs. Nicht der "TV-Straßenfeger" (wie etwa früher die Durbridge-Krimis) ist also gemeint, sondern ein Medienereignis, das entweder nur medial entsteht oder auch wirklich stattfindet, das aber einen in allen Medien stattfindenden Diskurs auslöst. Solche "Medienereignisse" waren: Der Vierteiler Holocaust, die legendäre TV-Diskussion Kennedy-Nixon (1961), die Mondlandung, Olympiaden, Fußball-WM-Endspiele, der Falklandkrieg, der Papst-Besuch, das Fußball-Spiel im Brüsseler Heysel-Stadion oder "The day after", ein Film über den atomaren Holocaust, der in Amerika, wie Umfrageergebnisse zeigen, die Angst vor dem Atomkrieg in weiten Kreisen der Bevölkerung wachgerüttelt hat.

1 Medienereiqnis "Holocaust"#

Im folgenden versuche ich darzulegen, wie das Medienereignis der TV-Folge "Holocaust" beurteilt wurde, welchen Diskurs es ausgelöst hat und welche Folgen bzw. Wirkungen wir feststellen können. Was haben wir in der ORF-Media-Forschung getan? (Anmerkung 1)

  • Wir haben die Kommentare in den Tageszeitungen analysiert und ermittelt, dass diese Kommentare die Serie "Holocaust" zu 82 Prozent positiv und nur zu vier Prozent negativ beurteilt haben. (Tabelle 1).
  • Wir haben Umfragen unter den Zusehern durchgeführt: bei einem "weitesten Seherkreis" von 61 Prozent und einer Reichweite von 40 bis 45 Prozent pro Folge haben 76 Prozent (also drei Viertel) der Zuseher die Serie Holocaust positiv und 18 Prozent (also knapp ein Fünftel) negativ beurteilt. (Diese Umfragen haben wir mit Polaritätsprofilen und Zusatzfragen qualitativ sehr sorgfältig ergänzt).
  • Weiters haben wir auch die in den Zeitungen eingelangten Leserbriefe analysiert. 57 Prozent waren positiv, 27 Prozent, also über ein Viertel negativ. (Unter negativ ist zu verstehen: antisemitisch, Geschichtlichkeit leugnend, "Überflüssigkeit" der Sendung "Holocaust" beschwörend etc.)
  • Schließlich wurden auch die Anrufe sowie Zuschschriften an den ORF registriert. Nur noch 49 Prozert der Anrufe waren positiv, schon 39 Prozent negativ. Ähnlich waren die Zuschriften konfiguriert: nämlich 47 Prozent positiv, 38 Prozent, also mehr als ein Drittel schon negativ.

Artikulationsgruppen
Artikulationsgruppen

Die von GMF analysierten Zeitungsartikel, Pressekommentare, Leserbriefe und ORF-Zeitschriften wurden von auch auf die qualitativen Kategorien "Antisemitismus", "Gegendarstellung", "Verdrängung", "Antifaschismus", "Aktueller Bezug", "Zeitgeschichtliche Hinweise" sowie "Bewusstseinsbildung" untersucht.

Vorurteilsdichte
Vorurteilsdichte


+ ) Die Kategorie "Bewusstseinsbildung" ist in den Zuschriften an den ORF in keiner vergleichbaren Form erhoben worden. Die Kategorien, nach denen die Anrufe zu "Holocaust" ausgewertet wurden", sind nicht direkt mit den obenstehenden Kategorien vergleichbar.

Interessant ist in diesem Zusammenhang das Qualitätsmerkmal "Gegendarstellung" (also Argumente wie " auch die Sudetendeutschen sind vernichtet worden, ebenso die Polen und die deutschen Flüchtlinge", "immer wird nur über die Juden gesprochen"). In 10 Prozent der Pressekommentare sind Argumente der Gegendarstellung, antisemitische Äußerungen und Verdrängungsmechanismen vorhanden, in den Leserbriefen liegt dieser Anteil aber bei 38 Prozent, in den Zuschriften an den ORF gar bei 48 Prozent. Das heißt: Je nach zeitlicher Nähe, Spontaneität, Weltsicht etc. wurde unterschiedlich reagiert.

Das Echo auf das Medienereignis "Holocaust" war umso negativer, je spontaner die Reaktion erfolgte. Unterschiede der Beurteilung gibt es auch in der regionalen Streuung der Einstellungen in der veröffentlichten Meinung. Tabelle 3 zeigt die Grundeinstellung nach Untersuchungsgegenständen und Bundesländern. In den Bundesländern mit stark "kirchlichen" Traditionen Tirol und Vorarlberg sowie in der "gebildeteren" Großstadt Wien wurde auf die Sendung "Holocaust" am positivsten reagiert; weniger positiv hingegen in Salzburg, der Steiermark und Oberösterreich. (Vermutlich spielt hier der Anteil von FPÖ-gesonnenen Personen eine Rolle).

Nun aber zu den eigentlichen Wirkungshypothesen. Die Abteilung Media-Forschung des ORF hat den mehr oder weniger heroischen Versuch unternommen zu untersuchen, ob die Ausstrahlung der vier Teile von "Holocaust" Anfang 1979 eine kurzfristige oder eine langfristige Wirkung zeitigte und zeigt (Tabelle 4). Die kurzfristige Wirkung unmittelbar nach der Ausstrahlung von "Holocaust" im Fernsehen im Februar und März 1979 - siehe Tabelle 4 links oben - ist eindeutig gegeben:

Bundesländer
Bundesländer



Artikulationsgruppen
Artikulationsgruppen


Während vor Ausstrahlung der Sendung nur 72 Prozent der (repräsentativ ausgewählten) Befragten sagen, dass die Judenmorde ein historisches Faktum seien, sind unmittelbar nach der Sendung 81 Prozent dieser Meinung. Nach der Sendung stieg auch der Prozentsatz derer an, die meinten, man soll sich diese Ereignisse bewusst machen (von 48 auf 55 Prozent). Die Gruppe jener Befragten, die die Judenmorde für nicht erwiesen halten - also gewissermaßen der harte Rest eines nationalsozialistisch/antisemitisch gesonnenen Segments - ist von 16 Prozent auf 11 Prozent gesunken.

Die Frage nach den Judenmorden wurde von uns in den folgenden Jahren nachgemessen: Man kann, wie der strichlierte Pfeil in Tabelle 4 zeigt, von einer trendmäßig steigenden Zustimmung zu der Ansicht sprechen, dass die Judenmorde ein historisches Faktum sind. Dazu jedoch die Einschränkung: Jährlich sterben ca. 100.000 Österreicher, und so ist nicht auszuschließen, dass dieser Effekt durch die Generationenablöse - aber auch durch Erziehungsprozesse, Volksbildung und Bewusstseinsbildung - erzielt wird und nicht bloß durch den Vierteiler "Holocaust". Immerhin jedoch wage ich die These, dass die Aufarbeitung historischer Stoffe in einer sehr emotionalen (und von der Literaturkritik vielleicht zur Trivialliteratur gezählten) Weise, wie das bei dem (vorurteilsbeladenen) Thema "Holocaust" der Fall war, stärkere Effekte und Wirkungen auslöst als etwa nur die Darstellung dieses Themas in Form einer Dokumentation. Reine Sachdokumentationen erzielen offensichtlich eine geringere Wirkung als "Spieldokumentationen" oder, wie man heute zu sagen pflegt, das Genre "Faction", also Fact und Fiction in einem.

--> Anmerkung: Die Messungen wurden durch GfK Austria und ab 2014 durch Integral und Triconsult weiter fortgesetzt. Hier die Ergebnisse bis 2016:

Langzeit-Entwicklung Antisemitismus
Langzeit-Entwicklung Antisemitismus


Ähnliches trifft ja auch für die ORF-Produktionen "Alpensaga" oder das "Dorf an der Grenze" ja sogar auf das "Ringstraßen-palais" zu: In diesen Fernsehserien sind (wirtschafts)-politische Themen so ein- und aufgearbeitet, dass diese auch angenommen werden. Ein weiteres Beispiel dafür ist auch "The Day After", eine Sendung, die Spielfilm und Dokumentation gleichermaßen darstellt. Die Medienwirkung nach dem Muster von "Holocaust" kann also auf andere von mir erwähnte, vielleicht bedeutungslosere Medienereignisse übertragen werden.

Ich will aber nicht verhehlen, dass im Zusammenhang mit solchen Medienereignissen der Faktor des Geschäftes im Hintergrund gesehen werden muss. So war "Holocaust" in Amerika möglicherweise nichts anderes als ein Mehrteiler, den TV-Anstalt A gegen TV-Anstalt B im Kampf um Einschaltquoten ausgestrahlt hat, wobei die erzielten Wirkungen andere waren als in Österreich und Deutschland. Zusammenfassend zu "Holocaust" und anderen Fernsehspieldokumentationen und Dokumentarspielen mit zeitgeschichtlichem Inhalt lässt sich durchaus nicht unkritisch bildhaft sagen: Lebertran wird ungern genommen, daher möge man Himbeersaft hinzufügen: mit Himbeersaft "geht's leichter "runter", das Thema kann vom Publikum eher aufgearbeitet werden.

2. Die "Grenada-Rede" von US-Präsident R.Reagan im Fernsehen#

Auf die von US-Präsident R. Reagan am Dienstag, dem 27. Oktober 1983, im Fernsehen gehaltene Rede zur Rechtfertigung der Invasion in Grenada hat die amerikanische Tageszeitung "USA Today" am 31. Oktober 1983 das Ergebnis einer Telefon-Umfrage mit zugegebenermaßen kleinem Sample, nämlich 714 repräsentativ ausgewählten Interviews, veröffentlicht (Anmerkung 2).
Dem Resultat dieser Blitzumfrage zufolge hat es der amerikanische Präsident innerhalb von 20 Minuten geschafft, einen sensationellen Meinungsumschwung herbeizuführen. Während nämlich unmittelbar vor der Rede Reagans 48 Prozent der Befragten der Invasion zustimmten, waren es gleich danach 68 Prozent, also 20 Prozent mehr.

Frage: "In general, do you approve or disapprove of the invasion?"

before the speech: 48 % after the speech: 68 %


Auch andere Umfragen, wie solche der "Washington Post" und von "ABC-News" zeigten ähnliche Resultate: "Support of the Grenadainvasion jumped from 52 Percent on Wednesday to 65 Percent on Friday" (am Dienstag fand, wie erwähnt, die Rede statt). Der Unterschied zu anderen Fernsehansprachen ist im Falle dieser Ansprache vor einem bedeutenden historischen Hintergrund zu sehen: Immerhin haben die USA den Vietnam-Konflikt hinter sich. Grundsätzlich dürfte gelten, dass solche "nation-wide crisis speeches" als Wirkungsmodelle herangezogen werden können.

3. Der US-Präsidentschaftswahlkampf 1984 #

Als anderes Beispiel für Medienwirkung, nicht gegenteilig, sondern als andere Facette, kann der US-Präsidentschaftswahlkampf 1984 herangezogen werden. Das republikanische Duo Reagan-Bush hatte nämlich eine unübersehbare Gegnerschaft in der veröffentlichten Meinung der USA. Sowohl die TV-Berichterstattung als auch die Presse waren im sogenannten "spin", also in der Textierung von TV-Botschaften in abfälligen Nebenbemerkungen und im negativen Beigeschmack) sehr feindselig, und es gibt eine Zählung nach "good press - dem Präsidenten gegenüber und "bad press" für die Kandidaten(Anmerkung 3). Bei Ronald Reagan war die "good press". 730 News-Sekunden, die "bad press" 7.230 News-Sekunden - die TV-Berichterstattung war also zehn zu eins negativ. George Bush hatte 0 Sekunden "good press" und 1.510 Sekunden "bad press". Dagegen fielen auf Walter Mondale 1.300 Sekunden "good press" und 1.000 Sekunden "bad press" - also ein leichter Überhang der "good press". Geraldine Ferraro hatte einen (deutlichen) Überhang von 640 Sekunden "good press" zu 400 Sekunden "bad press".

Gewonnen hat - wie Sie wissen - mit einem überwältigenden Sieg Ronald Reagan. Obwohl die Journalisten in Print und Funk überzeugt davon waren - diese Stimmung hat sich auch in der Medienberichterstattung niedergeschlagen - dass Ronald Reagan nicht der richtige Präsident zu sein schien, hat Reagan selbst eine für ihn in der Bevölkerung offensichtlich vorhandene positive Grundstimmung für sich geltend machen können. Hier klingen eindeutig Parallelen zu der im Rahmen dieser Veranstaltung bereits erörterten Thematik "Hainburg" an: Wenn Medien sich in noch so massiver Form gegen eine in der Bevölkerung vorhandene verfestigte Grundstimmung wenden, bleiben sie erfolglos. Das Publikum macht nicht mit. Die Medien erzielen offensichtlich nur dann Wirkung, wenn sie "auf einer Welle reiten, die tatsächlich da ist".

Das gilt übrigens auch für die Bewegung der "Grünen", die vor etwa zehn Jahren in Kalifornien entstanden sind. In dem von John Naisbitt verfassten sehr lesenswerten Bestseller "Megatrends" finden sich dafür zahlreiche Beispiele.

Grenada-Rede, amerikanische Präsidentenwahl: auch gegen eine feindliche Presse kann man einen Wahlkampf und Wahlen gewinnen. Wie war das bei den zuletzt in Österreich durchgeführten Nationalratswahlen?

4. Die Österreichische Nationalratswahl 1983 #

Aus Tabelle 5 geht hervor, welche Fernsehsendungen anlässlich der Wahl zum Nationalrat 1983 ausgestrahlt wurden und wie viele Menschen sich diese Sendungen angesehen haben. Mit Ausnahme der TV-Diskussion der beiden Kanzlerkandidaten Kreisky und Mock hatten alle diese Sendungen ähnliche Reichweiten wie sonst die "normalen" Informationssendungen auch. (Auch aus bundesdeutschen Wahlkampf-Studien geht hervor, dass politische Magazine im Fernsehen im Wahlkampf keine höheren Einschaltquoten aufweisen - bestenfalls ein bis zwei Prozent mehr). Die sonntägliche "Pressestunde" hatte magere 2 bis 4 Prozent, war Kreisky dort Gast, so stieg die Einschaltquote auf 6 Prozent. (Anmerkung 4)

Politikerauftritte
Politikerauftritte

49 Prozent SPÖ-(Politiker), 48 Prozent ÖVP- (Politiker), 25 Prozent FPÖ-(Politiker) - ein sehr gutes Resultat für diese kleine Partei, die dann aber stimmenmäßiger Verlierer der Nationalratswahl 1983 war (auch die SPÖ hat Stimmen verloren, lediglich die ÖVP hat ein Prozent hinzugewonnen). Diese Zahlen belegen, dass es keine monokausale Fernsehwirkung gibt.

Medienwirkung im Wahlkampf möchte ich also als sehr geringfügig ansetzen. Die tatsächliche Medienwirkung geht, sofern man von einer solchen sprechen kann, zunächst vom "Initialimage" einer Person aus, also davon, wie sich ein Politiker, Wirtschaftsexperte oder auch Schauspieler in den ersten TV-Auftritten profiliert (und dieses Profil bzw. Image auch hält). Wahlen werden gewonnen oder verloren aufgrund eines Faktorenbündels, bei dem freilich das Image des Spitzenkandidaten von großer Bedeutung ist, bei dem aber auch politische, wirtschaftliche und soziale Faktoren, rationale wie irrationale und viele andere Momente eine Rolle spielen. Auch scheinen politische Skandale, Korruptionsaffären, ja selbst Konjunktur und (geringe) Arbeitslosigkeit etc. in unserem Zeitalter der "fun morality", also der Zentrierung auf Unterhaltung, wenig Wirkung zu zeitigen.

Repräsentation von Spitzenpolitikern
Repräsentation von Spitzenpolitikern

Ein letztes Beispiel: Die Ereignisse im Heysel-Stadion von Brüssel. #

Bei einem Fußballspiel am 29. Mai 1985 wurden infolge von Zusammenstößen von fanatischen und brutalen Fans rivalisierender Fußballmannschaften über 30 Menschen getötet und hunderte verletzt. Dieses Ereignis hat vermutlich - wir können dafür leider keine empirischen Daten erbringen - Wirkungen im Bewusstsein der Menschen wie auch Wirkung im Hinblick auf künftige organisatorische Maßnahmen bei ähnlichen Fußballspielen gezeigt. Allerdings handelt es sich in diesem Fall (und ähnlich gelagerten) nicht um Wirkungen in dem von mir verstandenen Sinne. So muss ich mir auch zum Schluss, wie schon eingangs, nicht die Pilatus-Frage, sondern die Frage: "Was ist Wirkung, was ist Wirkungsforschung?" stellen. Mit den von mir genannten Beispielen wollte ich lediglich in einige Bereiche dieser Fragestellung hineinleuchten.

  • ) Wiederholungen von Sendungen sind in dieser Tabelle als eigene Sendungen aufgefasst. **) Mehrfachnennungen!
Die obigen Zahlen beziehen sich auf explizite Beiträge zur Nationalratswahl. Innerhalb dieser Beiträge können mehrere politische Gruppierungen zu Wort/Bild kommen bzw. können mehrere Parteien/Politiker Berichtsgegenstand sein. Die Summe der repräsentierten Politiker/Parteien er¬gibt also nicht die Summe der Beiträge, sondern ist höher.

Anmerkungen:#

1) Diem, Peter: Holocaust - Anatomie eines Medienereignisses. Berichte zur Medienforschung 1/1979. - Wien: Österreichischer Rundfunk 1979.
2) "Planung und Analyse", Nr.1/84, S.34 sowie "USA Today", 1.11.1983.
3) Public Opinion Dez.1984/Jänner 1985, S 49.ff. Public Opinion Feber/März 1985, S.43 ff.
4) aus: F.Plasser/P.Ulram/M.Welan (Hrsg.) Demokratierituale - zur politischen Kultur der Informationsgesellschaft. Wien: Böhlau 1985.

--> Dieses Manuskript geht auf ein Fachseminar "Wirkungen der Massenmedien" vom 13./14. Juni 1985 zurück, veröffentlicht in: Journalistik, Hefte des Kuratoriums für Journalistenausbildung, 7/1985