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Das Problem der Übersetzung von Bibel und Koran#


Von

Christine Hubka


Ob „Heilige“ oder „Unheilige“ Schriften, jede Übersetzung bringt unvermeidbar eine mehr oder weniger gravierende Änderung des Originaltextes mit sich.

Mit einer – zugegeben drastischen – Anekdote illustriert Dagmar Matthen-Gohde[1] die Sachlage. Goethes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“ sei ins Japanische übertragen, danach ins Französische und zurück ins Deutsche übersetzt worden. Mit folgendem Ergebnis:

Original:

Über allen Gipfeln

Ist Ruh´

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest du auch.

Das wieder im Deutschen gelandete Produkt:

Stille ist im Pavillon aus Jade

Krähen fliegen stumm

Zu beschneiten Kirschbäumen im Mondlicht.

Ich sitze

Und weine.

Historisch unumstritten ist die Erfahrung Mark Twains. Als er mit seinem Werk in Frankreich keinen Erfolg hatte, wurde er misstrauisch und machte sich an eine Rückübersetzung des Französischen Wortlautes. Er erkannte sein Werk kaum wieder.[2]

Das Wissen darum, dass jede Übersetzung bereits eine Interpretation ist, war schon vor Jahrtausenden den Schriftreligionen bewusst. Ein Verbot jeder Übersetzung sollte deshalb die Verfälschung des Inhaltes verhindern. Dieses Gebot der Originalsprache besteht im Judentum für die hebräische Thora. Es gilt im Islam für den arabischen Koran. Auch heute werden in Synagogen und Moschen die heiligen Texte dieser Bekenntnisse in der Originalsprache vorgetragen.

Im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gab es im Judentum das Bestreben, die hebräische Bibel in die damals gängige giechische Umgangssprache zu übersetzen. Das Unternehmen dauerte gute hundert Jahre. Um dieses Werk zu legitimieren, brauchte es eine Legende: Die Übersetzung ins Griechische sei vom Geist Gottes inspiriert, da sie auf einem Wunder basiere. Siebzig Gelehrte hätten den hebräischen Text unabhängig

voneinander ins Griechische übersetzt. Das Ergebnis seien siebzig identische Übersetzungen gewesen. Dieses Legende legitimierte die griechische Übersetzung als „Heilige Schrift“ und ermöglichte ihren kultischen Gebrauch. Das heutige Judentum verwendet allerdings wieder die hebräische Originalfassung.

Anders das Neue Testament. Ab dem frühen 4. Jahrhunder wurden die Briefe der Apostel und die Evangelien in die gängigsten Sprachen der damaligen Welt übersetzt. Syrische, gotische (die Wulfilabibel), koptische, sahidische, bohairische, armenische, äthiopische Fassungen des Neuen Testamentes stehen der Bibelwissenschaft als Handschriften ganz oder in Teilen noch heute zur Verfügung.

Später kamen – noch vor Martin Luther – auch deutsche Übersetzungen dazu. Diese wurden jedoch nicht aus den Originalsprachen Hebräisch und Griechisch sondern aus der lateinischen Übersetzung, der sogenannten Vulgata, übertragen, was in sich den oben dargestellten „Goethe-Effekt“ trug, wenn auch nicht in derart zugespitzer Form. Seit Martin Luther in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Bibel aus den Ursprachen ins Deutsche übersetzt hat, sind zahllose weitere Übersetzungen entstanden. Die heute gängigste ist wohl die sogenannte Einheitsübersetzung, zu Beginn ein ambitioniertes ökumenisches Projekt, bei dem evangelische und katholische Theologen gemeinsam eine Übersetzung erarbeiteten.

Auch aktuelle Übersetzungen haben ein Ablaufdatum, da sich das Sprachempfinden ständig wandelt. So hat die Lutherübersetzung zahlreiche Revisionen erlebt. Die aktuelle Revision der Einheitsübersetzung ist bedauerlicherweise nicht mehr ökumenisch, sondern rein katholisch erarbeitet worden.

In wie vielen unterschiedlichen Varianten ein einziger biblischer Satz von den verschiedenen Übersetzern übertragen wird, lässt sich anhand von Mt 5, 15 – also einem Satz aus der für ChristInnen bedeutsamen Bergpredigt- anschaulich darstellen:

Luther#

Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es denn allen, die im Hause sind.

Hoffnung für alle#

Man zündet ja auch keine Öllampe an und stellt sie unter einen Eimer. Im Gegenteil: Man stellt sie so auf, dass sie allen im Haus Licht gibt.

Neue Genfer Übersetzung#

Auch zündet niemand eine Lampe an und stellt sie dann unter ein Gefäß. Im Gegenteil: Man stellt sie auf den Lampenständer, damit sie allen im Haus Licht gibt

Gute Nachricht#

Auch zündet niemand eine Lampe an, um sie dann unter einen Topf zu stellen. Im Gegenteil, man stellt sie auf den Lampenständer, damit sie allen im Haus Licht gibt.

Einheitsübersetzung#

Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus.

Bibel in gerechter Sprache#

Niemand zündet ein Licht an und stellt es dann unter einen Krug. Es wird vielmehr auf den Leuchter gesetzt.

Nivard Schlögl#

Auch zündet man ein Licht nicht an, um es unter den Scheffel zu stellen, sondern auf den Leuchter, damit es allen im Hause leuchte.

Die stärksten Varianten finden sich im gewählten Beispiel bei dem griechischen Wort μόδιος. Das griechische Schulwörterbuch bietet als Übersetzung nur den Begriff „Hohlmaß“. Die diversen Übersetzer machen daraus Scheffel, Eimer, Gefäß, Krug.

Dies ist nun freilich nicht weiter sinnstörend, zeigt jedoch deutlich, dass sich allein durch die Wortwahl das Bild, das bei den Lesenden oder Hörenden entsteht, von der Originalathmosphäre mehr oder weniger weit entfernt. (In österreichischen Landen würde man zudem nicht Eimer sondern Kübel sagen.)

Im Folgenden einige Beispiele, wie sehr Übersetzungen variieren können anhand der neuen, nicht unumstrittenen „Bibel in gerechter Sprache“ und der von der katholischen Kirche abgelehnten Übersetzung eines Dr. Nivard Schlögl, O.Cist , in den 1920ern „dem deutschen Volke gewidmet“.

Aus dem Alten Testament. Buch Genesis. Kapitel 3. Vers 16.

Es ist der Spruch Gottes über Eva nach dem sogenannten „Sündenfall“:

Bibel in gerechter Sprache:#

Und zur Frau (sprach Gott): Ich sorge dafür, dass deine Lasten groß und deine Schwangerschaften häufig sind. Nur unter Mühen wirst du Kinder bekommen. Auf deinen Mann richtet sich dein Verlangen. Doch der wird dich beherrschen.

Dr. Nivard Schlögl übersetzt diese Stelle folgendermaßen:#

Zum Weibe sprach er (Gott): Ich will mehren dir der Schwangerschaft Schmerzen. Mit Schmerz sollst du Kinder gebären. Dem Mann unterstehst du, er soll dein Herr sein!

Hier besteht der Unterschied nun nicht mehr in unterschiedlichen Geräten des Hausrates, die bei der Übersetzung Mt 5,15 herangezogen werden. Hier geht es um handfeste inhaltliche Unterschiede: Es ist nicht dasselbe, ob der Mann der Herr der Frau sein soll, oder ob er sie beherrscht, was noch nichts über die Legitimität dieser Herrschaft aussagt.

Auch in Bezug auf Schwangerschaft und Geburt lassen sich unschwer inhaltlich kaum kompatible Unterschiede erkennen.

Nun zu einem Beispiel aus dem Neuen Testament:

In Lukas 10,41 antwortet Jesus der Martha, die sich über ihre untätige Schwester Maria beschwert, da diese lieber Jesus zuhört, als im Haushalt zu arbeiten:

Bibel in gerechter Sprache:#

Marta, Marta, du sorgst dich und lärmst über die Vielheit. Eines aber ist nötig. Maria hat das gute Teil gewählt, das wird man nicht von ihr wegnehmen.

Dr. Nivard Schlögl übersetzt:#

Marta, Marta! Du sorgst und bemühst dich um vieles. Nur eins ist notwendig. Maria hat den besseren Teil erwählt, der ihr nicht mehr wird genommen werden.

Nun ist es freilich nicht einerlei, ob jemand das gute Teil oder den besseren Teil gewählt hat.

So gesehen wird auch das österreichische Kultusamt nicht klüger sein, wenn sie – wie von den Muslimen im neuen Islamgesetz gefordert – eine deutsche Übersetzung des Koran vorgelegt bekommt. Denn nicht nur bei der Übersetzung der Bibel, sondern eben bei jeder Übersetzung werden sich gravierende Unterschiede auftun.

Welche nun dem Original am nächsten kommt, kann wohl nur der beurteilen, der die Ursprache beherrscht. Aber selbst da wird es Auffassungsunterschiede, Verstehensabweichungen geben.

Zuletzt noch ein Wort zu den Überschriften in der Bibel#

Diese sind nicht Bestandteil des Originaltextes, sondern wurden von den jeweiligen Herausgebern nach eigenem Ermessen in den Text eingeschoben. Dies soll wohl das Handhaben dieses sonst doch eher schwer zugänglichen Buches erleichtern. Die Überschriften lenken jedoch das Verständnis des Lesers, der Leserin noch vor der Lektüre des entsprechenden Textabschnittes in eine vom Verfasser dieses Titel vorgegebene Richtung.

Als Beispiel mag die Liste der Frauen dienen, die Lukas zu Beginn des 8. Kapitels seines Evangeliums zu den ständigen Begleiterinnen neben den sogenannten „Zwölf“ nennt.

Die Luther Übersetzung titelt: Jüngerinnen Jesu. Die Einheitsübersetzung überschreibt den Abschnitt mit: Frauen im Gefolge Jesu. Die Bibel in gerechter Sprache verzichtet auf Überschriften, ist sie doch ausschließlich dem Originaltext verpflichtet.

Nivard Schlögl geht einen Mittelweg. Er verzichtet auf engmaschige Überschriften, wie es in den gängigen Bibelübersetzungen üblich ist und teilt die Evangelien in größere Abschnitte. Die Titel lauten z.B.: Reden am Wege in den den Garten. Oder: Abschluss der öffentlichen Tätigkeit Jesu.


--> Anmerkungen zur Bibel für interessierte Nicht-Theologen



Fußnoten:

[1] Nach D. Matten-Gohdes, 1982; https://de.wikipedia.org/wiki/Wandrers_Nachtlied

[2] Crystal, David. 1987. The Cambridge encyclopedia of language. Cambridge, England: Cambridge University. S. 346.

[3] Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch von Wilhelm Gemoll. Neunte Auflage. Wien-München 1965. S 509, 1. Sp.

[4] Bibel in gerechter Sprache, Herausgegeben von Ulrike Bail u.a. Gütersloher Verlagshaus. Zweite Auflage 2006.

[5] Die Heiligen Schriften des Alten Bundes. Deutsch von Schlögl. 2 Bände. Wien, Burgverlag 1922. Die Heiligen Schriften des Neuen Bundes. Deutsch von Schlögl. Wien, Burgverlag 1920.