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„Zur Zerstreuung gezwungen“#

Aufmerksamkeitsdefizit als kulturelles Symptom: Philosoph Christoph Türcke über die Zermürbung durch „Bildmaschinen“ und eine Gesellschaft ständiger Unterbrechung. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von DIE FURCHE (Donnerstag 3. September 2015)

Das Gespräch führte

Martin Tauss


Symbolbild: Überforderung
Symbolbild: Überforderung
Foto: © Shutterstock

Mit seiner Streitschrift „Hyperaktiv!“ (Verlag C.H. Beck, 2012) hat Christoph Türcke, emeritierter Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, für ein neues Schulfach der Ritualkunde plädiert. Die FURCHE hat anlässlich des Schulbeginns zum Hintergrund dieses – derzeit noch unerprobten – Projekts nachgefragt. #

DIE FURCHE: Warum stößt das Thema „Aufmerksamkeit“ heute auf wachsendes wissenschaftliches Interesse?

Christoph Türcke: Weil es sich nicht mehr von selbst versteht: Obwohl Aufmerksamkeit immer wieder gestört werden kann, etwa durch Müdigkeit, Krankheit oder traumatische Erfahrungen, galt sie lange Zeit als eine Art natürliche Mitgift des Menschen. Dieses Verständnis ist heute radikal infrage gestellt. Immer mehr Menschen kennen einen Normalzustand der Aufmerksamkeit gar nicht mehr. Ständig sind sie von kleinen ruckartigen Ablenkungen umgeben. Aufmerksamkeitsschwund ist nicht nur an den Schulen, sondern in der ganzen Gesellschaft zu einem echten Problem geworden.

DIE FURCHE: Beim Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) gab es in den letzten Jahren teils erhebliche Zunahmen der Diagnosehäufigkeiten und Medikamentenverordnungen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen ADHS und der Beschleunigung unserer Gesellschaft?

Türcke: Dass ADHS eine Krankheit in gesunder Umgebung wäre, ist ein krasses Missverständnis. Denn es ist genau umgekehrt: Nur in einer Umgebung, wo Aufmerksamkeit sich immer weniger von selbst versteht, ist ADHS zu einem Massenphänomen geworden. Schauen wir uns doch an, wann diese Diagnose aufkam: In den 1970er-Jahren, als die Computerisierung im Berufsleben Einzug hielt. Es ist ein riesiger Unterschied, ob die elektronischen Bildschirme nur die Freizeit oder auch den beruflichen Alltag erfüllen. Fortan war man gehäuft mit Fällen von gestörter Aufmerksamkeit konfrontiert, ohne handfeste Ursachen dafür nachweisen zu können, zum Beispiel familiäre Konflikte oder Traumatisierung. Das Kürzel ADHS war die Verlegenheitsdiagnose für eine neue Störung, die man nicht länger leugnen, aber auch nirgendwohin klar zuordnen konnte. Heute erleben wir eine drastisch steigende ADHS-Problematik, die immer diffuser wird. Nur ihre signifikante Verbindung mit den Bildmaschinen unserer Zeit ist unzweifelhaft.

DIE FURCHE: Was mit dem Film begann, hat durch das Fernsehen und den Computer eine ungeheure Steigerung erfahren, so Ihre These: Was machen die immer raffinierteren Bildmaschinen mit unserer Aufmerksamkeit?

Türcke: Ihre ganz besondere Eigenart ist der Bildschnitt: Man schneidet heterogene Sequenzen, fügt sie aneinander und eröffnet damit einen neuen Erfahrungsraum. Was für eine geniale Erfindung! Sie hat eine wunderbare anregende Wirkung, solange der Bildschnitt sporadisch stattfindet. Dann ist er wie eine Würze unseres Wahrnehmungspotenzials. Aber wehe, wenn daraus ein Grundschema der Wahrnehmung wird. Dann wird aus der genialen Erfindung eine Art Geißel. Die ständige ruckartige Unterbrechung betrifft dann nicht nur die Bildeinstellungen, sondern auch die Gedanken und Vorstellungen, die der Betrachter an die jeweilige Einstellung heftet. Das hat der Kulturtheoretiker Walter Benjamin bereits in den 1930er-Jahren als Schockwirkung des Films identifiziert. Er hat damals noch sehr optimistische Hoffnungen damit verbunden und darin sogar ein revolutionäres Potenzial zu erkennen geglaubt. Wenn diese Schockwirkung allerdings zur Alltagserscheinung wird, die alle Lebensbereiche durchdringt, wird sie zu einem hochgradigen Zermürbungsfaktor. Und mittlerweile durchdringt die Unterbrechungslogik der Bildmaschinen unser gesamtes kulturelles Verhalten.

DIE FURCHE: Sehen sie das nicht allzu zu pessimistisch – es ist ja nicht der erste technologische Wandel, den die Menschheit zu bewältigen hat. Und offensichtlich kommt der größte Teil der Bevölkerung doch ganz gut mit dem neuen medialen Umfeld zurecht ...

Türcke: Da bin ich nicht so sicher. Die ganzen psychosomatischen Leiden des letzten Jahrhunderts, von der Neurasthenie bis zum Burnout, stehen in Zusammenhang mit technologischem Wandel. Natürlich ist immer die Rede von der Plastizität des Gehirns, der Anpassungsfähigkeit unseres Sensoriums. Aber denken Sie an die Wirbelsäule. Die ist dehnbar, und jeder sollte sie sich durch Dehnungsübungen beweglich erhalten. Aber es gibt Grenzen der Dehnbarkeit. Die bemerkt man erst dann, wenn sie überschritten werden. Ähnlich ist das mit der Unterbrechungslogik; man kann sich keineswegs unbegrenzt darauf einstellen. Nehmen Sie etwa die Leute in Call-Centern. Die sind nach der Arbeit wie gerädert und haben die höchste Rate an psychosomatischen Leidenszuständen. Das System Schule hat sich dem Problem der mangelnden Aufmerksamkeit noch gar nicht gestellt. Es kollaboriert eher mit ADHS, etwa wenn es den Unterricht an die Unterhaltungsstandards des Fernsehens anpasst. Der Methodenwechsel ist zu einer Art Fetisch geworden: Alles was in Kleingruppen geschieht, gilt als kreativ; Frontalunterricht hingegen wird als autoritär geächtet. Möglichst viel Abwechslung ist die Devise. Damit aber wird länger anhaltende Aufmerksamkeit systematisch hintertrieben.

DIE FURCHE: Sie sprechen sich für ein neues Schulfach der Ritualkunde aus. Was würde das denn konkret bedeuten?

Türcke: Ritualkunde wäre kein zusätzliches Fach, sondern eine Art „rituelle Achse“ quer durch den gesamten Unterricht. Das bedeutet, dass die Kinder mit viel Geduld erst einmal in gemeinsame Regeln eingeübt werden, innerhalb derer sich der Unterricht vollziehen soll. Dafür sollten sich die Lehrer gerade in der ersten Klasse viel Zeit nehmen. Ritualkunde bedeutet aber auch, den ganzen Unterricht von Anfang an und in wohldosierter Weise auf kleine Aufführungen und Theaterspiele für Eltern, Verwandte oder Mitschüler hinzulenken. Wer an Aufführungen beteiligt ist, muss etwas einüben. Das hat durchaus rituellen Charakter. Wer etwas aufführen lernt, lernt auch sich aufführen. Darin steckt ein geradezu ethisches Element. Es macht Kinder sicherer und stabilisiert auch ihre Aufmerksamkeit. Die Aufführungen wären zwar obligatorisch, aber ohne Benotung. Schüler erleben, dass Noten nicht alles im Leben sind. Wer nicht auch die Distanz zum Notensystem erlernt, verpasst etwas ganz Entscheidendes. Wie weit man mit Ritualkunde kommt, müssen Schulversuche ergeben. Interessierte Schulen gibt es bereits.

Christoph Türcke
Christoph Türcke
Foto: © Heinrich Klauke

DIE FURCHE: Ist Ihr Vorschlag zur schulischen Ritualkunde vor dem Hintergrund zu verstehen, dass unsere Gesellschaft ihre Rituale immer mehr verliert?

Türcke: Eine Gesellschaft der ständigen Unterbrechung ist eine Gesellschaft, die sich ihrer überlieferten Rituale entledigt und sich dabei auch selbst destabilisiert. Das Problem ist nicht die Zerstreuung. Die ist sogar unerlässlich, wann immer man sich entspannen und die Seele baumeln lassen will. Das Problem ist die „konzentrierte Zerstreuung“ durch ein Aufmerksamkeitsregime: dass man jeden Moment durch gewaltsame Unterbrechung zur Zerstreuung gezwungen wird. Und dann in vorauseilendem Gehorsam das Sich-Zerstreuen schon von selbst vollzieht. Rituale können hier als Faktoren der Stabilisierung fungieren: Sie sind nicht per se gut, manche sogar grauenhaft. Aber umgekehrt stimmt es: Ohne Rituale gibt es nichts Gutes.

DIE FURCHE: Fallen Ihnen noch andere Maßnahmen ein, mit denen man der geistigen Überreizung begegnen könnte? Es gibt zum Beispiel bereits Überlegungen, wie man Smartphones und andere technische Geräte mit einem „Aufmerksamkeitsschonenden“ Design versehen kann ...

Türcke: Aber das wäre doch nur das Kratzen an der Oberfläche des Problems. Die meisten sind heute regelrecht fixiert auf diese Geräte. Das ständige Nachrichten-Checken hat zum Teil bereits Suchtcharakter. Mikroelektronik muss endlich als Suchtproblem begriffen werden. Smartphones sind heute genauso Suchtmittel wie Alkohol, Kokain oder Tabak. Niemand ist ihnen einfach bloß ausgeliefert. Überall gibt es Ansatzpunkte für Widerstand und kleine Präventionsmaßnahmen, zum Beispiel wenn Eltern den Medienkonsum ihrer Kinder dosieren oder Menschen sich vorübergehend in Klausuren zurückziehen. Ich selbst habe an der Hochschule beste Erfahrungen mit Internet-freien Klausurseminaren gemacht. Für die gab es oft eine Warteliste.

DIE FURCHE: Es gibt Medizinkritiker, die die Existenz des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms (ADHS) überhaupt anzweifeln und sich gegen eine medikamentöse Behandlung aussprechen. Zählen Sie mit Ihrem Slogan „Rituale statt Ritalin“ auch dazu?

Türcke: Es gibt Situationen, wo sich die Erziehenden nicht mehr anders zu helfen wissen als mit Methylphenidat (Ritalin) und das Medikament auch beruhigend anschlägt. Darüber breche ich nicht pauschal den Stab. Aber man muss wissen: Das Medikament kuriert ADHS nicht. Es unterdrückt lediglich ein Symptom. In Deutschland fällt es zudem unter das Betäubungsmittelgesetz. Seine routinemäßige Vergabe ist stets bedenklich. Oft entlässt es die Erziehenden aus der Verantwortung. „Mein Kind ist krank, ich kann nichts dafür“, heißt es dann. So geraten die psychosozialen Bedingungen der Störung aus dem Blick.

DIE FURCHE, Donnerstag 3. September 2015

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