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Die große Zeit der Patrioten #

Von den Rechten wird „Heimat“ seit jeher beschworen, nun führen sie fast alle im Mund. Doch was ist damit gemeint? Eine kleine Begriffsgeschichte. #


Mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (Donnerstag, 1. September 2016)

Von

Doris Helmberger


Alexander Van der Bellen
Heimat-Pfleger. Mit der Wiederholung der Bundespräsidenten- Stichwahl wiederholt sich auch die Debatte darüber, was „Heimat“ bedeutet – und wem sie zukommen soll. Alexander Van der Bellen im Tiroler Kaunertal.
Foto: APA/Amélie Chapalain

Norbert Hofer
Heimat-Pfleger. Mit der Wiederholung der Bundespräsidenten- Stichwahl wiederholt sich auch die Debatte darüber, was „Heimat“ bedeutet – und wem sie zukommen soll. Norbert Hofer am Neustifter Kirtag.
Foto: APA/Amélie Chapalain

Bizarre Felswände, ein glänzender Gepatschferner-Gletscher in der Mittagssonne und eine Tirol-Fahne im Wind: Für die Wanderung im Kaunertal, zu der Alexander Van der Bellens Wahlkampfteam Anfang August geladen hatte, hätte die Tiroler Tourismuswerbung eigentlich Unsummen beisteuern müssen. Doch um die landschaftlichen Reize des versteckten Tals ging es nur peripher. Im Zentrum stand jener 72-Jährige, der mit blauem Polohemd, zwei Hunden und einer Schachtel Chesterfield den Tross Richtung Falkauns-Alm anführte. Es ging um seine gute Kondition, die man wandernd demonstrieren wollte; und es ging um das Klischee, dass dieser Mann mit holländischem, estnischem und russischem Migrationshintergrund zwar vielleicht ein Intellektueller sei – aber halt kein heimatlieber Patriot.

Offenheit statt „Blut und Boden“ #

Bilder aus dem Kaunertal, wo die Familie Van der Bellens einst auf der Flucht vor der Roten Armee eine neue Heimat fand, sollten dieses Vorurteil entkräften – und den historisch belasteten Heimatbegriff zugleich neu besetzen: statt Blut und Boden also Offenheit. „Österreich hat vielen Heimat gegeben“, so Van der Bellens Mantra.

Schon beim ersten Durchgang der Bundespräsidentenwahl hat sein Strategie-Team auf Tiroler Impressionen gesetzt – und auf die Botschaft „Heimat braucht Zusammenhalt“. In der Stichwahl gegen Norbert Hofer, den Kandidaten der „sozialen Heimatpartei“ FPÖ, legte man mit einer Bergwiese und dem Slogan „Wer unsere Heimat liebt, spaltet sie nicht“ nochmals nach. Auch die neuen Plakate für die Stichwahl-Wiederholung am 2. Oktober bleiben heimatverbunden – wenngleich der Begriff nicht explizit verwendet wird. „Für unser vielgeliebtes Österreich“ ist etwa zu lesen, dahinter Van der Bellen auf einem Feld im Burgenland – der Heimat seines Gegenkandidaten. Dass man allzu ostentativ um konservative Wähler buhlen würde, weist Kampagnenleiter Lothar Lockl zurück. „Es gibt ja kein Monopol auf Heimat. Heimat ist dort, wo man Zuhause ist, wo man die eigenen Wurzeln hat.“

Der Freiheitliche Norbert Hofer würde das womöglich ähnlich sehen. Und doch völlig anders. „Deine Heimat braucht dich jetzt“, hat er im ersten Wahlgang affichieren lassen – und damit den Abwehrreflex der „Autochthonen“ gegenüber Asylwerbern weiter stimuliert. Aber so ist es eben mit dem schillernden Wort „Heimat“, für das es in anderen Sprachen kaum Äquivalente gibt: Es kann für völlig konträre Konzepte stehen – aber weckt in jedem Fall Emotionen.

Kein Wunder, dass „Heimat“ spätestens seit Beginn der großen Flucht- und Migrationsbewegung Richtung Europa zur Kampf- Vokabel geworden ist. Jeder führt sie im Munde – und meint doch Grundverschiedenes: vom linksliberalen Präsidentschaftskandidaten bis zu den rechtsextremen „Identitären“, die vom „Erhalt der ethnokulturellen Identität“ fantasieren. Friedemann Schmoll, Ethnologe an der Universität Jena, hat dieses Phänomen so beschrieben: „Heimat ist ein nuttiger Begriff. Sie schmiegt sich an jeden an, der sie benutzen will.“

„Heimat“ als Reaktion auf Umbrüche #

Wie massenhaft man sie mittlerweile nutzt, belegt die Suchmaschine Google: Im Jahr 2004 fanden sich noch 1,5 Millionen Einträge zum Begriff „Heimat“, heute sind es über 31 Millionen. Regelmäßig befassen sich Publikationen und Tagungen mit Heimat und Identität sowie deren Verlust. Aber auch trendige Werbeagenturen greifen gern auf „Heimat“ zurück: „Dieses Wort ist jedem vertraut und lässt sich hervorragend zur Gesprächsanbahnung nutzen“, erklärt Markus Wieser von „Heimat Wien“.

Heimat hat also Konjunktur – wie immer bei gesellschaftlichen Umbrüchen. Dabei folgt das Reden über Heimat stets einer reaktiven Logik – „als Thematisierung einer untergegangenen, womöglich so nie dagewesenen, aber immer heilen Welt,“ schreibt Friedemann Schmoll im soeben erschienenen Sammelband „Heimat gestern und heute“ (siehe Tipp). Die erste große „Gegenbewegung“, in welcher der anti-moderne „Heimat-Begriff“ prägend wurde, war die Romantik. Angesichts der Verwerfungen im Gefolge der Französischen Revolution wurde Heimat idyllisiert und poetisiert. Ein weiterer Hype begann nach 1900, als sich gegen die industrielle Moderne eine „Heimatschutzarchitektur“ formierte. „In Österreich massiv wirksam wurde das nach 1918/19 mit der Gründung der faschistischen Heimwehr“, erklärt der Wiener Zeithistoriker Gerhard Botz im FURCHE-Gespräch. In den 1930er Jahren spaltete sich die Bewegung auf in die katholisch-konservative Linie, die in den diktatorischen „Ständestaat“ führte – und in die völkische Linie der Nationalsozialisten, die in ihrer „Blut-und-Boden“-Propaganda das Konzept von Heimat zudem noch rassistisch begründeten. Schließlich kam der Krieg – und mit ihm die großen Fluchten und Vertreibungen: Geistesgrößen wie Thomas Mann und Stefan Zweig suchten verzweifelt „Heimat im Exil“. Als das Schlachten zu Ende war, galt „Heimat“ aufgeklärten Intellektuellen zu Recht als diskreditiert. Für die deutschsprachigen „Heimatvertriebenen“ aus dem Osten Europas wurde die „alte Heimat“ freilich zum verklärten Sehnsuchtsort. Auch die alten Nazis fanden im Begriff „Heimat“ Unterschlupf.

Es bedurfte des Jahres 1968 bis auch die Linken begannen, sich mit diesem Begriff auszusöhnen bzw. ihn neu zu füllen. Noch 1968 hat Martin Walser ihn als „das schönste Wort für Zurückgebliebenheit“ bezeichnet, doch in Zeiten von AKWs und Waldsterben wurde es zum Symbol für Autonomie und Umweltschutz – dafür, Verantwortung für die nächste Lebenswelt zu übernehmen. Die Globalisierung hat schließlich zur endgültigen Renaissance von „Heimat“ geführt. „Eine der zentralen Erfahrungen der modernen Welt ist dieses Gefühl der Ungeborgenheit“, sagt die Psychologin Beate Mitzscherlich im Gespräch mit der Journalistin Renate Zöller, die im Buch „Was ist eigentlich Heimat?“ (2014) diesem Phänomen nachgespürt hat. Umso mehr würden Menschen heute Räume von Vertrautheit suchen.

„Wieviel Heimat braucht der Mensch?“ #

Zugleich bleibt der Begriff „Heimat“ hochgradig ambivalent, wie die aktuelle „Flüchtlingskrise“ zeigt. Meist geht es um die eigene Heimat, die der „Anderen“ wird kaum mitgedacht. „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“, hat Jean Améry angesichts eigener Exils- und Entfremdungserfahrungen gefragt. Statt um Heimat als konkreten Ort könnte es heute freilich auch einfach um „Beheimatung“ gehen, um die aktive Aneignung vertrauter Lebenswelten, die zu sozialer Zugehörigkeit und gegenseitiger Anerkennung führt. Dass das für „Hiesige“ und „Zugezogene“ gleichermaßen gelingt, bleibt die große Herausforderung.

Derzeit dominiert freilich eher das Paradigma vom „Heimatschutz“ den Diskurs, doch die Hoffnung lebt – auch bei den Unterstützern von Alexander Van der Bellen. „Ich habe lange versucht, den braunen Dunst um den Begriff Heimat und Tracht wegzubringen“, erzählt etwa die Trachtenunternehmerin Gexi Tostmann. „Nun ist endlich ein Intellektueller da, der den Begriff neu besetzt.“ Ihrem bevorzugten Dresscode ist der Kandidat freilich bislang noch nicht gefolgt: Beim „Neustifter Kirtag“ in Wien, den er wie Norbert Hofer pflichtschuldigst besucht hat, blieb die Lederhose noch daheim.

Buchcover, Heimat gestern und heute

Heimat gestern und heute. Interdisziplinäre Perspektiven.

Von Edoardo Costadura und Klaus Ries (Hg.), transcript 2016.

248 Seiten, kart., €36,00.

DIE FURCHE, Donnerstag, 1. September 2016