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Mächtig wie die Götter #

Mit 3D und anderen Technologien steht die Menschheit vor einer Revolution, die unser Leben radikal ändern wird. Ein Ausblick. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 23. April 2015)

Von

Michio Kaku


3D-Technologie, Symbolbild
3D-Technologie, Symbolbild
Foto: © Shutterstock

Vorhersagen über die Zukunft haben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts immer überschätzt. Geschichte, so wird uns immer wieder eingebläut, wird von den Optimisten geschrieben, nicht von den Pessimisten. Sogar Science-Fiction-Autoren haben die rasante wissenschaftliche Entwicklung unterschätzt. Wenn man sich Wiederholungen alter Star Trek-Folgen aus den 1960er-Jahren anschaut, stellt man fest, dass ein Großteil der „Technologie des 23. Jahrhunderts“ bereits existiert: Damals staunten die Zuseher über Handys, transportable Computer oder sprechende Apparate.

Angesichts der eklatanten Fehler, die Leuten bei ihren Vorhersagen über die Zukunft unterlaufen, wie können wir da hoffen, unsere Prognose auf eine sichere Basis zu stellen? Heute leben wir längst nicht mehr im finsteren Zeitalter der Wissenschaft, als Blitze und Plagen als das Werk der Götter galten. Wir haben einen großen Vorteil, den Jules Verne und Leonardo da Vinci nicht hatten: ein solides Verständnis der Naturgesetze. Heute sind wir zu Choreografen des Tanzes der Naturkräfte geworden und können die Naturgesetze hier und da ein wenig optimieren. Aber um 2100 werden wir die Natur beherrschen.

Gedanken zu Gegenständen formen #

Dann werden wir nämlich so mächtig sein wie die Götter, die wir einst verehrten und fürchteten. Diesen göttergleichen Status werden wir durch Computerwissenschaften, den Ausbau der 3D-Technologie, der Nanowissenschaften, der Biotechnologie und durch die Quantentheorie erreichen. Um 2100 werden wir wie die antiken Götter Objekte mit der Kraft unserer Gedanken manipulieren können. Computer, die lautlos unsere Gedanken lesen, werden unsere Wünsche ausführen. Dank Biotechnologie werden wir perfekte Körper schaffen und unsere Lebensspanne verlängern.

Dank Nanotechnologie werden wir einen Gegenstand in einen anderen umwandeln, etwas aus scheinbar fast nichts schaffen können. Wir werden nicht in feurigen Wagen, sondern in schnittigen Fahrzeugen über den Himmel ziehen, die selbstständig aufsteigen und fast ohne Treibstoff durch die Luft gleiten. Mit unseren Maschinen werden wir die unbegrenzte Energie der Sterne nutzbar machen können. Wie werden kurz davor stehen, Raumschiffe auszusenden, um nahe gelegene Sternsysteme zu erforschen.

Ein Besuch beim Arzt wird ganz anders aussehen als heute. Bei einer Routinekontrolle werden Sie wahrscheinlich mit einem Softwareprogramm sprechen, das auf Ihrem Wandbildschirm auftaucht und bis zu 95 Prozent aller häufigen Leiden und Krankheiten korrekt diagnostizieren kann. Mittels Kernspintomografen kann man bereits ins Innere der Organe schauen. Computer werden diese 3D-Bilder verarbeiten und dann eine Diagnose stellen. Diese Sonde wird auch in Minutenschnelle eine breite Palette von Krankheiten, einschließlich Krebs, diagnostizieren können, und zwar Jahre, bevor sich der Tumor bildet. Mitte des Jahrhunderts werden wir in einer voll funktionstüchtigen virtuellen Cyberwelt leben, in der die reale Welt mit Computerbildern verschmilzt.

Diese erweiterte Realität - Augmented Reality - würde sofortige Konsequenzen für die Wirtschaft haben. Die erste kommerzielle Anwendung würde darin bestehen, Objekte unsichtbar oder unsichtbare Objekte sichtbar zu machen. Wenn Sie Architekt sind, können Sie in einem leeren Raum umhergehen und plötzlich das gesamte 3D-Bild des Gebäudes sehen, das Sie gerade entwerfen. Leere Räume werden plötzlich lebendig, mit Möbeln, Teppichen und Wandschmuck. In dieser erweiterten 3D-Welt werden Sie Zauberkräfte haben, Ihren Zauberstab schwingen und jedes Objekt erschaffen, das Sie sich wünschen. Ein Pilot oder Autofahrer könnte wiederum zum Beispiel 360 Grad um sich herum sehen, weil er dank Spezialbrillen oder Linsen durch die Wände des Fahrzeuges sehen kann.

Mit dem Internet verbundene Kontaktlinsen werden menschliche Gesichter erkennen, die Biografien dieser Menschen anzeigen und deren Worte in Form von Untertiteln übersetzen. Ein Wanderer wird nicht nur seine genaue Position in einem fremden Land kennen, sondern auch die Namen sämtlicher Tiere und Pflanzen. Er wird auch Wanderwege oder Campingplätze finden können, die vielleicht hinter Gebüsch verborgen liegen. Wir werden kein Handy, keine Uhren und MP3-Player mehr brauchen, sondern mittels Kontaktlinsen jederzeit auf die Funktionen in den Handys zugreifen können.

In Star Trek gibt es einen Universalübersetzer, der es erlaubt, auf der Stelle mit jeder fremden Zivilisation zu kommunizieren. Es existieren bereits Versionen des Universalübersetzers. Wenn Sie künftig ein Land bereisen und mit den Einheimischen sprechen wollen, werden Sie in den Linsen Untertitel sehen, als schauten Sie sich einen fremdsprachigen Film an.

Doch auch wenn die erweiterte Realität eine ganz neue Welt eröffnet, gibt es Grenzen. Das Problem ist weder die Hardware noch die Bandbreite, denn die Menge an Informationen, die von Glasfaserkabeln transportiert werden kann, ist unbegrenzt. Der wirkliche Engpass ist die Software. Diese lässt sich nur auf die althergebrachte Weise produzieren. Ein realer Mensch muss diese Codes niederschreiben, die diese imaginären Welten zum Leben erwecken. Die Hardware lässt sich in Massenproduktion fertigen, das Gehirn nicht. Bis zur Einführung einer erweiterten Welt wird es also noch bis Mitte des Jahrhunderts dauern.

Gedanken-Steuerung #

Um die nächste Jahrhundertwende werden wir Computer direkt mit unseren Gedanken steuern können. Das Fundament dieser Technologie ist bereits gelegt, doch es könnte jahrzehntelange harte Arbeit erfordern, sie zu perfektionieren. Erstens muss für diese Revolution der Geist in der Lage sein, Objekte in seiner Umgebung zu beherrschen. Zweitens muss ein Computer die Wünsche einer Person lesen können. Teils ist das schon Realität: Eine Forschergruppe an der Duke University in Durham (USA) hat einen Chip im Gehirn eines Affen platziert, der mit einem mechanischen Arm verbunden ist. Mit zunehmender Übung benützt der Affe die Kraft seiner Gedanken und lernt, die Bewegungen des mechanischen Armes zu steuern – etwa so, dass er eine Banane ergreift.

Das bedeutet, dass auch wir eines Tages Maschinen durch unsere Geisteskraft steuern werden können. Gelähmte Menschen könnten so mechanische Arme und Beine bewegen. Wissenschaftler haben sogar bemerkenswerte Fortschritte auf einem Gebiet gemacht, auf dem man dies lange für unmöglich hielt: Einen Schnappschuss unserer Erinnerungen und möglicherweise unserer Träume aufzunehmen. Einem Forscherteam in Kyoto ist es gelungen, ein Bild dessen zu erstellen, was das Gehirn gerade sieht. Natürlich sind unsere geistigen Bilder und Träume niemals kristallklar, sondern verschwommen, doch allein die Möglichkeit, tief in die visuellen Gedanken im Gehirn eines anderen Menschen zu sehen, ist erstaunlich.

Kein Fortschritt ohne Bedenken #

Diese Entwicklung stellt uns vor ein Problem: Was passiert, wenn wir die Gedanken anderer lesen können? Nobelpreisträger David Baltimore schreibt dazu: „Es würde uns die Hölle auf Erden bescheren. Stellen Sie sich vor, um eine Partnerin zu werben, wenn Ihre Gedanken jederzeit zu lesen wären, oder unter solchen Umständen einen Vertrag auszuhandeln.“ Die meiste Zeit, so Baltimores Vermutung, wird Gedankenlesen eher peinliche als schlimme Konsequenzen haben: „Wenn man eine Vorlesung in der Mitte des Vortrages unterbricht, wird man feststellen, dass ein erklecklicher Teil der Studierenden in erotischen Tagträumen versunken ist.“

Zudem ist zweifelhaft, ob man die Gedanken eines anderen aus größerer Entfernung wird lesen können. Alle bisher untersuchten Methoden – EEG, fMRT und Elektroden auf dem Gehirn selbst – erfordern engen Kontakt mit der betroffenen Person. Dennoch könnte es irgendwann Gesetze geben, die das unautorisierte Lesen von Gedanken einschränken. Zudem würden sicher Vorrichtungen entwickelt werden, die unsere Gedanken schützen, indem sie unsere elektrischen Signale blockieren oder verzerren.

So stehen am Ende dieser Überlegungen über die ungeahnten Möglichkeiten der Zukunft auch Bedenken, die sich aus der Fantasie speisen. In dem Film „Forbidden Planet“ gehen die Außerirdischen zugrunde, weil sie einen Fehler in ihrem Plan übersahen. Ihre mächtigen Maschinen zapften nicht nur ihre bewussten Gedanken, sondern auch ihre unbewussten Wünsche und Begierden an. Die brutalen, lange unterdrückten Gedanken ihrer gewalttätigen evolutionären Vergangenheit wurden wieder zum Leben erweckt, und die Maschinen ließen jeden unbewussten Albtraum zur Realität werden. Am Vorabend des Erreichens ihres größten Zieles wurde diese mächtige Zivilisation ausgerechnet durch jene Technologie zerstört, von der sie gehofft hatte, sie werde sie von jeder Instrumentalität befreien. Um 2100 werden wir in einer Welt leben, die von Robotern mit menschenähnlichen Merkmalen bevölkert ist. Was passiert, wenn sie intelligenter werden als wir?

Buchcover: Die Physik der Zukunft

Michio Kaku #

Der Autor ist ein US-Physiker, der in seinem Bestseller, „Die Physik der Zukunft“ die Visionen von 300 Fachkollegen zur Zukunft der Menschheit versammelt. Der vorliegende Artikel besteht aus Auszügen dieses Buches, redigiert von Oliver Tanzer.

Die Physik der Zukunft. Unser Leben in 100 Jahren.

Von Michio Kaku

Rowohlt 2013. 603 S.,

Taschenbuch, €13,40

DIE FURCHE, Donnerstag, 23. April 2015