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Von Austromir zum Monddorf#

Vor 25 Jahren startete der "Austronaut" Franz Viehböck ins All - heute setzt Österreich auf Raumfahrttechnologien und Analogforschung.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 1. Oktober 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Franz Viehböck nach seiner Rückkehr zur Erde am Weltraumbahnhof Baikonur am 10. Oktober 1991 im Rahmen des 200 Millionen Schilling teuren Austromir-Projekts
Franz Viehböck nach seiner Rückkehr zur Erde am Weltraumbahnhof Baikonur am 10. Oktober 1991 im Rahmen des 200 Millionen Schilling teuren Austromir-Projekts.

Wien. (est) "Sashiganije!" war das Kommando, mit dem am 2. Oktober 1991 um 6.59 Uhr mitteleuropäischer Zeit die Rakete Sojus-TM 13 mit dem Österreicher Franz Viehböck vom Boden abhob, also "Zünden!". Startpunkt war der russische Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan, Ziel die russische Raumstation Mir.

15 Experimente hatte der erste und bisher einzige Österreicher im All auf seiner Austromir-Mission im Gepäck. Er untersuchte unter anderem den Einfluss der Schwerelosigkeit auf Muskelreflexe, Veränderungen der Hirnleistung bei den Belastungen im All, die Arten von Strahlungen, die auf Kosmonauten einwirken, oder die Konsequenzen von Anspannungsbelastungen auf die Herzfunktion. Auch das Zittern des menschlichen Körpers im All und die Verlagerung von Körperflüssigkeit aus dem Blut und in das Blut bei Schwerelosigkeit waren Gegenstände der Analysen.

Für das sowjetisch-österreichische Weltraumprojekt wurden aus 300 Bewerbern zunächst zwei Österreicher, der Mediziner Clemens Lothaller und der Elektrotechniker Franz Vieböck, ausgewählt. Gemeinsam absolvierten sie eine zweijährige Ausbildung im Sternenstädtchen nahe Moskau. Erst am Tag vor dem Start entschied sich eine österreichische Kommission für Viehböck, der mit einem russischen und einem kasachischen Kosmonauten ins All startete. Das Team kehrte am 10. Oktober zur Erde zurück. "Ich habe viel gelernt, Austromir hat auch meine berufliche Karriere verändert", erklärt Viehböck, der Europaverantwortlicher für Space&Communication beim US-Luftfahrtkonzern Boeing wurde.

Von 3. bis 7. Oktober wird Viehböck beim Treffen der Association of Space Explorers rund 100 Astronauten in Wien empfangen. Am 5. Oktober sollen die Weltraumfahrer aus aller Welt dann zu Veranstaltungen in ganz Österreich ausschwärmen. Obwohl es anders als geplant nie zu Folgemissionen kam, hat Österreich sich laut dem "Austronauten" in der Raumfahrttechnologie ganz gut behauptet. "Die Beteiligung an Weltraumprojekten ist beachtlich", bilanziert Viehböck. Nach Austromir ging das strategische Interesse der heimischen Politik und Forschungsförderung an bemannter Raumfahrt zurück, das Wissenschaftsministerium stoppte die Beteiligung aus finanziellen Gründen. Man habe sich bewusst dazu entschieden, "nicht weiter in astronautische Infrastruktur zu investieren, da ein größerer volkswirtschaftlicher Nutzen der begrenzt zur Verfügung stehenden Mittel in Robotischer Exploration, Erdbeobachtung, Telekommunikation, Navigation, Trägersystemen und Technologieentwicklung gesehen wird", heißt es aus dem zuständigen Infrastrukturministerium.

Heute sind österreichische Forschungsinstitute und Unternehmen in den Raumfahrttechnologien tätig. Sie entwickeln hochsensible Messgeräte für Sonden, Landeroboter, Raketen und Satelliten - unter anderem für Forschungsmissionen der Weltraumbehörden, wie etwa für die pionierhafte Kometenmission Rosetta und ihren Lander Philae.

Üben fürs All#

Gewissermaßen ein Stärkefeld ist auch die Analogforschung. Dabei handelt es sich um die Erprobung von Abläufen, Experimenten und Technologien für künftige bemannte oder unbemannte Weltraummissionen, und zwar unter auf der Erde simulierten extraterrestrischen Bedingungen. Der Bereich könnte beim ESA-Ministerrat im Herbst, wo die Mitgliedstaaten die Ausrichtung der europäischen Raumfahrt definieren, gestärkt werden. "Die Frage ist, was mit der Astronauten-Trainingsinfrastruktur am Astronautenzentrum EAC in Köln passiert, da der einzige Außenposten der Menschheit im All, die Internationale Raumstation ISS, bald außer Betrieb sein wird", bringt es Gernot Grömer vom Österreichischen Weltraumforum auf den Punk.

Eine über 2030 hinaus reichende Vision für die bemannte Raumfahrt hat die ESA schon bei der Hand: "Moon Village", oder "Monddorf". ESA-Generaldirektor Jan Wörner will ein möglichst allen offenstehendes Konzept für eine Gemeinschaft auf dem Mond auf die Beine stellen. "Eine Dorfgemeinschaft entsteht, wenn Menschen sich an einem Ort zusammentun, ohne konkrete Pläne und Festlegung aller Details, sondern durch die offene Zusammenführung von Interessen und Fähigkeiten", erklärt der ESA-Chef.

Kleine Goldgräberstimmung#

Das "Monddorf" könnte Heimat für zahlreiche Wissenschafter und eine Testumgebung für neue Technologien sein. Außerdem will die ESA ein "Sprungbrett" für astronautische Missionen, etwa zum Mars. Behausungen, die mögliche Mondbewohner mittels 3D-Druck bauen und über Sonnenenergie betreiben, hat die Wiener Weltraum-Architekturplattform Liquifer bereits entworfen.

Als "prinzipiell gut" bewertet Grömer den Trend, dass Raumfahrtagenturen immer mehr "scheinbare Routinetätigkeiten", etwa Versorgungsflüge zur ISS, an private Anbieter auslagern. Wenn solche Firmen erfolgreich sind, blieben den Agenturen die Mittel für Reisen zu Mond oder Mars. "Ich glaube, wir stehen hier am Beginn einer ganz kleinen Goldgräberstimmung." Die deutsch-österreichische Firma "PTScientists" könnte dabei ein "Goldkörnchen" sein. Bis Mitte 2018 will sie nach eigenen Aussagen das erste private Fahrzeug auf den Mond bringen und eine günstige Liefer-Technologie anbieten. Vorausgesetzt, die technische Qualität hat Hand und Fuß.

Wiener Zeitung, Samstag, 1. Oktober 2016