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Der galaktische Zoo#

J. X. Robo III

Bericht 346, IGG - Institut für Galaktische Geschichte

Seit über 30 Jahren arbeite ich nun schon am IGG (Institut für Galaktische Geschichte) auf Zentrax 4.

Ich bin stolz darauf, am IGG tätig sein zu können, auch wenn ich an einigen der spektakulärsten Entdeckungen, die auf unsere Forschungen zurückzuführen sind, nur am Rande beteiligt war. Ich denke dabei natürlich vor allem an die Rettung der ehemaligen Auswanderer zur Magellan'schen Wolke, die ohne IGG nie zustande gekommen wäre. Und ich erwähne dieses Unternehmen, über das ja an anderer Stelle schon bis zum Überdruss berichtet wurde (siehe z.B. Bericht 94, IGG "Die Magellan'sche Wolke"), nicht zufällig, sondern weil ich glaube, dass mein gegenwärtiger Vorschlag gewisse bescheidene Ähnlichkeiten damit aufweist.

Ich hoffe daher, dass dieser Bericht dazu beitragen wird, die Akademie zu bewegen, jene Mittel zu Verfügung zu stellen, die notwendig sind, um die verbleibenden Fragen zum galaktischen Zoo endgültig beantworten zu können. Ich bin überzeugt, dass dies nur durch eine Expedition zu Sol 3 möglich ist, eine Expedition, die sowohl von historischem als auch biologischem Interesse sein würde, wie ich argumentieren möchte.

Doch nun zu einer systematischen Darstellung der gegenwärtigen Situation. Als Spezialist für die große wirtschaftliche Stagnation gegen Ende des Zeitalters der materiellen Transportation vor ungefähr 400 Millionen Jahren habe ich mich gründlichst mit all jenen Versuchen der damaligen Zentralregierung beschäftigt, die eine Verbesserung der Infrastruktur in den verschiedenen Teilen unserer Milchstrasse zum Ziele hatten.

Ob der entscheidende Schritt die Förderung raschen Wirtschaftswachstums, die starke Dezentralisierung der Verwaltung oder die rasche Substitution der materiellen Transportation durch die galaxisweite Einführung der Feelies war, ist nach wie vor eine Streitfrage unter uns Wirtschaftshistorikern. Fest steht aber, dass zwar keine der früheren Einzelmaßnahmen einen Durchbruch erzielen konnte, jedoch einige davon durchaus lokale und beachtliche Erfolge zeitigten.

Eine solche Maßnahme war die Errichtung eines galaktischen Zoos als Fremdenverkehrsattraktion in einem wirtschaftlich besonders rückständigen Gebiet der Milchstraße. Nach längeren Standortdiskussionen - viele Distriktverwalter versuchten, wie üblich, die beachtlichen Subventionen für ihren Bereich zu sichern - fiel die Entscheidung auf das System Sol, das in einem eher langweiligen und sternenarmen Ausläufer der Randspirale Z18 liegt.

Dieses Sonnensystem mit neun Planeten, etwa 70 Monden, einem Asteroidengürtel zwischen Sol 4 und Sol 5, und einer beachtlichen Anzahl von kleineren Himmelskörpern schien sich besonders für die Errichtung eines galaktischen Zoos anzubieten.

Obwohl es selbst unbesiedelt und ohne Spuren höherentwickelten tierischen Lebens war, befand es sich in der Nähe von größeren Kolonien wie z.B. Centauri 6-8, Sirius 11 und Sirius 13, Wolf 4 usw. (um nur einige zu nennen), die alle von einer größeren Femdenverkehrsattraktion ungemein profitieren würden.

Das Sonnensystem Sol selbst bot mit Sol 3 einen guten Kandidaten für den Haupttiergarten, mit einer bereits vorhandenen einfachen Tier- und Pflanzenwelt, einer mitteldicken Gashülle und einem ausgedehnten Meer, aber auch mit den notwendigen großen Landmassen. Ein mäßiges Ausmaß planetarischer Veränderungen würde genügen, um verschiedensten galaktischen Tier- und Pflanzenarten der Kohlenstoff/Sauerstoffkategorie eine gute Heimstätte bieten zu können.

Für einige exotischere Lebensarten waren andere Teile des Systems Sol bestens geeignet. Die hübschen Metallmetaboliker von Ziron und Trukon würden sich in den Blei- und Zinnseen von Sol 1 wohlfühlen und die Librationszone von Sol 1 als Laichgründe verwenden können; die Mineraloiden - die bekanntlich Schwerkraft und selbst geringe Mengen Gas kaum vertragen - würden auf Kleinasteroiden gedeihen; für die Hochdruckgasqualler kam Sol 5 in Frage; und selbst Sol 9 war offenbar - nach minimalen planetarischen Adaptionen - für mehrere Gattungen von lichtempfindlichen Eislern denkbar.

Zwei weitere Argumente sprachen sehr für Sol: einerseits kreisen alle Planeten fast in einer Ebene, was bekanntlich die Errichtung von Ferntransmittern sehr erleichtert; zweitens bot Sol neben der Attraktion des geplanten galaktischen Tiergartens auch noch einige andere Sehenswürdigkeiten von zwar nicht gerade einzigartiger Natur, aber doch von einer Qualität, die als Abrundung eines Ferienerlebnisses recht annehmbar ist: starke und optisch-akustisch beeindruckende elektrische Stürme auf Sol 3, Bootfahrten auf Zinnseen auf Sol 1, Flugreisen mit Infrarotsehern auf dem wilden Sol 2, permanente Riesenvulkanausbrüche auf einem der Monde von Sol 5, das amüsante, wenn auch kindische Asteroidenhüpfen im Asteroidengürtel, ein ausgeprägtes Ringsystem um Sol 6 (nicht so groß wie das berühmte um Hexaklet 4, aber auch im Vergleich durch seine Zartheit hübsch, ja fast rührend) und der große Eisfall auf Sol 9 sind einige der Hauptattraktionen des Systems Sol, die in späteren Reiseführern immer wieder erwähnt werden.

So wurde also mit der Errichtung des galaktischen Zoos im System Sol begonnen. Hauptschwerpunkt war Sol 3. An größeren Eingriffen am Planeten selbst ist nur eine Kippung der Rotationsachse auf 23 1/2 Grad zur Bahnebene des Planeten zu erwähnen: dies war notwendig, um hinreichend viele Klimazonen mit jahreszeitlichem Wechsel zu erzielen. Der Südkontinent musste weitgehend umgestaltet werden, um die Voraussetzungen für gewisse Beutelsäugetiere zu schaffen und einige Landbrücken wurden gesprengt, um Tiermigrationen zu verhindern: beispielsweise musste man große Raubkatzen vom Südkontinent fernhalten, da sie sonst den dortigen Tierbestand gefährdet hätten.

Insgesamt aber waren nur bescheidene Eingriffe notwendig, bevor mit der Besiedlung von Sol 3 mit den verschiedensten Pflanzen- und Tierarten aus der gesamten Galaxis begonnen werden konnte.

Tatsächlich ist eigentlich der Ausdruck "galaktischer Zoo" fast irreführend, da über Maßnahmen - wie die beschriebenen - hinaus keine Versuche unternommen wurden, verschiedene Lebensarten von einander getrennt zu halten, und auch Pflanzen mitberücksichtigt wurden. Bis auf offensichtliche Inkompatibilitäten, die von vornherein bekannt waren (wie z.B. zwischen Eisbären und Pinguinen, die man daher an entgegengesetzten Polareiskappen ansiedelte), überließ man die Entwicklung der Tier- und Pflanzenwelt selbst.

In diesem Sinn kann der "galaktische Zoo" auch als ein biologisch einmaliges Experiment betrachtet werden: ein Planet mit einer Artenvielfalt wie Sol 3 - mit Pflanzen und Tieren aus allen Ecken der Galaxis zusammengewürfelt - war einmalig, es würde wohl auch einen solchen nie mehr geben, und Sol 3 war bald nicht nur eine echte Fremdenverkehrsattraktion, sondern auch ein tierisch-pflanzliches Labor wahrhaft planetaren Ausmaßes.

Nicht alles entwickelte sich wie vorgesehen: es erwiesen sich z.B. die mächtigen Saurier den sehr viel schwächer eingestuften Säugetieren gegenüber als dermaßen unterlegen, dass nur gewisse zwergartige Abarten der Saurier langfristig überlebten. Dennoch erbrachte der galaktische Zoo aber auch den Beweis für die erstaunliche Koexistenzfähigkeit verschiedenster Lebensarten: wer hätte denn vermuten können, dass so verschiedene Tierarten wie z.B. Säuger, Vögel, Fische, Insekten, Kriechtiere, usw. auf ein- und demselben Planeten nicht nur nebeneinander, sondern sogar vermischt, manchmal als Jäger-Gejagte, manchmal auch als Symbionten leben würden können!

Als Wirtschaftshistoriker kann ich nur ein bisschen von dem Erstaunen nachempfinden, was die den galaktischen Zoo beobachtenden Biologen offenbar damals fühlten. Für mich bedeutsamer war die Tatsache, dass der galaktische Zoo ein touristischer und damit wirtschaftlicher Hit wurde; vielleicht haben die Berichte der Biologen über das "größte biologische Experiment ohne jede Schranken" (ich zitiere eine Fachzeitschrift knapp 180 Jahre nach der offiziellen Eröffnung des galaktischen Zoos) auch dazu beigetragen.

Eher glaube ich allerdings, dass das geschickte Vermarkten von an sich recht einfachen Zusatzattraktionen ausschlaggebend war: die "Höhle durch den Mond" (die mit 3000 km Gesamtlänge ja z.B. nur ein Zehntel so lang ist wie die berühmte rote Höhle unseres Heimatplaneten) wurde ungerechtfertigt aber erfolgreich genauso übertrieben beworben wie das Sandsegeln auf Sol 4, wie das "Umsegeln des 2. Mondes von Sol 4 mit eigener Sprungkraft" (dass der 2. Mond von Sol 4 den Ausdruck "Mond" mit seinen 50 km Durchmesser gar nicht verdient, wurde wohlweislich verschwiegen), oder wie das "allabendliche Feuerwerk auf Sol 5", das durch kleinere Atomsprengkörper ausgelöst wurde und von dem Astrophysiker behaupten, dass selbst Hunderte Millionen Jahre nach der Einstellung dieses Feuerwerkunfugs wohl noch immer ein roter Fleck sichtbar bleiben würde. (Eine heutige Expedition zu Sol würde auch diese Frage klären!)

Die Entwicklung des galaktischen Zoos fiel übrigens mit den in der Geschichte immer wieder feststellbaren dümmlich-heuchlerischen "Schützt die Umwelt"-Wellen zusammen: während man zuerst Sol mit Tausenden systemfremden Tieren bevölkerte, die Achse von Sol 3 kippte, usw. bestand man anschließend darauf, den "natürlichen Zustand" des Sonnensystems möglichst zu erhalten! Als positive Konsequenz wurden alle touristischen Anlagen unter den Oberflächen der Planeten angelegt, wodurch die Firmen auf Centauri 6 die Unteroberflächenbauweise so perfektionieren konnten, dass sie Jahrtausende führend blieben; dass der Urzustand durch die Einrichtung des Zoos an sich schon völlig vernichtet worden war und in diesem Sinne eine Zerstörung durch Bauten ja gar nicht mehr möglich war, wurde geflissentlich übersehen.

Aber wir kennen das ja auch aus der Geschichte unseres eigenen Planeten Zentrax 4: die Rufe nach "Schützt die Natur", während die Bevölkerung hemmungslos weiter wächst, das Bestreben "rettet die großen Steppenflächen" (die allerdings erst durch die Abholzung der ursprünglich dort vorherrschenden Wälder entstanden waren), sind genauso gute Beispiele wie die Umweltprobleme, die dadurch ausgelöst wurden, dass man aus unberechtigter Angst vor der Energiegewinnung mittels KS veraltete Nukleartechnologien viel zu lange weiterführte.

Aber ich komme vom Thema ab. Und die Tragik-Komödie der Entwicklung von Energiegewinnungsverfahren ist ja im Bericht 211 des IGG "Die Geschichte der Energiegewinnung" im Detail nachzulesen. Jedenfalls, der galaktische Zoo wurde ein großer Erfolg und wäre es wohl auch geblieben, hätte nicht etwa 200 Jahre nach seiner Eröffnung die zunehmende Perfektionierung der Feelies den Anreiz zu tatsächlichen Reisen immer mehr verringert.

Bis zu einem gewissen Grad ist es heute ja eigentlich unverständlich, dass die Reiselust der Menschen solange anhielt, wie sie es tat: schließlich boten dreidimensionale Displayschirme schon hunderte Jahre lang eine so perfekte Abbildung der Wirklichkeit, dass man sich erstaunt fragen muss, warum viele Menschen strapaziöse Reisen zu Naturphänomenen bevorzugten, obwohl bequem betrachtbare großartig produzierte "virtuelle Wirklichkeiten" oft sehr viel bessere Einblicke boten, als eine geführte Tour in einer großen Reisegruppe.

Die Möglichkeiten der Feelies aber, zusammen mit einer Gruppe von Freunden ohne Reisen im üblichen Sinn eine sichtbare, berührbare und interaktive Szene zu erleben - und eben z.B. eine beliebige Ansammlung von Tieren sozusagen ins Wohnzimmer zu holen - versetzte dem Reisetourismus bekanntlich den Todesstoß, und damit auch dem galaktischen Zoo. Er erlebte den 250. Jahrestag seiner Gründung nicht mehr. Die Anlagen wurden geschlossen, Tier und Pflanzenwelt sich selbst überlassen und alle Menschen aus dem System abgezogen.

Und hier ergibt sich nun jene Situation, die mich seit Jahren peinigt und veranlasst, immer wieder für eine Expedition nach Sol 3 zu plädieren: meine Recherchen in der umfangreichen und sorgfältigen Dokumentation der Schließung des galaktischen Zoos scheinen unumstößlich zu belegen, dass man auf den Abtransport eines Menschenpaares von Sol 3 vergessen hat. Und zwar handelt es sich um die letzten Tierwärter, die damals vor ca. 400 Millionen Jahren bis zum Schluss in rührender Weise versuchten, den Zoo zu retten, und von den letzten Besuchern immer liebevoll mit Vornamen angesprochen wurden: Adam und Eva.

Ich glaube, wir schulden es den beiden festzustellen, was nach der Evakuierung von Sol geschah und wie Adam und Eva als Gestrandete auf Sol 3 leben konnten. Schließlich aber ist eine Expedition zu Sol ja auch aus biologischen Gründen interessant, um feststellen zu können, wie sich die durch den galaktischen Zoo ausgelöste Vielfalt von Tieren weiterentwickelt hat. Ich hoffe, dass dieser Bericht dazu beiträgt, die Verantwortlichen zur Finanzierung einer solchen Expedition zu bewegen. Am Rande sei mir gestattet, anzumerken, dass Raumflottenmanöver, deren Wert in der Öffentlichkeit immer wieder angezweifelt werden, mehr als das 30.000-fache einer Expedition nach Sol kosten. März 4319 n.W., Zentrax 4.

P.S.: Die Expedition zu Sol 3 wurde letztendlich genehmigt und unter meiner Leitung inzwischen durchgeführt. Die Ergebnisse sind so verblüffend, dass sie als eigener Bericht 351, IGG "Der galaktische Zoo auf Sol 3 - vulgo Erde - heute" zusammengefasst wurden.

Dieser Aufsatz ist aus dem Buch "Der Anfang" aus der XPERTEN-Reihe.