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Engagierte Grenzgängerin#

Feministin und Kunstvermittlerin zwischen Asien und USA: Nachruf auf Beate Sirota#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 16. Jänner 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Irene Suchy


Beate Sirota-Gordon
Feministin und Kunstliebhaberin: Die Aufnahme zeigt Beate Sirota im Jahr 1947 auf einer Reise nach Japan.
© privat

Die gebürtige Wienerin hat die japanische Verfassung mitgeschrieben.#

New York. Eine unbesungene, unbekannte Heldin - so wird Beate Sirota-Gordon in den weltweiten Nachrufen genannt: eine gebürtige Wienerin, Mittlerin der Kunst zwischen Japan und den USA und Frauenrechtlerin. Sie starb am 30. Dezember 2012 in New York, ein paar Wochen nach ihrem Ehemann Joseph Gordon, mit dem sie 63 Jahre lang verheiratet war. Sie war, wie sie ihre Memoiren übertitelte, die einzige Frau im Raum - wenigstens die einzige Übersetzerin. Der Raum, von dem sie spricht und in dem sie Geschichte schrieb, lag in den General Head Quarters Tokyo, der Gastgeber war der Oberbefehlshaber der US-Besatzungstruppen in Japan, General Douglas MacArthur. In diesem Raum, als eine von 26 Mitgliedern, erarbeitete sie im Februar 1946 binnen weniger Tage die japanische Verfassung. Sie war 22, gerade mit der US-Armee nach Japan zurückgekehrt und froh, nach Ende des Pazifischen Krieges ihre Eltern wieder unversehrt getroffen zu haben. Seit 1939 Studentin in San Francisco, wohin ihre Eltern sie aus Japan gebracht hatten, hatte die Rektorin des Mills College ihren feministischen Geist gestärkt. Tochter und Eltern sind von 1939 an bis zur Kapitulation Japans 1945 ohne Nachricht voneinander.

Apostrophiert als Frau sollte sie also nun, 1946, die Rechte der Frauen in der japanischen Verfassung verankern, sie geht noch weiter, will auch die akademische Freiheit darin geschrieben sehen. MacArthur macht den Weg zu Emanzipation und Wahlrecht frei. Beate Sirota studiert die Sowjet-Verfassung von 1918 und die US-Constitution. Sie benennt in Artikel 14 alle Menschen als gleich vor dem Gesetz und fordert in Artikel 24, dass Heirat ausschließlich in gegenseitiger Zustimmung erfolgen dürfe, unter der Voraussetzung gleicher Rechte für beide. Japanerinnen nannten ihren Einsatz "Beates Geschenk". Bei ihren zahlreichen Besuchen in Japan in ihrer Funktion als Direktorin der darstellenden Kunst der Japan Society und der Asia Society seit 1954 wiederholte sie ihre Aufrufe an die Frauen Japans. Die japanische Regierung dankte es ihr 1998 mit der Verleihung des Ordens des Heiligen Schatzes 4. Klasse.

Filmreife Lebensgeschichte#

Die Vorgeschichte zu dieser zentralen Episode in Beate Sirotas Leben ist filmreif: Beate wird 1923 in Wien geboren. Der Vater, Leo Sirota, ist 19-jährig aus Kiew nach Wien gekommen, um Klavier zu studieren. Die Mutter ist die Schwester des Dirigenten Jascha Horenstein. Das Familienleben in der Währinger Straße 48 ist glamourös und witzig: Man ließ Brieftauben steigen und hatte den Kaviar schon satt.

1929, kurz vor dem Börsenkrach, tritt Beate mit den Eltern die Reise nach Wladiwostok an. Vermittelt durch Kôsaku Yamada, den in Japan einflussreichen Komponisten und Mitbegründer des New Japan Symphony Orchestra, wird Leo Sirota Professor für Klavier in Tokyo. Obwohl nur als Zwischenstopp geplant, folgen Jahre des erfolgreichen Konzertierens in Japan. Leo Sirota setzt sich ab den 1930er Jahren hilfreich für NS-Verfolgte ein.

Nach dem 27. September 1940, als Japan dem "Dreimächtepakt" beigetreten ist, wird die Lage für ihn als jüdischen Exilanten immer unsicherer, 1944 wird er entlassen und in seinen Arbeitsmöglichkeiten extrem eingeschränkt. Schließlich muss er sein Haus in Akasaka verlasen, das Paar wird gemeinsam mit anderen Exilanten aus NS-Deutschland - wie Joseph Rosenstock, Leonid Kreutzer, Margarete Netke-Löwe - im Luftkurort Karuizawa als feindliche Ausländer interniert.

Sirota kam nicht als Exilant, er wurde dazu gemacht. Seiner Tochter Beate galt er nicht als NS-Opfer. Die Geschichte der Sirotas geht gut aus. Wie viele aus Europa kommende Musikschaffende geht Leo Sirota in die USA, wo er lehrt und im Radio den ersten vollständigen Beethoven-Sonaten-Zyklus gibt.

Beate arbeitet an der Vermittlung und Emporbringung der Kunst aus dem asiatischen Raum von New York aus. 1993 betrachtet sie noch einmal den Raum, in dem sie feministische Geschichte schrieb. Wien, ihre Geburtsstadt, hat sie indes niemals besucht, sie wurde niemals eingeladen.


Wiener Zeitung, Mittwoch, 16. Jänner 2013