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Rabenschwarze Mordgeschichten#

Entdeckungen zu einer Wiener Krawallzeitung aus der Ära Josephs II.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 7. November 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Anton Tantner


Gevatter Tod lieferte der 'Schwarzen Zeitung' reichlich blutrünstigen Stoff
Gevatter Tod (ganz rechts) lieferte der "Schwarzen Zeitung" reichlich blutrünstigen Stoff.
© Bild aus: Emblems of Mortality, London 1789. Repro: Ph. Aufner

Gar grässlich und abstoßend soll sie gewesen sein, ihr Inhalt voller "Unglüksfälle, und Biographien von lauter Selbstmördern", verfasst durch "einige zweideutige Köpfe": So charakterisiert der Schriftsteller Johann Pezzl im vierten Heft seiner berühmten Skizze von Wien aus dem Jahr 1787 die berüchtigte "Schwarze Zeitung". Seit "einigen Monaten" suchte letztere zweimal in der Woche die Wiener Bevölkerung heim, war in einer volkstümlichen Sprache geschrieben und so gedruckt, dass die Blätter zu einem "Hauslesebuch" zusammengebunden werden konnten. Das Verdikt Pezzls ist eindeutig: "Und diese nichtswürdige Zeitung wird vom gemeinen Volk stark gelesen. - Wäre ihre Schuld auch nur diese, daß sie das geringe Publikum wieder an den abscheulichen Geschmak für Mordgeschichten gewöhnt, so verdiente sie schon verdammt zu werden."

Not aus aller Welt#

Die "Schwarze Zeitung" mag von den publizistischen Hervorbringungen der "erweiterten Preßfreiheit" (so nannte man die gelockerte Zensur unter Joseph II., Anm.) der spektakulärsten, grausamsten eine gewesen sein, reich an blutigen Splatterstories und gruseligen Schauer bei ihren Leserinnen und Lesern provozierend; die sonst so rationale und vom Licht der Aufklärung durchflutete "erste Wiener Moderne" (Historiker Christian Ehalt) zeigte damit auch ihre abgründige, dunkle Seite. Und doch, trotz des Aufsehens, das sie erregte, und trotz des literarischen Denkmals, das Hugo von Hofmannsthal ihr in seinem Libretto zum Rosenkavalier setzte: Bislang ist kein erhaltenes Exemplar der "Schwarzen Zeitung" bekannt und detailliertere Informationen über sie fließen nur spärlich. Um drei Kreuzer war sie zu haben, Reiseberichte machten gelegentlich von ihr Erwähnung, und 1845 behauptete Franz Gräffer in seinen Wiener Memoiren, dass ein gewisser Johann Anton Liebenstein Mitarbeiter des anrüchigen Blatts gewesen sein soll. Besagter Liebenstein war ein ehemaliger Kartäuser, 1752 in Graz geboren und am 16. Juli 1833 in Wien, Landskrongasse 552, an Altersschwäche verstorben, wie es die "Wiener Zeitung" drei Tage nach seinem Tod vermeldete.

Während diese Eckdaten weitgehend bekannt sind, sind viele weitere Fragen zur "Schwarzen Zeitung" bislang unbeantwortet. Aufgrund von einem kleinen Zufallsfund im Niederösterreichischen Landesarchiv und einem dank Google Book Search erzielten Treffer in der "Oberdeutschen Staatszeitung" können jetzt einige wenige Mosaiksteinchen zur Geschichte dieses frühen Krawallblatts hinzugefügt werden:

So ist nun gesichert, dass ein Gesuch um "die Erlaubnis ein Zeitungsblatt unter dem Titul die Schwarze Zeitung für Menschenfreunde, und Menschenhasser herauszugeben" von einem gewissen Robert Klinger im Oktober 1786 der Niederösterreichischen Regierung vorgelegt wurde. Letztere verlangte von diesem noch Erläuterungen, "was er in seiner herauszugebenden Zeitung unter den Geschichten des menschlichen Elendes für den Tag und den Urkunden höherer Art verstehe" und erledigte - nach der Lieferung des gewünschten "Probauszug" durch Klinger - das Ansuchen per 21. November 1786 mit positivem Entscheid; am 4. Dezember desselben Jahres wurde diese Bewilligung expediert. Zwei Monate später, am 8. Februar 1787, konnte die von Lorenz Hübner in Salzburg herausgegebene "Oberdeutsche Staatszeitung" vom Resultat aus Wien berichten: "Seit einigen Tagen kam hier eine sogenannte schwarze Zeitung für Menschenfreunde und Menschenhasser unter der Aufschrift: "Allgemeine Geschichte des menschlichen Elends in allen Welttheilen" zum Vorschein, die eben so schauerlich aussah, als das Titelblatt des bekannten Nürnbergischen "Kriegs-Mord und Tod- auch Jammer- und Noth-Kalender"". Die "Schwarze Zeitung" hatte nämlich, "welches bey Zeitungen doch etwas seltenes ist, ein Todtengerippe, an einer schwarzen Tafel angelehnt, mit den übrigen Todesgeschmeiden stattlich ausgerüstet, statt einer Vignette".

A. a Sancta Clara, Todten-Capelle, Nürnberg 1710
© Bild: A. a Sancta Clara, Todten-Capelle, Nürnberg 1710. Repro: Ph. Aufner

40.000 Verbrecher#

Letztere Angabe über das Titelblatt deckt sich mit Pezzls Bemerkung, dass an "der Fronte der Tod" stehe, und es ist nur zu wahrscheinlich anzunehmen, dass die erste Ausgabe der "Schwarzen Zeitung" somit im Jänner 1787 herauskam. Die "Oberdeutsche Staatszeitung" vermerkte weiters, dass das neue Blatt "ein Auszug aller europäischen Zeitungen seyn sollte" und darin "die Zahl aller in den Oesterreichischen Staaten dermal vorhandenen Verbrecher angezeigt war, welche sich auf mehr nicht, als - vierzigtausend Köpfe belaufen soll". Und schließlich vermeldete das Salzburger Blatt im selben Beitrag auch die frühe Einstellung der anrüchigen Publikation:

"Allein diese schwarze Zeitung erreichte bald nach ihrem Erscheinen ein seliges Ende; denn kaum waren ein Paar Blätter heraus, als ein Zensurverbot darüber auskam."

Der von den niederösterreichischen Protokollbüchern nun preisgegebene Name des Herausgebers, Robert Klinger, dürfte allerdings die Forschung noch vor einige Herausforderungen stellen: Die üblichen Nachschlagewerke, seien es etwa der Wurzbach ("Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich" von C. v. Wurzbach, Anm.), die Oesterreichische National-Encyclopädie sowie der Portheimkatalog der Wienbibliothek verzeichnen ihn genauso wenig wie die einschlägigen Bibliothekskataloge und die im Wiener Stadt- und Landesarchiv befindlichen Hilfsmittel, womit offen bleiben muss, ob es sich dabei um einen großen Unbekannten oder ein Pseudonym handelt.

Weiterhin im Dunkeln#

Aufhellen lässt sich mit diesem Fund allerdings die vermeintliche Mitarbeit des aufklärerischen Schriftstellers und Zensors Aloys Blumauer an der "Schwarzen Zeitung", die zuerst von Gustav Gugitz (Kulturhistoriker, 1874-1964, Anm.) kolportiert wurde. Diese Behauptung wurde bereits von der Aufklärungsforscherin Edith Rosenstrauch-Königsberg (1921-2003) bezweifelt und stützte sich auf eine Passage, die sich in einem Manuskript befindet, das als Beilage zu einem mit 29. April 1784 datierten Brief Max Lambergs an Johann Friedrich Opitz in der Handschriftensammlung des Prager Národní Muzeum erhalten ist.

In einer längeren Beschwerde gegen Blumauer und dessen Polemiken (die u.a. Friedrich Nicolais Wien-Reisebericht galten, Anm.) findet sich darin auf Blumauer gemünzt die Behauptung: "er giebt eine schwarze Zeitung heraus, die jederman begeifert und beschmuzt". Diese Bemerkung ließ Gustav Gugitz mutmaßen, dass die "Schwarze Zeitung" schon 1784 erschienen wäre, doch liegt wohl eine andere Schlussfolgerung nahe.

Wenn die "Schwarze Zeitung" erst im Jänner 1787 ihr Erscheinen begann, so ist der im besagten Manuskript auftauchende Begriff "schwarze Zeitung" wohl schlicht als Metapher für die "Realzeitung" zu verstehen, die Blumauer vom Oktober 1782 bis September 1784 herausgab. Die "Schwarze Zeitung" selbst aber bleibt ein monströses Faszinosum der ersten Wiener Moderne und harrt weiterer Entdeckungen.

Anton Tantner ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Wien. Eine längere Fassung dieses Beitrags mitsamt Belegen erscheint in der Ausgabe 2014-2 der Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich.

Weitere Informationen online unter tantner.net und buchforschung.at.

Wiener Zeitung, Freitag, 7. November 2014