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Gerechtigkeit ohne Freiheit #

Vor 500 Jahren verfasste der Parlamentsabgeordnete, Richter und Lordkanzler Thomas Morus den staatsphilosophischen Roman „Utopia“. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 11. Februar 2016).

Von

Oliver vom Hove


Utopia
Utopia. Als Dialog verfasst, wird im ersten Teil unter anderem die zeitgenössische Eigentumsordnung kritisiert, im zweiten Teil erzählt Raphael Hythlodaeus die Sozialordnung der Insel Utopia, die er entdeckt haben will.
Aus: Wikicommons, unter PD

Er hatte eine der glänzendsten Karrieren vom nichtadeligen Londoner Anwalt zum Kanzler von England und engen Vertrauten des Königs hinter sich – und war unbestechlich und unabhängig geblieben. Er warnte zeitlebens vor dem Missbrauch der Macht und fiel am Ende selbst dem Machtrausch eines blutigen Tyrannen zum Opfer. Umgeben von Heimtücke, Missgunst und politischer Ranküne blieb er unbeirrbar seinen Grundsätzen und dem eigenen Gewissen treu.

Thomas Morus, Parlamentsabgeordneter, Richter, Diplomat, Lordkanzler und Verfasser eines der wichtigsten staatstheoretischen Werke der Weltliteratur, war nicht nur einer der geistvollsten, sondern auch einer der mutigsten und unerschrockensten Männer seiner Zeit. Vor die Entscheidung gestellt, sich der Willkürherrschaft eines hemmungslos seinen Leidenschaften verfallenen Despoten zu beugen und seinen Überzeugungen abzuschwören, verweigerte er den Gehorsam. Die Folgen sind bekannt und durch die Jahrhunderte immer wieder die gleichen: Verhaftung, Kerker, Hinrichtung.

Dabei hatte sich dieser bedeutende Humanist Englands nie nach einem politischen Amt gedrängt. 1478 als Sohn eines Richters in der Londoner Milk Street geboren – der berühmte Lexikograph Thomas Fuller konnte sich das Wortspiel nicht versagen und nannte ihn „den leuchtendsten Stern, der je in dieser Milchstraße erschien“ –, kennzeichnen Paradoxien sein Leben von Anfang an. Zeitweilig am Hof des Erzbischofs Morton von Canterbury erzogen, belegte More auf Wunsch seines Vaters in Oxford und London trotz großem theologischen Interesse die rechtswissenschaftlichen Fächer und betrieb seine humanistischen Studien nebenher.

Als „bartloser Knabe“ im Parlament #

Obwohl Thomas More ursprünglich eine akademische Laufbahn angestrebt hatte, wurde er nach und nach mit den höchsten Staatsämtern betraut. Mit fünfundzwanzig saß er bereits, „ein bartloser Knabe“, wie es die Chronik überliefert, im Parlament und bekämpfte erfolgreich die übermäßigen Steuerforderungen König Heinrichs VIII. Gleichzeitig übersetzte er zusammen mit Erasmus von Rotterdam, den er als knapp Zwanzigjähriger zum Freund gewonnen und der ihm schon 1499 unter deutlicher Anspielung auf seinen Namen sein „Encomium Moriae“ (‚Lob der Torheit‘) gewidmet hatte, die Dialoge des Lukian ins Lateinische, von dessen Ironie und Zeitsatire sich Thomas More stark angeregt fühlte.

Die enge freundschaftliche Beziehung zu dem Humanisten Erasmus bestimmte auch Plan und Durchführung seines großen staatsphilosophischen Romans, der einer ganzen literarischen Gattung den Namen gab: „Utopia“. Schon mit 23 Jahren hatte More Vorlesungen über den „Gottesstaat“ des Augustinus gehalten; während einer diplomatischen Mission in Flandern entstand dann 1515, in regem geistigen Austausch mit Erasmus, jener Teil des zweibändigen Werks, in dem More seine Theorien vom idealen Staat entwickelte. Dass dies zur selben Zeit geschah, als Erasmus seine „Institutio principis christiani“ und Machiavel li in Florenz seinen berüchtigten „Principe“ vollendeten, wirft ein bezeichnendes Licht auf die geistige Bewegtheit dieser Jahre.

In Form eines Reiseberichts #

Dabei stand für More nicht nur die alte, von Platos Überlegungen ausgehende Frage zur Debatte, ob er als Philosoph an den Hof des Königs gehen sollte, sondern er beabsichtigte vor allem, durch den Entwurf eines Gegenmodells, das, wie es im Vorbericht der „Utopia“ heißt, „man zum Vorbild nehmen könnte, um die Mißstände der hiesigen Städte und Staaten, Völker und Reiche zu verbessern“, seine Kritik an dem immer mächtiger werdenden Absolutismus der Renaissancestaaten und an der damit in engem Zusammenhang stehenden Entwicklung der Geldwirtschaft umso deutlicher werden zu lassen.

Die literarische Einkleidung in die Form eines Reiseberichts diente dabei sowohl der Verstärkung des Wirklichkeitsanspruchs von Mores Modellstaat wie der Tarnung konkreter Anspielungen auf die Zustände im England des inzwischen an die Macht gekommenen Heinrichs VIII.

Was More in Opposition zu den herrschenden Verhältnissen seiner Zeit erfand, ging auf Platos „Politeia“ und gewisse Formen des Urchristentums zurück. Er sah in der bestehenden Verflechtung von Macht und Materialismus eine „Verschwörung der Reichen, die im Namen und unter dem Rechtstitel des Staates für ihren eigenen Vorteil sorgen“, und glaubte, nur durch die Abschaffung des Privateigentums eine gerechte Güterverteilung erreichen zu können. Wie sehr ihn dabei die damaligen gesellschaftlichen Mißstände in England zu einer umfassenden Theorie des Sozialstaats drängten, ist an den eingehenden Überlegungen zu Gesetzgebung, Strafvollzug, Arbeitsrecht, Gewerbeordnung, Alters- und Krankenversorgung, Ehegesetzgebung, Wissenschaft und religiöser Toleranz, aber auch zu Außen-, Bündnis- und Wehrpolitik abzulesen.

Thomas Morus
Thomas Morus. Am 19. Mai 1935 durch Papst Pius XI. heiliggesprochen, ernannte ihn Papst Johannes Paul II. im Oktober 2000 zum Patron der Regierenden und der Politiker.
Aus: Wikicommons, unter PD

Vieles an Mores Staatstheorie mutet heute ungeheuer modern an, wie seine Äußerungen zur Strafrechtsreform, Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft, Arbeitszeitverkürzung, Agrarwirtschaft. Insgesamt aber bietet sich das Bild einer das Prinzip Freiheit zugunsten des Prinzips Gerechtigkeit radikal einschränkenden Plangesellschaft, die trotz vieler liberaler Einzelzüge den übergreifenden totalitären Anspruch nicht verleugnen kann. Die Bedeutung der „Utopia“ als ein Staatsmodell, das als Modelstaat verstanden sein will, liegt denn auch nicht in seiner Realisierbarkeit, sondern in der Herausforderung aller bestehenden Staatswesen zur steten Verbesserung ihrer sozialen Gerechtigkeit.

Kritik an den englischen Zuständen #

More wäre kein Engländer gewesen – noch dazu ein politisch handlungsfähiger –, hätte ihn die politische Wirklichkeit nach seiner Rückkehr aus Flandern nicht immer stärker dazu gedrängt, die Möglichkeiten einer praktischen Verwirklichung seiner Theorien zu überdenken. Und das Land, in das er zurückkehrte, wäre nicht England gewesen, hätte ihn aufgrund seiner außergewöhnlichen Kenntnisse und Fähigkeiten nicht sehr bald schon der Ruf in ein Staatsamt erreicht.

Doch More zögerte noch immer und machte sich stattdessen daran, dem staatstheoretischen Teil der „Utopia“ einen längeren Dialog des Herausgebers mit seinem (fiktiven) Reiseberichterstatter voranzustellen. Darin bringt er neben der Erörterung der ihn persönlich bedrängenden Entscheidung für oder wider die Annahme eines politischen Amtes neuerdings seine Kritik an den englischen Zuständen – diesmal offen und unverblümt – zum Ausdruck. Unter dem Gesichtspunkt eines scharf umrissenen sozialpolitischen Programms werden die brennendsten Fragen damaliger Tagespolitik geprüft und zu beantworten versucht.

Mit der „Vorrede“ ließ More noch deutlicher werden, wie seine nachfolgende Abhandlung vom Idealstaat zu lesen sei: als das der Wirklichkeit bewusst gegenübergestellte Bild der besten Möglichkeit. Gleichzeitig stellte er seine Utopie in einen konkreten geschichtlichen Zusammenhang und nahm durch die Entscheidung, fortan seine Kenntnisse und Fähigkeiten in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, zur Frage der Verwirklichung einer politischen Theorie eindeutig Stellung.

Als undogmatischer Vertreter einer aufklärerisch- liberalen Toleranz entschied er sich bei aller Schärfe der Gesellschaftskritik für die realpolitische Anpassung seines Reformprogramms an die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse und lehnte das starrsinnige Verharren im doktrinären Bereich bloßer Theorie entscheiden ab. Dabei sah er selbst mit erstaunlicher Klarheit die wesentliche Schwäche seiner und anderer vom Geist der Renaissance geprägten Staatstheorien voraus, nämlich die Überschätzung der Vernunft und der Glaube an die absolute Machbarkeit eines bis ins kleinste rationalistisch durchorganisierten Gemeinwesens: „Denn es ist unmöglich, dass alles gut ist, es sei denn, dass alle Menschen gut wären; aber das erwarte ich für eine ganze Reihe von Jahren noch nicht“, heißt es bezeichnenderweise in der „Utopia“.

Steiler politischer Aufstieg #

Das Buch erschien vor 500 Jahren, 1516, erstmals im Druck. Mores nun folgender politischer Aufstieg war ebenso stetig wie steil. Er wurde nacheinander Friedensrichter, Mitglied des Staatsrats, Unterschatzmeister und Diplomat in höchstem Auftrag. Als Vorsitzender des Unterhauses setzte er sich entschieden für die uneingeschränkte Redefreiheit im Parlament ein und strebte eine Art parlamentarischer Immunität der Abgeordneten an.

Der König, der am Umgang mit dem feinsinnigen und geistreichen Humanisten Gefallen fand, machte ihn zu seinem persönlichen Berater und verfasste auf seine Veranlassung eine gegen den Protestantismus gerichtete theoretische Streitschrift, die ihm – eine Ironie der Geschichte – den päpstlichen Ehrentitel eines Streiters für den Glauben (defensor fidei) einbrachte.

1529 schließlich folgte Thomas More trotz seiner wiedererwachten Bedenken dem in Ungnade gefallenen Kardinal Wolsey im Amt des Lordkanzlers. Er sah die Gefahr einer schrankenlosen Machtanmaßung des auf Scheidung von seiner ersten Frau drängenden Königs wie auch die drohende Kirchenspaltung voraus und wollte sich seiner politischen Verantwortung nicht entziehen. Als Heinrich schließlich, nach der Weigerung des Papstes, die Scheidung anzuerkennen, die absolute Gewalt auch in kirchlichen Belangen an sich riss, legte More sein Amt nieder. In seiner „Utopia“ hatte er das Idealbild eines milden, demokratisch gesinnten Königs gezeichnet; nun sah er sich der Gewaltherrschaft eines bedenkenlosen Machtmenschen gegenüber.

Verhaftet und enthauptet #

Im April 1534 wurde Thomas More verhaftet und in den Tower gebracht. 15 Monate hatte er auf seine Hinrichtung zu warten. Währenddessen schrieb er, geplagt von Krämpfen, Gallenschmerzen und bitterer Kälte, sein „Trostgespräch gegen die Trübsal“, das, dem spätantiken Beispiel des Boethius folgend, jener griechischen Tugend der Euthymie nacheifert, die noch im Angesicht des Todes die Unanfechtbarkeit des Geistes und innere Lauterkeit zu bewahren sucht. Noch vor Beendigung des Werks wurden ihm Bücher, Feder und Tinte entzogen. Seine letzten aufmunternden Briefe an Familie und Freunde waren mit einem Stück Holzkohle auf Papierfetzen gekritzelt.

Wegen seiner Weigerung, die Suprematsakte anzuerkennen, die die Trennung der englischen Kirche von Rom endgültig machte und den König zum Oberhaupt der Staatskirche erklärte, wurde er schließlich am 6. Juli 1535, wenige Wochen nach der Hinrichtung seines Humanistenfreundes und Erzbischofs von Canterbury, John Fisher, enthauptet. Auf dem Schafott sprach er die stolzen Worte: „Des Königs guter Diener, doch vor allem Gottes Diener.“ Sein Haupt wurde, wie damals üblich, zur Abschreckung auf der London Bridge aufgepflanzt.

DIE FURCHE, Donnerstag, 11. Februar 2016