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"Veggie Day" schmeckt nicht allen#

Ethiker gegen "moralinsauren Ton" in der Debatte#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Mittwoch, 7. August 2013)

Von

Alexander Dworzak


In Deutschland sorgt der Vorschlag für einen Tag ohne Fleischgerichte in Kantinen für hitzige Debatten.#

Anti-Veggies
Eine "Bundes-Verbots-Republik" sehen Konservative und Liberale heraufziehen.
© reuters

Berlin/Kopenhagen/New York. "Mein Bauch gehört mir", "Burgerrechte stärken" oder "Grüne sind mir Wurst". Vertreter der Jugendorganisationen der deutschen CDU und der FDP versammeln sich vor der Zentrale der Grünen in Berlin, halten Plakate mit mehr oder weniger originellen Slogans hoch. Nicht fehlen dürfen dabei ein Griller und der Stein des Anstoßes: Würste und Fleisch. Hitzig diskutiert Deutschland über den Vorschlag der Grünen nach einem "Veggie Day"; tausende Nutzer posten auf den Seiten von Online-Medien, im Kurznachrichtendienst Twitter belehren einander Befürworter und Gegner und die schwarz-gelbe Regierung warnt vor einer grünen "Bundes-Verbots-Republik".

Eigentlich ist es ein simpler Vorschlag, den die Grünen zur Diskussion stellen: In öffentlichen Kantinen sollen donnerstags nur noch vegetarische oder vegane Gerichte zur Auswahl stehen. Die Öko-Partei wolle damit an die Tradition des fleischlosen Freitags anknüpfen, Gesundheit, Tier- und Klimaschutz fördern, erläutert die Spitzenkandidatin bei der Bundestagswahl im September, Katrin Göring-Eckardt. 337 Seiten umfasst das grüne Wahlprogramm für den Urnengang, ganze zwei Sätze verliert die Partei darin über den "Veggie Day": "Öffentliche Kantinen sollen Vorreiterfunktionen übernehmen. Angebote von vegetarischen und veganen Gerichten und ein ’Veggie Day‘ sollen zum Standard werden."

Zwang zum Vegetarismus fehlt weit und breit, doch startete das Boulevardblatt "Bild" Anfang der Woche eine Kampagne zum Thema: "Grüne wollen uns das Fleisch verbieten", titelte die Zeitung. Auch die seriösen Medien behandeln das Thema: "Ein Veggie Day wäre unverschämt", zürnt die konservative "FAZ". In der linksliberalen "Süddeutschen" verweist man hingegen auf die Produktionsbedingungen in der Massentierhaltung: "Vom ersten bis zum letzten Tag ist das kurze Leben der meisten Nutztiere qualvoll und würdelos."

Je ärmer, desto dicker#

Zwar hat sich die Zahl der Vegetarier in Deutschland in den vergangenen sieben Jahren verdoppelt, doch stehen bei 85 Prozent der Bürger Fleisch oder Wurst auf dem täglichen Speiseplan. Wie in Österreich werden pro Person 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr verzehrt, was zwei Burgern pro Tag entspricht. "Der Fleischkonsum nimmt mit steigendem Bildungsgrad und höherem Einkommen ab", sagt Harald Grethe von der Universität Hohenheim. Und laut einer US-Studie sinkt mit jedem Anstieg des durchschnittlichen Immobilienpreises um 100.000 Dollar die Zahl der Übergewichtigen in der entsprechenden Gegend des Bundesstaats Washington um zwei Prozent. In den ärmsten Gebieten lag die Fettleibigkeitsrate bei bis zu 30 Prozent, in Nobelvierteln nur bei fünf Prozent. Weiters auffällig: Frauen sind wesentlich häufiger sogenannte "Flexitarier" als Männer, essen bewusst weniger Fleisch.

Doch warum emotionalisiert das Thema Fleischkonsum so sehr, während bei Abhörskandalen wie Prism der öffentliche Aufschrei verhältnismäßig ruhig ist? "Datenüberwachung ist ein abstraktes Thema. Essen müssen wir hingegen jeden Tag", sagt Erwin Lengauer. Der Philosoph von der Universität Wien bezeichnet sich als "vegetarischen Hedonisten". Er kritisiert im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" den "moralinsauren Ton" mancher Vegetarier und wünscht sich eine Versachlichung der Debatte.

Mehr als Sommerloch-Thema#

Neu sind die Diskussionen um fleischlosen Genuss nicht, ebenso wenig wie das Wahlprogramm der Grünen; es wurde bereits Ende April vorgestellt. Mehr als drei Monate später lanciert "Bild" seine Kampagne, die wohl auch dem Mangel an Themen in einem zähen Vorwahlkampf geschuldet ist. Tatsächlich wurde bereits im norddeutschen Bremen und beim Sportartikelhersteller "Puma" ein "Veggie Day" ohne großes Aufsehen eingeführt.

Stadt und Konzern folgen dem internationalen Trend nach bewussterem Lebensstil: Vorreiter bei der Durchsetzung strenger Regeln ist New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg. Inspiriert von dem Film "Supersize me", in welchem Fettleibigkeit anhand des permanenten Konsums von McDonald‘s-Menüs gezeigt wurde, will das Stadtoberhaupt die Bürger zu mehr Fitness und weniger Junk Food animieren - jeder zweite New Yorker gilt als fettleibig. Mit dem jüngsten Vorstoß, in Restaurants und Veranstaltungsstätten wie Stadien und Musikarenen nur noch Getränke bis zu 473 Milliliter zuzulassen, scheiterte er aber vorerst. Auch die dänische Steuer auf Lebensmittel mit gesättigten Fettsäuren wurde nach nur einem Jahr aufgrund zu hoher Kosten wieder gestrichen.

Stups oder Bevormundung?#

Denn auch die Essgewohnheiten der Dänen änderten sich nicht wie von der linken Regierung erhofft. Veränderungen könnten weniger durch Verbote erzielt als über Anreize geschaffen werden, urteilen die US-Wissenschafter Richard Thaler und Cass Sunstein. Sie plädieren dafür, den Konsumenten "einen Stups in die richtige Richtung" zu geben. Einen heftigen Stoß erhalten derzeit Australiens Raucher. Zigarettenpackungen mit verfaulten Füßen gehören mittlerweile zum Alltag. Resultat ist wie in Deutschland eine Diskussion über zu wenig Freiheit und zu wenig Eigenverantwortung für die Bürger.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 7. August 2013