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„Durch Respekt für die Freiheit“ #

Vor sechzig Jahren verstarb der aus dem altösterreichischen Tirol stammende Alcide de Gasperi, italienischer Ministerpräsident (1945–1953) und einer der Gründerväter der Europäischen Union. #


Mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (Donnerstag, 14. August 2014)

Von

Christian Hütterer


Alcide de Gasperi
De Gasperi. Zwischen 1945 und 1953 leitete Alcide de Gasperi (2. v. r. auf dem linken Bild) als Ministerpräsident acht Kabinette. Die Kurzlebigkeit italienischer Regierungen war schon damals ein Phänomen...
Foto: © LAPRESSE/ARCHIVIO STORICO

„Der Glaube gibt uns Halt, und der Optimismus ist eine konstruktive Kraft, wenn es darum geht, ein großes politisches und menschliches Ideal zu realisieren, wie es die europäische Einigung darstellt.“ In diesem Zitat werden die beiden treibenden Kräfte – Religion und der Glaube an ein geeintes Europa – im Leben eines Mannes klar, dessen Todestag sich dieser Tage zum 60. Mal jährt. Die Rede ist von Alcide de Gasperi, der in zwei europäischen Staaten politische Karriere machte, seine letzten Jahre aber vor allem der europäischen Einigung widmete und bis heute als einer der Gründerväter der Europäischen Union gilt.

Katholisches Umfeld #

De Gasperi wurde am 3. April 1881 in der Nähe von Trient als Sohn eines Beamten der Tiroler Landespolizei geboren. Die Region stand damals von zwei Seiten unter Druck: von Norden versuchten antiklerikale Alldeutsche, die Region zu germanisieren, während aus dem Süden irredentistische Rufe nach dem Zusammenschluss des Trentino mit dem Mutterland Italien erklangen. Eine Alternative zu diesen beiden radikalen nationalistischen Strömungen bot die katholische Kirche, die sich auch der alltäglichen Probleme der Bevölkerung annahm. De Gasperi war schon seit seiner Kindheit in ein katholisches Umfeld eingebettet. Er besuchte das fürsterzbischöfliche Gymnasium in Trient und trat während seines Studiums in Wien katholischen, italienischsprachigen Organisationen bei. Nach seiner Rückkehr setzte er sich zwar für eine Autonomie der italienischsprachigen Teile Tirols ein, stellte deren Zugehörigkeit zur Monarchie aber nie in Frage.

Zu jener Zeit war die italienische Volksgruppe im Vergleich zu anderen Nationalitäten im österreichischen Abgeordnetenhaus überproportional stark vertreten. 1911 wurde de Gasperi als jüngster der neunzehn italienischen Abgeordneten in das Parlament gewählt und stand anfangs im Schatten seiner erfahrenen Kollegen. In insgesamt 204 Plenarsitzungen konnte er nur zweimal das Wort ergreifen – in den Rankings unserer Zeit wäre er damit wohl sehr weit hinten zu finden. Für ihn selbst war die Zeit im Abgeordnetenhaus aber von sehr großer Bedeutung, denn es war eine Zeit des umfassenden Lernens.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte für de Gasperis Heimat furchtbare Folgen, denn die Bevölkerung des Trentino musste das Frontgebiet räumen und wurde in Lagern im Hinterland der Monarchie untergebracht. De Gasperi setzte sich für die Betroffenen, die unter elenden Bedingungen in Baracken hausen mussten, ein. Der Umgang der Monarchie mit der italienischen Volksgruppe trug auch zu seiner persönlichen Wandlung bei: Bis zum Krieg war er ein loyaler Untertan des Kaisers gewesen, die pauschale Verdächtigung seiner Volksgruppe brachte seinen österreichischen Patriotismus aber ins Wanken.

Nach dem Zerfall der Monarchie fiel das Trentino an Italien. De Gasperi wechselte seine Nationalität und wurde zum Mitbegründer der christdemokratischen Partei Partito Populare Italiano, für die er in das Parlament in Rom einzog. 1926 wurde de Gasperis Partei von den Faschisten verboten und er selbst zu vier Jahren Haft verurteilt. Mit der Unterstützung der katholischen Kirche kam er aber schon nach 18 Monaten frei und konnte im Vatikan, genauer gesagt in dessen Bibliothek, Unterschlupf finden. De Gasperi engagierte sich im katholischen Widerstand und war federführend beteiligt, als im Juli 1943 im Untergrund die Democrazia Cristiana gegründet wurde.

Gruber-de-Gasperi-Abkommen #

Die Aktivitäten im Untergrund machten sich bezahlt, und nach dem Fall des faschistischen Regimes im Jahr 1944 wurde de Gasperi Außenminister der neuen italienischen Regierung. Schon im Jahr darauf stieg er weiter auf und wurde nun sogar Ministerpräsident Italiens. Die Kurzlebigkeit italienischer Regierungen war schon damals ein bekanntes Phänomen, und so leitete de Gasperi in acht Jahren acht Regierungskabinette. In dieser Zeit fielen grundlegende Entscheidungen für das Nachkriegsitalien: Das Land wurde von der Monarchie zur Republik, unterzeichnete einen Friedensvertrag mit den Alliierten und band sich durch den Beitritt zur NATO an den Westen. Trotz dieser Erfolge verfehlten die Christdemokraten bei den Wahlen 1953 die Mehrheit, und damit endete auch die Ära de Gasperi in der italienischen Politik. De Gasperi spielte während seiner Zeit als italienischer Ministerpräsident auch für die österreichische Politik eine bedeutende Rolle: 1946 unterzeichneten er und der damalige österreichische Außenminister Karl Gruber in Paris ein Abkommen über Südtirol, in dem den deutschsprachigen Bewohnern „volle Gleichberechtigung mit den italienischsprachigen Einwohnern“ zugesichert wurde. Wegen der restriktiven Umsetzung durch Italien brachen aber bald die ersten Konflikte auf, und es sollte noch lange dauern, bis die heute gültige Autonomieregelung wahr wurde.

Während seiner Regierungszeit trat de Gasperi gemeinsam mit Konrad Adenauer und Robert Schuman – die wie er überzeugte Christdemokraten aus Grenzregionen waren – vehement für die Einigung Europas ein. Die Kriege, die er selbst miterleben musste, waren für ihn nichts anderes als „europäische Bürgerkriege“, die es in Zukunft durch die Integration des Kontinents zu verhindern galt. Italien wurde durch ihn zu einem Gründungsstaat der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), die wiederum den Grundstein für die heutige Europäische Union legte. Als Anerkennung für sein europäisches Wirken wurde de Gasperi am 11. Mai 1954 zum Präsidenten der parlamentarischen Versammlung der EGKS gewählt, aus der sich später das Europäische Parlament entwickelte. Er sollte dieses Amt allerdings nicht lang innehaben, am 19. August 1954 starb er. De Gasperis Erbe lässt sich wohl am besten mit seinen eigenen Worten beschreiben: „Die Zukunft wird nicht durch Gewalt geschaffen, sondern durch die geduldige Anwendung der demokratischen Methode, durch den konstruktiven Geist der Einigung und durch den Respekt für die Freiheit.“

Der Autor arbeitet im EU- und Internationalen Dienst der Parlamentsdirektion.

DIE FURCHE, Donnerstag, 14. August 2014