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Die Mythen der "Feuernacht"#

Vor 50 Jahren, in der Nacht auf den 12. Juni 1961, wurden in Südtirol 37 Strommasten sowie andere Einrichtungen in die Luft gesprengt. Welche Folgen das für die Südtirol-Frage hatte, ist bis heute umstritten – Versuch einer Klärung.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 11. Juni 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Rolf Steininger


gesprengte Wasserbrücke in Südtirol
Eine gesprengte Wasserbrücke in Südtirol: Dass die Attentate in der "Feuernacht" und danach Italien in die Knie gezwungen hätten, gilt mittlerweile als widerlegt.
Foto: © Archiv "Dolomiten"

In der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961, der sogenannten Herz-Jesu-Nacht, führte der "Befreiungsausschuss Südtirol" (BAS) seinen lange vorbereiteten großen Schlag durch: In Südtirol wurden 37 Hochspannungsmasten, zwei Hochdruckleitungen und mehrere Eisenbahnmasten gesprengt. Auf Flugblättern hieß es: "Wir fordern für Südtirol das Selbstbestimmungsrecht!" Es gab einen Toten.

Aus Sicht der Attentäter#

Diese Nacht ist als die "Feuernacht" in die Geschichte Südtirols eingegangen. Sie wurde und wird zum Teil noch – vor allem von den Attentätern selbst, aber auch von Nordtiroler Politikern – ganz im Sinne der Attentäter interpretiert. Demnach hätten die Attentate die Italiener in die Knie und zur Einsetzung jener Kommission gezwungen, die Südtirol letztlich die Autonomie brachte (die sogenannte "19er-Kommission"), die Qualität der Verhandlungen zwischen Österreich und Italien verbessert und die Welt auf das Südtirolproblem aufmerksam gemacht.

Alles zusammen genommen, ein großer Erfolg, der durch die Attentate der folgenden Jahre abgesichert worden sei. Kurz: Südtirol verdanke seine Autonomie den "Freiheitskämpfern" des Jahres 1961, deren Leiden – Folter und Gefängnis – demnach nicht umsonst gewesen seien. Noch kürzer: Mit Bomben zur Freiheit! Ein Mythos war geboren. Die Fakten sehen allerdings anders aus. Neu zugänglich gewordene, vertrauliche Dokumente sprechen nämlich eine andere, wenn auch keine besonders populäre Sprache.

"Selbstbestimmung" hieß damals: Die Rückkehr Südtirols zu Österreich. Das wollten die Attentäter, und nicht etwa Autonomie. Allerdings war von Selbstbestimmung schon bald keine Rede mehr. Warum? Weil die Attentate dafür eindeutig kontraproduktiv waren.

Selbstbestimmung war damals ein großes Thema, etwa auf den Landesversammlungen der Südtiroler Volkspartei (SVP) in den Jahren 1959 und 1960: Die SVP-Ortsobleute wollten sie. Nur mit Mühe wurde 1960 eine entsprechende Resolution von der Parteileitung verhindert.

War die Forderung nach Selbstbestimmung unrealistisch? Aus Sicht der Bundesregierung in Wien – allen voran Bundeskanzler Julius Raab und Außenminister Bruno Kreisky – jedenfalls. In Tirol gab es allerdings Stimmen, die Selbstbestimmung forderten, wobei einige bereit waren, auch Gewalt anzuwenden. In Südtirol war die Mehrheit der SVP-Führung – mit Obmann Silvius Magnago an der Spitze – massiv dagegen. Es gab aber auch dort andere Stimmen; etwa jene von Magnagos Stellvertreters Peter Brugger, der Ende 1959 einmal meinte, man solle allmählich auf die Selbstbestimmung "umstecken".

Flugblatt aus 1961
Ein Flugblatt aus 1961, dessen Forderung mehr als deutlich ist.
Foto: © Archiv "Dolomiten"

Selbstbestimmung adé#

Die einflussreiche Leiterin des Referates "S" der Tiroler Landesregierung, Viktoria Stadlmayer, gehörte zu jener Gruppe, die für Selbstbestimmung, aber gegen Gewaltanwendung war. Als die Attentäter sie noch vor den Anschlägen um Unterstützung baten, warnte sie: "Das bringt nichts, lasst die Finger davon. Man wird euch verhaften. Und was dann?" Das war in der Tat die entscheidende Frage. Stadlmayer versprach sich mehr davon, wenn Zehntausende friedlich für die Selbstbestimmung demonstrieren würden.

Fazit: Ohne Attentate wäre aus der Selbstbestimmung möglicherweise etwas geworden, mit den Attentaten war das Thema politisch definitiv erledigt, es wurde geradezu weggebombt. Die Attentäter hatten das Gegenteil von dem erreicht, was sie gewollt hatten. Ein ehemaliger Südtiroler Attentäter, Siegfried Carli, dem 1961 die Flucht nach Nordtirol gelang und der später zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde, formulierte es Jahrzehnte später so: "Wir haben es verhackt." Genauso war es.

Die "19er-Kommission" ( Der italienische Ministerrat setzte sie am 21. September 1961 ein, um die Südtirolfrage zu prüfen und der Regierung Vorschläge zu unterbreiten, Anm. ) wird von den Attentätern bis heute direkt mit der Feuernacht in Verbindung gebracht, nach dem Motto: Ohne Anschläge keine 19er-Kommission, ohne 19er-Kommission kein "Paket" (d.h. die Autonomielösung aus dem Jahre 1969). Die Frage lautet aber zunächst: Hat Rom die Kommission auf Grund der Feuernacht eingesetzt? Und war das ernst gemeint oder nur ein taktischer Schachzug?

Scelba setzt sich durch#

Tatsache ist, dass die Feuernacht und die anschließenden Anschläge im Juli 1961 kontraproduktiv für die Haltung etlicher Mitglieder der italienischen Regierung waren. Tatsache ist auch: Schon vor der Feuernacht hatte Innenminister Mario Scelba den Südtirolern Vorschläge für ein inneritalienisches Gespräch gemacht, die gerade wegen der Attentate beinahe nicht realisiert worden wären, weil Mitglieder des italienischen Ministerkomitees den Eindruck der Schwäche in der Öffentlichkeit vermeiden wollten, der durch die Kommission ihrer Meinung nach entstanden wäre.

Der Hardliner Scelba setzte sich im Ministerrat durch. Er wollte trotz der Attentate die Kommission – als Zeichen der Stärke und als Instrument vor der UNO. Die 19er-Kommission wurde also nicht wegen, sondern trotz der Feuernacht eingesetzt! Im Ministerrat war Scelba zuvor mit seinem Vorschlag auf "harten Widerstand" gestoßen. "Ein Anderer", sagte Scelba Monate später zum österreichischen Botschafter in Rom, Max Löwenthal, "hätte sich nicht durchgesetzt." Dabei ist festzuhalten: Die Attentäter wollten alles, nur keine 19er-Kommission! Denn diese bedeutete ja das Ende jeglicher Forderungen nach Selbstbestimmung.

Mitentscheidend für Scelbas Entscheidung war noch etwas anderes: und zwar der Beschluss der österreichischen Bundesregierung, die Südtirolfrage erneut vor die UNO zu bringen. Eine ähnlich unangenehme Debatte wie ein Jahr zuvor vor der UNO wollte Italien vermeiden. Würde eine Debatte kommen, so wollte man daher auf eigene Großzügigkeit verweisen können – und das war diese Kommission. Italiens UNO-Botschafter Martino hatte seinem Minister genau das am 19. Juli empfohlen, einen Tag nach dem österreichischen UNO-Antrag. Er hatte da von "unserer entschlossenen Absicht, direkt mit den Südtirolern zu verhandeln" gesprochen, um damit die Debatte in der UNO "zu unseren Gunsten zu beeinflussen". Und genauso kam es.

Strommasten, die in der 'Feuernacht' gesprengt wurden
Einer von 37 Strommasten, die in der "Feuernacht" in ganz Südtirol gesprengt wurden.
Foto: © Archiv "Dolomiten"

In der UNO wurde die Kommission von den Italienern "ausgeschlachtet", wie Magnago das in einer Sitzung der SVP-Parteiführung später formulierte. Österreich erreichte lediglich eine Wiederholung der Resolution aus dem Vorjahr (Aufforderung zu Verhandlungen) – sonst nichts. Warum? "Weil es die 19er-Kommission gab", wie Magnago bedauernd feststellte.

Ein "Sieg Italiens"#

Diese Kommission sollte ursprünglich ihre Arbeit nach drei Monaten beendet haben, was von Italien wohl nie beabsichtigt gewesen war. Sie wurde zu einer "rein internen italienischen Angelegenheit", zu einer "Studienkommission, die ein Problem des italienischen Staates zu prüfen habe", denn Südtirol sei "kein österreichisch-italienisches Condominion" , wie Italiens Botschafter in Wien Ende 1961 klarstellte. Die Kommission befand sich in der Folgezeit ständig am Rande der Auflösung, mit der Konsequenz, die Silvius Magnago Ende 1961 intern so formulierte: Wenn keine Einigung in der Kommission erzielt werde, "stehen wir vor dem Nichts". Das war das Ergebnis des Jahres 1961.

War unter diesen Umständen diese Kommission ein Erfolg, ja sogar ein Erfolg der Feuernacht, wie es später hieß? Viktoria Stadlmayer beantwortete diese Frage Anfang 1962 in einem streng vertraulichen Memorandum so: "Die Neunzehner-Kommission und ihre positive Aufnahme in Südtirol ist kein Erfolg der Bombenpolitik, sondern ist ein Sieg Italiens." Ein Sieg, der in Innsbruck als "Niederlage" bezeichnet wurde. Neue Anschläge würden ihrer Meinung nach nicht bedeuten, "einen Misserfolg in einen Erfolg umzuwandeln, sondern eine Niederlage endgültig zu besiegeln" und "verheerend für unser weiteres Vorgehen" sein.

Hat die Feuernacht die Qualität der Gespräche zwischen Österreich und Italien verbessert? Auch ein klares Nein! Das Gegenteil war der Fall: Es gab überhaupt keine Gespräche mehr. Ende September 1963 meinte Außenminister Kreisky dazu, es stelle sich die Frage: "Wie lange kann sich Österreich dies gefallen lassen?" Die Italiener verwiesen stets auf das inneritalienische Gespräch, sprich: auf die 19er-Kommission, die sich Monat für Monat dahinschleppte.

Ein weiteres Argument lautet: Die Feuernacht habe die Welt auf das Südtirolproblem aufmerksam gemacht. Dies ist ein ganz schwaches Argument. Seit der mehrwöchigen Debatte in der UNO im Herbst 1960 kannte die Welt das Südtirolproblem. Es gab 1961 auch nur ein paar Artikel in einigen Zeitungen, nicht mehr. Im Sommer 1961 hatte die Welt mit der Berlin-Krise andere Sorgen. Der einflussreiche US-Botschafter bei der UNO, Adlai Stevenson, meinte damals, die Anschläge hätten in den USA wie bei der UNO "keinerlei Eindruck" gemacht: "Die sind stärkeren Tobak gewohnt." Der aber war damals weder in Nord- noch in Südtirol zu haben.

Die Wende in der italienischen Südtirolpolitik kam nicht durch die Feuernacht, sondern im Dezember 1963 mit der erstmaligen Bildung einer Mitte-links-Regierung in Rom. Der 47-jährige Parteisekretär der Democrazia Cristiana und Strafrechtler Aldo Moro wurde Ministerpräsident, Giuseppe Saragat Außenminister. Saragat war nicht nur Sozialdemokrat, er hatte auch ein besonders enges Verhältnis zu Österreich: Er hatte in Wien im Exil gelebt, und seine Tochter war dort zur Welt gekommen. Er und Moro hatten ein anderes Verständnis für Minderheiten im Land als die Hardliner in Rom; sie standen den Anliegen der Südtiroler positiv gegenüber – und das schon vor den Attentaten. Sie waren ernsthaft um eine Lösung der Südtirolfrage und damit auch um eine Verbesserung der Beziehungen zu Österreich bemüht.

Gespräch mit Kreisky#

Möglicherweise spielte dabei auch das Zweite Vatikanische Konzil eine Rolle, das seit Oktober 1962 tagte und die Sensibilität gegenüber Minderheiten und ihre Integration zu seinem wichtigsten Anliegen erklärt hatte.

Die ersten Schritte dieser Regierung machten jedenfalls die neue Politik mehr als deutlich. Saragat lud Kreisky sofort nach Bildung der Regierung zu einem Gespräch ein, das am 14. Dezember 1963 im Hotel Raphael in Paris stattfand. Dabei machte Saragat klar, dass seine Regierung um ein möglichst baldiges Ergebnis der 19er-Kommission bemüht sei. Man hoffe in Rom, so Saragat, dass es möglich sein werde, auf der Basis der Ergebnisse der Kommission, eine, wie er es formulierte,"‚globale‘ und ‚vollständige‘ Regelung der Südtirolfrage zu erzielen".

Und er stellte auch klar: "Keine andere italienische Regierung wird mehr als die derzeitige bereit sein, das Südtirolproblem durch entsprechend große Konzessionen, die bei weitem über das Pariser Abkommen ( d.i. das Gruber-De Gasperi-Abkommen aus dem Jahre 1946, die Grundlage des 1. Autonomiestatuts 1948, Anm. ) für Südtirol hinausgehen, zu bereinigen."

Ebenfalls im Dezember 1963 begann in Mailand der erste Südtirolprozess gegen die Feuernacht-Attentäter. Es war der größte politische Prozess der italienischen Nachkriegsgeschichte: er dauerte 94 Tage. Zum ersten Mal erfuhr die italienische Öffentlichkeit, dass es ein Südtirolproblem gab – eine unbeabsichtigte Spätfolge der Attentate.

Bedeutsamer Prozess#

Von daher kommt diesem Prozess eine ganz besondere Bedeutung zu. Aber er war auch in anderer Hinsicht bedeutsam: Die Regierung griff ein – was grundsätzlich ungesetzlich war – und ließ den Vorsitzenden des Prozesses wissen, dass sie "an milden Urteilen interessiert sei", und informierte gleichzeitig Wien von dieser Intervention – wohl auch als Zeichen für die neue Politik der Regierung. Ende 1964 waren sich Kreisky und Saragat jedenfalls einig.

Was bleibt also nach allem von der Feuernacht übrig? Es war der Beginn von Gewalt, und es gab einen Toten. Gewalt führt bekanntlich zu Gewalt – und so waren es am Ende 33 Tote. Wer wen erschossen hat, wird zur Zeit im Zusammenhang mit dem berühmten Schlussstrich unter die Ereignisse von damals – Begnadigung von Attentätern – heftig diskutiert. Es wird wohl ein Streitpunkt bleiben.

Rolf Steininger - Foto: © Wiener Zeitung

Rolf Steininger, geboren 1942, ist Em. o. Univ.-Prof. und war von 1984 bis 2010 Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck.

Literatur#

  • Rolf Steininger: Die Feuernacht – und was dann? Südtirol und die Bomben 1959 - 1969. Bozen 2011.

Wiener Zeitung, Samstag, 11. Juni 2011