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Mein Dorf Oedt an der Wild  #

--> Vergleiche hierzu Hanns Haas: Die Kraft der Bewahrung: Oedt an der Wild
Erschienen im Buch "So nah, so fern - Menschen im Waldviertel und in Südböhmen 1945-1989" (Hg. Nationales Fotomuseum Neuhaus, Südböhmisches Museum Budweis, WALDVIERTEL AKADEMIE, Verlag Bibliothek der Provinz 2012)

Ein Lokalaugenschein nach dreißig Jahren (1978)#

von Peter Diem

Viele meiner Freunde in Wien besitzen ein Bauernhaus in Niederösterreich. Ich habe kein Haus auf dem Lande - dafür gehört aber mir ein ganzes Dorf. Es heißt Oedt an der Wild, liegt an der Franz-Josefs-Bahn und wurde 1971 der Großgemeinde Ludweis-Aigen im Bezirk Waidhofen an der Thaya eingegliedert. In diesem Dorf verbrachte ich, im April 1937 geboren, die ersten zehn Sommer meines Lebens. In den letzten beiden Kriegs- und den ersten beiden Nachkriegsjahren besuchte ich dort und im Nachbardorf Blumau an der Wild die Schule. Als Kind und als Schulbub habe ich mein Dorf in Besitz genommen, das Dorf, wie es damals war, und tief in meinem Herzen verschlossen. Deshalb gehört es mir, dem Wiener - auch heute noch.

Oedt/Wild - Postkarte -
Oedt/Wild - Postkarte -
Ort der Schule: Blumau
Blumau/Wild - Postkarte
Ort der Schule: Blumau
Der Schulweg - Geoland.at

"Das Dorf Oedt hat 33 Hausnummern und 184 Einwohner, ist vollständig der Herrschaft Wildberg untertänig und hat das Besondere, dass es keine fremden Inleute oder Herberger aufnimmt."

So berichtet die Dorfchronik aus dem Jahr 1808. Im Jahre 1925 zählte Oedt 33 Häuser und 183 Einwohner. Heute (1978) hat das Dorf
134 Einwohner, davon 46 noch nicht Wahlberechtigte. Sie wohnen in 31 Häusern. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist ein Haus verfallen, ein neues wurde errichtet. Oedt ist somit ein geschlossenes Dorf ohne Neuansiedlung geblieben, ein Reihendorf, auf dessen breiter Straße in der Ortsmitte eine Kapelle steht. Bis auf die Gemeindeschmiede und das Gemeindehäuschen sind alle Häuser bewohnt; die kleine, bald nach dem Krieg aufgelassene Volksschule hat ein Bauer als Wohnhaus für seine Töchter gekauft. Außer einem Eisenbahner und einem Berufssoldaten sind alle Bewohner von Oedt Landwirte. Sie haben relativ große Wirtschaften - 28 bis 30 ha Felder und 5 bis 10 ha Wald. Angebaut werden Weizen, Gerste und Roggen. Der Erdäpfelanbau ist unrationell geworden und hat der Kultur von Futtermais Platz gemacht. Damit änderte sich in den letzten Jahren das Bild der Waldviertler Felder, aber auch das sonst noch intakte Ortsbild: hinter den meisten Bauernhäusern lugen neue Hochsilos hervor, in denen der bereits auf  dem Feld gehäckselte Kukuruz  zu hochwertigem Viehfutter vergärt. Oedt an der Wild ist bekannt für sein gutes Zuchtvieh. Schon 1912 wurde eine Weidegenossenschaft gegründet, die bis heute funktioniert, wenn auch schon manche Bauern ihr Vieh nicht mehr austreiben. Die meisten Veränderungen hat es im Inneren der breit ausladenden Bauernhäuser gegeben. Moderne Küchen, Wohn- und Badezimmer - freilich meist im Dutzendstil und oft mit unschönen Verbundglasfenstern, Fernsehen, Telefon und selbstverständlich alle Kühleinrichtungen. Nur ein Haus verfügt über keinen eigenen Pkw.

Foto: P.Diem
Foto: P.Diem



Die Mechanisierung der Landwirtschaft ist weit vorangeschritten, wobei man vermieden hat, sich über die Maßen zu verschulden.
Durch die Drainagierung der zum Teil nassen Felder rings um das Dorf wurde zwar der Ertrag in den letzten Jahren spürbar erhöht, gleichzeitig wurde aber der Grundwasserspiegel beträchtlich gesenkt. Trockene Sommer sowie erhöhter Wasserbedarf in Haus und Stall taten ein übriges, so dass heute neue Brunnen geschlagen werden müssen. Entlang der staubfreien Dorfstraße ziehen sich neue Metallzäune vor den Hausgärten, die weder besonders schön noch praktisch sind: lehnt sich eine vom Weidetrieb müde Kuh gegen eines der Gitterfelder, ist der Zaun gleich verunstaltet. Früher hätte man ein paar Zaunlatten ausgewechselt. Die Schwemmen (Feuerlöschteiche) sind sauber betoniert, wirken dadurch aber, anders als die früheren kleinen Dorfteiche, unglaublich steril. Das neue Kriegerdenkmal neben dem Feuerlöschgerätehaus hätte weit besser ans Ortsende oder in die unmittelbare Nähe der Kapelle gepasst.

So aber ist nun einmal mein Dorf heute. Ein Dorf wie viele, aber doch anders. Geschlossener, geradliniger, echter. Doch nicht über mein Dorf heute wollte ich berichten, sondern über alles das, was das Dorf ausmacht, das ich seit meinen Bubentagen in meinem Herzen trage. Nicht über die Siedlungsform Dorf wollte ich erzählen, sondern über die Lebensform Dorf. Denn diese ist in dem Maße verschwunden, in dem die Agrargesellschaft der Industriegesellschaft und die unberührte Wald- und Feldlandschaft der Produktions- und Verkehrslandschaft gewichen sind. 

Foto: P.Diem
Foto: P.Diem



Es gibt keine Maikäfer mehr.

Von einem Zwetschkenbaum konnte man in einem guten Maikäferjahr beinahe einen Kübel voll Maikäfer schütteln. So viele freilich musste man als Bub gar nicht zur Verfügung haben, um glücklich zu sein. Es genügte schon einer, der, aus der Zündholzschachtel befreit, willig ins Tintenfass krabbelte, um darauf in brummendem Kunstflug einen feinen blauen Strich an die Decke des Klassenzimmers zu zeichnen. Im Gegensatz zu dieser humanen Form der Kleintierhaltung waren das Kastrieren eines liebestollen Katers mit der Rasierklinge oder das Aufschlitzen einer Kröte mit dem Taschenfeitel ("Grodnschneidn") schon weit brutalere Beschäftigungen mit der tierischen Umwelt. Viele der kleineren Tierarten sind ausgestorben, weil sie sich des Nachts auf dem noch warmen Asphalt der Landstraßen niederließen und überfahren wurden. Die Fische im Bach sind an den Detergentien der Waschmittel zugrunde gegangen. Die Krebse sind wahrscheinlich schon früher verschwunden - sicherlich aber nicht dadurch, dass wir mit nackten Beinen in den Bach stiegen, sie vom Grund heraufholten und mit etwas Petersil in den Kochtopf warfen, bis sie rot, eben krebsrot, wurden. Im Dorf gibt es heute noch ein einziges Pferd.
Zu meiner Bubenzeit hatten die meisten Bauern vier bis fünf, der größte Bauer im Dorf mag über zehn besessen haben. Vier Familien, die bescheidensten im Dorf, besaßen Ziegen. Heute meckern sie nur mehr im Märchenbuch, um ihren Bart zu bewundern, muß ein Kind nach Griechenland fliegen, und um eine "kuhwarme Geißmilch" zu kosten, muß man sich dort wohl auf einige Zeit niederzulassen. Die etwa dreißig Schafe, die es damals noch in meinem Dorf gab, waren alles andere als nur ein Hobby. Sie niederzuwerfen, zu scheren, die Wolle zu waschen und zu kämmen, sie zu Wollfäden zu spinnen und daraus Socken für den Winter zu stricken, war beinahe ein Lehrgang in Wirtschaftsgeschichte. Und wie warm waren diese Socken in den kalten Waldviertier Wintern, die man mit Hilfe von am Hofe selbst hergestellten Holzschuhen mühelos bewältigte! Hatte man sich einen Holzschuh im Straßengraben, am Misthaufen oder in einer Lacke "geschöpft", brauchte man ihn nur zu entleeren und am Brunnen auszuwaschen. Das hat auch der Nachbar mit seinem Holzschuh getan, als er sich mit dem Mistkreu'n den Fuß hackte und der Schuh mit Blut vollief. Libellen schwebten scheinbar bewegungslos über dem Tümpel am Bahndamm, während flinke Wasserläufer wunderliche Spuren über seine Oberfläche zogen. Ihre Kollegen im Haus waren die Weberknechte, deren bedächtige Langbeinigkeit die Schwerkraft an Zimmerwänden mühelos überwand. In den Büschen wohnten Blindschleiche und Ringelnatter - stießen wir auf eine Kreuzotter, nahmen wir schreckensbleich Reißaus. Wir wussten, dass Regenwürmer auch in Teilstücken weiterleben können - ob sie in kunstdüngergesättigter Krume lebensfähig sind, weiß ich nicht. Von den Pflanzen besonderer Art, die ich in meiner Kindheit kannte, liebte und sammelte, haben die Schwammerln überraschenderweise überlebt. Man sucht sie heute mit der Taschenlampe. Aber die Kuhschellen am Steinbruch gegen Ludweis hin gibt es nicht mehr. Die Heidelbeeren und Preiselbeeren, einst die Hauptattraktion für einen Gang in den Wald - die "Wild", ein geschlossener Nadelwald zwischen Horn und Göpfritz -, sind verschwunden. Die Zahl der Imker im Dorf ist von neun auf vier zurückgegangen - die zum Teil auch von Flugzeugen aus durchgeführte Schädlingsbekämpfung hat den Bienen den Nektar wohl ziemlich vergällt. So dürfte es im Sommer zwar noch summen und blühen, aber die Vielfalt an Pflanzen und Tieren, die es damals gab, ist wohl für immer dahin.


Die Axt im Haus erspart den Zimmermann


Foto: P.Diem
Foto: P.Diem


Das Dorf, wie ich es noch kannte, stellte viele Gebrauchsgegenstände selbst her. Wie viele Kenntnisse konnte sich ein Bub damals aneignen, wenn er bloß zusehen durfte! Welche Beziehung zur Kunstfertigkeit der eigenen Hände herstellen, wenn er selbst mit anpackte! Und welche Freude empfand ich, wenn irgendein Werkstück seiner Vollendung entgegenging! Da gab es in jedem Haus die HoanzIbank, in die das hölzerne Werkstück eingeklemmt und durch Druck mit dem Fuß festgehalten wurde. Wichtigstes Werkzeug zur Herstellung von Rechen, Sesselbeinen und ähnlichem war das Roafmesser, ein scharfes Holzmesser mit zwei zur Schneide rechtwinkeligen Griffen. Größere Holzstücke wurden mit der Broadhockn bearbeitet. Die einfachste Form der Holzverwertung war das Biadlhockn: auf dem Hackstock wurden die Fichtenäste zerkleinert und mit Bandelstroh in handliche Bündel (Biadl) gebunden, die, feinsäuberlich aufgestapelt, den ganzen Winter Brennholz für den Herd ergaben, auf dem die Bäuerin den Schweinsbraten mit Waldviertier Gummiknödeln (Erdäpfelknödel) zubereitete. "Sechzig Biadln am Tag hat a brave Dirn aus Böhmen ghackt", sagte mir die Gattin meines Volksschullehrers, der heute in Horn im Ruhestand lebt. Auf einem Bauernhof in Oedt gab es früher bis zu fünf Knechte und Mägde. Im gesamten Dorf mögen es an die vierzig Dienstboten gewesen sein, die nach meiner Erinnerung gut behandelt wurden, wenn auch im Waldviertel manch "Schöne Tage" ihre "Schattseiten" gehabt haben werden. Für ein Kind gab es mit dem Gesinde nie Schwierigkeiten - standen Kind und Knecht doch gemeinsam unter der oft despotischen Gewalt des dörflichen paterfamilias. Und es war eine Familie, die da nach dem Rhythmus der Dorfglocken - fünf Uhr Morgengebet, sieben Uhr Einspannen, elf Uhr Ausspannen, zwölf Uhr Mittag, sieben Uhr Gebetläuten - auf die Felder hinausging, wo sie den ganzen Tag über blieb. Die Großmutter schickte uns oft mit dem Essen nach: der Brotlaib, eine Schüssel Topfenkas und dazu eine Stiftn klaren Brunnenwassers, durch deren metallisch schmeckendes Trinkrohr das kühle Nass in gemessenen Zügen in durstige Schnitterkehlen gesogen wurde. Brot wurde in Oedt bis etwa 1960 selbst gebacken. Die würzige, wasserhaltige und in Modeln zu Striezeln verarbeitete Butter lagerte in feuchten Tüchern in der Speis. Sie ließ sich leicht auf eine überschuhsohlengroße Reankn Brot streichen; und es wäre ein Sakrileg gewesen, etwas anderes darauf zu tun als das grobe Salz, das man im einzigen Gemischtwarengeschäft des Ortes kaufte.
Dort, wo man die neu eingelangten, buntlackiertenFederstiele holte und wo es immer so gut nach dem Pech und Leder frischer Pferdepeitschen roch.

Foto: P.Diem
Foto: P.Diem


Die großen Arbeiten, jene, bei denen es mehr um Eisen als um Holz ging, erledigte der Gemeindeschmied. Welch ein Erlebnis, in die Dorfschmiede zu gehen! Schon der Geruch von glosender Holzkohle, heißem Hammerschlag und verbrannten Hufen! Der Blick in die glühende Esse, das Zischen der Werkstücke im härtenden Wasserbad und der klingende Takt, in dem Meister und Geselle abwechselnd die schweren Hämmer auf das über den Amboß wandernde Bandeisen fallen ließen! Hinter der vor der Schmiede schnaubenden Stute, die eben ein Paar neue Arbeitsschuhe angemessen bekam, wurde dem alles mit weit offenen Augen in sich hineinstehlenden Stadtkind die erste Lektion in Sexualkunde erteilt, als der bös-träge Gemeindestier so wenig kunstvoll auf die sanfte Kuh des Nachbarn aufritt, dass dieser den roten Ziemer mittels Handsteuerung zum Andocken bringen musste. Auch einen Schuster gab es damals im Ort, und die Bescheidenheit seiner Werkstatt wird mir zeitlebens in Erinnerung sein. Heute ist von den beiden Wirtshäusern nur mehr eines in Betrieb. Und während in der Zeit, aus der ich erzähle, im Monat 46 Kisten Bier und 1000 Liter Wein umgesetzt wurden, war die Losung der Weihnachtstage 1977 vier Achtel Wein und drei Coca-Cola. Denn die dörfliche Gemeinschaft, bei Kartenspiel am Wirtshaustisch versammelt, gibt es nicht mehr. Das Fernsehen hat sie zerstört. Die jungen Leute steigen in ihren Pkw, um abends Entfernungen zurückzulegen, für die in meinem Dorf Ein- oder Zwei-Tages-Reisen erforderlich gewesen wären.


Wir ratschn, wir ratschn den Englischen Gruß 


Waren die Kirchenglocken ,,nach Rom geflogen", sorgten die Ratschnbuam im Dorf für die Zeiteinteilung. Von Gründonnerstag bis Karsamstag zogen sie dreimal täglich mit ihren schnarrenden Holzfahnen über die Dorfstraße. Aber nicht nur in der Karwoche hatten wir Dorfkinder alle Hände voll zu tun. Das in die Natur gefügte alte Dorf lud zu jeder Jahreszeit zum spontanen Werken und Spielen ein: im Frühjahr wurden die Weidenpfeiferl geschnitzt, später die selbstgebauten Wasserradln im Straßengraben in Gang gesetzt, im Sommer wurde Vogerlschliaf gespielt - reife Ähren wanderten den Rockärmel des Großvaters hinauf - und im Herbst war es das juckende Innere der Hetscherln, das der vorderen Banknachbarin im Schulkleid brannte. Das Taschenmesser diente nicht bloß zum Schnitzen von Rindenschifferln und zur Herstellung von gummibandbetriebenen Zwirnspulpanzern, sondern kam beim Messerln zu seiner eigentlichen Ehre. Eine andere Art des edlen Bubensports war das Pfleckln, bei dem gespitzte Holzstücke in die Grasnarbe geschleudert wurden.
Für die Überwindung größerer Entfernungen dienten der Pfitschipfeu und dieStoanschleuder- beide ebenso nach Geheimrezepten angefertigt wie der mit Mehlpapp verkleisterte große Packpapierdrache, der selten genug wirklich hoch stieg. Weniger harmlos waren Kinderspiele wie das Rauchen von Kleebotzn auf dem Heuboden, das Aufschlagen von scharfer Gewehrmunition, um zum Schwarzpulver zu gelangen, das so schön duftend brannte, und das Erklettern des Bahndamms, um Münzen unter den daherbrausenden Schnellzug zu legen. Da war das Mitdrehen auf dem ochsengezogenen Göpel oder das Schaukeln als in der Mitte stehender Quargeltreter schon weit gefahrloser. 

Ein Gleis verliert sich im Nebel

Foto: P.Diem
Foto: P.Diem


Obwohl ohne eigene Bahnstation, war mein Dorf stets auf die unmittelbar hinter der nördlichen Häuserzeile verlaufende Trasse der Franz-Josephs-Bahn orientiert. Die zwei dem Dorf zugehörigen Wachterhäusln, in denen arme Bahnwärterfamilien lebten, sind heute verschwunden. Die Bahnlinie, am 1. Jänner 1870 eingleisig in Betrieb genommen, hatte 1903 ihr zweites Gleis erhalten. Als dieses 1959 wieder weggerissen wurde und zehn Jahre später die Dampfloks verschwanden, war ein weiteres Stück heiler Welt unwiederbringlich dahin. Was war über diese Bahnstrecke Wien-Gmünd-Prag alles an schicksalhaften Transporten gelaufen, besonders in den letzten Monaten des Krieges! Ungezählte Gefangenentransporte der Deutschen Wehrmacht; Nachschubzüge, die ihr Ziel in den Maitagen 1945 nie erreichten, und aus denen brauner Rohzucker und bunt gemusterte Seide in die Bauernhäuser wanderten. Und schließlich jener aus Viehwaggons zusammengestellte Zug, in dem mein Vater, von den Russen verschleppt, seine Fahrt nach Konstanza am Schwarzen Meer antreten mußte, von wo er erst nach Monaten völlig abgezehrt wieder heimkam. Wie kann ein Kind jemals den Augenblick vergessen, als sich das schwere Schloss am Hoftor öffnete und durch den dunklen Schwibbogen die Gestalt des Vaters nach langer, unerklärlicher Abwesenheit trat, um die Seinen in die Arme zu schließen! Durch dasselbe Hoftor waren vorher russische Soldaten in ihren Pluderhosen zum alten Brunnen gestürmt, hatten sich kurz gewaschen und darauf von der Bäuerin gebieterisch eine Eierspeise von dreißig Eiern verlangt. Nach der hastig verschlungenen Mahlzeit ging es wieder hinaus vor das Haus zum Panzer, wo die Granaten fein säuberlich aufgestapelt zum Putzen hergerichtet waren. Wir Kinder waren dabei, Mädchen und junge Frauen befanden sich freilich auf dem Heuboden oder im Wald . . . 

Die Turmuhr der Dorfkapelle wird nicht mehr aufgezogen 


Foto: P.Diem
Foto: P.Diem
Die Frage nach der Zukunft meines Dorfes ist relativ leicht zu beantworten. Sie besteht im Status quo. Die Bauernwirtschaften werden von den beiden Hofinhabern, Mann und Frau, als vollmechanisierte Landwirtschaftsbetriebe geführt. Der Weg dazu führte von Sense und Sichel, Pledern und Sichel, Grasmaschine und Sichel, Häufelmaschine und Sichel über den zuerst von Pferden, dann vom Traktor gezogenen Garbenbinder zum seit etwa vor 10 Jahren eingeführten Mähdrescher, der in der Regel von zwei Familien betrieben wird. Zur Getreidewirtschaft kommt eine intensive Milch- und Fleischviehzucht. Nebenerwerb gibt es keinen, weder als Lohnarbeit noch als Fremdenverkehr. Von den 46 Kindern des Dorfes werden gut die Hälfte abwandern. Das Ausgedinge wird trotz Bauernpension auch in Zukunft mehr schlecht als recht funktionieren. Urlaub wird es für die Landwirte auch weiterhin kaum geben, höchstens einen Kuraufenthalt oder einen Tagesausflug. Nach Wien zur Eisrevue oder einmal im Sommer irgendwohin in Österreich. Die Feuerwehr wird einmal im Jahr ein Tanzfest veranstalten. Sonstige Formen früherer Dorfkultur werden kaum wieder entstehen. Die Versorgung wird durch ins Dorf kommende Bäcker, Weinhändler und Bierführer besorgt, Supermärkte sind mit dem Auto leicht erreichbar. Die Messe wird von einem Pfarrer aus dem Nachbardorf gelesen oder dort besucht. Die müden Abende vergehen schnell vor dem Fernsehschirm. Vielleicht wird eine elektrische Turmuhr angeschafft werden, damit wenigstens deren Zeiger symbolisieren, dass das Leben weitergeht.  


--> Photos: P. Diem

Hans Haas:

Oedt an der Wild - kurz präsentiert

Das im Grenzbezirk Waidhofen a.d. Thaya gelegene Dorf Oedt an der Wild ist durch eine selbst im Waldviertler Maßstab überdurchschnittliche agrarische Kontinuität gekennzeichnet. Von den seinerzeit 24 Vollerwerbsbauern sind immerhin noch 12 erhalten geblieben, die übrigen betreiben heute die Landwirtschaft als Nebenerwerb, vier Althöfe sind heute gänzlich ohne Landwirtschaft, Schmiede und Gemeindehaus sind abgekommen. Die verbliebenen Höfe haben teils durch Heiratsstrategien und Kauf, teils durch Pacht die vakanten Gründe als Nutzfläche gewonnen. Diese Strukturkontinuität ist die Folge einer zielgerichteten sukzessiven Anpassung einer von jeher gut situierten mittel- bis großbäuerlichen Landwirtschaft an die Erfordernisse der rationellen Landwirtschaft, sei es durch rechtzeitige maschinelle Nachrüstung ohne existenzgefährdende Verschuldung, sei es durch Umstellung einer im ganzen gesehen gemischten Acker- und Viehwirtschaft auf marktgängige Produkte. So wurde der nach 1945 rentable Kartoffelanbau in den frühen Siebzigerjahren durch den Maisanbau als Futterbasis einer florierenden Viehwirtschaft ersetzt, wobei einige Betriebe von der Milchwirtschaft ganz auf Nutzviehwirtschaft umgestiegen sind, einige wenige Schweinezucht betreiben. Die 1912 gegründete und für die Zeitverhältnisse mustergültige Weidegenossenschaft auf dem gemeinschaftlich angekauften Terrain zweier weichender Bauern musste allerdings 1975 mangels an Hüterpersonal aufgelassen werden. Auch der in „Robat" gemeinschaftlich betriebene Genossenschaftswald ist kürzlich parzelliert worden. Wirtschaftliche Betriebseinheit ist seit dem gänzlichen Wegfall des Gesindes und der - hier ohnehin nur saisonal zu Arbeitsspitzen benötigten - Taglöhner die bäuerliche Kernfamilie. Darauf beruht auch der Rückgang der Bevölkerung bei gleichbleibender Hausanzahl bei knapp über 30 Häusern. (1915: 183 Einwohner, 1925: 183 EW, 1935: 146 EW, 1949: 156 EW, 1956: 131 EW, 1978: 134 EW, 2001: 87 EW.) Modernisierung bedeutete jedoch auch den Verlust wesentlicher Elemente der dörflichen Infrastruktur, wie der Volksschule, der zwei Gasthäuser und der Gemischtwarenhandlung. Im Zeitalter von Fernsehen und Motorisierung verlor das Dorf sukzessive auch seine kulturelle Steuerungsfunktion. Die heute teils unter Anregung öffentlicher politischer Instanzen durchgeführte Dorferneuerung kann hier in Oedt an der Wild freilich noch an Traditionen der ökonomischen Selbststeuerung und kulturellen Integration anknüpfen, so dass den kulturell desintegrativen und sozial vereinsamenden Tendenzen gewisse sozial und kulturell integrative Einrichtungen und Initiativen entgegenwirken, wie das kürzlich am Dorfplatz errichtete Gemeinschaftshaus und die Fortdauer ländlicher Brauchtumsformen etwa bei Hochzeiten.

Quelle: Arbeitsbericht vom 12.7.2010