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JÜDISCHE FAMILIENNAMEN (Buchbesprechung)#

Die Familiennamen Küssemich, Grober-klotz, Mist und Wohlgeruch blühen in der Tat in Ostgalizien. Die seltsamsten Namen sind es übrigens noch lange nicht, wie die folgenden authentischen Listen ergeben: ... Chaim Temperaturwechsel, Rüben Fasten-hunger, Edmund Bauchgedanken, Saul Afterduft, Sara Woismeingeld, Abraham Leibschmerz, Rifka Erdenjammer, Nathan Jubelhoch..." So stellt uns Karl Emil Franzos die leidliche Namensgebung der Juden aus dem Osten der österreichischen Monarchie vor. Die im Jahr 1888 in erster Auflage, 1897 in zweiter Auflage erschienenen Namensstudien wurden nun von Oskar Ansull in einer deutsch-französischen Ausgabe neu herausgegeben. 1787 ordnete Josef IL die sofortige Na-mensgebung der Juden an. Nicht nur aus Gründen der Kultur und der Menschlichkeit, vielmehr vor allem um Geld- und Blutsteuer zu erheben und eine geordnete Verwaltung und Gerichtspflege zu ermöglichen. Galizien und die Bukowina, die beiden neuen Provinzen, standen damals noch unter Militärverwaltung, weshalb dem Hofkriegsrat aufgetragen wurde, die Maßnahme durchzuführen.

Sprengelkommissionen#

Für jeden Sprengel wurde eine Kommission eingesetzt, die von Ort zu Ort reiste und sämtliche Juden zur Wahl von Familiennamen aufforderte. Wollte oder konnte der Betreffende keinen Namen ausfindig machen, so erteilte die Kommission den Namen. Diese neue Maßnahme rief Verzweiflung in den Juden hervor. Unüberwindlich war ihre Abscheu, neben den hebräischen, den heiligen Namen auch einen deutschen setzen zu müssen. So fiel es im Allgemeinen den Beamten zu, Namen zu finden. Es wurde ihnen aufgetragen, häufig gebrauchte Namen zu vermeiden und Namen von möglichst großer Besonderheit zu wählen. Die Beamten gingen dabei nicht zimperlich vor. Sie machten sich einen Spaß daraus und demütigten die ohnmächtige, ihrer Willkür ausgelieferte jüdische Bevölkerung mit ihrem bösen Witz. Ein greiser Rabbi, "Der Fromme" genannt, erhält den Namen "Gottlos", ein Hinkender wird "Schnellläufer", ein Trunkenbold "Nüchtern", ein Wucherer "Ehrlich", ein Krösus seines Städtchens "Bettelarm", genannt und ein Bürger mit bedenklichem Gerüche "Wohlgeruch". Franzos' kurze Studie ist vorwiegend eine Aufzählung kurioser Namen, die sicher auch durch die Eile, mit der die Ver-ordn ung ausgeführt werden sollte, noch viel will-kürlicher ausfielen, als dies sonst geschehen wäre.

Dabei ließen die Auditoren auch ihren Judenhass und Kasernenwitz freien Lauf. Noch eine Kostprobe aus den Jahresberichten der Mittelschulen des österreichischen Ostens: "Einem Arthur Veilchenduft steht ein Rudolph Stinker entgegen, was aber dadurch wieder in ein treffliches Odeur umgewandelt wird, dass sich auch drei Rosenst-hal, vier Rosenblum, ebenso viele Rosenberg, ein Blumenstock, zwei Blumenfeld, ein Veilchenthal, endlich zwei Schöndufter in den Listen finden. Der einzige Bettelarm und der ebenso vereinzelte Hirsch Nothleider werden glänzend aufgewogen durch drei Gold, zwei Goldreich, einen Goldmann, zwei Reichmann und einen Bernhard Geldschrank, während drei Diamant, drei Smaragd, zwei Edelstein, zwei Karfunkel und ein Goldader das schöne pekuniäre Resultat noch vermehren helfen."

Abschließend hofft Franzos, dass diese Namen allmählich verschwinden mögen. "Das Gute will auch gut und verständig durchgeführt sein, sonst wird es zum Bösen."

Erfreulich, dass Karl Emil Franzos Studie, die einzige literarische Darstellung der damaligen Ereignisse, nach gut 100 Jahren nun als Nachdruck vorliegt. Dem Herausgeber sei dafür gedankt.

Claudia Erdheim in: Illustrierte Neue Weltz, Juni/Juli 2012

Karl Emil Franzos, Namensstudien, Etu-des de noms, Zweisprachige Ausgabe, herausgegeben von Oskar Ansull, übersetzt von Ariane Lüthi, Hannover, 2012.