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Symbole aus Stein und Bronze#

Das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus#

von Peter Diem

-->Alle Fotos: P.Diem

Albertinaplatz 1010 Wien
Das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus am Wiener Albertinaplatz

'Tor der Gewalt'
"Tor der Gewalt"
'Orpheus betritt den Hades'
"Orpheus betritt den Hades"
'Tor der Gewalt'
"Tor der Gewalt"

'Der straßenwaschende Jude
"Der straßenwaschende Jude"

Erklärende Tafel
Erklärende Tafel
Installation von Ruth Beckmann über die Gleichgültigkeit anlässlich der Demütigung von Wiener Juden 1938
Installation von Ruth Beckmann


Im Gegensatz zum so genannten  „Staatsgründungsdenkmal" erhielt das mehrteilige, heftig umstrittene Mahnmal von Alfred Hrdlicka einen besonders prominenten Aufstellungsort, nämlich den Albertinaplatz direkt hinter der Staatsoper. Das begehbare Monument wurde knapp vor Ende des sogenannten „Bedenkjahres" am 24. November 1988 enthüllt. Es besteht aus vier Teilen: durch das aus zwei Marmorblöcken bestehende „Tor der Gewalt" gehend, trifft man auf die aus Bronze gefertigte Figur des „straßenwaschenden Juden". Dahinter folgt die Marmorskulptur „Orpheus betritt den Hades", ein Werk Hrdlickas aus dem Jahr 1975. Den Abschluss des „Gedenkplatzes" bildet der hoch aufragende „Stein der Republik", in welchen ein Teil des Textes der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 eingemeißelt ist.

Besonders die Figur des weniger als lebensgroßen, gekrümmt knienden und die Straße reinigenden alten Mannes erregte die Gemüter der Wiener. Ein Grund dafür war zunächst der Umstand, dass sich zahlreiche Touristen den Rücken der Symbolgestalt zum Ausruhen oder zum Posieren für ein Erinnerungsphoto aussuchten. Wenn dies auch meist arglos geschah, geriet es doch zum Ärgernis, weshalb die Figur alsbald mit einer - ihr Elend noch steigernden - Stacheldrahtauflage versehen wurde. Ein weiterer Grund für die Ablehnung des Denkmals liegt in der Verewigung des Bildes vom verfolgten, geknechteten und zum Untergang verurteilten Juden. Manche hätten an Stelle dieser Darstellung lieber ein Symbol der Überwindung von Verfolgung und Tod gesehen. Der bekannte Bildhauer hält dieser Ansicht entgegen, dass nur die fortdauernde Provokation den schläfrigen Geist des Österreichers aus seiner Lethargie zu wecken vermag.

Unübersehbar

Jedenfalls ist die in Stein gehauene und so im Stadtzentrum auf Dauer präsente Unabhängigkeitserklärung ein wichtiges Symbol für die Eigenständigkeit Österreichs. Dass man auf sie durch ein „Tor der Gewalt" zuschreitet, vorbei an einem Sinnbild für eine der größten Tragödien der Menschheitsgeschichte, in welche Österreicher als Täter und Opfer gleichermaßen verwickelt waren, ist ein sehr gelungenes künstlerisches, politisches und volksbildnerisches Konzept. Insofern vermag die halb figürliche, halb abstrakte Darstellungsweise des Hrdlicka-Denkmals zweifellos eine größere Wirkung auszuüben als die abstrakte Ästhetik des Denkmals im Schweizergarten.

Der ehemalige Philipphof
Der ehemalige Philipphof
Gedenktafel zum Philipphof
Gedenktafel

Das Denkmal steht übrigens an jenem Ort, an dem sich bis zu einem Bombenangriff am 12. März 1945 der feudale Philipphof befand. Die Trümmer begruben eine große Anzahl von Menschen, die sich damals in den Keller des Gebäudes geflüchtet hatten. Die Ruine wurde ohne Exhumierung der Bombenopfer am 24. Oktober 1947 durch Sprengung eingeebnet. Eine Tafel im Boden vor dem Denkmal weist auf diesen Umstand hin. Etwas abseits finden sich weitere Tafeln mit Erläuterungen zum Denkmal.

--> Der straßenwaschende Jude

Meine Mutter war hellauf begeistert, als Adolf Hitler (Deutsch-)Österreich, seine und ihre eigenen Heimat, an das Deutschen Reich anschloss. "Der Kurt von Schuschnigg is furt - jetzt geht's uns guat!" Das glaubte auch sie - nicht zuletzt angesichts der bisherigen Arbeitslosigkeit. Am 15. März 1938 lauschte sie entzückt der Rede des "Führers" auf dem Wiener Heldenplatz. Aber was musste sie auf dem Heimweg sehen? Jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger wurden von SA-Leuten gezwungen, die Symbole und Parolen des "christlichen Ständestaates" mit Zahnbürsten und anderen mehr oder weniger ungeeigneten Werkzeugen von den Straßen zu entfernen. Johlende Zuschauer und Zuschauerinnen boten ein Zerrbild des "goldenen Wiener Herzens". Bei meiner Mutter stellte sich plötzlich Ernüchterung vom nationalsozialistischen Rausch ein. Mit der Missachtung der Menschenwürde wollte sie als redliche Deutsche nichts zu tun haben. --- Die Figur des straßenwaschendenden Juden soll bleiben!

Aus: Online-Presse 25.11.2004

Redaktion und Fotos: P. Diem