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Das österreichische Nationalheiligtum Mariazell und seine Symbolik#

von Peter Diem

--> Fotos: P. Diem

Bild 'mariazell_winter'
Vom Ende des Mittelalters bis in die neueste Zeit war Mariazell das bedeutendste Wallfahrtszentrum im östlichen Mitteleuropa. Die Österreicher beteten hier um göttliche Hilfe gegen die Einfälle der Magyaren; Ungarn und Kroaten wieder zogen nach Mariazeil, um den Beistand der Gottesmutter im Kampf gegen die Türken zu erflehen. Seit dem frühen 17. Jahrhundert schlossen sich auch die Angehörigen des Herrscherhauses den Pilgern aus den Kronländern an, um bei der „Magna Mater Austriae" geistige Einkehr zu halten. Maria Theresia empfing hier ihre Erstkommunion, Kaiser Franz Joseph I. führte 1857 eine Wallfahrt von 270.000 Pilgern nach Mariazell an.

Dadurch ist das steirische Marienheiligtum zum zentralen Symbol für die „Pietas Austriaca", die besondere österreichische „Staatsfrömmigkeit", geworden. Noch Julius Raab erinnerte in einer Rede an die Teilnehmer der Standeswallfahrt der gewerblichen Wirtschaft zur 800-Jahrfeier Mariazells im Jahre 1957 an den Umstand, daß Österreich als einziges der Donauländer die volle Freiheit wiedererlangt habe. Der Staatsvertragskanzler schloss mit den Worten:

„Wir bitten die Große Mutter Österreichs, auch in Zukunft den Mantel über unser Vaterland zu halten. Deshalb sind wir da und gehen wieder freudigen Herzens an unsere Arbeitsstätten zurück, zu neuer Arbeit für den Aufbau des österreichischen Vaterlandes."

Am 18. Mai 1647 weihte Ferdinand III. sich, seine Familie und sein ganzes Land der Gottesmutter (Maria als die „Generalissima"). Die Mariensäule auf dem Wiener Platz Am Hof geht auf diesen stark von der Schweden-, Türken- und Franzosengefahr bestimmten Akt zurück. Am 8. Dezember 1667 wurde die ursprünglich nach Münchner Vorbild aus Stein geschaffene Marienstatue auf Anordnung von Leopold I. (1658—1705) durch eine Bronzeplastik ersetzt. Sie zeigt die Immaculata, das Haupt im Sternenkranz und auf einem Drachen stehend. Seit damals gilt Maria als die himmlische Schutzpatronin Österreichs. Leopold I. drückte seine „Pietas Mariana" durch die besondere Förderung der Gnadenkirche Mariazell aus.

Der Wallfahrtsort wurde aber auch aus wirtschaftlichen Gründen begünstigt: die Pilgerströme sollten vom damaligen marianischen Zentrum Altötting nach Innerösterreich umgelenkt werden. Der erste Bau der Kirche geht auf die Zeit um 1200 zurück, doch dürfte sich der Bau des heutigen Gotteshauses über einen Großteil des 14. Jahrhunderts hingezogen haben. Um die Mitte des 16. Jh. erfolgte ein kompletter Umbau, der dem gotischen Langhaus 24 Kapellen hinzufügen sollte, von denen aber nur zwölf errichtet wurden. Die Seitenkapellen sind u. a. den wichtigsten österreichischen und ungarischen Nationalheiligen geweiht und bilden somit so etwas wie ein österreichisch-ungarisches Pantheon. Der gotische Chor wurde 1653 abgerissen und durch einen längeren, dreischiffigen Bau gegen Osten so erweitert, daß er durch eine elliptischen Kuppel überwölbt werden konnte.

Von eigenartigem Gepräge ist die dreitürmige Westfront: der gotische Mittelturm ist über quadratischem Grundriss erbaut und geht oben in die Achteckform über. Er dürfte einst einen durchbrochenen Steinhelm besessen haben. Die beiden barocken Seitentürme stammen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Ursprünglich sollte der Mittelturm barockisiert werden, doch unterblieb dies, wie die oben erwähnten zwölf Kapellen. (Beides erinnert ein wenig an den Stephansdom, der auch nur einen von zwei geplanten Türmen angefügt bekam, bzw. an die Neue Hofburg, von der nur ein Flügel gebaut wurde - in allen diesen Fällen gefällt uns das unvollendete Werk nachträglich offenbar besser.) In Mariazell tritt die für Österreich so typische Verschmelzung gotischer und barocker Architektur gut sichtbar hervor.

Bild 'mariazell_wappen'
Bild 'typanon'

Von hoher Symbolkraft ist das breite, aus rötlichem Sandstein gehauene gotische Türzsturzrelief (1438). Es zeigt die Himmelskönigin mit Jesuskind und Zepter, unter deren Schutzmantel sich Herzog Albrecht V. von Österreich (1397-1439) begibt, während der Ungarnkönig zur Linken der Gottesmutter kniet, das berühmte „Schatzkammerbild" haltend. Hinter ihm tobt die Türkenschlacht, die er im Vertrauen auf Maria siegreich bestand. Zur Rechten der Jungfrau steht Herzog Wenzel von Böhmen mit dem knieenden mährischen Markgrafenpaar.

Das politische Programm, das den Wallfahrer begrüßt, ist klar: die sich unter Albrecht V. abzeichnende Trias von Österreich, Ungarn und Böhmen wird hier bereits als Einheit dargestellt. Unter dem Schutz der Himmelsmutter steht an zentraler Stelle Österreich. Es wird auch durch den Bindenschild symbolisiert, der links von den Emblemen Ungarns und Polens flankiert wird, während rechts von ihm, im Wimpel des hl. Wenzel, der böhmische Löwe auftritt. Diese leicht fssliche Pilgerdarstellung nimmt geistig auch schon alle jene Wallfahrten vorweg, die die österreichischen, ungarischen und slawischen Völkerschaften in den Jahrhunderten danach und bis zum heutigen Tag zu ihrer gnädigen Schirmherrin machen sollten: zur Magna Mater Austriae, zur Magna Hungarorum Domina und zur Mater Gentium Slavorum.

An diese Tradition schloss der "Mitteleuropäische Katholikentag 2004" an. Aus diesem Anlass erhielt die Gnadenstatue ein weißes Kleid mit den Wappen der Teilnehmerstaaten.

Mit dem Mariazeller Heiligtum verbinden sich vor allem drei Legenden: Die Gründung Mariazells im weitgehend ungerodeten Waldland ging vom Benediktinerstift St.Lambrecht (Obersteiermark, in 1072 Meter Seehöhe bei Murau, gegründet 1096, größte Kirche der Steiermark) aus. Sie sei durch einen Mönch namens Magnus erfolgt. Dieser durfte, als er auszog, die von ihm aus Lindenholz geschnitzte Madonna mitnehmen. Auf seiner beschwerlichen Reise versperrte ihm am Abend des 21. Dezember 1157 ein großer Fels den Weg. Er bat Maria um Hilfe, worauf sich der Fels spaltete und ihn durchließ. Magnus stellte die mitgebrachte Skulptur auf den im Gnadenaltar heute noch erhaltenen Baumstrunk und errichtete die erste Kapelle aus Holz („cella" = Zelle).

Einen gewissen historischen Hintergrund mag auch der Bericht über Markgraf Heinrich von Mähren und seine Gemahlin haben:

Als beide an schwerer Gicht erkrankt darniederlagen, gelobten sie eine Wallfahrt nach Mariazell. Nach der wunderbaren Erlösung von ihren Schmerzen pilgerten sie unter Führung von Herzog Wenzel tatsächlich zum Heiligtum, wo sie eine steinerne Kapelle errichteten.

König Ludwig I. von Ungarn (1326-1382) erfocht einen Sieg über ein vierfach überlegenes türkisches Heer, das er, durch einen Traum und ein auf seiner Brust liegendes Marienbild ermuntert, angriff. Das Bild befindet sich heute in der Schatzkammer der Basilika an einem Altaraufsatz in der Form eines Türkenzeltes. Es wurde von Andrea Vanni aus Siena geschaffen. Die darauf dargestellte Madonna ist mit dem Kind durch eine dreifache Perlenschnur verbunden, ihr mit Edelsteinen besetzter goldener Heiligenschein fügt sich organisch in die mit goldenen Lilien bestreute blaue Emailplatte, Emblem des Hauses Anjou, dem ja Ludwig angehörte.

Statue der Mutter Gottes (Kopie), Foto: Jtanzler Aus: Wikicommons unter CC
Statue der Mutter Gottes (Kopie)
Foto: Jtanzler Aus: Wikicommons unter CC
Madonna im Tympanon der Grazer Leechkirche(1290), Foto: Marion Schneider & Christoph Aistleitner, Aus: Wikicommons unter CC
Madonna im Tympanon der Grazer Leechkirche(1290)
Foto: Marion Schneider & Christoph Aistleitner
Aus: Wikicommons unter CC

Das eigentliche Heiligtum Mariazells aber ist die nur 48 Zentimeter hohe, aus Lindenholz geschnitzte Statue der Muttergottes mit dem Kind. Sie stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und ist - ausgenommen ein paar Tage vor Weihnachten - mit dem sogenannten „Liebfrauenkleid", einem reich bestickten und mit goldenen Fransen versehenen Mantel, bekleidet. Maria trägt wie das Jesuskind eine goldene Krone mit blauer Weltkugel und Kreuz. Beide Kronen wurden 1821 vom Kardinalprimas von Ungarn gestiftet, 1908 vom Papst geweiht und anläßlich der Erhebung zur Basilika sodann durch einen Nuntius nach Mariazell gebracht. Die spätromanische Madonna trägt ein blaues, rotgefüttertes Überkleid, das Jesuskind hat ein weißes Hemdchen mit Goldsaum an. Beide haben Früchte in den Händen: das Kind den Apfel als Sinnbild der Erbsünde, von der es die Menschheit befreit, die Mutter eine Birne bzw. (rote) Feige. Die letztere soll einst Sinnbild des Leidens gewesen sein, von dem Christus die Menschheit erlöste. Maria zeigt auf den Apfel, als wolle sie mit dem Kind die Früchte tauschen. Aufgrund dieser Geste könnte man auf einen viel tieferen Symbolgehalt schließen, von dem man annehmen kann, dass er dem mittelalterlichen Statuenschöpfer kaum bewusst war:

Gottesmutter und Sohn tauschen Symbole ihrer Geschlechtlichkeit aus, um ihr jeweiliges volles Sein zu entwickeln - der männliche Teil seine „Anima", der weibliche seinen „Animus". (Vgl. hiezu „Maria mit der Birne" von Albrecht Dürer im Wiener Kunsthistorischen Museum sowie die aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts stammende, eigenwillige Tympanon-Madonna an einer der ältesten Kirchen von Graz, der Leechkirche.)

Das Gnadenbild ist jedenfalls verehrt worden wie sonst keines in Österreich. Davon zeugen Tausende Votivbilder und Votivgaben, vom einfachen Dankbrief bis zum wertvollen Kunstwerk. 1809 wurde die Statue zum Schutz vor den Franzosen nach Temesvar gebracht, 1827 überstand sie eine Feuersbrunst, der die Turmdächer zum Opfer fielen.

Zu den zahlreichen Berichten über Besonderheiten des Gnadenbildes gehören Erzählungen über den außergewöhnlich guten Erhaltungszustand der hölzernen Statue, darüber, dass sich auf den Gesichtern Marias und des Kindes kein Staub festsetze sowie über verschiedene Augenbewegungen und Lichterscheinungen. Die trapezförmige Gnadenkapelle in der Kirchenmitte geht ursprünglich auf eine Stiftung des schon erwähnten Königs Ludwig von Ungarn zurück. Das schwere Silbergitter hat Maria Theresia gespendet. Es wird von einem mächtigen Doppeladler gekrönt, ein deutlicher Ausdruck der engen Beziehungen der Habsburger zu diesem Heiligtum.

--> In einem 2007 bei Leykam/Graz erschienen, reich bebilderten Büchlein ("Mythos Mariazell") stellt Ingeborg Schödl Vergangenheit und Gegenwart Mariazells in allen Einzelheiten vor.

Gnadenaltar Photo P. Diem
Gnadenaltar
Detail mir Stephanskrone Photo P. Diem
Detail mit Stephanskrone