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Der österreichische Nationalfeiertag#

von Peter Diem

Foto: P. Diem
Foto: P. Diem
Im alten Österreich gab es neben den kirchlichen Festen und Feiertagen nur wenige Anlässe, die man als „Staatsfeiertage" bezeichnen könnte. Eher waren es Volksfeste. Anton Wildgans erinnerte sich an Kaisers Geburtstag am 18. August,„weil es da in jeder Sommerfrische auch Feuerwerk, Lampions und ein besseres Essen gab", und an den 2. Dezember, den Tag des Regierungsantritts des Kaisers. Dieser Tag zeichnete sich für den jungen Wildgans dadurch aus, „daß an seinem frühen Morgen die gefürchtetenHerren Professoren in ihren Staatsbeamten-Galauniformen mit Dreispitz, goldenen Aufschlägen und Galanteriesäbel zum Festgottesdienst erschienen".

--> Anton Wildgans, Musik der Kindheit, a. a. O., 106 f.

Zu den auf die Person Kaiser Franz Josephs I. bezogenen Festtagen, an denen die Monarchie schwarz-gelben Fahnenschmuck anlegte, trat ab 1890 der 1. Mai als „Tag der Arbeit", der bald danach arbeitsfrei wurde. In der Ersten Republik gerieten ihr Gründungstag, der 12. November, und der 1. Mai in den Strudel der erbitterten Auseinandersetzungen der großen politischen Lager. Erst zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Wiedererstehen der demokratischen Republik Österreich fand diese auch in der Frage eines Nationalfeiertags zu sich selbst.

Staatsfeiertage 1919-1945#

Mit Gesetz vom 25. April 1919 (StGBl. 264/1919) waren der 12. November und der 1. Mai zu „Ruhe- und Festtagen" erklärt worden. Weder mit dem zum „immerwährenden Gedenken an die Ausrufung des Freistaates Deutschösterreich" erklärten „republikanischen" Staatsfeiertag im November noch mit dem „roten" Arbeiterfesttag am Beginn des Monats Mai konnte und wollte sich das „bürgerliche Lager" in der Folge abfinden. So war es nicht weiter verwunderlich, daß der „christliche Ständestaat" den 12. November als Staatsfeiertag wieder abschaffte. Was den 1. Mai betrifft, so wurde versucht, diesen zum Tag der ständestaatlichen Verfassung, des Zusammengehörigkeitsgefühls aller Werktätigen und darüber hinaus auch noch zum Marien- und Muttertag zu machen. Auch die Nationalsozialisten wagten nicht, an den Grundgedanken des Maifeiertags zu rühren. Sie erhoben diesen zum „Nationalen Feiertag des Deutschen Volkes", der neben dem „Heldengedenktag" (16. März), dem „Erntedanktag" (erster Sonntag nach dem 29. September/Michaelis) und dem Gedenktag für die „Gefallenen der Bewegung" (9. November) als „Feiertag der nationalen Arbeit" begangen wurde („Führers Geburtstag" am 20. April nicht zu vergessen - ein Tag, der bis in die Gegenwart nachwirkt, da es zu diesem Datum gelegentlich zu Nostalgiekundgebungen alt- oder neonazistischer Kreise kommt).

--> Gustav Spann, Zur Geschichte des österreichischen Nationalfeiertages. Vortrag beim Symposium 1993 des Instituts für Österreichkunde sowie BMUK, Zur Geschichte des österreichischen Nationalfeiertages. Wien o. J., 27

Vom "Tag der Flagge" zum Nationalfeiertag#

In der Zeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde in der Bundeshauptstadt und in Ostösterreich der 13. April als „Tag der Befreiung" gefeiert, was aber nach der Jahr für Jahr andauernden alliierten Besetzung begreiflicherweise auf immer weniger Anklang stieß, bis 1954 offiziell beschlossen wurde, die öffentlichen Gebäude nicht mehr zu beflaggen (Privathäuser werden seit dem Trauma von 1938 in Österreich ohnedies nur spärlich beflaggt). Als Frankreich als letzte Signatarmacht des Staatsvertrages vom 15. Mai 1955 seine Ratifizierungsurkunde am 27. Juli 1955 in Moskau hinterlegt hatte, war Österreich auch de jure frei und unabhängig. Binnen neunzig Tagen hatten die alliierten Truppen das Land zu verlassen. Daraus errechnete sich der 25. Oktober als jener Tag, an dem „der letzte fremde Soldat Österreich verlassen mußte".

Der damalige Unterrichtsminister Heinrich Drimmel ordnete an, zu jenem „österreichischen Unabhängigkeitstag" an allen Schulen feierlich die Flagge zu hissen und der Jugend den Sinn dieses Ereignisses vor Augen zu führen. Der 25. Oktober 1955 wurde somit als „Tag der Flagge" gefeiert. Im Jahr darauf wurde der 26. Oktober zum „Tag der österreichischen Fahne" bestimmt. Heinrich Drimmel gab hiezu im Ministerrat vom 11. September 1956 folgende Erklärung ab:

"Wie sich bei der Feier des Tages der Flagge im Herbst 1955 zeigte, erscheint es zweckmäßig, durch eine alljährlich zu begehende Nationalfeier - ohne einen neuen Staatsfeiertag schaffen zu wollen - in der Schuljugend ebenso wie in allen übrigen Kreisen der österreichischen Bevölkerung das Bekenntnis zu den österreichischen Farben immer stärker zu verwurzeln und die Bedeutung des Wiedererstehens Österreichs als selbständigen neutralen Staat immer mehr bewußt zu machen."

Der 26. Oktober 1955 ist der Tag der Neutralitätserklärung Österreichs, der ersten Dokumentation eines selbständigen politischen Wollens Österreichs in voller Freiheit, zwei Tage nach dem Jahrestag der Vereinten Nationen.
Das Parlament hielt am 26.10.1956 eine Festsitzung ab, während in Budapest noch gekämpft wurde. Bei dieser Sitzung legte Dr. Felix Hurdes in seiner Festrede ein Bekenntnis zur österreichischen Fahne ab. Die anschließend gesungene Bundeshymne können Sie hier abhören.



Bis heute hat sich in offiziellen Erklärungen, in der Lehrerschaft und bei der Schuljugend, ja im ganzen Volk die Ansicht erhalten, der Abzug des letzten Besatzungssoldaten sei der eigentliche Anlass des Nationalfeiertages. Weder wurde aber - wie wir gesehen haben - der dem heutigen Nationalfeiertag vorausgegangene „Tag der Fahne" zur Erinnerung an den Abzug der letzten Besatzungssoldaten eingeführt, noch war der 25. oder 26. Oktober 1955 das tatsächliche Datum, an dem die letzten Besatzer abzogen. Der letzte von vielen Transporten mit russischen Besatzungssoldaten hatte vielmehr bereits am 19. September 1955 um 16.48 Uhr den Bahnhof Baden Richtung Osten verlassen.

--> Bahnhofsvorsteher Kurt Nagy in einem Artikel von Erwin Melchart in der „Neuen Kronen Zeitung"; Datum nicht ersichtlich

Nach einer Phase des Wiederauflebens deutschnationalen Gedankenguts war es vor allem das Verdienst „Österreichischen Nationalinstituts" unter Walter Jambor, durch eine hochrangig besetzte Enquete am 11. März 1965 auf die Notwendigkeit der Einführung eines österreichischen Nationalfeiertages hinzuweisen. Von sozialistischer Seite wurden der 12. November und der 1. Mai propagiert, Anhänger der Volkspartei traten für den mit den Namen Raab und Figl verbundenen 15. Mai und den von Drimmel eingeführten 26. Oktober ein. Interessant ist, daß Bruno Kreisky den 12. November nicht befürworten wollte, weil er mit diesem Tag wahrheitsgemäß die „Selbstaufgabe" der „Republik Deutschösterreich" verband. Es gab auch Einwände gegen den Vorschlag, die Neutralitätserklärung in das Zentrum des Feiertagsgedankens zu stellen. Schließlich kam es durch einen Kompromiß der beiden Großparteien zur Beschlussfassung über das geplante Gesetz, zunächst ohne allgemeine Arbeitsruhe. Diese wurde schließlich am 28. Juni 1967 doch noch in das Gesetz eingebaut, und zwar gegen die Stimmen der FPÖ, die die Umbenennung des „Tages der österreichischen Fahne" in „Österreichischer Nationalfeiertag" 1965 noch mitgetragen hatte. Für prominente Vertreter der FPÖ existierte plötzlich das Hindernis einer „neu erfundenen und konstruierten Nation", ja einer „Retortengeburt". Zwei Jahrzehnte später sprach Jörg Haider von einer „Missgeburt" (1988

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Das österreichische Nationalbewusstsein festigte sich in der Zwischenzeit immer mehr, und der Nationalfeiertag ist zu einer akzeptierten Institution geworden - freilich nicht in jener Form und mit jener Begeisterung, die ihn am Anfang, etwa unter Bundeskanzler Josef Klaus, noch gekennzeichnet hatte. So wurde im Oktober 1968, im Jahr der Studentenrevolten, in der Wiener Stadthalle eine überparteiliche „Feier der Jugend" abgehalten, die nach intensiven Diskussionen eine „Proklamation" herausgab. Darin wies Winfried Bruckner (1937-2003) darauf hin, dass durch die unzensurierte Kritik und Selbstkritik „viele gute und böse Geister" gerufen würden: „Sie in aller Schärfe zu sehen - gerade in der jungen Generation -, wird der Republik weiterhelfen." Und Anton Pelinka rief dazu auf, nicht zu verschweigen, dass die großen gesellschaftlichen Perspektiven verloren gegangen seien. Schließlich philosophierte Peter Diem über das Wesen des österreichischen Nationalfeiertages unter anderen mit folgenden Worten:

Der 26. Oktober - Feiertag einer Nation, die umso mehr Wirklichkeit wird, je vehementer sie in Frage gestellt wird - ist von allen Nationalfeiertagen wohl der seltsamste. Wäre er das nicht, wäre er nicht österreichisch. Viele bezeichnen den 26. Oktober als einen synthetischen Nationalfeiertag. Er ist synthetisch. Er ist nicht die Erinnerung an Revolution oder Separation, an Schlacht oder Herrschergeburt. Der österreichische Nationalfeiertag - die Wiederkehr der Beschlußfassung über die österreichische Neutralität - ist Herausforderung zur Reflexion,eine jährliche Einladung zur Bestimmung unseres geistigen Standortes als Österreicher.



Der lange Weg zum österreichischen Nationalfeiertag#

"Eingedenk der Tatsache, dass Österreich am 26. Oktober 1955 mit dem Bundesverfassungsgesetz BGBl. Nr. 211/1955 über die Neutralität Österreichs seinen Willen erklärt hat, für alle Zukunft und unter allen Umständen seine Unabhängigkeit zu wahren und sie mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verteidigen, und in eben demselben Bundesverfassungsgesetz seine immerwährende Neutralität festgelegt hat, und in der Einsicht des damit bekundeten Willens, als dauernd neutraler Staat einen wertvollen Beitrag zum Frieden in der Welt leisten zu können, hat der Nationalrat beschlossen:

Artikel I: Der 26. Oktober ist der österreichische Nationalfeiertag.
Artikel II: Der österreichische Nationalfeiertag wird im ganzen Bundesgebiet festlich begangen...


Bis zu dem oben zitierten Gesetzesbeschluss vom 28. Juni 1967 (BGBl. 263/1967), mit dem sich die Zweite Republik mehr als zwei Jahrzehnte nach Kriegsende und ein Dutzend Jahre nach dem Staatsvertrag von 1955 einen Nationalfeiertag gab, war es ein langer, mühevoller Weg. Setzen wir uns heute, da Österreich Mitglied der Europäischen Union ist, mit Wesen, Sinn und Zweck der österreichischen Neutralität auseinander, so werden wir - nicht zuletzt provoziert durch radikale Gedankengänge wie jene von Robert Menasse - völlig neue Ansätze der Interpretation dieser „Nationaldoktrin" suchen müssen, soll dieser Begriff nicht völlig unglaubwürdig werden. Was den Nationalfeiertag selbst und seine weitgehend ritualisierte Begehung durch die Bundesregierung betrifft (vgl. den Beitrag über das österreichische Heldendenkmal im Äußeren Burgtor), so bedarf es einer engagierten politischen Initiative, will man dem zum „Tag der Fitness" verkommenen nationalen Feiertag einen neuen, zukunftsträchtigen Sinn geben.

--> Robert Menasse, Land ohne Eigenschaften. Wien 1993, 65 ff.


--> Siehe auch den Essay vom 25.10.2011
--> Vergleiche die historische Filmdatenbank


Ein nicht nur blendender, sondern in vieler Hinsicht notwendiger Artikel. Da die Neutralität inzwischen völlig ihre Glaubwürdigkeit verloren hat, weil sie bestenfalls von der Politik als ungeliebtes Kind gehandelt wird, in praxi durch das Eu-Engagement keine Rede mehr davon sein kann, stellt sich die Frage nach neuen Inhalten.

Dazu kommt noch, dass die Eu wo es geht die nationalen Symbole und den Nationsbegriff zurückdrängt. Fuhr man früher durch Österreich wusste man etwa schon an den Schildern der Polizeidiensstellen, in welchem Land man sich befand.Die Garantiemacht für die Neutralität, nämlich die Sowjetunion, existiert auch nicht mehr, sodass der fakultativ-optionale politische Umgang mit der Neutralität, die immerwährend und nach Schweizer Vorbild sein sollte, mehr als beliebig ist. Für den Abfangjägerkauf musste sie noch als Argument dienen. Aus sehr durchsichtigen Gründen allerdings. Bei dem geplanten Libyen-Einsatz zählte sie nicht mehr, obwohl sich sogar Deutschland zurück hielt.

Der Nationalfeiertag leidet natürlich unter diesem nicht mehr glaubwürdigen Begriff, der noch dazu von Kanzler Raab zwar sehr gekonnt, aber doch eher nolens volens in die Diskussion eingebracht wurde, weil wir sonst den Staatsvertrag von den Russen nicht erhalten hätten.Da die Sowjets aber fürchteten, dass sie das gleiche Schicksal wie in Deutschland auch in Österreich erleiden würden, waren sie mit einer Neutralisierung des gesamten Landes einverstanden.

Das dadurch entstehende nicht nur symbolische Vakuum wurde durch nichts ersetzt, da die EU naheliegenderweise offenbar nicht in der Lage ist, das Österreich-Bewußtsein durch durch eine europäische Identifikation zu ersetzen. So müssen wir am Nationalfeiertag halt weitermarschieren, was mit politischem Bewusstsein nichts zu tun hat. Wir "begehen" den Feiertag einfach.

Menasse wäre durch jeden gebildeten Österreicher klar und dezidiert zu widersprechen. Unsere Heimat (siehe Heimatlexikon) hat durchaus ihre präzisen und charakteristischen Eigenschaften, beispielsweise ihre Vergangenheitmit allen Höhen und Tiefen. So ist etwa Dürnstein ein unübersehbarer steinerner Zeuge der schwierigen Geschichte des Herzogtums Österreich, noch dazu in der Wachau, dem Schlüsselraum derselben gelegen. Mit Heurigen und der Legende von Blondel de Nesle hat das allerdings nur vordergründig zu tun.

Wenn Menasse die Tükenkriege aus den Geschichtsbüchern verbannen will, so werden sie dadurch nicht ungeschehen. Darüber hinaus zeugt eine immense Fülle von prächtiger Bauten des Barock, also der kulturellen Sublimation der Siege der neuen Großmacht Österreich über die Türken, von der dadurch bewirkten Entstehung des christlichen Abendlandes, heute Europa genannt. Ohne die Siege des Prinzen Eugen u n d seiner österreichischen Soldaten, würde es Europa in dieser Form nicht geben. In den Minaretten würden etwa die herrlichen Fresken unserer barocken Bauten fehlen, da der Islam derartige Darstellungen nicht zulässt.

Natürlich gehört Intelligenz und Wille dazu, die angeführte Symbolik von Dürnstein oder Klosterneuburg und ihre Semantik zu sehen, noch dazu wo die EU die österreichische Nation ja nicht gerade fördert, sondern die nationale Symbolik schon weitgehend abgeschafft hat, etwa bei den Polizeiwachzimmern. Dessenungeachtet wäre daran festzuhalten, da bei d i e s e r EU eine europäische Identität der Bürger nicht zu erwarten ist. Bei der Diskussion über den Nationalfeiertg wäre zu bedenken, dass es nicht der Sport ist, der Österreichs Gegenwart geschaffen hat, sondern die in einer langen extrem schwierigen Geschichte erbrachten Leistungen seiner Bürger.


Obiger Kommentar stammt von Dr. Glaubauf

-- Maurer Hermann, Mittwoch, 26. Oktober 2011, 14:36