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Die Kleinodien des Heiligen Römischen Reiches#

von Peter Diem

--> Es wird dringend empfohlen, vor oder nach Lektüre dieses Beitrags die Schatzkammer zu besuchen (tägl. außer Dienstag, 9-17,30 Uhr)

Buchtext S. 161f.

Dürer/Karl der Große Aus: Wikicommons unter CC
Dürer/Karl der Große Aus: Wikicommons unter CC
Die in der Wiener Schatzkammer seit der Zeit der napoleonischen Kriege aufbewahrten Insignien, Reliquien und Kleinodien des 1806 untergegangenen Heiligen Römischen Reiches stellen eine einmalige Sammlung weltlich-geistlicher Kultgegenstände des Abendlandes dar. Jedem einzelnen Stück - und damit auch der Sammlung insgesamt - wohnen zum Teil noch gar nicht voll entschlüsselte mystisch-religiöse sowie reichs- und kirchenpolitische Symbolfunktionen inne. Die Behandlung der wichtigsten Kleinodien des Römischen Reiches im Austria-Forum leitet sich vor allem davon ab, dass diese Insignien fast ein halbes Jahrtausend lang zur Legitimation der Herrschaft der Habsburger dienten und an jener Stätte zur Aufbewahrung gelangten, wo diese Herrschaft ihr Ende fand.

Die Reichskleinodien in der Wiener Schatzkammer hatten und haben, wie wir sehen werden, eine nicht zu unterschätzende Funktion für das kulturhistorische Prestige und die politische Eigenständigkeit Österreichs. Die Auseinandersetzung mit den Reichskleinodien ist weiters aufgrund ihrer Präsenz auf Bauwerken und in der bildenden Kunst Österreichs wichtig. Schließlich führt die Analyse ihrer Symbolik zu einem größeren Verständnis von Staatssymbolik überhaupt. Durch die seit einigen Jahren erneuerte Form der Präsentation der Kleinodien in der 1983-1987 umgebauten Schatzkammer ist es jedem Interessierten möglich, sich aus nächster Nähe einen Eindruck von jenen Gegenständen zu verschaffen, die über Jahrhunderte hinweg eine geradezu mystische Kraft als europäische Herrschafts- und Einigungssymbole auszuüben vermochten. Auch der nüchterne Mensch von heute wird sich dem Zauber nicht entziehen können, der von Material, Form und historischer Würde der Kleinodien des Römischen Reiches und des Kaisertums Österreich ausgeht. Ein Besuch ist daher sehr zu empfehlen.

Die Reichskrone#

Um die Datierung des kostbarsten Kleinods der Wiener Schatzkammer, der Krone, mit der deutsche Könige und römisch-deutsche Kaiser gekrönt wurden, wird immer noch gerungen. Die meisten Forscher nehmen an, dass die Reichskrone aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts stammt, während das Stirnkreuz im frühen und der Bügel noch vor der Mitte des 11. Jahrhunderts hinzugefügt wurden. Der Ursprungsort der kunstvollen Goldschmiedearbeit wird von manchen Historikern im Kloster Reichenau am Bodensee vermutet, andere halten es für wahrscheinlicher, dass die Krone in einer Goldschmiede im Raum Köln/Essen entstand.

Nach Ansicht von Reinhart Staats habe sie der ranghöchste Geistliche im ottonischen Reich, Reichsbischof Bruno von Köln, ein Bruder Ottos des Großen, in der Zeit zwischen 961 und 967 in Auftrag gegeben. Die typisch byzantinischen Elemente der Krone gingen auf den starken oströmischen Einfluss in den frühen Reichsstiften und Klöstern zurück. Zuletzt hat Mechthild Schulze-Dörrlamm mit Hilfe von kunsthistorisch-archäologischen Methoden ausführliche Vergleiche über frühmittelalterliche Schmuckformen angestellt. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Reichskrone nicht unter den Ottonen, sondern erst unter dem ersten Salierkaiser, Konrad II. (1024-1039), hergestellt wurde. Zwischen Konrads Königskrönung im Jahre 1024 und seiner Kaiserkrönung am 26. März 1027 in Rom sei die Plattenkrone angefertigt, wenig später mit dem Hochbügel und gegen 1030 mit dem Stirnkreuz versehen worden. Die Krone dürfte von einem nördlich der Alpen wirkenden byzantinischen oder italienischen Goldschmied stammen, doch ist es auch möglich, dass sie ein jüdischer Goldschmied in Mainz in mediterraner Tradition anfertigte. Der Sohn Konrads, Heinrich III. (1039-1056), habe sich als Ausdruck eines neuen, von der Person des Königs unabhängigen Staatsverständnisses keine neue Krone anfertigen lassen, sondern die seines Vaters übernommen.

Dagegen sucht Reinhart Staats auch 2008 wieder nachzuweisen, dass die Krone "mit ziemlicher Sicherheit" zwischen 961 und 967 in einer westdeutschen Goldschmiede im Raum Köln/Essen entstanden ist.

--> Hermann Fillitz, Die Insignien und Kleinodien des Heiligen Römischen Reiches. Wien 1954
--> Hermann Fillitz, Die Schatzkammer in Wien. Salzburg 1986
--> Kunsthistorisches Museum Wien, Weltliche und geistliche Schatzkammer. Salzburg 1987
--> Georg Johannes Kugler, Die Reichskrone. 2. Auflage, Wien 1986
--> Ernst Kubin, Die Reichskleinodien - ihr tausendjähriger Weg. München 1991
--> Mechthild Schulze-Dörrlamm, Die Kaiserkrone Konrads II. (1024-1039). Sigmaringen 1991
--> Reinhart Staats Die Reichskrone - Geschichte und Bedeutung eines europäischen Symbols, Kiel, 2008

--> Vgl. auch: Des Reiches Schatz. In: Franz Hubmann/Ernst Trost, Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Wien 1984, 15

Foto: KHM
Foto: KHM
Nach dem himmlische Vollkommenheit ausdrückenden Prinzip der Achtzahl besteht die Reichskrone aus acht ungleich großen Bogenplatten. Diese sind durch Scharniere verbunden und werden durch zwei innen umlaufende Eisenbänder versteift. Die vier Hauptplatten der Krone sind dicht mit gemugelten (abgerundeten, nicht in Facetten geschliffenen) Edelsteinen unterschiedlichster Farben besetzt. Die Nackenplatte und die beiden Schläfenplatten trugen einst kleine Aufsätze aus je drei Perlen. Von den Schläfenplatten hingen Gehänge mit Edelsteinen (Pendilien) herab. Es sind dies aus dem byzantinischen Kulturkreis stammende, ursprünglich apotropäische Attribute, wie sie uns auch von der ungarischen Stephanskrone her bekannt sind (s.d.). Die vier etwas kleineren, aber untereinander gleich großen Zwischenplatten wurden unter byzantinischem Einfluss hergestellt und enthalten allesamt Zitate aus der Krönungsliturgie. Die zu den bildlichen Darstellungen passenden Gedanken werden dabei auf von den Figuren gehaltenen Spruchbändern dargestellt; nur der Pantokrator ist von dieser Aufgabe ausgenommen. Die Kunsthistoriker sehen in dieser Darstellungsweise ein Zeichen für die hohe Wertschätzung der Heiligen Schrift durch den Auftraggeber und ein frühes Beispiel für die gegenseitige Durchdringung von Bild- und Schriftelementen - eine Form der Symbolpublizistik mit hoher Kommunikationsleistung, die von der mittelalterlichen „Biblia Pauperum" bis zum Inserat und zum Comic strip der Gegenwart reicht.

Die Zwischenplatten tragen folgende Inschriften und Motive in Zellschmelztechnik (die Reihenfolge der Platten ist hier im Gegensatz zur zitierten Literatur nach den heraldischen Regeln gewählt, die nach Ansicht des Verfassers zwar keine „chronologische", aber eine dennoch „logische" Rangfolge der Sinnbilder, und zwar nach ihrer „staatstheologischen" Bedeutung, ergeben)


Das Programm#

1. Über der rechten Schläfe: Maiestas-Domini-Platte als Zeichen des Gottesgnadentums. Der Pantokrator flankiert von zwei sechsflügeligen Seraphim mit der Überschrift „PER ME REGES REGNANT".

2. Über der linken Schläfe: Überschrift „REX SALOMON" mit Schriftband „TIME DOMINUM ET RECEDA A MALO". König Salomon gilt als Sinnbild von Weisheit und Gottesfurcht.

3. Rechts hinten: Überschrift „ISAIAS PROPHETA/EZECHIAS REX" mit der Prophezeiung „ECCE ADICIAM SUPER DIES TUOS XV ANNOS". Das lange Leben des Herrschers aus der Gnade Gottes überträgt Frieden und Gesetz auf sein Volk. Man deutet diese Platte aber auch als ein „Memento Mori" für den Träger der Krone.

4. Links hinten: Überschrift „REX DAVID" mit Schriftband „HONOR REGIS IUDICIUM DILIGIT". König David gilt als die Verkörperung staatsmännischer Gerechtigkeit (Abb. links).

Schmelztechnik#

Die Technik des Senkschmelzes vor Goldgrund stammt aus Byzanz, die Motive, insbesondere der durch die Kleidung vermittelte Körperausdruck, kommen ebenfalls aus dem Osten. Die Reichskrone ist eines der frühesten Beispiele für die Einführung des „Goldgrunds" in der mittelalterlichen religiösen Kunst nördlich der Alpen. Ein wunderschönes Beispiel für die voll entwickelte Zellschmellztechnik stellt der Verduner Altar dar, geschaffen in Klosterneuburg im Jahre 1181 (siehe Abb. rechts und den Beitrag über Niederösterreich).

Der achtlappige Bügel der Reichskrone trägt die aus Perlen bestehenden Inschriften: links: „CHONRADUS DEI GRATIA", rechts: „ROMANORUM IMPERATOR AUG(USTUS)".

Das Schrift- und Bild-Programm der Krone, mit seiner starken Betonung der von Gottgewählten Könige des Alten Bundes aus dem Stamme Davids, ist nichts anderes als die symbolpublizistische Untermauerung des Anspruches, dass der Kaiser die universelle Herrschaft (Regnum) und das oberste Priesteramt (Sacerdotium) stellvertretend für Christus ausübt. Dieses Programm wurde durch die spätere Hinzufügung des Kreuzes über der Stirnplatte noch unterstrichen. Das Kreuz der Reichskrone trägt auf der Rückseite die Inschrift „IHC NAZARENUS REX JUDEORUM". Christus ist als der Gekreuzigte mit blutenden Wunden dargestellt, seine offenen Augen zeigen aber den Sieg über den Tod. Die „Schauseite" des in Größe und Form wohlproportionierten Kreuzes ist als „crux gemmata", als edelsteinbesetztes Triumphzeichen, ausgebildet. Fünf relativ große, verschiedenfarbige, ovale Edelsteine bieten sich als Symbole für die fünf Wundmale Christi an, als in das umfassende christologische Konzept der Krone später eingefügter Teil.

Foto: KHM
Foto: KHM
Die Hauptplatten der Krone tragen je zwölf gemugelte Edelsteine in vier Dreierreihen übereinander. Die Hochfassungen bestehen aus geperltem Golddraht. Um den großen Edelsteinen möglichst viel Licht und damit Leuchtkraft zu geben, wurden für sie die Goldplatten durchbrochen. Die großen Steine werden auf der Stirn- und Nackenplatte von vierzehn kleinen Edelsteinen und achtzehn Perlen begleitet, wodurch regelmäßige Fünfermuster entstehen. Bei den Farben dominiert der Akkord grün/blau/weiß, der im byzantinischen Kulturkreis dem Herrscher und seiner Familie vorbehalten war. Auf der Nackenplatte (siehe Abb. links) ist diese besondere Farbzusammenstellung noch am reinsten durchgehalten.

Auf den Seitenplatten umrahmen je 72 (= 6 x 12!) verschiedenfarbige Steine und Perlen einen in der Mitte sitzenden smaragdgrünen Prasem (grün gefärbter Quarz).Was sagen nun all die Edelsteine und Perlen aus, welches Programm steht hinter diesem kostbaren Schmuck?

Die Zwölfzahl der großen Steine an Stirn- und Nackenplatte weist auf die zwölf Apostel sowie auf die zwölf Stämme Israels hin, deren Namen gemäß Exodus 28,17-21 bzw. 39,10-14 in die Steine an der Lostasche des Hohenpriesters eingraviert waren: vier Reihen zu je drei genau benannten Edelsteinen - die Reichskrone befolgt dieses Muster praktisch wortgetreu. Einige Kunsthistoriker sehen im Programm der Krone auch den Hinweis auf das messianische Jerusalem: nach Offenbarung 21,10 ff. baut die Vision vom himmlischen Jerusalem ja auf die Zwölfzahl auf, die sich wieder auf die Vier und die Drei gründet: vier Mauern mit je drei Toren nach den vier Himmelsrichtungen - auch daran will die Anordnung der Steine auf den beiden Hauptplatten erinnern. Weitere Hinweise auf Elemente der Zahlenmystik sind der Umstand, dass die Krone 120 Steine (= 10 x 12) und 240 Perlen (= 20 x 12) aufzuweisen hat. Dabei darf man allerdings den vorderen und hinteren „Leitstein" nicht mitzählen - beiden kommt, wie wir gleich sehen werden, eine Sonderstellung zu.

An der prominentesten Stelle der Krone, über der Stirn ihres Trägers, saß einst der sogenannte „Waise", nach den Erkenntnissen der Kunsthistoriker ein Edelopal, der durch seine Leuchtkraft und sein vielfältiges Farbenspiel gewissermaßen die Eigenschaften aller Edelsteine - und damit auch alle ihre Tugenden - in sich vereinigte. Die Bezeichnung „der Waise" - von Walther von der Vogelweide sogar als Synonym für die Reichskrone verwendet - kommt ursprünglich vom griechischen „orphanos", das schon für die byzantinische Stirnperle überliefert ist. Der lateinische Ausdruck dafür ist „pupilla". Dieses Wort hat eine dreifache Bedeutung: es bezeichnet sowohl das Auge als auch den Augenstein (Opal) als auch das Waisenkind. Die letztere Bedeutung leitet sich von der kleinen Menschenfigur ab, die man erkennt, wenn man sich selbst im Auge seines Gegenübers gespiegelt sieht. Interessanterweise findet sich nirgendwo in der Literatur ein Hinweis auf die Möglichkeit, dass die Reichskrone ursprünglich vorne und hinten einen Opal hätte tragen können - schließlich befinden sich ja auch auf wichtigen anderen mitteleuropäischen Kronen vorne und hinten an prominenter Stelle gleichartige Steine. B eachte hierzu die Analyse des Programms der österreichischen Kaiserkrone. Wie dem auch immer sei, der zweifellos prominenteste Stein der ottonischen Reichskrone existiert heute nicht mehr. Irgendwie erinnert uns der mit ihm verbundene Mythos an das unpaarige „dritte" Auge, jenes bei Fischen und altertümlichen Landwirbeltieren feststellbare geheimnisvolle „Scheitelorgan", eine Art von lichtempfindlicher Stelle, die sich bei höheren Wirbeltieren zu einer hormonbildenden Drüse entwickelt hat. Wer weiß, vielleicht brauchte der Römische Kaiser einfach ein Auge mehr als gewöhnlich sterbliche Menschen, um die Vision einer dauerhaften gesamteuropäischen Friedensordnung im Rahmen eines großen übernationalen Wirtschafts- und Kulturraumes nicht aus den Augen zu verlieren?

Reichsinsignien, Reichsornat und Reichsreliquien #

Mayer-Lexikon, 1909
Mayer-Lexikon, 1909
Zu den Reichskleinodien werden neben der Reichskrone folgende Gegenstände gezählt, die alle in der Wiener Schatzkammer aufbewahrt werden:

- die Heilige Lanze (karolingisch, 8. Jahrhundert),

- das Krönungsevangeliar (Hof Karls des Großen, knapp vor 800),

- die Stephansbursa (karolingisch, Anfang 9. Jahrhundert),

- der „Säbel Karls des Großen" (Ungarn, 1. Hälfte 10. Jahrhundert),

- das Reichs-(Mauritius-)schwert (Scheide deutsch, 2. Drittel 11. Jahrhundert),

- das Zeremonienschwert (Palermo, vor 1220),

- der Reichsapfel (Köln, um 1200),

- das Zepter (deutsch, 1. Hälfte 14. Jahrhundert),

- der Krönungsmantel (königliche Hofwerkstatt Palermo, 1133/34),

- die Handschuhe (Palermo, vor 1220),

- die Adlerdalmatika (süddeutsch, 1330/1340),

- das Reichskreuz (westdeutsch, um 1024), u. a.

Es ist nicht möglich, auf alle diese Gegenstände einzugehen, doch sollen einige ihrer Besonderheiten wegen hervorgehoben werden, soweit diese Bezug auf österreichische Symbolik im weitesten Sinn nehmen.

Die heilige Lanze #

Foto: KHM
Foto: KHM
Mit der Heiligen Lanze, in deren Blatt man im Mittelalter einen Nagelpartikel einfügte, dem man zuschrieb, vom Kreuz Christi zu stammen, sind einige Legenden verbunden. Zunächst soll sie dem später heiliggesprochenen römischen Offizier Mauritius gehört haben, der sich weigerte, an Christenverfolgungen teilzunehmen. Dann wurde sie dem nur aus apokryphen Schriften bekannten, jedoch ebenfalls in den Heiligenkalender aufgenommenen römischen Hauptmann Longinus zugeschrieben, der mit seiner Lanze die Seite Jesu am Kreuz geöffnet haben soll (Johannes 19,34). Die überirdischen Kräfte der Heiligen Lanze sollen dazu beigetragen haben, dass Otto I. am 10. August 955, dem Fest des hl. Longinus, die Ungarn auf dem Lechfeld bei Augsburg besiegte. Dabei handelt es sich wohl um eine politische Legende, die das Gottesgnadentum der Ottonen untermauern sollte.

Die Heilige Lanze wurde 1002 für Heinrich II., den Heiligen (973-1024), Nachfolger Ottos III., zum ersten und letzten Mal direkt in die Krönungshandlungen einbezogen, nachdem Heinrich das Insigne dem Erzbischof von Köln mit Gewalt abgenommen hatte. Die Heilige Lanze stellt also das älteste Reichssymbol dar, dem jedoch im 13. Jahrhundert die Reichskrone den Rang ablief. In der Folge wurde die Lanze immer wieder in Zusammenhang mit Machterwerb und Machtverlust gebracht. Als Höhepunkt der Legendenbildung kann angesehen werden, dass Adolf Hitler angeblich noch in der Nacht nach seiner Ankunft in Wien am 14. März 1938 die Schatzkammer aufsuchte, um die Heilige Lanze zu sehen und lange vor ihr zu verweilen. Darüber und über den gesamten auf die Lanze bezüglichen und weit ins Esoterische reichenden Mythenkranz siehe: --> Trevor Ravenscroft, Die Heilige Lanze - Der Speer von Golgotha, Universitas, 1972/2000

Der Reichsornat#

Der Krönungsmantel, ein dreieinhalb Meter breiter halbkreisförmiger Umhang, stammt aus der königlichen Hofwerkstatt in Palermo und wurde 1133/34 für den Normannenkönig Roger II., den Sohn des Eroberers von Sizilien, Roger I., hergestellt, wie eine kufische (arabische) Inschrift unzweifelhaft festhält. Auf leuchtend purpurnem Samit („geritzte" Seide) ist mit Goldstickerei eine Dattelpalme als Lebensbaum dargestellt, zu deren Seiten je ein Löwe (als das normannische Wappentier) über ein zu Boden geworfenes Kamel triumphiert.

Foto: KHM
Foto: KHM
Es ist nicht auszuschließen, dass die Löwen nicht nur irdische Herrschaftssymbole darstellen, sondern als Sternbilder zu verstehen sind, um den Herrscher mit einem „Himmelsmantel" zu versehen. Das Faszinierende an diesem Krönungsmantel und anderen Teilen des Reichsornats ist der Gedanke, dass die christlichen Könige bei ihrer Kaiserkrönung und -salbung Prunkstücke mit arabischer Bildsymbolik und mit arabischen Aufschriften trugen, worauf sie alsbald zu Kreuzzügen aufbrachen, um eben jene Kultur mit Feuer und Schwert zu verfolgen, der das Abendland so unendlich viel verdankt.


Zur Rolle der arabischen Kultur in der Frühgeschichte Europas und dem reichen Erbe in Wissenschaft, Medizin, Kunst und Kultur siehe:

--> Sigrid Hunke, Allahs Sonne über dem Abendland. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1990

Foto: KHM
Foto: KHM
Foto: KHM
Foto: KHM
Von besonderer Bedeutung sind auch die Handschuhe, ebenfalls aus Palermo, höchstwahrscheinlich angefertigt für die Krönung des in Sizilien regierenden Stauferkönigs Friedrich II. in Rom am 22. 11. 1220. Ihre Handflächen sind mit Ranken und je einem großen nimbierten Adler mit ausgebreiteten Schwingen bestickt. Es ist dies ein beredtes Zeichen dafür, dass sich unter Friedrich II. (1212-1250) der einköpfige Adler als Symbol des Kaisertums durchsetzte. Er wurde in dieserZeit „heraldisiert": unter arabischem Einfluss näherte sich die Adlerdarstellung pflanzlichen Motiven an, es entstanden die knopfförmigen Erweiterungen der Flügelenden (Voluten) und die seitlich abgestreckten Fänge. In der gleichen Periode trat auf in Sizilien geprägten Münzen und auf den Siegeln der Reichsstädte Kaiserswerth und Cambrai erstmals der Doppeladler als kaiserliches Zeichen auf.

--> Kusternig, Adler und Rot-Weiß-Rot, Wien, 1986, 33

Die attraktive Adlerdalmatika (Abb. rechts), aus pflanzlich rot gefärbtem chinesischem Seidendamast, bestreut mit 68 aufgenähten Adlermedaillons (einköpfiger schwarzer Adler in Gold auf Leinen gestickt), ist mehr als hundert Jahre jünger (1330-40).

Das wechselvolle Schicksal der Reichskleinodien#

Reichskreuz mit Heiliger Lanze und Kreuzpartikel Foto: Gryffindor, Aus: Wikicommons unter CC
Reichskreuz mit Heiliger Lanze und Kreuzpartikel Foto: Gryffindor
Aus: Wikicommons unter CC
Der Umstand, dass das Heilige Römische Reich lange Zeit keine Haupt- und Residenzstadt besaß und der Kaiser gewissermaßen „vom Sattel aus regierte" (Ernst Kubin), bescherte den Reichskleinodien ein unstetes Wanderleben. Von 1423 bis 1796 - also fast vier Jahrhunderte - in Nürnberg aufbewahrt, gelangten die wichtigsten Schätze und Insignien des Reiches auf der Flucht vor den Franzosen 1800 erstmals in die Wiener Schatzkammer. Der Kaiser und die Reichskleinodien flohen Mitte 1809 vor den Franzosen nach Ungarn. Der Kronschatz kam 1809 bis nach Temesvar und wäre beinahe über Dalmatien nach Malta verschifft worden, hätten sich die Engländer nicht dagegen gesperrt. Im Jahr nach dem Wiener Frieden vom 14. Oktober 1809 kehrten die symbolträchtigen Kostbarkeiten aber wieder nach Wien zurück. Eine erneute vorsorgliche Flucht der Schätze führte sie 1813 zunächst zu Schiff bis Fischamend, wo sich die Kisten, vom Hochwasser bedroht, zeitweise in großer Gefahr befanden. Die Völkerschlacht bei Leipzig Mitte Oktober 1813 beendete die Franzosengefahr und ermöglichte den Rücktransport in die Schatzkammer. 1866 war es für die Reichskleinodien wieder Zeit, sich zu mitternächtlicher Stunde vom Josefsplatz auf den Weg zum Donauufer zu machen, denn nach Königgrätz wurde ein Einfall der Preußen befürchtet. Diesmal ging es bereits per Dampfschiff donauabwärts: der Personendampfer „Szent Istvan" hatte die Schätze in einem Lastenkahn im Schlepptau. Über Pressburg gelangten die Kisten ins königliche Zeughaus von Ofen. Es handelte sich dabei um die wahrscheinlich kostbarste Fracht aller Zeiten: neben den Reichsinsignien waren u. a. die mit der Bahn aus Prag heimlich angereiste Sankt Wenzelskrone, die österreichische Kaiserkrone, der Erzherzogshut und die Eiserne Krone der Lombardei mit von der Partie! Nach einem Monat Abwesenheit war freilich alles wieder nach Wien zurückgekehrt. Am 22. August 1914 wurde die Wiener Schatzkammer „bis auf weiteres" geschlossen. 1918 wurde zwar der Privatschmuck der Habsburger in die Schweiz verbracht, doch blieben die Gegenstände mit „öffentlich-rechtlichem" Charakter der Republik erhalten. Sie mussten allerdings noch gegen maßlose italienische Ansprüche, insbesondere auch auf die Kunstgegenstände aus Palermo, verteidigt werden.

Seit 1933 verfolgte der Nürnberger Oberbürgermeister Willy Liebel hartnäckig den Plan, die Reichskleinodien in die ehemalige freie Reichsstadt heimzuholen. Adolf Hitler stimmte Mitte 1938 diesem Plan zu. Gegen den hinhaltenden Widerstand von Reichsstatthalter Dr. Seyss-Inquart (der sich ja ursprünglich als „österreichischer" Nationalsozialist verstanden hatte, dem ein volles Aufgehen der „Ostmark" im „Reich" nicht vorgeschwebt war) wurde am 13. Juni 1938 die Überführung verfügt. Hitler wusste um die Emotionen, die die Verbringung der Reichskleinodien aus Wien auslösen konnte, und taktierte daher behutsam. Dennoch, das Schicksal nahm seinen Lauf. Am Morgen des 29. August 1938 traf ein Sonderzug der Deutschen Reichsbahn in Wien ein. Unter Bewachung durch sieben SS-Leute wurden die Reichskleinodien inklusive der drei sogenannten Aachener Kleinodien an Oberbürgermeister Liebel ausgefolgt. (Angeblich waren die SS-Männer ziemlich überrascht, besser gesagt, eher peinlich berührt, als sie der eindeutig jüdischen Motive auf der Krone des Heiligen Römischen Reiches „deutscher Nation" gewahr wurden.)

Dr. Seyss-Inquart war bei der Übergabehandlung nicht anwesend, er ließ sich durch den SS-Brigadeführer Staatssekretär Dr. Ernst Kaltenbrunner vertreten. Unter völliger Geheimhaltung wurden zwölf Kisten mit den Schätzen zum Westbahnhof gebracht. Dort präsentierte das SS-Kommando vor den Kisten das Gewehr. Der Zug fuhr kurz nach 22 Uhr ab. Die offiziellen Begleiter waren von ihrer historischen Mission so begeistert, dass sie die Nacht durchzechten. Als der Zug gegen 8 Uhr in Nürnberg eintraf, war keiner von ihnen imstande, auf eigenen Füßen zu stehen. Die österreichischen Begleiter mußten selbst zusehen, wie sie mit den Reichskleinodien zum Reichsparteitagsgelände kamen. Nach einem Bericht des Wiener Antiquars Christian M. Nebehay sei dies schließlich per Taxi gelungen.

--> Sammlers Freude - Österreichs Glück. Die Wiederauffindung der Reichskleinodien 1945. In: Die Presse, 21./22. Mai 1988, III.
--> Hugo Portisch, etwas abweichende Schilderung in Österreich II, a. a. O., 38 ff.

Bild 'whitehead'
1940 wurden die Schätze in einen bombensicheren Bunker unterhalb der Nürnberger Kaiserburg gebracht. Holzwurm und Motten setzten ihnen zu, doch im großen und ganzen überstanden die Reichskleinodien den Krieg ganz gut. Willy Liebel verübte am 20. April 1945, dem Geburtstag des von ihm hochverehrten Führers, in Nürnberg Selbstmord. Die in die Stadt eingerückten Amerikaner mussten erfahren, dass sich die wichtigsten Teile des Kronschatzes (Krone, Zepter, Reichsapfel, Schwerter) nicht mehr im Bunker befanden. Sie seien in den ersten Apriltagen von der SS in Kupferbehältern weggebracht worden, erklärten die Nürnberger und fanden auch sonstige Ausflüchte. Die Amerikaner entdeckten zwar in einem Bergwerksstollen in Siegen (bei Köln) Reichskleinodien, doch waren es nicht die Originale, sondern die Aachener Nachbildungen: bei ihrer Bergung entstand das bekannte Bild der amerikanischen Soldaten Ivan Babcock und Richard Swenson, die sich, unbekümmert um europäische Traditionen, Mythos und Mystik der Reichskleinodien, die Reichskrone aufs Haupt setzen (links der US-Leutnant Richard Swenson mit den (nachgebildeten) Reichsinsignien, photographiert von Dennis R. Whitehead). Oberleutnant Horn, ein geborener Deutscher, führte in der Folge die Nachforschungen. Nach Christian M. Nebehay war es der "Monuments and Arts Officer" John Nicolas Brown, dem es gelang, durch gezielte Verhaftungen und Verhöre die Wahrheit herauszufinden: Der „Abtransport" durch die SS war fingiert; in Wirklichkeit hatte der engste Kreis um den Oberbürgermeister Willy Liebel am 31. März 1945 die wichtigsten Gegenstände in einem anderen Bunker eigenhändig eingemauert. Es besteht Grund zu der Annahme, dass Liebel vor seinem Selbstmord noch einmal sicherstellen wollte, dass die wichtigsten Gegenstände nicht in die Hände Unberufener fallen könnten. Es war jedoch nicht seine Absicht - was die Amerikaner zunächst vermuteten -, die Reichsinsignien zum zentralen Symbol einer „Widerstandsbewegung des Dritten Reiches" („Werwolf") zu machen. Der wieder geöffnete "Kunstbunker" unter dem Nürnberger Burgberg ist übrigens täglich zu besichtigen.

Die Gegenstände wurden unversehrt geborgen. Es verging jedoch das gesamte Jahr 1945, bis die Reichskleinodien von der amerikanischen Besatzungsmacht nach Wien zurückgeflogen wurden. Die Nürnberger Kunsthistoriker hatten alles versucht, die Kronschätze ihrer Stadt durch Rechtsgutachten zu erhalten, doch stießen sie mit ihren Plänen (u. a. für ein Germanisches Museum) bei den Amerikanern auf taube Ohren. Am 5. Jänner 1946 trafen die Reichskleinodien am Militärflugplatz Tulln ein, von wo sie in die Tresorräume der Nationalbank gebracht wurden. Die formelle Übergabe an Österreich erfolgte am 10. Jänner 1946 durch General Mark Clark an Bundeskanzler Leopold Figl. Am 1. Juli 1954 wurden die Reichskleinodien in der Wiener Schatzkammer wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Auch in den Jahren nach dem Krieg wurden in Deutschland wieder Bestrebungen wach, die Kronschätze nach Nürnberg bzw. Aachen zurückzubringen. In seinem spannenden Buch würdigt Ernst Kubin alle Standpunkte, um zu dem Schluss zu kommen, „dass Österreich zur Verwahrung aller Reichskleinodien sowohl aus rechtlicher als auch historischer Sicht unangreifbare Titel besitzt. Die Forderungen Nürnbergs und Aachens erscheinen vom lokalen Standpunkt dieser Städte aus zwar verständlich, sie entbehren jedoch letztlich ausreichender historischer und rechtlicher Grundlage." vgl. Ernst Kubin, a. a. O., 266

--> Fotos mit freundlicher Genehmigung des Kunsthistorischen Museums Wien

--> Sie sind eingeladen, die Schatzkammer zu besuchen (tägl. außer Dienstag, 9-17,30 Uhr)

Redaktion: P. Diem