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Die heilige Krone Ungarns und die Krönungsinsignien#

von Peter Diem

--> Fotos: Ungarisches Nationalmuseum.

--> Dem Direktor des Ungarischen Nationalmuseums, Herrn Dr. István Gedai, sei an dieser Stelle herzlich für seine freundlichen Anregungen und Korrekturen gedankt.

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Die vielfachen historischen Verflechtungen der beiden Nachbarländer Österreich und Ungarn legen eine ausführliche Behandlung der ungarischen Krönungsinsignien nahe. Vom symbolkundlichen Standpunkt ist dies auch gerechtfertigt, weil die "Heilige Krone Ungarns", die sogenannte „Stephanskrone", Teil des letzten gemeinsamen Wappens von Österreich-Ungarn war (siehe die Abbildung links und vergleiche dazu auch den Beitrag über die Geschichte des österreichischen Bundeswappens. Mit dieser Krone wurde der letzte österreichische Kaiser am 30. Dezember 1916 als Karl IV. zum ungarischen König gekrönt. Die Geschichte der „heiligen Krone Ungarns" ist eines der spannendsten Kapitel der (mittel-)europäischen Kunstgeschichte, vergleichbar vielleicht jener des Turiner Grabtuches. Eine populärwissenschaftliche Gesamtdarstellung des Schicksals der ungarischen Krönungsinsignien liest sich beinahe wie ein Kriminalroman.

--> Josef Deér, Die heilige Krone Ungarns, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien, 1966
--> Kaiman Benda/Erik Fügedi, Tausend Jahre Stephanskrone. Szeged 1988


Bild 'stephanskrone'
Am Beginn des Jahres 1001 wurde in Gran/Esztergom Stephan der Heilige (969-1038, heiliggesprochen am 20. 8. 1083) zum ersten König Ungarns gekrönt. Das Volk der Magyaren war erst etwas über hundert Jahre davor unter seinem Anführer, dem Großfürsten Árpád (845-907) im Karpatenbecken sesshaft geworden. Sowohl das byzantinische als auch das römische Christentum warben um die Christianisierung des jungen Steppenvolkes. Schon Fürst Geisa (Geza), der Urenkel Arpads und Vater Stephans, hatte die geschichtlich überaus bedeutsame Entscheidung getroffen, sich durch seine Taufe der römischen Kirche anzuschließen. Er bat den deutschen Kaiser um die Entsendung von Missionaren und warb um eine bayrische Prinzessin für seinen Sohn Waik, der auf den Namen des Passauer Diözesanheiligen Stephan getauft worden war. Damit hatte Geisa das Ungarntum ein für allemal mit dem westeuropäischen Kulturkreis verbunden. Durch Stephans Krönung mit einer von Papst Sylvester I. entsandten Krone wurde Ungarn in die Reihe der christlichen Staaten eingegliedert. Durch die Übermittlung der Krone und eines Kreuzes aus Rom wurde aber auch deutlich gemacht, dass Ungarn nicht unter der Schirmherrschaft des deutschen Kaisers stand. Die „heilige Krone Ungarns", die später in „mystischer Rückdatierung" Stephan I. zugeschrieben wurde und als „heilige Stephanskrone" zum zentralen Staatssymbol der Ungarn wurde, entstand wahrscheinlich unter Bela III. (1148-1196), jedenfalls aber in der Periode zwischen 1074 und 1300.

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Bela III. war in Byzanz erzogen worden und reformierte nach seiner Krönung (1172) die Verwaltung Ungarns nach byzantinischem Vorbild. Der Reif der Krone ist der einer byzantinischen Frauenkrone. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich dabei um ein Geschenk des oströmischen Kaisers Michael Dukas an Geisa I. (1064 -1074, König 1075 - 1077) für dessen Gattin, die byzantinische Fürstin Synadene, eine Nichte des oströmischen Kaisers Nicephoros Botaniates. Das Diadem ist ein mit Perlen, polierten Edelsteinen und Zellschmelzplatten besetztes Goldband, das für byzantinische Kronen typischen dreieckigen und halbrunden Aufsätze trägt. Auf diesen breiten Goldreif („Corona graeca") wurden zwei goldene Bänder in Bügelform aufgenietet, die in der Mitte an eine quadratische Platte hart angelötet sind. Der für die beiden Bügel geprägte Ausdruck „Corona latina" ist unzutreffend, da die beiden Goldbänder zwar lateinische Inschriften tragen, aber wahrscheinlich aus einem ostkirchlichen liturgischen Gegenstand (Reliquiar oder sternförmiger Aufsatz einer Patene) entstanden sind. Ein derartiger Aufsatz heißt in der russisch-orthodoxen Liturgie "Swesdiza" (Ableitung von russ. "swesda" = Stern). Er besteht aus zwei kreuzartig verbundenen Bügeln, die an der Spitze durch eine Schraube so zusammen gehalten werden, dass man sie zusammenklappen oder kreuzartig auseinanderschieben kann. Die Swesdiza wird auf eine Patene ("Diskus") gestellt, damit die Decke die aus dem liturgischen Brotlaib ("Prosphore") während der Gabenbereitung ("Proskomidie" - griech. Bringung) mithilfe eines Messers ("Lanze") herausgeschnittenen Brotteilchen nicht berührt. "Swesdiza" bezeichnet auch den in der Zeit um Christi Geburt erschienenen Wunderstern, den Stern von Bethlehem, dem die Weisen aus dem Osten gefolgt waren. Der "Diskus" (griech. Diskos, Teller) ist eine geweihte flache Schüssel auf einem breiten Fuß, worauf während der Liturgie das "heilige Lamm" und die Brotteilchen gelegt werden. Das "heilige Lamm" ist der Mittelteil der Prosphore, eines runden, gesäuerten, beim Backen mit christlichen Symbolen IC XC, NI KA (Jesus Christus - Sieg) gestempelten Brotlaibs, der während der Proskomidie mit Hilfe eines als Lanze bezeichneten Messers herausgeschnitten und zur Wesensverwandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi bestimmt wird. Das liturgische Brot wird in der russisch-orthodoxen Kirche aus gesäuertem Hefeteig zubereitet, d.h. aus Weizenmehl, Wasser und Salz. Als Wein nimmt man mit Wasser verdünnten Rotwein. "Luft" (vosduch) nennt man die Decke, mit der die heiligen Gaben, die auf dem Diskus und im Kelch (potir) zur Weihe zubereitet sind, nach der Proskomidie überdeckt werden.

Bild 'kreuzplatte'

Manche Forscher halten die beiden Bänder auch für Teile einer kostbaren Buchumhüllung, wieder andere meinen in ihnen Teile der mit dem Stephansreliquiar verbundenen Krone zu sehen. Die vier Bänder tragen acht Emailplatten mit ebensovielen Aposteldarstellungen. Vier Jünger Jesu fielen der Verkürzung der Goldbänder bei der Vereinigung mit der „Corona graeca" zum Opfer. Die quadratische Mittelplatte zeigt den Pantokrator, der brutal durchbohrt wurde, um das Kreuz aufsetzen zu können. Das für die „Stephanskrone" so charakteristische schiefstehende Kreuz wurde zu Beginn der Neuzeit aufgeschraubt. Es ersetzte vermutlich einfrühes (Doppel-)Kreuz mit Kreuzpartikel. Spätestens 1611 wurde es durch unsachgemäße Behandlung der Krone verbogen.

Vorne trägt die „Corona graeca" das Emailbild des Pantokrators, darunter einen dreieckigen, hellblauen, ungeschliffenen indischen Saphir (vgl. hiezu die Ausführungen über den „Waisen" im Kapitel über die Reichskrone). Dieser wichtigste Stein der Krone wird flankiert von den beiden Erzengeln Michael und Gabriel. Dahinter folgen der byzantinische Reiterheilige Georg, der Soldatenheilige Demetrios sowie die Ärzteheiligen Kosmas und Damian. Der himmlischen Hierarchie an der Vorderseite stellt die gekonnte Ikographie der „Corona graeca" die irdische Ordnung an der Rückseite entgegen: Der byzantinische Kaiser Michael Dukas (1071 - 1078) thront über seinem ebenfalls als Kaiser dargestellten Sohn Konstantin und dem siebenten ungarischen König, Geisa I. Aus dessen Darstellung geht unzweifelhaft das früheste Entstehungsdatum der ungarischen Krone, nämlich 1074, hervor.

Bild 'hinten'
Der dunkelblaue Saphir auf der Rückseite der Krone ist der einzige klare und modern geschliffene Stein der Krone. Er dürfte erst Anfang des 17. Jahrhunderts eingefügt worden sein. Eine glaubhafte Theorie der bekannten Kunsthistorikerin Magda von Bárány-Oberschall lautet, dass die Zusammenfügung von „Corona graeca" und „Corona latina" um 1185 zu einem geschlossenen Herrschaftszeichen - einer „Corona clausa" - ein symbolpublizistischer Akt zur Untermauerung der Großmachtpolitik Belas III. war. Bela konnte Dalmatien und zeitweise Galizien erobern und war in zweiter Ehe mit Margarete von Frankreich verheiratet. Die von einem Kreuz überhöhten Bügel (Kronenform der Stauferkönige!) bilden zusammen mit der durch die Hinzufügung von „cataseistae" (Pendilien, ursprünglich apotropäische Attribute) vom „stephanos" (Diadem) zur „stema" (byzantinischen Kaiserkrone) hochstilisierten „Corona graeca" ein „souveränes Herrschaftszeichen, wie es die beiden höchsten Herrscher der damaligen Welt, der byzantinische Basileus und der römisch-deutsche Staufenkaiser, trugen".

Beachte: Demnach stellt die „Heilige Krone Ungarns" ein geopolitsches Ost-West-Symbol - symbolkundlich also ein Integralsystem (s. d. im Kapitel Heraldik) - dar, das für die beiden historischen Orientierungsrichtungen Ungarns bis in die jüngste Zeit charakteristisch geblieben ist.

--> Magda von Báràny-Oberschall, Die Sankt Stephanskrone. Wien 1961, 45
--> Eine ausgezeichnetw Website informiert im Detail an hand zahlreicher Fotos über den ungarischen Kronschatz:
http://www.magyarkepek.hu/szelenyi/index.html

Der ungarische Kronschatz#

Der ungarische Kronschatz, Foto: Qorilla Schopenhauer, Aus: Wikicommons unter CC
Der ungarische Kronschatz
Foto: Qorilla Schopenhauer
Aus: Wikicommons unter CC
Zu den ungarischen Krönungsinsignien gehören weiter der Krönungsmantel, das Zepter, der Reichsapfel und das Schwert.

Bild 'streitkolben_300b'
Das Zepter ist eindeutig der älteste Gegenstand unter den ungarischen Herrschaftszeichen. Es geht direkt auf die Zeit Stephans zurück. Mit seinem charakteristischen Knauf - einem geschliffenen Bergkristall, in den drei Löwen eingeschnitzt sind - hat es die Gestalt eines osmanischen Streitkolbens, eine in Europa alleinstehende Form mit hohem Symbolgehalt.An seiner Oberseite trägt der Knauf einen „unendlichen" (magischen) Knoten, dem zusammen mit den Pendilien apotropäische Funktion zukommt. Der Kristallknauf stammt aus der Zeit der fatinistischen Kalife (Ende des 10. Jahrhunderts). Als Zepter geht der Gegenstand auf die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts zurück.

Die unglaubliche Geschichte der Wanderungen der Stephanskrone#

Bild 'Stephanskrone_500h'
Seit Ende des 13. Jahrhunderts durchwegs als „Stephanskrone" bezeichnet, wurde die Krone neben der als Reliquie verehrten rechten Hand des hl. Stephan zum vornehmsten Kultgegenstand und wichtigsten Staatssymbol Ungarns. Sie steht bis heute für Tradition, nationale Einheit und Unabhängigkeit. Und gerade diesem ehrwürdigen Gegenstand war ein schier unglaubliches Wanderleben beschieden, das die Krone im Verlauf ihrer beinahe tausendjährigen Geschichte durch den gesamten Donau- und Karpatenraum, nach Wien, Passau und Prag bis weit nach Rumänien und am Ende gar nach Deutschland und Amerika führte, bis die Stephanskrone 1978 in ihre ungarische Heimat zurückkehrte.

Es ist an dieser Stelle unmöglich, über alle der mehr als 30 Stationen ihrer Reise durch die Geschichte zu berichten. Es seien nur einige davon dargestellt - vornehmlich jene, die auch einen starken Österreich-Bezug haben - Unter König Wenzel, dem Böhmen (1301-04), geriet die Stephanskrone (der Einfachheit halber bleiben wir ab hier bei dieser populären Bezeichnung) zum ersten Mal außer Landes. Sein Vater hatte sich die Krone durch List angeeignet, indem er sie sich zeigen ließ, seinen Sohn damit bekrönte und anschließend samt den übrigen Insignien mit seinen Reitern davonstob.

- Otto der Bayer (1305-08) verlor die Krone auf seinen Weg nach Ungarn. Sie war, in einem hölzernen Zuber versteckt, am Sattelknopf mitgeführt worden und eines Nachts unversehens zu Boden gefallen. Als man am nächsten Tag zurückritt, fand man sie gegen Abend unversehrt auf dem Wege liegend. Für die mittelalterliche Denkweise der Menschen gewiss eine höhere Fügung vor großer Symbolkraft.

- Nach dem Tode Albrechts von Habsburg (1437-39) ließ dessen Witwe Elisabeth die Stephanskrone durch ihre Kammerfrau, Helene Kottanerin, aus der Plintenburg/Visegrad stehlen, um sie für das von ihr erwartete Kind zu bewahren. In den ältesten erhaltenen Memoiren von weiblicher Hand in deutscher Sprache beschreibt Helene Kottaner, die Gattin eines Wiener Bürgers namens Johann Kottaner, in filmreifer Art den Vorgang der Entwendung der Krone bei Kerzenschein mithilfe von Feile, Feuer und List.

Die ungarischen Magnaten hatten angesichts der Türkengefahr inzwischen den polnischen König Wladislaw III. zum König gewählt, indem sie sich der in mystischer Beziehung zur Stephanskrone stehenden Krone der Kopfreliquie Stephans des Heiligen als "Ersatzkrone" bedienten. Elisabeth aber gebar tatsächlich einen Knaben. Im Alter von drei Monaten wurde dieser dann auch in Weißenburg durch den Erzbischof von Gran/Esztergom rechtsgültig gekrönt - allerdings ohne die übrigen Insignien. Nachdem Wladislaw 1444 gefallen war, wurde Ladislaus (V.) Posthumus von den ungarischen Ständen schließlich als König anerkannt. Da Elisabeth Kaiser Friedrich III. zum Vormund ihres Sohnes bestimmte und ihm die Krone sowie die
Stadt Ödenburg/ Sopron verpfändete, gelangte die Heilige Krone zum ersten Mal in den Besitz der Habsburger.
- Matthias I. Corvinius muß 1458 in einer "Notzeremonie" (durch Leistung des Eides und Thronsetzung) in Ofen/Buda zum König bestellt werden. Durch kluge und andauernde Verhandlungen - und gegen den unwahrscheinlich hohen Preis von 80.000 Goldgulden gelang es ihm, die Krone nach 24-jährigem Exil aus Wr. Neustadt nach Ödenburg und darauf nach Ofen zurückzuholen. Matthias I. Corvinus wurde am 25. März 1464 gekrönt und regierte bis 1490. Er schuf als erster ein Gesetz zur Verwahrung der Krone durch zwei Kronhüter aus dem Kreis der Magnaten.

Ungarischer Kronschatz
Kolorierte Lithografie nach der Natur von Eduard Gurk (1830)
Foto: Bildarchiv Austria
- Bei der Krönung Wladislaws II. (1490-1516) war die ungarische Krönungszeremonie bereits voll ausgebildet: Nach der kirchlichen Zeremonie (Salbung, Krönung, Thronsetzung) hatte der neugekrönte König in vollem Ornat in eine zweite Kirche der traditionellen Krönungsstadt Weißenburg, nämlich in die Begräbnisstätte Geisas, die Peterskirche, zu reiten, wo er eine Reihe von Adligen zu "Rittern vom Goldenen Sporn" schlug. Anschließend hatte er unter freiem Himmel den Eid auf die Verfassung zu leisten und auf die Spitze des Krönungshügels zu galoppieren, um mit dem Schwert vier Streiche in alle Himmelsrichtungen zu führen.
- Nach der vernichtenden Niederlage gegen Sultan Suleiman in der Schlacht bei Mohac (29. August 1526) hatte Ungarn 14 Jahre lang zwei Könige. Sowohl Johann I. Szapolyai (1526-40) als auch Ferdinand I. von Habsburg (1526-64) wurden mit der Stephanskrone gekrönt. Der erstere verbündete sich mit den Türken, die 1529 gegen Wien zogen. 1527 huldigte Johann auf dem Schlachtfeld von Mohacs dem türkischen Sultan, der seinem "Bruder" prompt die Krone abnahm, sie ihm jedoch später zurückgab, nachdem er sie sich und seinem Großwesir "probeweise" selbst aufs Haupt gesetzt hatte. - 1551 verzichtete Isabella, die Witwe Johanns, zugunsten Ferdinands auf die Krone, worauf diese den Weg über die Karpaten antrat und so zum zweiten Mal in die Hand der Habsburger fiel und in Wien landete. - In den folgenden zwei Jahren wurde die Krone nur zur Krönungsfeier nach Ungarn gebracht, so für Maximilian, der am 8. September 1563 - zum ersten Mal in Pressburg - wohl wegen der Türkengefahr - gekrönt wurde. Die Krone war zu Schiff angereist. Am Tag nach der äußerst prunkvollen, genau dokumentierten Krönung des Königs wurde Maximilians Gattin Maria von Bayerm zu Ungarns Königin gesalbt und mit der Heiligen Krone symbolisch an der Schulter berührt.
- Unter Rudolf II. gelangt die Stephanskrone um 1580 nach Prag. Als dieser 1608 zugunsten seines Bruders Matthias II. auf den Thron verzichtete, bedeutet dies auch für die Krone eine neuerliche Übersiedlung, und zwar wieder nach Wien, wo sie etwas restauriert wurde und eine mächtige Eisentruhe erhielt, in der sie bis 1920 ruhen sollte. Nach wenigen Monaten wurde sie dann nach Pressburg gebracht.
- Unter dem fast das ganze Land beherrschenden Fürsten von Siebenbürgen, Gabriel Bethlen, gelangt die Stephanskrone 1620 nach Altsohl/Zólyom/Zvolen, dann nach Kaschau/Kassa/Kosice, von dort in das ungarische Moorgebiet von Ecsed. Unter Obhut ihres Hüters und ersten Historiographen Peter Revay wanderte sie weiter nach Trentschin/Trencsen/Trenčín, wo dieser neben dem kostbaren Gegenstand am 22. Juni 1622 verstarb.
- Ferdinand III. wurde 1637 in Ödenburg gekrönt, worauf die Krone nach Pressburg "heimkehrte", von wo sie 1624 einen kleinen Ausflug nach Raab/Györ machte.
- Vor dem Türkenansturm von 1683 flüchtete die Heilige Krone über Wien nach Linz und Passau, kam aber noch im selben Jahr wieder nach Pressburg zurück. Als Josef I. 1687 neunjährig (nach Firmung an Ort und Stelle und Bestellung zum Ritter des Goldenen Vlieses) zum seitdem erblichen ungarischen König gekrönt wurde, wurde dem erstmals in Husarentracht erschienen Erzherzog die Krone nicht mehr nur von kirchlichen Würdenträgern, sondern vom Primas und vom Palatin aufs Haupt gesetzt - eine Besonderheit der ungarischen Königszeremonie.
- Während des Unabhängigkeitskampfes von Fürst Rakoczi II., der von 1703 bis 1711 andauerte, ließ der Hof die Krone unter Hinweis auf die Kuruzzen-Angriffe (ständische Aufständische gegen die Habsburger, vor deren Angriffen sich Wien mit dem "Kuruzzenwall", dem späteren "Linienwall", im Bereich des heutigen Gürtels, umgab) nach Wien bringen.

- Nachdem Maria Theresia 1740 in Pressburg mit großen Gepränge gekrönt worden war und den ungarischen Adel ("vitam et sanguinem") für sich gewonnen hatte (Abb. rechts), musste die Krone aus Sicherheitsgründen auf einige Monate in die Burg von Komorn/ Komárom/Komárno gebracht werden. Anekdote hierzu
- Für Josef II., dem jedes Verständnis für Tradition und Mystik fehlte, war die ungarische Krone nicht mehr als ein "Museumsstück". Konsequenterweise ließ sie der ungekrönte Reformer ("König mit dem Hut") samt den übrigen Krönungsinsignien 1784 in einen Glasschrank in die Wiener Schatzkammer bringen. Die Kronwächter wurden entlassen, die Burg von Pressburg wurde in ein Priesterseminar umgewandelt.
- Nachdem Josef II. die meisten Reformen auf seinem Totenbett zurückgenommen hatte, hielt der ungarische Kronschatz wieder einmal einen das ganze Land erfassenden triumphalen Einzug in seiner Heimat. Diesmal führte der Weg nach Ofen.
- 1790 wurde Leopold II. in Pressburg gekrönt, während Franz I. 1792 in Ofen die Krone erhielt, wo sie auch verwahrt blieb, bis sie 1805 vor Napoleon weit nach Osten bis Munkacs/Mukatchewo (heute Ukraine) flüchtete. Bei der zweiten Einnahme Wiens durch Napoleon 1809 wurde sie nach Eklau/Eger verbracht, wohin sich die kaiserliche Familie geflüchtet hatte. Ende 1809 langte die Krone wieder in Buda ein.
- Eine der spektakulärsten Ortsveränderungen der reiselustigen Krone wurde durch die ungarische Unabhängigkeitsbewegung unter Lajos Kossuth 1848 verursacht. Über die noch im Bau befindliche Kettenbrücke fuhr als allererstes Gefährt der Fluchtwagen der Heiligen Stephanskrone, geleitet von Samuel Bonis, einem wohlhabenden Adeligen. Mit einem beschlagnahmten Waggon der Eisenbahn ging es nach Szolnok und von dort mit Bauernwagen bis Debreczin, wo die Krönungstruhe von Kossuth in Empfang genommen wurde. Nach kurzer Rückkehr in die Hauptstadt musste wieder die Flucht angetreten werden.
Bild 'mariatheresia_hu'
Diesmal ging es nach Szegedin, nach Großwardein und schließlich nach Arad. Den Ministerpräsidenten Bertalan Szemere plagten Zweifel, ob die Krone wirklich in der Truhe sei. Als er diese öffnen ließ, probierte er gleich wie einst Sultan Suleiman die Krone, um
festzustellen, dass sie "nicht für den menschlichen Kopf geschaffen" sei. Die Flucht der Freiheitskämpfer ging weiter und führte durch mehrere heute in Rumänien liegende Ortschaften nach Orsova, wo sie die Truhe in einem Haus verscharrten, um alsbald festzustellen, dass man sie belauscht hatte. Schließlich vergrub man den Kronschatz in einem Weidengehölz irgendwo in Richtung Walachei.
- Obwohl Kaiser Franz Josef gar nicht daran dachte, sich zum ungarischen König krönen zu lassen, wollte Wien aus begreiflichen Gründen unbedingt in den Besitz der ungarischen Krönungsinsignien kommen. Dies gelang auf abenteuerliche Weise mit Hilfe eines Spions, der sich in London an ungarische Emigranten heranmachte. Durch Zufall stieß er auf einen Mitwisser, der gegen 6.000 Guineas den Ort bei Orsova preisgab, wo die Krone vergraben war. Am 8. September 1853 wurde der gesamte Kronschatz, vor Nässe triefend, aufgefunden. Der kaiserliche Dampfer "Erzherzog Albrecht" brachte das kostbare Gut unverzüglich nach Promontor/Budafok, wo die Krone unter den Klängen des "Gott erhalte" von einem Komitee der Geistlichkeit und des Adels begrüßt und die Insignien auf Vollständigkeit geprüft wurden. Am nächsten Tag in Pest eingelangt, wurde die Truhe vonacht Magnatenunter Kanonendonner über die Kettenbrücke, über deren Baustelle die Krone "geflohen" war, in die königliche Burg nach Ofen gebracht. Nach etwas über einer Woche ging es dann per Salonwagen zum Wiener Nordbahnhof und in einer sechsspännigen Galakutsche in die Burg, wo die Krone nach einem Dankgottesdienst in die Schatzkammer gebracht wurde. Inzwischen war Franz Josef per Sonderzug aus Olmütz herbeigeeilt. Am nächsten Vormittag, am 19. September 1853, kam es im Zeremoniensaal der Wiener Hofburg zu einer feierlichen Besichtigung. Nach einer neuerlichen Messfeier bezog die Heilige Krone das ihr schon seit Josef II. vertraute Quartier in der Wiener Schatzkammer. Doch kurz darauf sandte sie König Franz Josef, noch immer ohne die leistete Absicht, sich in Ungarn krönen zu lassen, nach Ofen zurück.

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- Doch es kam anders. Durch den Ausgleich mit Ungarn entstand 1867 der dualistische Staat der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie. Franz Joseph wurde unter ungeheurem Pomp am 8. Juni 1887 an der Seite seiner Frau Elisabeth in der Ofener Matthiaskirche zum ungarischen König gekrönt. Der Kaiser leistete schließlich vor der Pester Pfarrkirche den Eid auf die Verfassung, der erstmals seit 350 Jahren in ungarischer Sprache erklang. Vorher war der Krönungsmantel restauriert und der silberne Reichsapfel galvanisch neu vergoldet worden. Das Krönungsschwert erhielt eine neue rote Samtscheide.
- 1880 wurde die erste wissenschaftliche Untersuchung der Stephanskrone genehmigt - freilich nur durch Augenschein, was zur Feststellung ihrer tatsächlichen Identität kaum beitrug.
- 1900 baute man in der Burg einen eigenen Panzersaal, um die Krone, wie man dachte, endgültig aufzubewahren.
- Am 30. Dezember 1916, im zweiten Jahr des furchtbaren Ersten Weltkriegs, wurde Karl I., Österreichs letzter Kaiser, als Karl IV. zum König von Ungarn gekrönt. Alle Ereignisse der Krönungsfeierlichkeiten fanden auf der Budapester Burg statt. In der Matthiaskirche setzten Fürstprimas Johann Csernoch und Ministerpräsident Stephan Graf Tisza Karl gemeinsam die Krone aufs Haupt. Kaiserin Zita wurde, wie es die Zeremonie vorsieht, mit der Stephanskrone an der Schulter berührt - als Zeichen dafür, dass sie an der Last der Krone mitzutragen hatte. Vor der Dreifaltigkeitssäule, unter freiem Himmel, die Stephanskrone auf dem Haupt und das Gesicht nach Osten gewendet, legte Karl den Eid auf die Verfassung ab. Der Krönungshügel für die vier Schwertstreiche, die der Kaiser nur mit Mühe bewältigte, war aus Erde von allen ungarischen Komitaten errichtet worden. Es war ein eiskalter, grauer Wintertag. Zu der - wie Photos und Filmaufnahmen beweisen - eher düsteren Zeremonie war Karl in der Galauniform eines Husarengenerals und Königin Zita in einem weißen Schleppkleid mit meterlangem Schleier erschienen.

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Bild 'Karl_I'

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Das offizielle Krönungsphoto zeigt das Kaiserpaar mit Kronprinz Otto.
Besonders gespenstisch gestaltete sich der Ritterschlag zum Goldenen Sporn, zu dem zahlreiche verstümmelte Offiziere in Frontkleidung und auf Krücken erschienen waren.

Kaiser Karl I. starb am 1. April 1922 auf Madeira. Am 3. Oktober 2004 wurde er von Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz in Rom selig gesprochen. Mit der Erhebung zur Ehre der Altäre fand ein 1954 eingeleiteter Seligsprechungsprozess seinen Abschluss.
- Nach dem Sturz der Monarchie war Ungarn von 21. März bis 1.August 1919 Räterepublik, danach wurde die Staatsform der Monarchie wiederhergestellt, ohne dass es zu einer Königswahl kam. Reichsverweser Miklos Horthy (1868-1957) regierte jedoch mit der Befugnis eines Monarchen. Wieder wurden durch Gesetz zwei Kronhüter eingesetzt, die zusammen mit dem ungarischen Ministerpräsidenten über die Schlüssel zum Panzersaal und zur Truhe verfügten.
- 1938, aus Anlass des 900. Jahrestages des Todes von Stephan, ergab sich wieder eine Gelegenheit zur wissenschaftlichen Untersuchung des Kronschatzes. Auch diesmal war eine Berührung der Insignien verboten - wahrscheinlich aus Angst davor, die Studie könnte italienische oder deutsche Ursprünge der Krone ans Tageslicht bringen, was als politisch zu riskant angesehen wurde.
- 1944 beginnt das letzte Kapitel der Odyssee der Heiligen Krone Ungarns. Die beiden letzten Kronhüter vergraben die aus der Truhe genommenen Insignien in der Nähe der Burg. Der Kommandant der Wache, Oberst Pajtas, war eingeweiht worden und beruhigt die Wachen, denen die Veränderung des Siegels durch das Guckloch des Panzersaales aufgefallen war, mit einer Ausrede.
- Am 16. Oktober 1944 tritt Ferenc Szálasi mit seinen Pfeilkreuzlern die Herrschaft über Ungarn an. Er lässt den Kronschatz wieder
ausgraben und legt am 4. November 1944 im Parlament seinen Eid als "Führer der Nation" auf die Krone ab. Die Insignien werden wieder im Panzersaal aufbewahrt. Szálasi beschließt in der Folge, die Krönungsinsignien auf eine allfällige Flucht vor den Russen mitzunehmen. Bei der Regierung Hitlers ersucht er vorsorglich um Asyl für den Kronschatz. Unter Umgehung der Kronhüter werden die Insignien am 6. Dezember 1944 nach Güns/Köszeg geschafft, von dort nach Velem and der Grenze zur damaligen "Ostmark" und am 18. März 1945 in den Bunker des einstigen kaiserlichen Jagdschlosses Mürzsteg (noch heute Erholungsort der österreichischen Bundespräsidenten) bei Mürzzuschlag gebracht.

- Szalasi verlegt nun seine Regierung von Ödenburg in ein Hotel in Salzburg, während der Kronschatz auf einem Lastwagen über Mariazell nach Mattsee gebracht wird.

Zunächst heiratet Szálasi am 28. April 1945 (Hitler heiratete am Tag darauf) in der Pfarrkirche von Mattsee. Dann übergibt er die mitgeführte Reliquie, den Arm des hl. Stephan, und den Krönungsornat an Pfarrer Anton Strasser zur Aufbewahrung im Pfarrhof. Das Krönungsschwert wird in einer versperrten Truhe in den zum Stift Mattsee gehörigen Zellhof (heute ein Pfadfinderlager) gebracht und dort schwer bewacht. Die sechsköpfige Kronwache birgt die Krone, das Zepter und den Reichsapfel in Lederkassetten und versenkt diese in einem zersägten Benzinfass am Ufer des Mattsees in eine zwei Meter tiefe Grube. Die leere
Krönungstruhe führt das versprengte Häuflein bis zu seiner Gefangennahme am 5. Mai 1945 bei Augsburg weiter mit sich. Um die Truhe zu öffnen, müssen die Amerikaner erst Szalasis Adjudanten Ernö Gömbös aus dem Salzburger Gefangenenhaus holen, der aussagt, nach dem Willen Szálasis sei das Versteck fünf Jahre geheimzuhalten und erst dann den Nationalsozialisten in Ungarn oder Deutschland bekanntzugeben. Die Amerikaner sind nicht wenig überrascht, als sich die Truhe als leer herausstellt. Oberst Pajtas führt sie aber schließlich an den Mattsee, wo dann die Krone zum letzten Mal ausgegraben wird. Wieder, wie schon so oft, waren die Stoffteile von der Nässe zerstört worden. Die Heilige Krone Ungarns aber überlebte auch diesen letzten Akt unversehrt. Auch der Transport in die Vereinigten Staaten konnte ihr nichts anhaben. Während die Stephans-Reliquie nach einem kurzen Aufenthalt bei Erzbischof Rohracher in Salzburg wieder nach Ungarn gebracht wurde, gelangte der Kronschatz nach Ford Knox und blieb im Gewahrsam der Amerikaner, bis sie im Rahmend er Entspannungspolitik unter Präsident Jimmy Carter am 6. Jänner 1978 von einer Delegation des Kongresses dem ungarischen Volk zurückerstattet und feierlich dem Parlament übergeben wurde. Szalasi wurde 1946 in Budapest hingerichtet.

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--> Eine genaue Schilderung der Vorgänge in Mattsee findet sich bei Hugo Portisch, Österreich II, a. a. O., 350 ff.

Mag die schier unglaubliche Geschichte der Heiligen Stephanskrone den meisten Ungarn auch nicht im Detail bekannt sein, so stehtdoch fest, dass auch heute noch eine starke Bindungswirkung von ihr ausgeht. Das ist auch der Grund, warum sie nach der Beendigung der kommunistischen Herrschaft am 11. Juli 1990 wieder Bestandteil des ungarischen Wappens wurde, das sie bis Ende des Zweiten Weltkrieges durch alle Wirrnisse der Geschichte gekrönt hatte.

Wurde das Staatssymbol unter der kommunistischen Herrschaft von Wachen mit Maschinenpistolen beschützt, so konnte die Stephanskrone später im ungarischen Nationalmuseum besichtigt werden. Zu Beginn des Ungarischen Milleniums wurden die Krone, das Zepter, der Reichsapfel und das Krönungsschwert am 1. Januar 2000 in die Kuppelhalle des ungarischen Parlaments überführt.

--> Vergleiche den Artikel in der "Münze"