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Der Stern#

von Peter Diem

Wir haben uns ausführlich mit der Sonne beschäftigt, die - als singuläres, lebensspendendes Tagesgestirn - zum Herrschaftssymbol wurde. Die Vielzahl der Sterne hingegen führte zu anderen Deutungen: Nach Hesiod sind die Sterne die Blutstropfen des Uranos, nach ozeanischer Überlieferung gelten sie als Kinder von Sonne und Mond. In unserem Kulturkreis drücken sie das Ziel höchsten Strebens, Unsterblichkeit und Ewigkeit aus („per aspera ad astra").Das brüderliche Sternsymbol unterscheidet sich grundlegend von den Herrschaftssymbolen Sonne und Mond. Die unendlich vielen Sterne, die ruhig eine vorausbestimmte Bahn ziehen, sind zunächst Symbole kosmischer Ordnung. Manche Mythologien sehen in den Sternen auch Symbole für die Verstorbenen. In der jüdischen Überlieferung wird jeder Stern von einem Engel bewacht, während die Sternbilder Gruppen harmonisch zusammen arbeitender himmlischer Geister darstellen. Die christliche Überlieferung ordnet die Sterne neben der Mondsichel vor allem der Gottesmutter zu, die mit Sternenmantel oder Sternenkrone dargestellt wird (Offenbarung 12,1) - obwohl kein direkter Zusammenhang zwischen dem „Weib" der Apokalypse und Maria, der Mutter Jesu, besteht.

Die kreisförmige Bewegung der Fixsterne um den Polarstern hat schon früh zur Ausprägung der zwölf Tierkreiszeichen geführt, die durch ihre Zahl und ihren Charakter schier unbegrenzte Symbolbedeutungen annahmen, bis hin zur Identifikation mit den zwölf Aposteln.

In der politischen Symbolik drückt der Stern Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit und damit das Prinzip Demokratie aus. Es dürfte deshalb kein Zufall sein, dass sich in der Heraldik und Symbolik des traditionell obrigkeitsgläubigen, auf seine „imperiale" Vergangenheit rückfixierten Österreich das Sternensymbol nur in Ausnahmefällen findet. Es tritt nur in wenigen Gemeinde- und Städtewappen auf (so etwa in Seitenstetten, St. Wolfgang, Kindberg oder Spittal an der Drau), sonst praktisch nirgends -

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Bild 'Kindberg'
Bild 'Spittal'
SeitenstettenSt. WolfgangKindberg
Spittal an der Drau

es sei denn als Zugabe zur auf der Mondsichel thronenden Gottesmutter und bei den Freimaurern, einer der wenigen brüderlichen Organisationen Österreichs. Für die Freimauerei ist das in der Mitte mit einem großen „G" und in den Winkeln mit Flammenbündeln versehene Pentagramm als „Flammender Stern" („Blazing Star") Zeichen des „Großen Baumeisters aller Welten". Aber auch in der gesamtdeutschen Staatssymbolik findet sich kaum ein Stern: auf einem Wappenentwurf der Frankfurter Paulskirche aus dem Jahr 1848 schwebt ein kleiner goldener Fünfstern über dem doppelköpfigen schwarzen Reichsadler im goldenen Feld, das beiderseits von je drei schwarz-rot-goldenen Trikoloren umrahmt ist.

Es braucht nicht weiter betont zu werden, dass der Entwurf dieses frühen demokratischen Forums im Hinblick auf die restaurativen Folgejahre niemals Wirklichkeit wurde. 

--> Whitney Smith, Die Zeichen der Menschen und Völker. Luzern o. J., 119

Drudenfuß und fünfzackiger Stern#

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Der in einem Zug durchgezeichnete „Drudenfuß", das Pentagramm, ist ein mit besonders vielen magischen Vorstellungen besetztes Ursymbol. Darauf lassen auch die alten Bezeichnungen Drudenkreuz, Albfuß, Alpkreuz, Pythagoreisches Zeichen, Pentalpha und Pintakel schließen. (Mit dem sechszackigen Stern, dem aus zwei Dreiecken zusammen gesetzten Hexagramm - einem Dualsystem - befasst sich ein eigener Beitrag).

Das mystische Fünfeck, über dessen Seiten gleichschenkelige Dreiecke konstruiert sind, findet sich bereits in ägyptischen Gräbern und in der minoischen Kunst. Es tritt als Zeichen für Gesundheit und Erkenntnis schon bei den Pythagoräern und Gnostikem auf, bei den keltischen Druiden und in den mittelalterlichen Bauhütten. Daher ist seine geometrische Form auch in gotischen Fensterrosen (z. B. Rouen) zu finden.

Deutung: Als „weißmagisch" wird das Pentagramm bezeichnet, wenn es mit einer Spitze nach oben steht, als „schwarzmagisch", wenn zwei Spitzen nach oben ragen. Im Mittelalter galt das Pentagramm, der „Drudenfuß", als wichtigstes Symbol für magische Künste und als Zauberzeichen gegen böse Geister. In der Alchimie bedeutet das Pentagramm die geistige „Quintessenz" (quinta essentia!), das gemeinsame Wesen der traditionellen vier Elemente, den ihnen allen zugrundeliegenden Weltgeist. (Für die vier einzelnen Elemente wurden folgende Symbole als die „Krönung" ihres Wesens angesehen: im Wasser der Delphin, in der Luft der Adler, im Feuer der Phönix und auf der Erde der Mensch.)

In Faust I (Zeile 1390 ff.) wird die magische Kraft des Drudenfußes mit einem Schuss Humor beschrieben: Mephistopheles konnte das Studierzimmer Fausts zwar als argloser Pudel betreten („Das also war des Pudels Kern! Ein fahrender Scholast? Der Kasus macht mich lachen"), weil das Pentagramm auf der Schwelle nicht ganz korrekt gezeichnet war („Der eine Winkel, der nach außen zu, ist, wie du siehst, ein wenig offen"); er kann aber als ausgewachsener Teufel nicht mehr hinaus. Doch er weiß sich zu helfen. Als Faust eingeschlafen ist, ruft Mephistopheles eine Ratte zu Hilfe, die das Holz der Schwelle an der störenden Spitze des Pentagramms abnagt und so den Weg frei macht - fürwahr eine dichterische „Spitzfindigkeit"!

Der Begriff „Drudenfuß" für das Pentagramm wird auf den gedachten Schwanenfuß der Druden - hexenartiger Nachtgeister, die Alpträume verursachen - zurückgeführt. Das fünfzackige Zeichen sollte ihren bösen Zauber abwehren. So findet sich der Fünfstern auf Kirchen und Häusern, ja bis in die Neuzeit auf Ehebetten, Kinderwiegen und Stalltüren als apotropäisches (= das Böse abweisendes) Symbol. Aufrecht stehend bezeichnet der Fünfstern den bewussten, den vollen Menschen - besonders schön in der bekannten Darstellung von Leonardo da Vinci, in der dieser ja das „Idealmaß" des Menschen genommen hat.

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Das Christentum, das sich viele heidnische Symbole angeeignet hat, um sie mit einer auf seinen Glauben verweisenden Bedeutung zu versehen, sah im Fünfzack ein Sinnbild für die fünf Wunden Christi. In der Heraldik kommt das Pentagramm in seiner reinen geometrischen Form selten vor - häufiger anzutreffen ist der fünfzackige Stern in der Vexillologie, also in der Welt der Flaggen.

Details zum Pentagramm

--> Die fünfeckig gebundene Drudenfuß-Monographie von Otto Stöber, Linz-Neydharting, 1981

Der weiße "Freiheitsstern"#

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Seit im Jahr 1777 der britische „Union Jack" in der Nationalflagge der Vereinigten Staaten durch dreizehn Sterne ersetzt wurde (später erhielt jeder Bundesstaat einen Stern), ziert der weiße Fünfstern das nach ihm benannte „Sternenbanner". Heute ist der fünfzackige Stern nicht nur in den USA in Wappen und Flaggen vertreten, sondern auch in Staaten wie Italien, Algerien, Marokko, Mauretanien, Kamerun, Niederländische Antillen, Paraguay und anderen. Interessant ist, dass das aus fünf Sternen zusammengesetzte Kreuz des Südens im Wappen Neuseelands durch vier fünfzackige, in Samoa durch fünf fünfzackige, in Australien aber durch fünf siebenzackige Sterne dargestellt wird.

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Bild 'Samoa'
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Neuseeland
SamoaAustralien

Weiß als Farbe der Erleuchtung und Erlösung macht den fünfzackigen Stern zum Symbol der Befreiung. Als solches findet er sich, wie schon erwähnt, im brüderlichen Sternenmuster der Flagge der Vereinigten Staaten, die 1777 mit dreizehn Streifen (rot-weiß wechselnd) und dreizehn weißen Sternen in blauem Rechteck entstanden war. Ein enger Zusammenhang mit der Freimaurersymbolik ist schon deshalb wahrscheinlich, weil mindestens fünfzehn der 56 Unterzeichner der „Declaration of Independence" (4. Juli 1776), darunter Benjamin Franklin, Freimaurer waren - ebenso wie George Washington (Stuhlmeister der Loge „Alexandria" ab 1788).

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Auch das Wappen der USA zeigt die dreizehn fünfeckigen Sterne über dem Kopf des Weißkopfadlers als sechseckiges Sternenmuster, eine Darstellung, die der Freimaurersymbolik des „Flammenden Sterns" sehr ähnlich ist, wie man auf jeder Ein-Dollar-Note sehen kann. Von den USA übernahmen u. a. die Staaten Chile, Kuba, Liberia (!), und Puerto Rico das freiheitsbewusste Hoheitszeichen.

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Das Wappen der Republik Italien wechselte nach dem Zweiten Weltkrieg das savoyische Kreuz gegen einen geradezu „volksdemokratisch" gehaltenen, rot gesäumten weißen Stern auf einem eisernen Zahnrad aus, rechts von einem Olivenzweig, links von einem Eichenzweig umrandet. Unten steht die Inschrift „Repubblica Italiana" auf rot, somit deutlich die eigenen Nationalfarben wiederholend.

Der Begriff „Stern" wird auch gerne von Zeitungen oder Zeitschriften - besonders in den Vereinigten Staaten und in der übrigen angelsächsischen Welt - verwendet, um deren freiheitsbewusste und aufklärerische Blattlinie zu betonen.

Ein wichtiger Grund für unsere Betrachtungen über den Fünfstern als Freiheitsstern ist seine „Omnipräsenz" während der Besetzung Österreichs 1945-1955. Während die Amerikaner ihre Militärfahrzeuge mit dem weißen Fünfstern und alle Gebäude ihrer Truppen sorgfältig mit dem Sternenbanner beflaggten, hatten die Russen dafür gesorgt, dass große rote Sowjetsterne von den von ihnen verwendeten Bauten herabschauten. So sollte Österreich quasi durch den Stern vom Hakenkreuz befreit werden.

Der rote Stern#

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A. Rabbow bezeichnet den roten Stern als „kommunistisches Kampf- und Weltanschauungssymbol mit eschatologischem Charakter". Das würde bedeuten, dass der rote Stern sozusagen berufen ist, über einer neuerrichteten Welt, d. i. über dem kommunistischen Paradies, das unter seiner Ägide erbaut wird, zu schweben. Wir wollen überprüfen, wieweit diese These zutreffen konnte, solange sich die kommunistische Herrschaft ausbreitete. In der Regel wird der rote Stern als rot gefüllter Fünfstern gezeichnet. Zur Unterstützung seiner Wirkung - besonders bei schwarzweißer Darstellung - wird ihm Hammer und Sichel aufgelegt. Steht er im roten Feld einer Fahne oder Flagge, wird der rote Stern in Gelb ausgeführt. 1993 in Ungarn gesetzlich verboten, wird der rote Stern von den orthodoxen Kommunisten gelegentlich wieder als Parteisymbol angestrebt.

In der englischsprachigen Wikipedia sind zwei Versionen über den Ursprung des Sowjetsterns angeführt:

a) Vor den Deutschen nach Moskau geflohene russische Soldaten sollen im Jahr 1917 mit Blechsternen kenntlich gemacht worden sein, die sie als Mitglieder der Roten Armee später rot einfärbten.

b) Nikolai Krylenko, ein Esperantist, habe bei einem Treffen mit Leo Trotzki ein Abzeichen mit dem grünen Stern getragen. Auf Trotzkis Frage, was der Stern bedeute, habe dessen Träger geantwortet, dass er die fünf Kontinente bezeichne. Darauf habe Trotzki befohlen, dass die Soldaten der Roten Armee dieses Abzeichen in Rot tragen sollten. 

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Zunächst symbolisierte der rote Stern die Zentralgewalt des Obersten Sowjets der Russischen SSR, dann jene der gesamten Sowjetunion. Schließlich verbreitete er sich im gesamten kommunistischen Bereich von China bis Kuba. Er wurde von der offiziellen Heraldik rezipiert und fand sich in den Flaggen zahlreicher kommunistischer Staaten. Da sich der Kommunismus lange Zeit - wohl bis zur Ernüchterung in der wirtschaftlichen Situation der siebziger und achtziger Jahre - als umfassende Heilslehre verstanden hat, über deren Theorie und Praxis Tausende Bücher geschrieben wurden, ist es nicht verwunderlich, dass dem roten Stern viele quasi-religiöse Assoziationen anhaften.

Als ein neuer „Stern von Bethlehem" sollte der rote Fünfzack das Symbol für eine „neue Erde" sein. Es gibt dazu zahllose Anspielungen in der Propagandaliteratur, so etwa vom DDR-Publizisten Kuba (Kurt Bartel), der in seiner Dichtung „Der Sozialismus siegt" weit ausholte:

... O Herz der Menschheit, heißer Erdenkern./ Die Sonnen glühn Jahrmillionen fern/ gleichgültig, ob der Erdenball verglüht;/ und müßt verglühen, wär nicht unser roter Stern und unsre rote Fahne, die da fliegt./ Der Sozialismus siegt!

(Zit. nach A. Rabbow, a.a.O. 207)

Foto: P. Diem
Foto: P. Diem
Die starke Indienstnahme des Sternsymbols als "Heilszeichen" des Kommunismus erinnert somit an den "Stern von Bethlehem", also an ein Symbol, das eine heilgeschichtlich wichtige Tatsache ankündigte.

Zu den diesbezüglichen Theorien und Bildern vergleiche die Ausführungen in der Wikipedia.

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Dass der rote Stern bis in die späten achtziger Jahre unseres Jahrhunderts auf Millionen Plakaten, Plaketten, Orden und Leistungsabzeichen prangte, ist allgemein bekannt. Auch für sonstige Zwecke, wie für die Bezeichnung von Sportvereinen und Betrieben, musste das neugeschaffene Gestirn herhalten.

In Österreich prangte der Sowjetstern zwischen 1945 und 1955 auf zahlreichen Gebäuden der sowjetischen Militärverwaltung und auf den USIA-Betrieben, bis er nach Abzug der Besatzungsmächte abgenommen wurde (Bild).

Eine "gestutzte" Form des Pentagramms hat das Wiener Volkstheater als Logo gewählt.

Der grüne Stern #

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Im Jahre 1887 legte der polnische Augenarzt Dr. Lazarus Zamenhof (1859-1917) unter dem Pseudonym „Dr. Esperanto" mit dem Buch ""lingvo Internacia" den Plan einer Welthilfssprache vor. Esperanto ("der Hoffende") besitzt sechzehn Grammatikregeln, sechs Vorsilben und zwölf Nachsilben zur Bildung neuer Wörter. Der Wortschatz baut vor allem auf den romanischen Sprachen und dem Englischen auf. Die internationale Esperantisten- Bewegung hat sich den grünen fünfzackigen Stern zu ihrem Symbol gewählt - ein schönes Symbol für Hoffnung und internationale Brüderlichkeit.

Österreichische Volksbildner waren und sind bei der Verbreitung von Esperanto führend tätig. Die österreichischen Esperantisten waren zunächst jedoch parteipolitisch organisiert, so dass 1934 die sozialistischen, 1938 alle Vereine verboten wurden.

1927 wurde von Hugo Steiner das Esperanto-Museum gegründet, das der Nationalbibliothek angeschlossen ist und heute 19.000 Bände umfasst. "Der Grüne Stern" ist auch der Titel eines utopischen Romans von Hans Weigel (1946).