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Bildschirmtext und MUPID#

MUPID
Prospektentwurf 1982

MUPID
MUPID 1

von Hermann Maurer, April 2015

In den Jahren um 1970 tauchte von England ausgehend die Idee auf, die Telefone und Fernsehgeräte mit numerischer Fernbedienung so zu erweitern, dass damit der Abruf von Informationen aus einem Netzwerk von Computern möglich wird.

Im Deutschland und Österreich nannte man dieses System Bildschirmtext, kurz BTX. Computer (der damaligen Post) an mehreren Orten wurde in ein Netz zusammengeschlossen. Wenn man den Fernseher mit etwas Zusatzelektronik (einem "Decoder") ausrüstete und über ein „Modem“ mit dem Telefon verband konnte man damit mit dem Computernetz Verbindung aufnehmen: in erster Linie konnte man damit menügeführt durch Eingabe von Ziffern über die Fernsehtastatur Informationen aller Art, wie heute im WWW abrufen, wobei der Komfort durch die numerische Tastatur und die nach heutigem Empfinden geringe Grafikfähigkeit beschränkt war.

Als ich zu Beginn meiner Tätigkeit als Professor in Graz (siehe dazu auch Programm der 30 Jahrfeier) im Auftrag des damaligen Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung eine Studie erstellte, ob man BTX auch in Österreich einführen sollte war meine Empfehlung: ja, aber statt einfachen Decoders sollte man einen "Intelligenten Decoder", einen Mini-PC einsetzen, mit voller Tastatur, besserer Grafik und vor allem programmierbar.

So entstand der MUPID, offiziell das Acronym für Mehrzweck Universell Programmierbarere Intelligenter Decoder, inoffiziell Maurer Und Posch Intelligenter Decoder: Posch, damals noch wissenschaftlicher Assistent bei mir in Graz (später Professor und heute auch CIO der Bundesregierung) leitete die gesamte Hardware Entwicklung, ich hatte die Gesamtleitung und Teile der Softwareentwicklung zu betreuen.

MUPID TEeam
Das MUPID Team bei der Vorstellung des Mupid im FZA im Juni 1982
Im Juni 1982 konnten wir das Model MUPID 1 im FZA (Fernmeldetechnischen Zentral-Amt) im Wiener Arsenal vorstellen: Im FZA, denn alles wurde von Post betrieben, die MUPIDs wurden mit Modem von der Post vermietet. MUPID nahm die Entwicklung des WWW vorweg, das erst um 1990 allmählich auftauchte. Mit dem MUPID konnte man Texte und Bilder abrufen, aber auch Emails schreiben (auch an Empfänger ohne Gerät: man wählte die Option MAD (MUPID Ausdruck Dienst), damit wurde die Mail von der Post ausgedruckt und als Brief zugestellt, um S 1.- also ca. 8 Cent).

Man konnte Bestellungen vornehmen und Programme abrufen: Was man heute eine App nennt, nannten wir damals Teleprogramm. Man konnte an Mehrpersonenspielen teilnehmen, oder nur eine Patience legen oder Schach (gegen andere oder einen Computer) spielen, man konnte sich in der E.R.D.E. (Elektronische Rede und Diskussionsecke) wie heute in Social Networks unterhalten. Mit einem System COSTOC gab es auch ein Unterrichtssystem, in dem am Höhepunkt 500 einstündige Lektionen über Informatik zur Verfügung standen. Dass über 800 österreichische Notare den MUPID bis tief in die 1990 er Jahre benutzten lag daran, dass nur damit das Grundbuch elektronisch abrufbar war! Und viele Berechnungsprogramme standen für die verschiedensten Bereiche zur Verfügung.

Alle erstellten Daten und Programme mussten lange Jahre in dem Netzwerk der BTX Zentralen abgespeichert werden (heute würde man sagen: alles wurde in der Cloud gespeichert). Das war anfangs notwendig, weil es keine Harddisks gab, und Diskettenstationen viele Jahre sehr teuer waren! Das „Betriebssystem“ CP/M, ein Text und Grafikeditor und ein Basic-System zum Programmieren waren in der Hardware des MUPID eingebaut. Was immer sonst man im Speicher hatte verschwand, wenn man den Strom abdrehte. Trojaner oder potentielle Viren wurden also durch Abschalten des MUPID immer beseitigt. Wäre es nicht schön, wenn das noch immer so wäre!

Auch in anderen Punkten waren BTX und MUPID besser (!) als es das WWW heute ist: Einerseits konnte man Seiten mit Gebühren belegen (vor dem Abruf einer solchen Seite gab es eine Warnung) und damit auch Geld verdienen (Meyer bot das Universallexikon an, 1/10 heutigen Cent pro Seite): Das WWW bietet noch immer keine gute universelle Möglichkeit für Mikrozahlungen. Aber der Zentralismus der Post machte das möglich, denn die Kosten beglichen die Kunden als Teil ihrer Telefonrechnung! SPAM gab es im BTX nicht, denn der Absender war immer klar bekannt. Und da das Absenden einer Mail 8 Cent kostete, war ein Versand von tausenden von Mails, von denen dann die meisten ignoriert werden würden auch teuer. Informationsangebote mussten eine Informationsseite aufweisen, mit Telefonnummer und der Möglichkeit, eine frei formatierte Mail zu senden. Wir alle wissen wie schwierig es oft ist an den Urheber einer WWW Site heranzukommen!

MUPID in Schweden
MUPID gab es in mehreren europäischen Ländern. Insgesamt wurden ca. 50.000 MUPIDs hergestellt. Aus der MCG, die in der Steiermark die Geräte erzeugte, wurde nach der BTX Zeit von Mitarbeitern 17 Firmen ausgegründet, die es heute noch gibt: BIT und Infonova sind die beiden größten
Die Informationsanbieter wurden durch die BAV (Bildschirmtext Anbieter Vereinigung) vertreten, die Benutzer durch den MCCA (MUPID Computer Club Austria). Den gibt es noch immer, auch wenn er sich inzwischen Multi Computer Communications Austria nennt: zu seinem 30 Geburtstag 2013 habe ich eine kleine Broschüre „Von Lexika im BTX zum Austria-Forum“ vorgetragen.

Warum haben sich BTX und MUPID nicht durchgesetzt? Der Hauptgrund ist die fehlende Verlässlichkeit europäischer Partner! Alle europäischen Postverwaltungen beschlossen für BTX einen Standard, alle unterschrieben. Dieser Standard war so ausgelegt, dass normal Heimcomputer wie Commodore 64, Atari, Apple II usw. ihn nicht erfüllen konnten. Es wurde das nie gesagt, aber die Idee war klar: man errichtete damit einen Schutzwall gegen nicht-europäische Computerhersteller.

Posch und ich waren dadurch motiviert, MUPID zum Modell MUPID 2 zu entwickeln. Nur: Weder UK noch Frankreich hielten sich je an den Standard, auch andere europäische Länder kümmerten sich wenig darum, sodass sich der mögliche Markt bald auf Deutschland und Österreich einengte. Und Deutschland verstand es, MUPID ein Jahr aus Deutschland fern zu halten, um einen einfachen (nicht "Intelligenten" und also auch nicht programmierbaren) deutschen Decoder eine Chance zu geben.

So gab es in Europa zwar irgendwann fast 10 Millionen Benutzer von BTX-ähnlichen Systemen, die aber technisch total fragmentiert waren. Der Siegeszug des (damals) IBM PCs und das liberale WWW konnten sich damit gegen spezielle Geräte und staatliche Netzmonopole durchsetzen.

Mehr über die Entwicklung vom BTX , MUPID und WWW findet sich auch im Buch „L3T“ zum Nachlesen.

Unzählige Bilder zu BTX und MUPID finden sich auf einer Projektgeschichte des damals ersten Grazer Informatik Instituts (1978- 2000).

Viele Publikationen zu BTX und MUPID finden sich in meiner Publikationsliste in den Jahren 1980-1990.

Betriebsfähige MUPIDs finden sich heute noch im größten deutschen Computermuseum in Paderborn und im Computermuseum in San Franzisco. Einen MUPID 1 findet man auch im technischen Museum in Wien ohne Zubehör und mit der lakonischen Beschriftung "MUPID".


Dieses Photo, das drei Varianten des MUPID zeigt, wurde von S. Vössner im August 2016 in der "Hall of Fame" des Computer History Museums in Moutain View (60 km südlich von San Francisco) aufgenommen.

MUPID
Photo: Siegfried Vössner