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Geld - gestern, heute und morgen#

von Ewald Judt und Claudia Klausegger [1], 5. Februar 2017

Einleitung#

“Money makes the world go round”. Dieses Zitat beschreibt Geld als Grundlage für jede Volkswirtschaft. Kaum etwas prägte die Geschichte der Menschen mehr als Geld mit seinen drei Funktionen: Geld als Zahlungsmittel, Geld als Wertaufbewahrungsmedium und Geld als Wertmaßstab.

Im Zuge der geschichtlichen Entwicklung des Geldes hat sich die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel bis heute bedingt durch die technische Verbesserung beim Geldaustausch dramatisch verändert. Geld hat sich zunehmend in Richtung einer Cashless Society entmaterialisiert. Parallel dazu hat sich auch die Funktion des Geldes als Wertaufbewahrungsmedium verändert, da Bargeld heute beim Sparen und der Kapitalanlage nur mehr eine geringe Rolle spielt. Nicht verändert hat sich im Laufe der Zeit die Funktion des Geldes als Wertmaßstab.

Angesichts der seit 40.000 Jahren andauernden Geschichte des Jetzt-Menschen ist die Geschichte des Geldes vergleichsweise kurz: Sie dauert erst 2.700 Jahre. In dieser Zeit hat sich die Art des Geldes mehrfach komplett geändert:

Auf Naturalgeld, folgte Münzgeld, auf Münzgeld folgte Papiergeld, auf Papiergeld folgte Buchgeld, das als Elektronisches Geld heute den größten Teil der Geldtransaktionen ausmacht. Der Status einer LessCash Society beim Zahlen ist heute durch die Freiwilligkeit der Zahlungspflichtigen und der Zahlungsempfänger erreicht. Aufgrund der sich zeigenden Trends in Form der „natürlichen“ Weiterentwicklung des Geldes, der Absorbierung von Barzahlungen durch neue Formen des bargeldlosen Zahlens, der zunehmenden Nutzeraffinität zur bargeldlosen Zahlung, der Veränderungen in der Bankenstruktur, der Bekämpfung von Schattenwirtschaft und Schwarzarbeit und der Reduktion der Bargeldkriminalität kommt eine Cashless Society beim Zahlen auf freiwilliger Basis immer näher.

Bargeld wird beim Zahlen ein nur von wenigen genutztes Residuum sein.

Geld gestern#

Jahrtausende kam der Homo Sapiens ohne Geld mit einfachen Tauschgeschäften aus. Dieser Handel erfolgte auch über weite Entfernungen. Als Folge entstanden Handelsstraßen u.a. für Salz, Kupfer, Zinn und Bronze. Als sich die Tauschwirtschaft ausweitete wurde es für einen Käufer immer schwieriger, einen Verkäufer zu finden, der genau das anbot, was er brauchte, und der genau das suchte, was angeboten wurde – ein „doppelter Zufall“ war notwendig. Das ging so lange gut, wie die Art der Produkte, die an der Tauschwirtschaft teilnahmen, beschränkt war – das war rd. 30.000 Jahre. Um den Handel ausweiten zu können, war für das Problem eine Lösung des „doppelten Zufalls“ notwendig.

Im 5. Jahrtausend vor Christi entwickelte der Mensch die Lösung und erfand das, was wir heute Geld nennen. Es war allerdings damals nicht das gleiche Geld, das wir heute kennen. Es wurden Dinge herangezogen, die als Geld dienten – das Naturalgeld entstand. Als Naturalgeld haben mancherlei Dinge gedient, die wir heute nicht mehr als Geld betrachten.

Das waren zuerst Fundgegenstände, die man für wertvoll hielt (Muscheln, Perlen, etc.). Durch diese Art des Warengeldes hat die Kaurimuschel einschlägige Berühmtheit erlangt. Zusätzlich wurden handwerkliche Produkte (Speerspitzen, etc.), Vieh (wie Rinder, Schafe oder Kamele), Pelze und Felle, Salz, haltbare Nahrungsmittel (wie Stockfische) oder Metalle - vorzugsweise.

Edelmetalle in Form von Ringen, Reifen oder Barren - als Naturgeld eingesetzt. Das Naturalgeld hatte gegenüber der Tauschwirtschaft mannigfache Vorteile: Sein Wert war anerkannt, es konnte leichter transportiert, geteilt und aufbewahrt werden, es war einfacher, den Wert der zu tauschenden Güter zu vergleichen. Es war in der Geschichte des Geldes die erste Stufe und hat sich in einer beschränkt arbeitsteiligen Wirtschaft ca. 4.300 Jahre bewährt.

Doch Warengeld gab es nicht nur in der fernen Vergangenheit, sondern auch in Zeiten der Not: Zuletzt in Europa nach dem 2. Weltkrieg. Weite Teile des Kontinents waren verwüstet. Die Wirtschaft konnte nicht ausreichend Güter produzieren, um die Bevölkerung zu versorgen. Selbst wer Banknoten und Münzen besaß konnte sich damit kaum etwas kaufen. So wurden Naturalien getauscht und am Schwarzmarkt ausgerechnet Zigaretten zum Naturalgeld, mit dem man Waren – insbesondere Nahrungsmittel, Heizmaterial und Bekleidung – bezahlen konnte. Erst mit dem Wiederaufblühen der Wirtschaft und mit einer neuen Währung, der die Bevölkerung und die Wirtschaft vertraute, wurde das Naturalgeld wieder zur Geschichte.

Münzen
Alte Münzen. Photo: pixabay.com
Erst Anfang des 7. Jahrhunderts vor Christi wurde das Naturalgeld sukzessive durch das Münzgeld verdrängt: Metall in gleich großen Stücken mit gleichem Gewicht und gleichem Aussehen.

Es war die zweite Stufe der Geschichte des Geldes und erleichterte den Menschen den zweiseitigen Austauschprozess Verkauf/Kauf.

Ungefähr 650 vor Christi wurden die ältesten uns bekannten Münzen in Lydien an der Mittelmeerküste Kleinasiens in der heutigen Türkei geschlagen.

Breit durchgesetzt hat sich das Münzgeld erstmals in Griechenland, wodurch der Handel erleichtert und die gewerbliche Produktion durch die leichter wirksam werdenden Vorteile der Arbeitsteilung aufblühen konnten. Nach den Griechen übernahmen andere Völker, u.a. die Römer, diese Form der Zahlungsmittel.

Die römischen Münzen waren allgemein geschätzt, auch wenn sie aus riechbaren Quellen stammten. Der Ausspruch „Pecunia non olet“ – „Geld stinkt nicht" geht auf Kaiser Vespasian zurück, nachdem er eine Steuer für öffentliche Toiletten eingeführt hatte. Die Münzen haben auch den Zerfall des römischen Reiches überlebt – Münzgeld gibt es bis heute in aller Welt.

Zunächst gab es nur vollwertige Münzen (Kurantmünzen) aus Gold und Silber, wo der Wert des Metalls auch den Wert der Münze bestimmte. Gewicht und Wert der Münzen wurden vom jeweiligen Münzherrn, dem Herrscher, über die Münzprägung mit seinem Siegel oder seinem Bild „garantiert“.

gold
Golddukaten und Rohgold. Photo: pixabay.com
Meist wurden sie nur in dem staatlichen Gebilde, in dem der Münzherr regierte, allgemein angenommen. Diese Garantie der Werthaltigkeit hielt allerdings nicht immer: Oft wurde der Edelmetallgehalt bewusst (meist durch Beimengung von Kupfer) reduziert. Diese Geldentwertung war eine unerfreuliche Entwicklung für alle, die gespart hatten, und erfreulich für die, die – wie oft die Münzherren – Schulden hatten. Doch das bremste die Verbreitung des Münzgeldes nicht. Seit dem 16. Jahrhundert wurden die vollwertigen Kurantmünzen durch Scheidemünzen, d.s. Münzen deren Metallwert geringer als der Wert der Münze ist, ersetzt. So besteht unsere 1 €-Münze beispielsweise aus Nickel, Messing und Kupfer.

Münzgeld haben wir auch heute noch jeden Tag in der Hand, doch ist seine Bedeutung angesichts des dritten Entwicklungsschritts des Geldes, des Papiergeldes, nur mehr gering. Es wird ausschließlich zur Zahlung von Klein- und Kleinstbeträgen herangezogen.

Papiergeld wurde erstmals um 650 in China eingesetzt und drang von dort am Beginn der Neuzeit nach Europa. Erste Versuche gab es in mehreren Ländern wie Spanien, den Niederlanden und Schweden, nachdem Münzen knapp wurden. Trotz der nicht unbedingt erfolgreichen ersten Versuche und einem in einer Hyperinflation endenden Fiasko in Frankreich verbreitete sich das Bargeld noch im 18. Jahrhundert in größerem Ausmaß. Es kam in ganz Europa sukzessive zu Banknotenemissionen und im 19. Jahrhundert war Papiergeld in ganz Europa als Zahlungsmittel neben dem Münzgeld akzeptiert. Oft war ein Papiergeld erfolgreich, oft ist es gescheitert: Die Geldvermehrung hat zu einer Inflation (im Sinne einer Hyperinflation) geführt. 10.000 Kronen = 1 Schilling in: 365 Schicksalstage - Der Gedächtniskalender ÖsterreichsJohannes SachslehnerStyria premiumWien - Graz - Klagenfurt2012.

Inflationsgeld
Inflationsgeld aus Deutschland um 1923. Photo: pixabay.com

Bei einer derartigen Inflation geht das Vertrauen in das Geld verloren und die Konsequenz ist meist ein neues Geld. So wurde in Österreich 1924 die „Krone“ durch den „Schilling“ ersetzt.

Ganz wichtig ist daher das Vertrauen beim Papiergeld: Im Übermaß in Umlauf gebrachte Banknoten können zu Preissteigerungen und einem Kaufkraftverlust des Geldes führen. Um dieses Vertrauen herzustellen, konnte Papiergeld ursprünglich in Kurantmünzen umgetauscht werden. Über Jahrhunderte wurden Banknoten mit Gold besichert. Auch heute noch haben Notenbanken Goldreserven. Doch ist unser Geld bei weitem nicht das wert, was an Edelmetallen in den Depots lagert. Die Deckung des Banknotenumlaufs erfolgt heute zusätzlich zu Gold durch andere werthaltige Vermögensgegenstände (z.B. Devisen oder Forderungen gegenüber Banken). Im €-System wird die Geldmenge durch die EZB, die Europäische Zentralbank, gesteuert. Dort wird entschieden, welche Geldmenge in Umlauf kommt und welche Banknoten gedruckt werden sollen. Diese Entscheidungen beeinflussen den Wert des € wesentlich – einerseits in der €-Zone und andererseits im Wechselkurs gegenüber anderen Währungen.

Obwohl heute allein in der €-Zone rd. 15 Milliarden Banknoten mit einem Wert von etwa € 1 Billion im Umlauf sind, geht seit vielen Jahren die Bedeutung des Papiergeldes laufend zurück. Dies deshalb, da die Notwendigkeit größere Geldbeträge rasch und sicher von einem Ort zum anderen bewegen zu können, zum nächsten Entwicklungsschritt des Geldes – dem Buchgeld – führte. Das Buchgeld, das immaterielle verfügbare Geld auf Girokonten, macht heute mit ca. 83 % den größten Teil des Geldes aus. Mit dem Buchgeld wurde das Geld abstrakt. Dieses Buchgeld ist das Geld, ohne dass eine moderne Wirtschaft nicht mehr auskommt. Es bildet die Grundlage des bargeldlosen Zahlungsverkehrs.

Der Grundgedanke des Buchgeldes geht ins Arabien des 8. Jh. zurück, wo ein bargeldloses Geldtransfersystem namens Hawala („Vertrauen“) entwickelt wurde. Die Verbreitung des Buchgeldes ging später von den Handelszentren Italien aus, wo sich gegen Ende des Mittelalters nicht nur die doppelte Buchführung, sondern auch die Führung von „conti corrente“, Girokonten mit Einlagen, bei den Geldwechslern, den späteren Banken, etablierten. Lange Zeit wurden die Kontenbestände (hand)schriftlich in Kontenbüchern geführt, woher auch die Bezeichnung Buchgeld kommt. Mit diesen Konten wurde es möglich, Geldüberträge, heute würde man Überweisungen dazu sagen, von Konto zu Konto zu machen. Lange Zeit wurde Buchgeld nur für geschäftliche Zwecke genutzt. Der Übertrag von Konto zu Konto erfolgte mit unterschriebenen Geldanweisungen. Mit der Einführung der Gehalts-, Lohn- und Pensionskonten ist der Umgang mit Buchgeld auch für Private zur Selbstverständlichkeit geworden. Heute hat nahezu jede Person ein Girokonto und demzufolge Buchgeld. Es kann daher auch jeder das Buchgeld für Zahlungen entweder als Zahlungsempfänger oder Zahlungsauftraggeber verwenden.

Der Erfolg des Buchgeldes und dem mit ihm möglichen Zahlungsverkehr war durchschlagend. Es kam zu einer weitgehenden Entmaterialisierung des Geldes – es war nur mehr auf Konten ersichtlich. Heute besteht nur noch ein Bruchteil des gesamten Geldumlaufs aus Münzen und Banknoten, der weitaus größte Teil befindet sich als Buchgeld auf Bankkonten.

Ab den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die papiergebundene Geldübertragung von Konto zu Konto zunehmend elektronisch abgewickelt. Mit dieser Form der Übertragung kam es zur Elektronifizierung des Buchgeldes. Durch das Elektronische Geld – dem elektronischen Transfer des Buchgeldes von einem Bankkonto auf ein anderes Bankkonto – hat das Abstraktionsniveau des Geldes auch dessen Bewegung erfasst. Der Buchgeldtransfer wird heute nahezu zur Gänze elektronisch abgewickelt. Dies erfolgt durch Überweisungen, Lastschriften und Kartentransaktionen sowie neuerdings auch durch andere Tools.

Geld heute#

Seit 40.000 Jahren gibt es den Jetzt-Menschen. Seit 7.000 Jahren gibt es Naturalgeld. Seit 2.700 Jahren gibt es Münzgeld. Seit 200 Jahren gibt es Papiergeld. Seit 100 Jahren gibt es den bargeldlosen Zahlungsverkehr auf Basis Buch- oder Giralgeld. Seit 50 Jahren gibt es den Kartenzahlungsverkehr. Und in weniger als 50 Jahren hat sich Elektronisches Geld durchgesetzt. Verglichen mit dem gesamten bisherigen Zeitrahmen des Jetzt-Menschen ist die Zeit der Zahlungen mit Geld – ob Natural-, Münz- oder Papiergeld – relativ kurz. Noch kürzer ist allerdings die Zeit, seitdem es Buchgeld und bargeldlose Zahlungen oder gar Kartenzahlungen gibt. Und ganz kurz ist die Zeitspanne, in der das Geld elektronifiziert wurde. In dieser kurzen Zeitspanne haben sich die Zahlungsgewohnheiten des Menschen gravierend verändert.

Heute kann man unsere Geldwelt, d.h. die der entwickelten Staaten, am besten als LessCash Society bezeichnen. LessCash Society deshalb, weil heute schon ein Großteil der Zahlungstransaktionen bargeldlos ist und ein erheblicher Teil der Geldanlagen nicht mehr in Form von Bargeld erfolgt. Das Geld ist dennoch der einzige Wertmesser, unabhängig davon on es in bar oder in digitalisierter Form vorliegt.

Die bislang rd. 100 Jahre andauernde Geschichte des bargeldlosen Zahlungsverkehrs hat erstaunliche Resultate gezeigt:

  • Zahlungen von Unternehmen an öffentliche Haushalte – und umgekehrt - sind heute in Österreich zu 100 % bargeldlos.
  • Auch Zahlungen von Privaten an öffentliche Haushalte – und umgekehrt - werden heute in Österreich nahezu zu 100 % bargeldlos getätigt.
  • Lediglich Zahlungen von Privaten an Unternehmen, die am realen POS des jeweiligen Handels- oder Dienstleistungsunternehmens erfolgen, werden im deutschen Sprachraum noch zu rd. 50 % des Zahlungsvolumens bar bezahlt; die Zahlungen von Privaten an Unternehmen am virtuellen POS, dem E- und M-Commerce, hingegen sind zu 100 % bargeldlos. Die Zahlungen von Unternehmen an Private, werden nahezu zu 100 % bargeldlos durchgeführt.
Somit werden bereits jetzt weit über 90 % Zahlungstransaktionen als Buchgeldtransfers bargeldlos elektronisch abgewickelt. Um zu einer Gesellschaft zu kommen, wo auch am realen POS Bargeld nicht mehr als Zahlungsmittel eingesetzt wird, ist es nur mehr ein kleiner – aber so wie es ausschaut schwieriger – Schritt.

Der Grund für das „langsame“ Vordringen des bargeldlosen Zahlens am POS liegt darin, dass zum einen nicht alle Unternehmen die Möglichkeit der Kartenzahlung anbieten, womit deren Kunden nicht immer die Möglichkeit des bargeldlosen Zahlens nützen können. Zum anderen hängt es mit dem Zahlungsverhalten der Privaten, das sich – wie das gesamte mit Geld zusammenhängende Verhalten – nur „langsam“ ändert zusammen, wenngleich nahezu jeder Österreicher bereits mit einem bargeldlosen Zahlungsmittel ausgestattet ist.

Geld morgen#

Aufgrund des sich zeigenden Trends kann davon ausgegangen werden, dass wir uns einer Cashless Society nähern. Als eine Cashless Society soll hier eine Gesellschaft bezeichnet werden, in der alle Zahlungsvorgänge bargeldlos erfolgen und Bargeld ein nur selten und nur von wenigen genutztes Residuum beim Zahlen ist. In diesem Szenario bleiben die Funktionen des Geldes als Wertmaßstab und zur Wertaufbewahrung unverändert. Das Bargeld wird nicht abgeschafft. Das Hinbewegen auf diesen Zustand und das Erreichen dieses Zustandes geht davon aus, dass die Beteiligten am Markt – die Zahlungspflichtigen und die Zahlungsempfänger – freiwillig bargeldlos zahlen. Dabei muss der Zahlungsempfänger für die elektronische Akzeptanz bargeldloser Zahlungsmittel sorgen und der Zahlungspflichtige muss ein bargeldloses Zahlungsmittel haben.

Um einer Cashless Society beim Zahlen näherzukommen stellt sich die Frage, welche Gründe dazu führen können, dass das Residuum an Barzahlungen in bargeldlose Zahlungen umgewandelt wird. Indizien für die Annäherung in Richtung einer Cashless Society gibt es eine Reihe. Die Gründe für diese Entwicklung sind unterschiedlich und kommen von verschiedenen Seiten des gesellschaftlichen Spektrums. Sie gehen von der „natürlichen“ Weiterentwicklung des Geldes, der Absorbierung von Barzahlungen durch neue Formen des bargeldlosen Zahlens insbesondere bei Klein- und Kleinstbeträgen, der zunehmenden Nutzeraffinität zur bargeldlosen Zahlung, der Bekämpfung von Kriminalität und Schwarzarbeit/Schattenwirtschaft und den Kosten des Bargeldes aus. Als massives Contra zur Cashless Society wird von manchen Personen die Einschränkung der persönlichen Freiheit durch die mögliche totale Überwachung der Geldverwendung jedes Einzelnen vorgebracht.

Die Form des Geldes hat sich seit es Geld gibt immer schneller weiterentwickelt: Vom Naturalgeld zum Münzgeld, vom Münzgeld zum Papiergeld, vom Papiergeld zum Buchgeld und dem Elektronischen Geld. Den größten Entwicklungsschub brachte das Buchgeld und danach dessen elektronische Bewegung zuerst im „klassischen“ Zahlungsverkehr bei Überweisungen und Lastschriften und danach bei Karten. Es wurde und wird dabei schlicht und einfach Altes durch Neues ersetzt: Es gab eine „natürliche“ Weiterentwicklung des Geldes. Diese war mit einer gesteigerten Akzeptanz durch die Nutzer verbunden, die das alte durch das neue Geld ersetzen, weil die Veränderungen zu Verbesserungen beim Zahlen geführt haben. Wenn es damit nicht zu Verbesserungen für die Nutzer gekommen wäre, hätte es sich nicht durchgesetzt. Die Geschichte des Geldes hat gezeigt, dass altes Geld von neuem Geld verdrängt wird und zwar zuerst teilweise, dann zur Gänze. Heute wird nur noch am realen POS in nennenswertem Umfang bar bezahlt. So steigt auch am POS entsprechend der „natürlichen“ Weiterentwicklung des Geldes der Anteil des Elektronischen Geldes jährlich um ein bis zwei Prozentpunkte, wodurch auch am realen POS das Bargeld marginalisiert wird.

Diese Marginalisierung des Bargeldes wird einerseits durch die derzeitigen Zahlungsinstrumente erfolgen. Andererseits wird auch die Absorbierung von Barzahlungen durch neue Formen des bargeldlosen Zahlens dazu beitragen. Wurden noch vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert nahezu 100 % der POS-Transaktionen sowohl im deutschen Sprachraum als auch darüber hinaus mit Bargeld getätigt, so hat sich das mit den Innovationen der Finanzdienstleister sukzessive verändert. Überweisungen und Lastschriften, Debitkarten und Kreditkarten waren die Treiber dieser Veränderung. Aber erst die Elektronifizierung der Buchgeldbewegung in ihren verschiedenen Formen führte zu einem verstärkten Trend in Richtung bargeldlosen Zahlens. Transaktionszahlen und das Betragsvolumina nahmen jährlich zu und werden weiter zunehmen. Dazu trug die Innovation und der Einsatz von neuen Formen des Zahlungsverkehrs bei.

Bereits voll im Rollout befindet sich das kontaktlose Zahlen auf NFC-Basis. Mehr und mehr Karten werden mit diesem Feature ausgestattet und mehr und mehr POS-Terminals können derartige Zahlungen akzeptieren. Der Vorteil ist, dass die Karte nicht mehr in das POS- Terminal gesteckt werden muss, ein Halten der Karte an das POS-Terminal reicht, um die Zahlungstransaktion durchzuführen. Das hat dazu geführt, dass Karten vermehrt auch für Klein- und Kleinstbeträge eingesetzt werden. Sowohl für die Zahler als auch für die Akzeptanten ist die Zahlungsabwicklung problemloser und schneller als jede Barzahlung.

Kontaktlose Zahlungen werden in den nächsten Jahren nach Vollausstattung von Karten und POS-Terminals massiv Bargeldtransaktionen absorbieren.

Gleiches dürfte auch für M-Payments gelten, die sich bislang noch nicht auf breiter Basis durchgesetzt haben. Dabei ist die Ausgangssituation für M-Payments sehr gut. Die Ausstattung am POS mit NFC-fähigen Terminals erspart hier den Proponenten die Entwicklung des „zweiten“ Marktes, der Akzeptanz. Es gilt hier „nur“ die Smartphones für M-Payments zu kalibrieren. Zur technischen Umsetzung im Smartphone gibt es mehrere Möglichkeiten. Die Umsetzung hierfür ist voll im Gange. Die M-Payments am POS erfolgen in der gleichen Art und Weise wie mit Kontaktloskarten.

Mit der NFC-basierten „tap and go“-Zahlung (bis zur definierten Betragsgrenze; meist um € 20 bis € 25) mit Karten und Smartphones konnte die Convenience und die Geschwindigkeit beim Zahlen erhöht werden. Die Karten, die bisher und auch heute noch die wesentlichsten Zahlungsinstrumente am realen POS sind, werden nicht nur durch Smartphones Konkurrenz bekommen, sondern auch durch andere Tools ergänzt werden. Das könnten Uhren, Schlüsselanhänger, Ringe, Wearables oder Implantate sein.

Die Innovationen der Betreiber von Zahlungssystemen haben maßgeblich dazu beigetragen, das bargeldlose Zahlen voranzubringen. Die jährlich zunehmenden bargeldlosen Transaktionen dokumentieren dies. Doch die Innovationen im Zahlungsverkehr werden sich fortsetzen, was zu einem weiteren Fortschritt beim Elektronischen Geld und seiner Sicherheit führen wird. So könnte sich die PIN zur Verifizierung des Zahlenden durch ein biometrisches Kennzeichen ersetzt werden, was die Convenience und Schnelligkeit beim Zahlen weiter verbessern wird.

Die Zunahme des bargeldlosen Zahlens am POS ist auch auf die Konsumenten zurückzuführen. Diese sind zwar im deutschsprachigen Raum in ihrem Geldleben, wozu auch der Zahlungsverkehr gehört, konservativ. Das bedeutet, dass sich die Einstellungen der Konsumenten in Bezug auf Geld und damit auch auf Zahlungen nur langsam verändern. Das gilt für alle am Markt agierenden Altersgruppen. Es zeigt sich, dass es eine zunehmende Nutzeraffinität zur bargeldlosen Zahlung gibt. Nach den First Movers und den Trend Setters sind bereits die Late Followers dabei bargeldlos zu zahlen, allerdings noch nicht mit der Häufigkeit und Selbstverständlichkeit wie in Bezug auf Zahlungen in saturierteren Märkten. Selbst die Älteren, denen oft mangelnde Fortschrittsfreudigkeit zugeschrieben wird, zahlen immer öfters bargeldlos. Kein Problem bei der bargeldlosen Zahlung haben die neu auf den Markt eintretenden Konsumenten. Sie sind Innovationen generell und auch jenen das Zahlen betreffend aufgeschlossen. Dazu kommt, dass nachrückende Jahrgänge das Smartphone und die mit ihm verbundenen Möglichkeiten mittlerweile als Selbstverständlichkeit wahrnehmen. Mit den jedes Jahr neu hinzukommenden elektronik- affinen Jahrgängen wird sich das Verhältnis zugunsten des Elektronischen Geldes weiter zu Lasten des Bargeldes verändern.

In Lösung begriffen ist auch das Problem, dass jene Bevölkerungskreise betrifft, die derzeit mangels Bankkonto noch über kein Buchgeld verfügen und damit auch nicht mit Elektronischem Geld zahlen können. Durch U-Richtlinie gibt es ein Basiskonto für alle, das in der Regel auch eine Karte auf Haben-Basis einschließt und somit die Möglichkeit eröffnet, bargeldlos zu zahlen.

Ebenso gibt es auf Seiten der Akzeptanten eine zunehmende Aufgeschlossenheit für das bargeldlose Zahlen. Das Akzeptanznetz erreicht jedes Jahr eine deutliche Verbesserung. Mittlerweise gibt es kaum mehr größere Unternehmen, die Elektronisches Geld nicht akzeptieren. Trotz dieser Entwicklung gibt es eine Reihe von immer weniger werdenden Handels- und Dienstleistungsunternehmen, die ausschließlich auf Bargeld setzen. Hier gilt es für die Zahlungsdienstleister durch ein entsprechendes Produktangebot dafür zu sorgen, dass auch Klein- und Kleinstunternehmer den Konsumenten die gleichen Zahlungsmöglichkeiten anbieten können wie Großunternehmen.

Ein Nudge in Richtung bargeldloser Zahlungen am realen POS sind auch Veränderungen in der Bankenstruktur. Sie war (und ist teilweise noch) durch ein dichtes Filialnetz gekennzeichnet, das infolge der vermehrten Nutzung von E- und M-Banking sukzessive reduziert wird. Immer mehr Bankfilialen werden entweder geschlossen oder als SB-Einheiten ohne Kassen weitergeführt. In Schweden kam es neben Filialschließungen sogar zu einer massiven Verkleinerung des Geldausgabeautomaten-Netzes, da dessen Betreuung zu kostenintensiv war. Das bedeutet für die Geldversorgung (Bargeldabhebungen und Bargeldeinzahlungen), dass sie nur mehr erschwert möglich ist: Kunden müssen eine Bargeldbezugsfazilität – sei es eine Filiale oder ein Geldausgabeautomat – woanders suchen. Und Firmenkunden müssen für die Tageslosung eine andere Form der Bargeldentsorgung – sei es eine Filiale oder ein Geldeinzahlungsautomat – finden. Diese Ausdünnung der Bargeldver- und –entsorgung erschwert den Bargeldbezug erheblich. Diese Erschwernis zu Bargeld zu kommen und Bargeld zu entsorgen, wird dafür sorgen, dass bargeldlose Zahlungen zunehmen werden.

Einen Schritt zur Verringerung/Vermeidung der Bargeldkriminalität und damit des Bargeldes sind bereits schwedische Banken gegangen. Dort wurden in dünn besiedelten Landesteilen nicht nur Filialen geschlossen, sondern bei den verbliebenen SB-Einheiten auch auf Bargeldein- und –auszahlungsautomaten verzichtet. Dies deshalb, da die Banken verhindern wollen, dass ihre Bargeldautomaten ausgeplündert und/oder gekapert und ihre Filialen und ihre Bargeldtransporte überfallen werden. Parallel dazu wurde sichergestellt, dass alle Zahlungspflichtigen mit einer Karte (sei es mit Überziehungsmöglichkeit oder nur auf Guthabensbasis) ausgestattet sind und alle Zahlungsempfänger Zahlungen mit diesen Karten bargeldlos akzeptieren können.

Ebenso ist die Bekämpfung von Schattenwirtschaft und Schwarzarbeit ein von staatlicher Seite kommender Ansatzpunkt, der die Reduktion von Barzahlungen zur Folge haben könnte. Dabei geht es den Staaten darum, nicht nur mehr Steuergerechtigkeit für die Steuer zahlenden Unternehmen und Privaten zu erreichen, sondern insbesondere auch mehr Steuereinnahmen zu lukrieren. Diese fallen nämlich bei Schwarzarbeit und Schattenwirtschaft nur rudimentär an. In diese Richtung gehen z.B. Maßnahmen der EU in Bezug auf die Anmeldung von Barmitteln ab € 10.000 bei der Ein- oder Ausreise und diverser Länder (wie Schweden, Griechenland, Italien, Spanien, Belgien und Frankreich) den Höchstbetrag für Bartransaktionen zu senken. Doch derartige Limits allein werden zwar die Schattenwirtschaft/Schwarzarbeit reduzieren, aber nicht eliminieren. Ähnliches gilt auch bei einer Registrierkassen- und Rechnungslegungspflicht oder durch die Abschaffung von Banknoten mit höherer Denomination. So hat die EZB erst kürzlich beschlossen, dass die € 500 Banknote auslaufen wird. Das erschwert zwar bei kriminellen Aktivitäten der Schattenwirtschaft wie Menschen-, Drogen- und Waffenhandel den Bargeldverkehr bei den dort in der Regel anfallenden größeren Beträgen erheblich, kann diese jedoch nicht abschaffen.

Die weitgehende Eliminierung von Bargeld als Zahlungsmittel führt auch zu einer Reduktion der Bargeldkriminalität (z.B. Taschendiebstahl, Überfälle bei der Ablieferung der Tageslosung, Überfälle auf Geldtransporter, Attacken auf Geldausgabeautomaten) bei allen am Bargeldkreislauf involvierten Parteien. Elektronisches Zahlen ist demgegenüber deutlich sicherer. Debitkarten- und Kreditkartentransaktionen am realen POS werden heute in der Regel auf Chipbasis oder mittels Smartphone durch eine gespeicherte Kartenapplikation und seine PIN-Eingabe abgewickelt. Trotz der hohen Sicherheit, die in der PIN-Nutzung liegt, wird bereits ein Ersetzen der PIN durch ein biometrisches Kennzeichen überlegt. Dass das bargeldlose Zahlen mit deutlich weniger Risiko verbunden ist als das Barzahlen (und das Vorrätighalten von Bargeld) stützt den Trend zu bargeldlosen Zahlungen.

Was vielen Menschen Sorgen bereitet, ist die mögliche Einschränkung der persönlichen Freiheit. Eine Konsequenz des bargeldlosen Zahlens liegt nämlich darin, dass es keine anonymen Transaktionen mehr gibt. Hier fürchten diejenigen, die sich um den Datenschutz Sorgen machen, eine durch Gesetz ermöglichte Totalüberwachung der Menschen bei allen persönlichen Angelegenheiten, die mit einer Geldtransaktion verbunden sind. Letzten Endes kann bei entsprechender gesetzlicher Grundlage jede bargeldlose Geldtransaktion durch Behörden nachvollzogen werden. Dazu muss allerdings festgehalten werden, dass der Weg zu einer Gesellschaft, die immer weniger bar bezahlt, sowohl durch die Zahlungspflichtigen als auch die Zahlungsempfänger freiwillig erfolgt. In einer Cashless Society, definiert als Gesellschaft wo möglichst alle Zahlungsvorgänge bargeldlos erfolgen, geht es nicht um die Abschaffung des Münz- und Papiergeldes. Bargeldzahlungen sind in diesem Szenario ein Residuum. Allen, die jedoch bar zahlen wollen, ist dies durch die Verfassung gewährleistet.

Seit der letzten Finanzkrise wird die Definition einer Cashless Society von einigen Ökonomen nicht mehr nur auf die Realisierung des bargeldlosen Zahlens, sondern auf die Abschaffung des Bargeldes erweitert. Da ist es nicht eine freiwillige Entscheidung der Marktteilnehmer wie bei einer Cashless Society beim Zahlen, sondern eine Entscheidung, die per Gesetz eines Staates oder einer Staatenunion umgesetzt wird. Das wesentlichste Argument für die Befürworter einer Gesellschaft ohne Bargeld kommt von Ökonomen, die hier die Möglichkeit sehen, Schwundgeld (nach Silvio Gsell) zur Stimulierung der Wirtschaft zu schaffen. Dazu gehören insbesondere die Überlegungen von Kenneth Rogoff, das Bargeld abzuschaffen.

Seine Theorie geht dahin, dass die Zentralbanken auf diese Weise leichter Negativzinsen durchsetzen können, um so die Wirtschaft anzukurbeln. Eine derartige Radikalumstellung des Geldes bedarf einer (wohl verfassungs)gesetzlichen Regelung, wofür in den meisten Staaten vermutlich keine Mehrheit zustande kommen dürfte. Von einer Cashless Society auf Basis der Abschaffung des Bargeldes ist daher in absehbarer Zukunft nicht auszugehen.

Eine Cashless Society auf freiwilliger Basis beim Zahlen nähert sich langsam einer Realisierung. Angesichts all der Vorhaben auf dem Gebiet des bargeldlosen Zahlens kann davon ausgegangen werden, dass der Anteil der Barzahlungen in den nächsten 10 bis 20 Jahren auf eine vernachlässigbare Größe sinken wird und damit der Status einer Cashless

Society beim Zahlen erreicht wird. Unabhängig davon ob es sich um Naturalgeld, Münzgeld, Papiergeld, Buchgeld oder Elektronisches Geld als Buchgeldtransfer handelt, bleibt die Funktion des Geldes als Schmiermittel=Zahlungsmittel für die Volkswirtschaft gleich: „Money makes the world go round“ gilt auch dann, wenn das Geld völlig entmaterialisiert ist und die Cashless Society beim Zahlen Realität ist.

Weiterführendes#

Literatur#

  • Judt, E., Pecunia non olet – Zur Geschichte des Geldes, Teil 1: Tauschwirtschaft und Naturalgeld, in: Ö1, Betrifft Geschichte, 30.11.2009
  • Judt, E., Pecunia non olet – Zur Geschichte des Geldes, Teil 2: Münzgeld, in: Ö1, Betrifft Geschichte, 1.12.2009
  • Judt, E., Pecunia non olet – Zur Geschichte des Geldes, Teil 3: Papiergeld, in: Ö1, Betrifft Geschichte, 2.12.2009
  • Judt, E., Pecunia non olet – Zur Geschichte des Geldes, Teil 4: Buchgeld, in: Ö1, Betrifft Geschichte, 3.12.2009
  • Judt, E., Pecunia non olet – Zur Geschichte des Geldes, Teil 5: Bargeldloses Zahlen, in: Ö1, Betrifft Geschichte, 4.12.2009
  • Judt, E., und Klausegger, C., Bankmanagement-Glossar: Naturalgeld, in: bank und markt 4/2013
  • Judt, E./Klausegger, C., Bankmanagement-Glossar: Münzgeld, in: bank und markt 8/2013Jud, E./ Klausegger, C., Bankmanagement-Glossar: Papiergeld, in: bank und markt 2/2014
  • Judt, E./Klausegger, C., Bankmanagement-Glossar: Buchgeld, in: bank und markt 7/2014 Judt, E./Klausegger, C., Bankmanagement-Glossar: Elektronisches Geld, in: bank und markt 8/2014
  • Plickert, P., Ökonom Rogoff will Bargeld abschaffen
  • Siedenbiedel, C. Der Fluch des Bargeldes

[1] Dr. Claudia Klausegger ist Assistenzprofessorin am Institut für Marketing-Management der Wirtschaftsuniversität Wien.