Benjamin Murmelstein

Benjamin Murmelstein (* 9. Juni 1905 in Lemberg; † 27. Oktober 1989 in Rom) war ein österreichischer Rabbiner, Gelehrter, Mitglied des Judenrats in der Israelitischen Kultusgemeinde Wien sowie letzter Judenältester im Ghetto Theresienstadt.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Murmelstein, aus einer orthodoxen Familie stammend, studierte nach dem Besuch einer Mittelschule in Lemberg an der Universität Wien Philosophie und Semitische Sprachen. Zeitgleich zu seinem universitären Studium absolvierte er an der dortigen „Israelitisch-Theologischen Lehranstalt“ eine rabbinische Ausbildung, die er 1928 erfolgreich abschloss. Zudem erfolgte ab 1927 seine Promotion mit der Dissertation: „Adam. Ein Beitrag zur Messiaslehre“.[1] Ab 1931 war Murmelstein als Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien im Brigittenauer Tempel tätig.[2] Zudem dozierte er von 1931 bis 1938 an der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt. Seit 1933 war Murmelstein mit Margit, geborene Geyer, verheiratet. Aus der Ehe ging ein Sohn namens Wolf (* 1936) hervor.[1]

Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 an das Deutsche Reich gehörte Murmelstein als Leitungsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Wien an. Er leitete kurze Zeit später die von Nationalsozialisten geschaffene Auswanderungsabteilung der Wiener Kultusgemeinde, die bereits im Mai 1938 auf Betreiben der Nationalsozialisten in „Jüdische Gemeinde“ umbenannt wurde. In dieser Funktion musste Murmelstein eng mit der im August 1938 geschaffenen „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien“ kooperieren, die einzig dem Ziel diente, die Emigration von Wiener Juden zu forcieren.[3] In dieser Funktion konnte Murmelstein vielen jüdischen Mitbürgern aus Wien das Leben retten. Er fungierte zudem als stellvertretender Leiter der jüdischen Gemeinde in Wien unter Josef Löwenherz.[4] Ab November 1942 war er im Beirat des Ältestenrates der Juden in Wien unter dessen Leiter Löwenherz.[5]

Am 29. Januar 1943 wurde Murmelstein nach Theresienstadt deportiert und fungierte dort von Anfang an als „Zweiter Stellvertreter des Judenältesten“ Paul Eppstein. Vom 27. September 1944 bis zum 5. Mai 1945 war Murmelstein letzter Judenältester im Ghetto Theresienstadt und löste in dieser Funktion den ermordeten Eppstein ab.[6] Murmelstein war als Judenältester bemüht, durch Kooperation mit den Nationalsozialisten möglichst viele der internierten Juden zu retten.[1]

Murmelstein war in dem PropagandafilmTheresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ zu sehen und konnte diesen während einer Präsentation vor einer Delegation des Roten Kreuzes am 16. April 1945 gemeinsam mit SS-Führern in Theresienstadt ansehen.[7][8] Am 5. Mai 1945 übernahm das Internationale Komitee vom Roten Kreuz durch Paul Dunant die Leitung im Ghetto Theresienstadt. Leo Baeck dankte Anfang Mai 1945 Murmelstein schriftlich für seine Tätigkeit als Judenältester unter schwierigsten Umständen.[6]

Nach Kriegsende

Im Juni 1945 wurde Murmelstein wegen angeblicher Kollaboration festgenommen und interniert, jedoch am 3. Dezember 1946 vor einem tschechischen Volksgericht in Litoměřice vom Vorwurf der Kollaboration freigesprochen. Beim Prozess in Litoměřice gegen den ehemaligen Lagerkommandanten des Ghettos Theresienstadt Karl Rahm sagte Murmelstein als Zeuge aus.[6] Eine mögliche Anstellung als Rabbiner in Triest trat er 1947 nicht an. Murmelstein ließ sich stattdessen mit seiner Familie in Rom nieder, wo er jedoch keinen Kontakt zum jüdischen Gemeindeleben suchte. In Rom war er schließlich als angestellter Möbelverkäufer erfolgreich beschäftigt. Bis 1989 war Murmelstein am Pontifico Instituto Biblico des Vatikans zudem wissenschaftlich tätig.[4] Murmelstein blieb österreichischer Staatsbürger und erhielt ein dauerndes Aufenthaltsrecht in Italien.[1]

Ein für den DokumentarfilmShoah“ des Regisseurs Claude Lanzmann 1975 gedrehtes Interview mit Murmelstein fand keinen Eingang in Lanzmanns Werk. Als „der letzte der Ungerechten“ bezeichnete sich Murmelstein selbst in diesem fast elfstündigen Gespräch mit Lanzmann, in dem insbesondere Murmelsteins ambivalente Rolle als hochrangiger jüdischer Funktionär ins Zentrum rückte.[9] Murmelstein gilt bis heute als ambivalente Persönlichkeit, da es bis in die heutige Zeit umstritten bleibt, inwieweit er mit den Nationalsozialisten kollaborierte beziehungsweise kooperieren musste.[4]

Werke

  • Terezin. Il ghetto-modello di Eichmann. Cappelli, Bologna 1961.

Literatur

  • H. G. Adler: Theresienstadt 1941–1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Geschichte, Soziologie, Psychologie. Mohr (Siebeck), Tübingen 1955 (2. verbesserte und ergänzte Auflage. ebenda 1960; Reprint der Ausgabe 1960 mit einem Nachwort von Jeremy Adler. Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-694-6).
  • Axel Feuß: Das Theresienstadt-Konvolut. Dölling und Galitz, Hamburg u. a. 2002, ISBN 3-935549-22-9.
  • Lexikon des Judentums. Bertelsmann-Lexikon-Verlag, Gütersloh 1971, ISBN 3-570-05964-2.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b c d Dr. Benjamin Murmelstein Das Theresienstadt-Lexikon auf www.ghetto-theresienstadt.de
  2. Pierre Geneé, Bob Martens und Barbara Schedl: Jüdische Andachtsstätten in Wien vor dem Jahre 1938, in Jüdische Kulturzeitschrift David
  3. Doron Rabinovici: "Ohne Alternative: Die Wiener Judenräte unter der NS-Herrschaft" auf www.hagalil.com
  4. a b c The Hebrew University of Jerusalem: Sammlung Benjamin Murmelstein mit Kurzbiografie (pdf)
  5. Shoshana Duizend-Jensen: Jüdische Gemeinden, Vereine, Stiftungen und Fonds: "Arisierung" und Restitution, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2004 ISBN 9783486567878, S. 92
  6. a b c Wolf Murmelstein: "Theresienstadt - einige wichtige Tatsachen" auf www.shoa.de
  7. Jan Björn Potthast: Das jüdische Zentralmuseum der SS in Prag – Gegenerforschung und Völkermord im Nationalsozialismus. Campus-Verlag, München 2002 ISBN 3-593-37060-3, S. 287
  8. Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet
  9. Der letzte der Ungerechten – Benjamin Murmelstein, gefilmt von Claude Lanzmann (pdf)