Die Schweizer Familie

Wiener Hoftheater-Almanach
Richard Boll (Carl Weinmüller 1809)
Theaterzettel Hofoper Wien 1809
Die Schweizer-Familie (Berlin 1810)

Die Schweizer Familie (auch Schweizerfamilie oder Schweitzerfamilie) ist ein Singspiel mit gesprochenem Dialog von Joseph Weigl (Musik) und Ignaz Franz Castelli (Libretto)

Entstehung

Nach der erfolgreichen Uraufführung seines Singspiels Das Waisenhaus begann Weigl im Herbst 1808 mit der Vertonung von Castellis Übersetzung und Bearbeitung eines Vaudevilles (Liederspiels) namens Pauvre Jacques (Paris 1807) von Sewrin und Alissan de Chazet (Pseudonyme für Charles-Augustin de Basson-Pierre und René André Polydore Chazet).

Inhalt

Wallstein, ein reicher deutscher Graf, hatte während eines Aufenthaltes in den Schweizer Alpen einen Bergunfall. Zufällig wurde er von einem Schweizer Bauern (Richard Boll) gerettet, dem er zum Dank ein sorgenfreies Leben in Deutschland bieten möchte. Er lässt deshalb dessen Schweizer Heimat auf seinem deutschen Landgut nachbilden und holt den Bauern samt seiner Familie zu sich. Emmeline, die Tochter des Bauern, wird jedoch vor Liebeskummer bis in den Wahnsinn getrieben, da ihr Geliebter Jacob Fribourg in der Schweizer Heimat verblieben ist. Der Graf aber, der ihre heimliche Herzensverbindung zu dem Hirten ahnt, lässt diesen aus der Schweiz auf sein Gut bestellen. Nach einigen unterhaltsamen Verwechslungsszenen finden die beiden Liebenden schließlich zueinander.

Der Inhalt der Oper, bei dem die romantische Verklärung der Schweizer Landschaft einen wesentlichen Aspekt darstellt, trug maßgeblich zu einer nachhaltigen Schweiz-Begeisterung in Europa bei.

Wirkungsgeschichte

Das Werk wurde am 14. März 1809 im Wiener Kärntnertortheater mit Anna Milder als Emmeline, Johann Michael Vogl als Jacob Fribourg und Carl Weinmüller als Richard Boll uraufgeführt. Es zählte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den meistgespielten deutschen Opern in Europa und darf damit neben Peter von Winters Unterbrochenem Opferfest (1796) als populärste deutsche Volksoper zwischen der Zauberflöte (1791) und dem Freischütz (1821) gelten.

Führende Literaten (etwa Ludwig Börne) und Komponisten der Zeit bewunderten das Werk, das wohl eine der ersten Opern war, die Franz Schubert im Theater hörte und auch mit neuen Darstellerinnen der Emmeline (1822 etwa Wilhelmine Schröder-Devrient und 1826 Anna Schechner) immer wieder besuchte. Besondere musikgeschichtliche Bedeutung erlangte die Schlussszene mit dem hinter der Bühne erklingenden Kuhreigen, einem Terzett von Klarinette (anstelle von Schalmei, Hirtenflöte oder Alphorn), Sopran und Tenor ohne Orchesterbegleitung. Durch diese Stelle von Weigls Partitur mittelbar oder unmittelbar beeinflusst wurden zahlreiche bekannte Werke der musikalischen Romantik, wie etwa das Monodrama Gli amori di Teolinda von Giacomo Meyerbeer (1816), die Gesangsszene Der Hirt auf dem Felsen (D 965, Oktober/November 1828), die für Anna Milder geschriebene vorletzte Komposition Schuberts, Le mal du pays in den Années de pèlerinage (Première année, Suisse, Nr. 8), von Franz Liszt oder sogar die Hirten-Szenen in Richard Wagners Tannhäuser, Tristan sowie die Spielversuche auf dem Horn durch Siegfried. Wagner, der sich namentlich für Schröder-Devrients Darstellung der Emmeline begeisterte, äußerte sich wie folgt über deren Darbietung: „Wie groß waren meine Ergriffenheit und mein wahrhaftes Erstaunen, als ich an diesem Abend die unbegreifliche Frau erst in ihrer wahrhaft hinreißenden Größe kennenlernen sollte. Daß so etwas, wie die Darstellung dieses Schweizermädchens, nicht als Monument allen Zeiten erkenntlich festgehalten und überliefert werden kann, muß ich jetzt noch als eine der erhabensten Opferbedingungen erkennen, unter welchen die wunderbare dramatische Kunst einzig sich offenbart, weshalb diese, sobald solche Phänomene sich kundgeben, gar nicht hoch und heilig genug gehalten werden kann.“ Während seines Engagements als Kapellmeister in Riga 1837 komponierte Wagner für den dortigen Darsteller des Richard Boll als Einlagearie ein Gebet.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts verschwand Die Schweizer Familie von der Bühne. 2004 wurde das Singspiel durch den Produzenten Sören Mund im Schönbrunner Schlosstheater in Wien, dann im Theater an der Sihl in Zürich und im Berliner Schauspielhaus (Konzerthaus) am Gendarmenmarkt unter der musikalischen Leitung von Uri Rom wieder aufgeführt sowie auch die erste Einspielung dieser Oper auf CD produziert. Die Dramaturgie übernahm der Musikwissenschaftler Till Gerrit Waidelich.

Besetzung

Besetzung Stimmlage Uraufführung Wien 1809
Wien/Zürich/Berlin 2004 / CD 2006
Graf Bariton Ignaz Saal Tobias Müller-Kopp
Durmann Tenor Carl Demmer Petri Mikaei Pöyhönen
Richard Boll Bass Carl Weinmüller Stephan Bootz
Gertrude Boll Sopran Marianna Marconi Olivia Vermeulen
Emmeline Sopran Anna Milder Marília Vargas
Jacob Friburg Tenorbariton Johann Michael Vogl Roman Payer
Paul Tenor Joseph Caché Robert Maszl
Dirigent Uri Rom

Literatur

  • August Glück: Der Kühreihen in J. Weigl’s „Schweizerfamilie“. Eine Studie, in: Vierteljahrsschrift für Musikwissenschaft 8 (1892), Leipzig 1892, S. 77–90.
  • Werner Bollert: Joseph Weigl und das deutsche Singspiel. In: Ders.: Aufsätze zur Musikgeschichte. Postberg-Verlag, Bottrop 1938, S. 95–114.
  • Annette Landau: Die Schweizerfamilie von Joseph Weigl und Ignaz Franz Castelli. In: Anselm Gerhard (Hrsg.): Schweizer Töne. Die Schweiz im Spiegel der Musik. Chronos-Verlag, Zürich 2000, ISBN 3-905313-19-7.
  • Till Gerrit Waidelich: Zur Rezeptionsgeschichte von Joseph Weigls Schweizer Familie in Biedermeier und Vormärz. In: Schubert. Perspektiven, Bd. 2 (2002), S. 167–232, ISSN 1618-9922.
  • Till Gerrit Waidelich: Das Bild der Schweiz in der österreichischen Musik des 19. Jahrhunderts. 190. Neujahrsblatt der AMG Zürich (2006), Winterthur 2005.
  • Sabine Henze-Döhring: Gattungskonvergenzen – Gattungsumbrüche. Zur Situation der deutschsprachigen Oper um 1800. In: Marcus Chr. Lippe (Hrsg.), Oper im Aufbruch. Gattungskonzepte des deutschsprachigen Musiktheaters um 1800. Hrsg. von Marcus Chr. Lippe, Kassel: Bosse 2007 (Kölner Beiträge zur Musikwissenschaft, Bd. 9), S. 45–68.
  • Klaus Pietschmann: Gattungs- und Stilvielfalt im musikdramatischen Schaffen Joseph Weigls. In: Oper im Aufbruch. Gattungskonzepte des deutschsprachigen Musiktheaters um 1800, Kassel 2007.
  • Axel Beer: Die Oper daheim. Variationen als Rezeptionsform; Verzeichnis der Variationswerke über Themen aus Weigls „Schweizer Familie“. In: Hans-Joachim Hinrichsen, Klaus Pietschmann (Hrsg.): Jenseits der Bühne. Bearbeitungs- und Rezeptionsformen der Oper im 19. und 20. Jahrhundert (Schweizer Beiträge zur Musikforschung; Bd. 15). Bärenreiter-Verlag, Kassel 2011, S. 37–47, ISBN 978-3-7618-2199-2.
  • Klaus Döge: „welche nicht nur dem Publikum, sondern auch mir selbst wirklich gefiel“. Richard Wagners Einlegearie zu Joseph Weigls „Die Schweizerfamilie“. In: Wolfgang Hirschmann (Hrsg.): Aria. Eine Festschrift für Wolfgang Ruf. Olms, Hildesheim 2011, S. 639–655, ISBN 978-3-487-14711-6.
  • Hermann Dechant (Hrsg.): Die Schweizer Familie. Partituredition (Denkmäler der Tonkunst in Österreich). Akademische Verlagsanstalt, Graz (in Vorbereitung).

Weblinks