Gunther Ipsen

Gunther Karl Julius Ipsen (* 20. März 1899 in Innsbruck; † 29. Januar 1984 in Oberursel) war ein österreichischer Soziologe, Bevölkerungswissenschaftler und Professor für Philosophie.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Ipsen war der Sohn des Professors für Medizin Carl Ipsen. Er promovierte 1922 bei Felix Krueger und Theodor Litt mit dem Thema Über Gestaltauffassung. Erörterung des Sanderschen Parallelogramms. Nach drei Jahren habilitierte er sich 1925 bei Krueger in Leipzig. Ab 1926 arbeitete er als Privatdozent für Soziologie und Philosophie in Leipzig und wurde 1930 apl. Professor und ein Jahr später Extraordinarius. Im Jahr 1933 übernahm er einen Lehrstuhl an der Universität Königsberg, wo er zunächst Mitdirektor des philosophischen Seminars wurde und ab April 1935 auch die Leitung des Pädagogisch-psychologischen Seminars übernahm.

In seinen ersten Berufsjahren befasste sich Ipsen stark mit Fragen der Sprachwissenschaft und der Sprachphilosophie. Er gilt als Erfinder des Begriffs des „sprachlichen Feldes“, der dann später von Jost Trier als Wortfeld etabliert wurde.[1] In den Jahren als Dozent erfolgte unter dem Einfluss von Hans Freyer, der 1925 in Leipzig den ersten Lehrstuhl für Soziologie erhalten hatte, der Übergang von philosophischen Fragestellungen zur empirischen „Realsoziologie“.[2] Ipsen wurde mit dieser Thematik Teil der sich um Freyer bildenden Leipziger Schule, zu der auch Arnold Gehlen und Helmut Schelsky gehörten. Ziel der Arbeiten war eine empirische Begründung der historischen „Volkwerdung“. Zu diesem Zweck arbeitete er mit der bündischen Deutschen Freischar zusammen und führte im Rahmen von Exkursionen mit Unterstützung von Studenten agrarsoziologische Feldstudien im ländlichen Raum durch. Bei diesen Studien zum Volkstum arbeitete er eng mit dem Boberhaus zusammen, wo er auch als Referent auftrat. Er versuchte zu zeigen, dass sich in der agrarischen Bevölkerung ein Gleichgewicht zwischen Gattungsvorgang und Lebensraum, gefördert durch eine bäuerliche Familienverfassung und eine restriktive Erb- und Heiratsordnung herausgebildet hatte. Ipsen war Mitbegründer der Europäischen Gesellschaft für ländliche Soziologie. Als Mitarbeiter von Felix Krueger wurde er von 1930 bis 1934 Mitherausgeber der Blätter für deutsche Philosophie, dem Organ der national-konservativen Deutschen Philosophischen Gesellschaft, in der Krueger in dieser Zeit den Vorsitz hatte.

Ipsen war ein Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie und publizierte beispielsweise 1933 ein Werk Blut und Boden.[3] 1937 behauptete er im Sinne des NS-Regimes, dass der Schutz von Minderheiten eine Erfindung der Juden und eine „Kampfordnung gegen den Lebenswillen des deutschen Volkes sei“.[4] Seit 15. März 1938 war er Mitglied der NSDAP.[5] 1939 ging er an die Universität Wien, wo er Direktor des Psychologischen Instituts als Nachfolger Karl Bühlers wurde[3] und zusammen mit Arnold Gehlen lehrte. In Wien habilitierte sich bei ihm Werner Conze, der ihm aus Königsberg dorthin gefolgt war. Bereits im August 1939 wurde Ipsen zur Wehrmacht eingezogen und leistete bis zum Kriegsende mit kurzen Unterbrechungen Militärdienst als Hauptmann der Reserve, ab 1943 als Major der Reserve. In dieser Zeit wurde er als Leiter des Psychologischen Instituts durch Gehlen, der ihm nach Wien gefolgt war, vertreten. 1945 wurde Ipsen entlassen und zunächst aus Österreich ausgewiesen. In der Folgezeit hat er mehrere Jahre in Götzens bei Innsbruck gelebt.

Bei der Beschaffung einer Stelle im Nachkriegsdeutschland waren ihm alte Leipziger und Königsberger Beziehungen nützlich. Ipsen war 1951 bis 1961 Abteilungsleiter an der Sozialforschungsstelle an der Universität Münster in Dortmund in der neu geschaffenen Abteilung „Soziographie und Sozialstatistik“. Auch Schelsky, der Conze-Schüler Wolfgang Köllmann und mit Hans Linde ein weiterer Freyer-Schüler, der zugleich Ipsens Assistent in Königsberg gewesen war, waren in Dortmund tätig. Ipsens Arbeiten befassten sich nun sehr stark mit Großstadt-Soziologie. 1959 erlangte er (auf damals nicht ungewöhnliche Weise) seinen mit der Schließung der Universität Königsberg untergegangenen Professorenstatus wieder: Die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster übernahm ihn als emeritierten Professor zur Wiederverwendung. Diesen Status hatte dort auch Hans Freyer. Nach seiner Emeritierung 1959 arbeitete er am Baltischen Forschungsinstitut in Bonn und der Akademie für Raumforschung und Landesplanung mit.[3] Von 1962 bis 1965 erhielt er noch einmal einen Lehrauftrag an der Ludwig-Maximilians-Universität München.[3]

Ipsens Blut und Boden (Wachholtz, Neumünster 1933) wurde in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[6]

Der Nachlass Ipsens wurde von seinem Sohn Detlev Ipsen, Professor für Stadt- und Regionalsoziologie an der Universität Kassel, verwaltet, der 2011 starb.

Publikationen (Auswahl)

  • Rezension zu Joachim Kühl: "Föderationspläne im Donauraum und in Ostmitteleuropa". (Hg. Südost-Institut, Oldenbourg, München 1958) in: Südostdeutsches Archiv SODA. Im Auftrag von Südostdeutsche Historische Kommission. Hg. Fritz Valjavec. Jg. 2, 1. Halbbd. gleicher Verlag 1959 ISSN 0081-9085 S. 123f.[7]
  • Standort und Wohnort (1957)
  • Wir Ostpreussen (1952)
  • Die Naturgeschichte des deutschen Volkes (1944)
  • Bevölkerungslehre (1934)
  • Programm einer Soziologie des deutschen Volkstums (1933)
  • Blut und Boden (1933)
  • Das Landvolk (1933)
  • Die Sprachphilosophie der Gegenwart, 1930
  • Stand und Aufgaben der Sprachwissenschaft, Heidelberg 1924

Literatur

  • Harald Jürgensen (Hrsg.): Entzifferung. Bevölkerung als Gesellschaft in Raum und Zeit. Gunther Ipsen gewidmet. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1967. (Jahrbuch für Sozialwissenschaft 18, 1/2, ISSN 0075-2770).
  • Hans Linde: Ipsen, Gunther. In: Wilhelm Bernsdorf, Horst Knospe (Hrsg.): Internationales Soziologenlexikon. Band 2: Beiträge über lebende oder nach 1969 verstorbene Soziologen. 2. neubearbeitete Auflage. Enke, Stuttgart 1984, ISBN 3-432-90702-8, S. 385.
  • Willi Oberkrome: Volksgeschichte. Methodische Innovation und methodische Ideologisierung in der Deutschen Geschichtswissenschaft 1918 - 1945. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, ISBN 3-525-35764-8. (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 101), [kritisch].
  • Rainer Mackensen: Gunther Ipsen in memoriam. In Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft. 10, 1984, ISSN 0340-2398, S. 231f.
  • Thomas Etzemüller: Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945. Oldenbourg, München 2001, ISBN 3-486-56581-8. (Ordnungssysteme 9), (Zugleich: Tübingen, Univ., Diss., 2000), S. 67ff.
  • Carsten Klingemann: Bevölkerungssoziologie im Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik. Zur Rolle Gunther Ipsens. In: Rainer Mackensen (Hrsg.): Bevölkerungslehre und Bevölkerungspolitik im „Dritten Reich”. Leske und Budrich, Opladen 2004, ISBN 3-8100-3861-X, S. 183–205.
  • Christian Sehested von Gyldenfeldt: Gunther Ipsen zu Volk und Land, Versuch über die Grundlagen der Realsoziologie in seinem Werk. Lit, Berlin/ Hamburg/ Münster 2008, ISBN 978-3-8258-1403-8.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Franz von Kutschera: Eine logische Analyse des sprachwissenschaftlichen Feldbegriffes.
  2. Christian Tilitzki: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Akademie-Verlag, Berlin 2002, S. 616.
  3. a b c d Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 278.
  4. Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Fischer Taschenbuch, 2005, S. 278.
  5. Christian Sehested von Gyldenfeldt: Gunther Ipsen zu Volk und Land : Versuch über die Grundlagen der Realsoziologie in seinem Werk. LIT Verlag, Berlin-Hamburg-Münster 2008, S. 427.
  6. Liste der auszusondernden Literatur. Zweiter Nachtrag. Deutscher Zentralverlag, Berlin 1948, S. 134–143.
  7. Diese Rezension ist bemerkenswert, weil zwei alte Nationalsozialisten involviert sind, als Autor und Rezensent. Kühl trat hier erstmals mit einer Buchveröffentlichung unter Pseudonym hervor (zuvor zwei Zs.-Aufs. 1955, 1957). Zu dieser Zeit verdichteten sich Anzeichen, dass Beyer, jetzt beamteter Lehrerausbilder und Prof. an der PH Flensburg, der engste Mitarbeiter Heydrichs bei dem Ermordung der Intelligenz von Lemberg gewesen war. Es gab einen guten Grund für ein Pseudonym