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vom 16.04.2017, aktuelle Version,

Gunther Ipsen

Gunther Karl Julius Ipsen (* 20. März 1899 in Innsbruck; † 29. Januar 1984 in Oberursel) war ein österreichischer Soziologe, Bevölkerungswissenschaftler und Professor für Philosophie.

Leben

Gunther Ipsen war der Sohn des Professors für Medizin Carl Ipsen. Er promovierte 1922 bei Felix Krueger und Theodor Litt mit dem Thema Über Gestaltauffassung. Erörterung des Sanderschen Parallelogramms. Nach drei Jahren habilitierte er sich 1925 bei Krueger in Leipzig. Ab 1926 arbeitete er als Privatdozent für Soziologie und Philosophie in Leipzig und wurde 1930 apl. Professor und ein Jahr später Extraordinarius. Im Jahr 1933 übernahm er einen Lehrstuhl an der Universität Königsberg, wo er zunächst Mitdirektor des philosophischen Seminars wurde und ab April 1935 auch die Leitung des Pädagogisch-psychologischen Seminars übernahm.

Bereits seit seinem Umzug von Innsbruck nach Leipzig im Jahr 1919 zeigte er ein ausgeprägtes interdisziplinäres Interesse, widmete sich zunächst aber hauptsächlich Themengebieten aus der sogenannten Gestaltpsychologie. Sowohl seine Dissertation als auch seine Habilitationsschrift behandeln erkenntnistheoretische Fragestellungen, die er im Rahmen eines ganzheitlichen Modells zu lösen versuchte. Zur Grundlage seines Wissenschaftsverständnisses wurde die Ablehnung des „französischen“ Rationalismus gegenüber einem deutschen, auf Hegel und Wilhelm Heinrich Riehl basierenden, kulturellen und völkischen Idealismus. Besonders stark geprägt wurde er von Felix Krueger, der als bekennender Feind der Weimarer Republik antisemitische Brandreden hielt und die Wissenschaft der Ganzheitspsychologie als Mittel zum geistigen Zusammenhalt der deutschen Nation ansah. In seinen ersten Berufsjahren befasste sich Ipsen auch stark mit Fragen der Sprachwissenschaft und der Sprachphilosophie. Er gilt als Erfinder des Begriffs des „sprachlichen Feldes“, der dann später von Jost Trier als Wortfeld etabliert wurde.[1] Allgemein verstand es Ipsen sehr gut, über Fachgrenzen hinweg zu arbeiten und zu argumentieren. In den Jahren als Dozent erfolgte unter dem Einfluss von Hans Freyer, der 1925 in Leipzig den ersten Lehrstuhl für Soziologie erhalten hatte, der Übergang von philosophischen Fragestellungen zur empirischen „Realsoziologie“.[2] Ipsen wurde mit dieser Thematik Mitbegründer der sich um Freyer bildenden Leipziger Schule, zu der auch Arnold Gehlen und Helmut Schelsky gehörten, die beide von Ipsen unterrichtet wurden. Er gehörte zu den Mitbegründern und wissenschaftlichen Hauptinitiatoren der völkischen „Deutschen Soziologie“. Ziel der Arbeiten war eine empirische Begründung historischen „Volkwerdung“, was im Rahmen der sich herausbildenden Ostforschung aber auch als dezidiert politische „Deutschtumsarbeit“ aufgefasst werden muss. Zu diesem Zweck arbeitete er mit der bündischen Deutschen Freischar zusammen und führte in diesem Rahmen Exkursionen mit Unterstützung von Studenten agrarsoziologische Feldstudien im ländlichen Raum durch. Bei diesen Studien zum Volkstum arbeitete er eng mit dem Boberhaus in Löwenberg in Schlesien zusammen, wo er auch als Referent auftrat. Er versuchte zu zeigen, dass sich in der agrarischen Bevölkerung ein Gleichgewicht zwischen Gattungsvorgang und Lebensraum, gefördert durch eine bäuerliche Familienverfassung und eine restriktive Erb- und Heiratsordnung herausgebildet hatte. Konkret vertrat er damit eine vormoderne, antiaufklärerische und NS-affine Bevölkerungstheorie. Urbanisierung und Pluralität lehnte er entschieden ab. Ipsen war Mitbegründer der Europäischen Gesellschaft für ländliche Soziologie. Als Mitarbeiter von Felix Krueger wurde er von 1930 bis 1934 Mitherausgeber der Blätter für deutsche Philosophie, dem Organ der national-konservativen Deutschen Philosophischen Gesellschaft, in der Krueger in dieser Zeit den Vorsitz hatte.

Ipsen war ein Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie und publizierte beispielsweise 1933 ein Werk Blut und Boden.[3] 1937 behauptete er im Sinne des NS-Regimes, dass der Schutz von Minderheiten eine Erfindung der Juden und eine „Kampfordnung gegen den Lebenswillen des deutschen Volkes sei“.[4] Seit 1. Mai 1937 war er Mitglied der NSDAP (Nr. 5,089.913).[5] 1939 ging er an die Universität Wien, wo er Direktor des Psychologischen Instituts als Nachfolger Karl Bühlers wurde[3] und zusammen mit Arnold Gehlen lehrte. In Wien habilitierte sich bei ihm Werner Conze, der ihm aus Königsberg dorthin gefolgt war. Bereits im August 1939 wurde Ipsen zur Wehrmacht eingezogen und leistete bis zum Kriegsende mit kurzen Unterbrechungen Militärdienst als Hauptmann der Reserve, ab 1943 als Major der Reserve. In dieser Zeit wurde er als Leiter des Psychologischen Instituts durch Gehlen, der ihm nach Wien gefolgt war, vertreten. 1945 wurde Ipsen entlassen und zunächst aus Österreich ausgewiesen. In der Folgezeit hat er mehrere Jahre in Götzens bei Innsbruck gelebt.

Bei der Beschaffung einer Stelle im Nachkriegsdeutschland waren ihm alte Leipziger und Königsberger Beziehungen nützlich. Ipsen war 1951 bis 1961 Abteilungsleiter an der Sozialforschungsstelle an der Universität Münster in Dortmund in der neu geschaffenen Abteilung „Soziographie und Sozialstatistik“. Auch Schelsky, der Conze-Schüler Wolfgang Köllmann und mit Hans Linde ein weiterer Freyer-Schüler, der zugleich Ipsens Assistent in Königsberg gewesen war, waren in Dortmund tätig. Ipsens Arbeiten befassten sich nun sehr stark mit Großstadt-Soziologie. 1959 erlangte er (auf damals nicht ungewöhnliche Weise) seinen mit der Schließung der Universität Königsberg untergegangenen Professorenstatus wieder: Die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster übernahm ihn als emeritierten Professor zur Wiederverwendung. Diesen Status hatte dort auch Hans Freyer. Nach seiner Emeritierung 1959 arbeitete er am Baltischen Forschungsinstitut in Bonn und der Akademie für Raumforschung und Landesplanung mit.[3] Von 1962 bis 1965 erhielt er noch einmal einen Lehrauftrag an der Ludwig-Maximilians-Universität München.[3]

Ipsens Blut und Boden (Wachholtz, Neumünster 1933) wurde in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[6]

Ipsen befasste sich mit der Entzifferung des Diskos von Phaistos, den er als Silbenschrift ägäischen Ursprungs (aber nicht unbedingt aus Kreta) deutete.[7]

Der Nachlass Ipsens wurde von seinem Sohn Detlev Ipsen, Professor für Stadt- und Regionalsoziologie an der Universität Kassel, verwaltet, der 2011 starb.

Schriften (Auswahl)

  • Rezension zu Joachim Kühl: „Föderationspläne im Donauraum und in Ostmitteleuropa“. (Hg. Südost-Institut, Oldenbourg, München 1958) in: Südostdeutsches Archiv SODA. Im Auftrag von Südostdeutsche Historische Kommission. Hg. Fritz Valjavec. Jg. 2, 1. Halbbd. gleicher Verlag 1959 ISSN 0081-9085 S. 123f.[8]
  • Standort und Wohnort. Ökologische Studien, Köln; Opladen: Westdeutscher Verlag, 1957.
  • Wir Ostpreußen. Heimat im Herzen, als Hrsg., Salzburg: Akademischer Gemeinschaftsverlag, 1950 (Unveränderter Nachdruck, Frankfurt/Main: Weidlich, 1980, ISBN 3-8035-1076-7)
  • Programm einer Soziologie des deutschen Volkstums, Berlin: Junker & Dünnhaupt, 1933 (Erweiterte Leipziger Antrittsvorlesg vom 16. Juni 1931)
  • Blut und Boden. Das preussische Erbhofrecht, Neumünster: Wachholtz, 1933 (Kieler Vorträge über Volkstums- und Grenzlandfragen und den nordisch-baltischen Raum)
  • Das Landvolk. Ein soziologischer Versuch, Hamburg: Hanseatische Verlags Anstalt, 1933.
  • Die Sprachphilosophie der Gegenwart, Berlin: Junker & Dünnhaupt, 1930.

Literatur

  • Thomas Etzemüller: Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945. Oldenbourg, München 2001, ISBN 3-486-56581-8. (Ordnungssysteme 9), (Zugleich: Tübingen, Univ., Diss., 2000), S. 67ff.
  • Christian Sehested von Gyldenfeldt: Gunther Ipsen zu Volk und Land, Versuch über die Grundlagen der Realsoziologie in seinem Werk. Lit, Berlin/ Hamburg/ Münster 2008, ISBN 978-3-8258-1403-8.
  • David Hamann: Gunther Ipsen und die völkische Realsoziologie, in: Michael Fahlbusch/Ingo Haar (Hg.), Wissenschaftliche Expertise und Politikberatung, völkische Wissenschaften und Praxis, Paderborn 2010, ISBN 978-3-506-77046-2, S. 177–198.
  • David Hamann: Gunther Ipsen in Leipzig. Die wissenschaftliche Biographie eines „Deutschen Soziologen“ 1919–1933. Peter Lang, Frankfurt am Main/ Berlin/ Bern/ Bruxelles/ New York/ Oxford/ Wien 2013, ISBN 978-3-631-62683-2, (Online)
  • Harald Jürgensen (Hrsg.): Entzifferung. Bevölkerung als Gesellschaft in Raum und Zeit. Gunther Ipsen gewidmet. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1967. (Jahrbuch für Sozialwissenschaft 18, 1/2, ISSN 0075-2770).
  • Carsten Klingemann: Bevölkerungssoziologie im Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik. Zur Rolle Gunther Ipsens. In: Rainer Mackensen (Hrsg.): Bevölkerungslehre und Bevölkerungspolitik im „Dritten Reich“. Leske und Budrich, Opladen 2004, ISBN 3-8100-3861-X, S. 183–205.
  • Hans Linde: Ipsen, Gunther. In: Wilhelm Bernsdorf, Horst Knospe (Hrsg.): Internationales Soziologenlexikon. Band 2: Beiträge über lebende oder nach 1969 verstorbene Soziologen. 2. neubearbeitete Auflage. Enke, Stuttgart 1984, ISBN 3-432-90702-8, S. 385.
  • Rainer Mackensen: Gunther Ipsen in memoriam. In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft. 10, 1984, ISSN 0340-2398, S. 231f.
  • Willi Oberkrome: Volksgeschichte. Methodische Innovation und methodische Ideologisierung in der Deutschen Geschichtswissenschaft 1918–1945 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 101). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, ISBN 3-525-35764-8.

Einzelnachweise

  1. Franz von Kutschera: Eine logische Analyse des sprachwissenschaftlichen Feldbegriffes. (PDF; 1,3 MB)
  2. Christian Tilitzki: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Akademie-Verlag, Berlin 2002, S. 616.
  3. 1 2 3 4 Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 278.
  4. Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Fischer Taschenbuch, 2005, S. 278.
  5. Roman Pfefferle, Hans Pfefferle, Glimpflich entnazifiziert. Die Professorenschaft der Universität Wien von 1944 in den Nachkriegsjahren, Schriften des Archivs der Universität Wien, Wien 2014, S. 292
  6. Liste der auszusondernden Literatur. Zweiter Nachtrag. Deutscher Zentralverlag, Berlin 1948, S. 134–143.
  7. Ipsen, Der Diskus von Phaistos, Indogermanische Forschungen, Band 47, 1929, S. 1–41
  8. Diese Rezension ist bemerkenswert, weil zwei alte Nationalsozialisten involviert sind, als Autor und Rezensent. Kühl trat hier erstmals mit einer Buchveröffentlichung unter Pseudonym hervor (zuvor zwei Zs.-Aufs. 1955, 1957). Zu dieser Zeit verdichteten sich Anzeichen, dass Beyer, jetzt beamteter Lehrerausbilder und Prof. an der PH Flensburg, der engste Mitarbeiter Heydrichs bei dem Ermordung der Intelligenz von Lemberg gewesen war. Es gab einen guten Grund für ein Pseudonym