Hermann Stenger

Hermann Stenger (* 29. August 1920 in München) ist ein deutscher römisch-katholischer Theologe, Priester, Psychotherapeut und Hochschullehrer.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Stenger wuchs zunächst in Dießen als jüngstes von sechs Geschwistern auf, nach dem Tod der Mutter zog die Familie nach Schönsee/Opf. Ab 1926 lebte Hermann Stenger in verschiedenen Internaten, so ab 1935 in Gars im Internat der Redemptoristen, nach der Schließung der Schule 1938 wechselte er in ein weiteres Internat dieses Ordens in Günzburg, wo er 1940 sein Abitur ablegte. Im gleichen Jahr begann er an der damaligen Ordenshochschule der Redemptoristen in Gars sein Theologiestudium. Nach nur einem Semester wurde er 1940 zum Kriegsdienst eingezogen. Nach dem Kriegsende folgten zwei Jahre Kriegsgefangenschaft in England, während der er zwei Semester seines Theologiestudiums weiterführen konnte. 1947 trat er in den Orden der Redemptoristen (CSsR) ein und setzte sein Studium fort. Sein Ordensgelübde „ewige Profess“ bei den Redemptoristen legte er 1948 ab und 1951 wurde er zum Priester geweiht.

Neben der Theologie und vor dem Hintergrund seiner Tätigkeit als Lehrer, Berater und Priester wurde die Psychologie zu einer zweiten Bezugswissenschaft Stengers. Er schloss sein Psychologiestudium an der Ludwig-Maximilians-Universität 1954 mit dem Diplom und 1961 mit einer Promotion (Dr. phil.) ab. Neben anderen Weiterbildungen absolvierte er eine Lehranalyse bei Igor A. Caruso in Wien. Als Pastoraltheologe und Pastoralpsychologe fördert er den Dialog von Theologie und Psychologie, auch noch nach seiner Emeritierung. Er führt einzelne Traditionen der frühen Pastoraltheologie des 18. und frühen 19. Jahrhunderts fort, die diese als Integrationswissenschaft (von biblischer Botschaft, kirchlicher Lehre und verschiedenen Humanwissenschaften – damals „Hilfswissenschaften“ genannt) verstehen.

Ab 1955 lehrte Stenger an verschiedenen Hochschulen: Als Professor für Psychologie an der damaligen Ordenshochschule der Redemptoristen in Gars am Inn, außerdem ab 1966 in Innsbruck, und von 1970 bis 1971 an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München, sowie ab 1975 als Dozent für Pastoralpsychologie am Institut für Katechetik und Homiletik in München. 1977 wurde er als Professor für Pastoraltheologie an die Universität Innsbruck berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1990 lehrte.

Hermann Stenger war neben Joachim Scharfenberg, Dietrich Stollberg und Klaus Winkler nach dem Zweiten Weltkrieg einer der bedeutendsten Vertreter der deutschsprachigen Poimenik.

Schwerpunkte seiner Arbeit

  • Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie:

Es geht ihm darum, zu vermitteln, die eigene Lebensgeschichte als theologierelevanten Ort anzusehen, an dem die eigene Theologie Gestalt gewinnt, sich mit allen Phasen seiner eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, sie als Lebens-, Geistes- uns Theologiegeschichte zu sehen, zu erforschen und sich damit auseinanderzusetzen. Biographische Reflexion wird so zu einer Art „Grundlagenforschung“, die – nicht zuletzt in der Ausbildung von Seelsorgerinnen und Seelsorgern – auch kritischen Fragen nicht ausweicht und die Entwicklung von Authentizität und Tiefgang fördert.

  • Überwindung des pastoralen Grundschismas:

Zu den zentralen pastoraltheologischen Anliegen gehört das Bekenntnis zum „Gemeinsamen Hirtentum aller Christinnen und Christen“ und sein Plädoyer für ein Wahrnehmen und Fördern des Glaubenssinnes aller Gläubigen. Die Folgen der Trennung zwischen Klerus und Volk sind ein Grundthema Stengers. Er fordert zu deren Überwindung ein Bewusstwerden der Beteiligten und eine Orientierung an der dreifachen Berufung aller Getauften und Gefirmten: „Jede und jeder […] sei von Gott ins Leben gerufen und zum Leben ermächtigt worden. Jede und jeder sei zum Glauben erwählt und in der Tat zur Bezeugung dieses Glaubens beauftragt. Und schließlich besitze jede und jeder grundsätzlich eine vom Geist Gottes verliehene Begabung (Charisma) zu einem je eigenen Dienst am Aufbau der Gemeinde. Alle Glaubenden und Getauften partizipieren an der Hirtenschaft Christi und sind dazu aufgerufen, so hirtlich zu handeln, wie er hirtlich gehandelt hat.“[1] Diese Thematik gewinnt nach Stenger auf dem Hintergrund von zurzeit vielfachen Phänomenen einer Reklerikalisierung in der katholischen Kirche zunehmend an Bedeutung.[2]

  • Die Sorge für geeignete Seelsorger:

Die praktische Fortbildung von Seelsorgerinnen und Seelsorgern ist nach Stenger nicht nur fachlich-inhaltlich zu sehen, sondern als weiterführende Arbeit an der je eigenen Identität und Kompetenz und (damit korrespondierend) auch an der Akzeptanz der eigenen Grenzen und Schwächen. Stenger war in der Beratung verschiedener Diözesan- und Ordensleitungen tätig. Er war auch mitbeteiligt beim Aufbau spezieller Beratungsdienste für kirchliche Berufe in mehreren deutschen Diözesen, die sowohl den Verantwortlichen für Entscheidung über die Eignung künftiger Seelsorger als auch den Ausbildungskandidaten zur Verfügung stehen. Ziele sind die Klärung der Berufseignung, die Aussprache in beruflichen und persönlichen Schwierigkeiten, Konflikten und Krisen sowie die Befähigung für spezielle Seelsorgeaufgaben.

  • Die seelsorgliche Begleitung älterer Menschen

Der innere Zusammenhang der genannten Themenbereiche besteht in einem von Stenger öfter beschriebenen und angemahnten grundsätzlichen Verständnis von Berufung des Menschen durch Gott, die er in drei zwingend aufeinander aufbauenden Formen beschreibt:

  • die Berufung als Mensch, von Gott ins Leben gerufen und zum Leben ermächtigt (dieser Aspekt wird von Stenger in den Themenfeldern Entwicklung der persönlichen Identität, Reflexion und Integration der jeweils eigenen Lebensgeschichte weiter entfaltet),
  • die Berufung als Christ (und somit auch zur grundlegenden Teilhabe an der Hirtenaufgabe Christi gegenüber den Menschen) und
  • eine Berufung in eine jeweils individuelle besondere Form des Dienstes an den Menschen im Rahmen der Kirche.

Die zweite baut dabei notwendig auf die erste auf, die dritte auf die erste und zweite.

Mitarbeit in Fachgesellschaften

Auszeichnung

  • Dr. theol. h.c. durch die Theologische Fankultät der Universität Würzburg (1993).
  • Dr. theol. h.c. durch die Theologische Fakultät der Universität Wien (2001).
  • Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie 2011 (zusammen mit Dietrich Stollberg)

Schriften (Auswahl)

  • Wissenschaft und Zeugnis. Die wissenschaftliche Ausbildung des katholischen Seelsorgeklerus in psychologischer Sicht, (= Studia theologiae moralis et pastoralis. Teil 7) Salzburg 1961; Dissertation
  • Der Glaube in der Entscheidung. Versuch einer Antwort auf die Glaubenskrise der heutigen Jugend, Freiburg i. Br., 1961.
  • (Hrsg.) Erziehung und Berufung. Um die Zukunft der kirchlichen Studienheime. Pfeiffer, München 1967.
  • Gesellschaft, Geschlecht, Erziehung. Studien zur pädagogischen Praxis Pfeiffer, München 1971, ISBN 3-7904-0035-1.
  • Jan Kerkhofs (Analyse), Hermann Stenger, Jan Theodorus Ernst (Stellungnahmen), Das Schicksal der Orden – Ende oder Neubeginn? (in: Hermann Stenger, Josef Parstorfer, Johannes Gründel, Klaus Doppler (Hrsg.), Kirche im Gespräch) Freiburg i. Br., Basel, Wien 1971.
  • Karl Wilhelm Dahm, Hermann Stenger, Gruppendynamik in der kirchlichen Praxis. Erfahrungsberichte (= Gesellschaft und Theologie. Praxis der Kirche, Band 16), München 1974.
  • Verwirklichung unter den Augen Gottes. Psyche und Gnade, Salzburg 1985, ISBN 3-7013-0680-X.
  • Hermann Stenger, Klemens Schaupp, Träger geistlicher Berufe als Subjekte der Evangelisierung. Thesenpapier, in: Pastoraltheologische Information Nr. 8. Beirat der Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologen, Mainz 1988, S. 166-170.
  • (Hrsg.), Karl Berkel (Mitverfasser), Für die Berufe der Kirche. Klärung – Beratung – Begleitung, Freiburg im Breisgau, Basel, Wien 1988, ISBN 3-451-21096-7.
  • Leben aus der Kraft des Glaubens, Freiburg im Breisgau 1989.
  • Für eine Kirche, die sich sehen lassen kann, Innsbruck, Wien 1995, ISBN 3-7022-1977-3.
  • Gestaltete Zeit, Münsterschwarzach 1996.
  • Andreas Heller, Hermann Stenger, Den Kranken verpflichtet. Innsbruck, 1997, ISBN 3-7022-2015-1 und ISBN 3-7022-2056-9.
  • Hermann Stenger, mit einem Beitrag von Robert Oberforcher, Im Zeichen des Hirten und des Lammes. Mitgift und Gift biblischer Bilder, Innsbruck, Wien, 2000, 2. Aufl. ISBN 3-7022-2265-0.
  • Hermann Stenger. Vielfältige Beziehungen, in: Martina Blasberg-Kuhnke, Andreas Wittrahm (Hrsg.): Altern in Freiheit und Würde. Handbuch christliche Altenarbeit. München 2007, ISBN 978-3-466-36741-2.

Literatur

  • Franz Weber (Hrsg.), Thomas Böhm (Hrsg.), Anna Findl-Ludescher (Hrsg.), Hubert Findl, (Hrsg.), Im Glauben Mensch werden. Impulse für eine Pastoral, die zur Welt kommt (Festschrift Hermann Stenger), Münster 2000. (Enthält auf den Seiten 330 - 331 eine Biographie von. H. Stenger)
  • Heribert Wahl, Die gar nicht sanfte Macht des Hirten. Gratulatorisches zu Hermann M. Stengers Buch „Im Zeichen des Hirten und des Lammes. Mitgift und Gift biblischer Bilder“, in: Wege zum Menschen, Jahrgang 53, 2001, 500-506.
  • Anna Findl-Ludescher / Hubert Findl, Im Glauben Mensch geworden. Hermann M. Stenger zum 80. Geburtstag, in: Diakonia, Jahrgang 32, 2001, 62-66.
  • Anna Findl-Ludescher, Franz Weber, Pastoral – ein Dienst von Hirtinnen und Hirten am Leben. Hermann M. Stenger zum 85. Geburtstag, in: Pastoral-Theologische Perspektiven praktisch-theologischer Bildung, 25. Jahrgang, Heft 2005-1, ISSN 0555-9308

Einzelnachweise

  1. vgl. H. Stenger, Im Zeichen des Hirten und des Lammes. Mitgift und Gift biblischer Bilder, Innsbruck 22002, 20.
  2. vgl. H. Stenger, Gemeinsames Hirtentum aller Christen. Reform der Kirche im Respekt für den sensus fidelium, in: Herder Korrespondenz 58 (2004), 357-360

Weblinks