Samuel Morgenstern

Samuel Morgenstern (* 1875 in Budapest; † August 1943 im Ghetto von Litzmannstadt) war ein österreichischer Geschäftsmann und ein Geschäftspartner des jungen Adolf Hitler in dessen Wiener Zeit (1908–1913). In der Hitler-Forschung erlangte Morgenstern, der ein Jude war, eine gewisse Bedeutung, da die gute Beziehung, in der er zu Hitler stand, verschiedentlich als Beleg für die These gewertet wird, dass Hitler in seiner Wiener Zeit – anders als später von ihm selbst behauptet – noch kein Antisemit war.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Frühe Jahre (1875 bis 1911)

Morgenstern wurde 1875 als Sohn ungarischer Juden in Budapest geboren. In seiner Jugend erlernte Morgenstern das Glasmacherhandwerk, außerdem gehörte er einige Jahre lang der österreichisch-ungarischen Armee an. Später siedelte er nach Wien über, wo er 1903 ein Glasgeschäft mit dazugehöriger Werkstatt eröffnete. Der Laden, der im Hinterhof des Hauses Liechensteinstraße Nr. 4 untergebracht war, lag günstig in der Nähe der Wiener Innenstadt, was vermutlich zum raschen Erfolg des Unternehmens beitrug. 1904 heiratete Morgenstern Emma Pragan (*1871), die Tochter einer jüdischen Familie aus Wien. Aus der Ehe ging ein 1911 geborener Sohn hervor. Im Laufe seiner beruflichen Tätigkeit brachte es Morgenstern zu bescheidenem Wohlstand, so dass er sich für einen Preis von 5.000 Kronen einen Landsitz in Strebersdorf in der Nähe von Wien zulegen konnte. Im Mai 1914 konnte er für die stolze Summe von 50.000 Kronen ein weiteres Stück Land bei Großjedlersdorf erwerben.[1]

Beziehung zu Adolf Hitler (1911/1912-1913)

Morgenstern gab 1937 auf Anfrage des Hauptarchives der NSDAP in München an, dass Adolf Hitler zum ersten Mal 1911 oder 1912 in seinem Wiener Laden erschien. Hitlers Angebot, einige seiner selbstgemalten Bilder (v.a. Aquarelle) in Morgensterns Sortiment aufzunehmen, nahm der Glaser, der auch Bilderrahmen verkaufte, an. In der Folge belieferte Hitler Morgensterns Geschäft bis zu seiner Auswanderung ins Deutsche Reich im Mai 1913 regelmäßig mit seinen selbst gemalten Bildern. Diese Kaufentscheidung begründete Morgenstern später damit, dass es seiner Erfahrung nach leichter sei, Bilderrahmen an den Kunden zu bringen, wenn diese im Verkaufsregal bereits ein Bild als Anschauungsmaterial enthalten, so dass der Kunde sich einen Eindruck von ihrer Wirkung machen könnte. Die Motive der Hitlerbilder waren dabei zumeist historische Ansichten im Stil Josef von Alts. Morgenstern vermittelte dem Maler Hitler zudem private Kunden wie z. B. den Rechtsanwalt Josef Feingold, der ihn in dessen letzten Wiener Jahren finanziell unterstützte.

Antisemitismus-Kontroverse

In der Hitlerforschung wird von einigen Forschern die These vertreten, dass Hitler während seiner Wiener Zeit trotz seiner schwärmerisch alldeutschen Einstellung noch kein ausgeprägter Antisemit war. Als Beleg dafür wird angegeben, dass sich der junge Hitler an der jüdischen Abstammung Morgensterns und seiner Frau nicht stieß, sondern sogar abseits des rein Geschäftlichen mit dem Ehepaar freundschaftlichen Verkehr pflegte – er besuchte die beiden sogar eine Zeit lang einmal pro Woche als Gast in ihrem Privathaus.

Diese Annahme wird durch Hitlers gutes Verhältnis zu anderen Wiener Juden wie Jakob Altenberg oder den Männerheimbewohnern Neumann und Löffner gestützt, denen Hitler in geschäftlichen Angelegenheiten stärker vertraute als z. B. seinem kleinkriminellen Kumpel Reinhold Hanisch, der ein glühender Antisemit war.

Dieses Verhalten steht in direktem Widerspruch zu Hitlers eigener Behauptung in Mein Kampf. Dort gibt er an, bereits in Wien von der Verderblichkeit des Judentums überzeugt gewesen zu sein. Forscher wie Brigitte Hamann sehen indessen Hitlers Behauptung angesichts seiner guten Beziehung zu Juden wie den Morgensterns als politische Zwecklüge, die nachträglich den Eindruck erwecken sollte, dass sein Antisemitismus das Ergebnis einer logischen, organischen Entwicklung gewesen sei und sich nicht etwa erst nach schwer verständlichen Brüchen und Wandlungen in seinem Denken eingestellt habe.

Dass Morgenstern in irgendeiner Weise beigetragen haben könnte, bei Hitler Vorurteile oder ein schlechtes Bild von „den Juden“ hervorzurufen oder zu nähern, kann als ausgeschlossen gelten. Nicht nur war Morgenstern in den Jahren um 1912 die wichtigste Einnahmequelle des jungen Hitlers. Er machte ihm auch, wie Peter Jahn vom Hauptarchiv der NSDAP sogar noch 1937 feststellte, gute Preise für seine Arbeiten, übervorteilte diesen also keinesfalls.[2] Auch passte der fleißige Morgenstern, wie Hamann festgestellt hat, nicht ins Klischee des arbeitsscheuen Juden.[3] Zudem sagte Hitler gegenüber Jahn in den 1930er Jahren anerkennungsvoll aus, dass Morgenstern in der Wiener Zeit sein "Erretter" gewesen sei und ihm viele wichtige Aufträge gegeben hätte.[4]

Späteres Leben (1913 bis 1943)

Den Ersten Weltkrieg erlebte Morgenstern als Offizier der k. u. k. Armee an der rumänischen Front. Nach dem Krieg, in dem er mit zwei Militärdiploma wegen vorbildhaftem Betragen ausgezeichnet wurde, kehrte Morgenstern in seinen alten Beruf zurück.

Nach dem deutschen Einmarsch in Österreich 1938 geriet Morgenstern bald ins Visier der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten. Am 10. November 1938 wurde Morgensterns Geschäft von den Behörden geschlossen, am 24. November 1938 wurde es „arisiert“, d.h. Morgenstern musste sein Geschäft zwangsweise an einen Arier verkaufen. Der auf dem Papier festgeschriebene Ankaufspreis von 620 RM für Werkstatt, Ladengeschäft und ein umfangreiches Lager wurde allerdings nie gezahlt. Morgenstern wurde zudem die Genehmigung zur Ausübung seines Gewerbes entzogen und erhielt damit ein Arbeitsverbot. Er war in den folgenden Monaten von der Wohltätigkeit befreundeter Personen abhängig.

Ein Hilferuf, den Morgenstern am 10. August 1939 in brieflicher Form an seinen alten Mitarbeiter richtete, erreichte diesen nicht.[5] Morgensterns Bitte an den Reichskanzler, die Behörden dazu zu veranlassen, ihm im Gegenzug für die Übereignung seines Grundbesitzes eine bescheidene Entschädigung für die Beschlagnahmung seiner Habe in ausländischen Devisen auszuzahlen, so dass er die materiellen Mittel hätte, um emigrieren zu können, blieb unerwidert. Morgenstern konnte den nationalsozialistischen Machtbereich nicht verlassen, weil er die anfallenden Reisekosten einer Emigration sowie die sogenannte Reichsfluchtsteuer nicht zahlen konnte.

Kurz nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde der Grundbesitz der Morgensterns enteignet und sie wurden als Juden ins besetzte Polen deportiert, wo sie im Ghetto Litzmannstadt in Łódź leben mussten. Dort starb Samuel Morgenstern im August 1943 an Auszehrung. Er wurde auf dem Ghettofriedhof begraben. Seine Frau Emma, die, wie ihr Schwager Wilhelm Abeles (der auch im Ghetto lebte und Auschwitz überlebte) bezeugt hat, bis zum Tod ihres Mannes mit diesem zusammen war, wurde höchstwahrscheinlich noch im selben Monat ins KZ Auschwitz deportiert. Da es in Auschwitz allgemeine Praxis war, die meisten Neuankömmlinge, insbesondere alte Frauen, die unfähig waren zu arbeiten, direkt ins Gas zu schicken, kann ihr Tod als gesichert gelten. Dementsprechend stellte ein Wiener Gericht im Dezember 1946 fest, dass sie das Ende des Krieges 1945 nicht erlebt haben könne und erklärte sie in Zustimmung zu einem Antrag ihres Bruders Max Pragan für tot.[6]

Einzelnachweise

  1. http://www.porges.net/JewsInVienna/6TwoExamples.html Brigitte Hamann: Jews in Vienna. Two Examples.
  2. http://www.porges.net/JewsInVienna/6TwoExamples.html Brigitte Hamann: “Morgenstern was the first person to pay a good price for the paintings, which is how their business contact was established.
  3. Brigitte Hamann: Hitlers Wien, S. 182.
  4. Sheree O. Zalampas: Adolf Hitler. A Psychological Interpretation of His Views on Architecture, 1990, S. 26.
  5. Der Brief, der an "Seine Exzellenz den Reichskanzler und Führer des Deutschen Reiches" adressiert ist, hat sich erhalten. Er ist von bürokratischer Seite offenbar gesichtet worden und weist dementsprechende Markierungen, wie Unterstreichungen und die Marginalie "Jude!" auf.
  6. Hamann: Hitlers Wien. In der Forschung wird gelegentlich auf die zynische Ironie hingewiesen, dass Hitler von den sechs Millionen im Rahmen des Holocausts ermordeten Juden fast nur Personen wie Samuel Morgenstern persönlich kannte – und dass er zu diesen Personen obendrein auch noch ein gutes Verhältnis hatte.