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Helga Maria Wolf

Gesellschaftsspiele #

"Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, " stellte Friedrich Schiller (1759-1805) fest, "und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." In seinen Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" meinte der Dichter und Philosoph, erst das Spiel mache "den Menschen vollständig".

200 Jahre davor hatte der Reformator Andreas Musculus (1514-1581) mit seinen "Teufelbüchern" viel Erfolg. In diesen Predigten kritisierte er die alltäglichen Unsitten seiner Zeit. Neben Fluchteufel, Eheteufel und Hosenteufel nahm er auch den Spielteufel ins Visier. Seine Anhänger taten kund, "dass wir nicht um des Gewinns willen, sondern um der Kurzweil willen spielen … Aber gleichwohl, wenn wir etwas gewinnen, es sei durch Glück, oder mit List und Betrug, so nehmen wir es herzlich gern an … schenken wohl auch etwas ins Gelag, um die andern damit fröhlich zu machen." Gesellschaftsspiele werden in Gemeinschaft - um Geld oder nur zum Vergnügen - an einem Tisch gespielt. Meist handelt es sich um Brettspiele oder Kartenspiele. Zu den ältesten zählen Mehen, dessen Spielsteine in Form einer zusammengerollten Schlange aus der Zeit um 3.000 v. Chr. sich in ägyptischen Königsgräbern fanden und Senet (2.600 v. Chr.). Ein Senet-Spielbrett und Figuren begleitete auch Tutenchamun auf seiner Reise ins Jenseits. Spuren des Mühlespiels fanden sich in Irland, Ägypten und China. Das bis heute beliebte Brettspiel für zwei Personen entstand um 2000 v. Chr. Dagegen wirkt das "königliche Spiel" Schach jung. Das im 5. Jahrhundert n. Chr. aus Indien überlieferte strategische Spiel kam im 13. Jahrhundert nach Europa und gehörte zu den Pflichtübungen für Ritter. Schach wird jetzt vereinsmäßig betrieben und gilt als Sportart. Auch das Brettspiel Backgammon war schon in der Antike bekannt. In Wien stellt ein Hauszeichen aus dem 16. Jahrhundert dar, wie "die Kuh am Brett spielt". Es befindet sich im 1. Bezirk, Bäckerstraße 12, und soll die Konkurrenz zwischen Katholiken (Kuh) und Protestanten (Fuchs) symbolisieren.

Die frühesten Belege für Kartenspiele in Europa datieren aus Venedig um 1300. Als sich die Nachfrage nicht mehr auf den Adel beschränkte und weite Kreise erfasste, kam es zu Verboten und öffentlichen Verbrennungen der Karten. Die ersten waren handgemalte Unikate. Als Massenware druckte man Spielkarten mit Schablonen, als Holzschnitt, Kupferstich, Stahlstich oder Lithographie.

Die große Zeit der Gesellschaftsspiele, für Erwachsene und Kinder, war im Biedermeier. Schon um 1780 produzierte der Wiener Kupferstecher Hieronymus Löschenkohl gedruckte Spiele für den Gebrauch im Familienkreis. Um diese Zeit kam auch das Puzzle aus England. Die Phantasie der Spieleerzeuger schien unerschöpflich, obwohl alles nach einem Prinzip funktionierte: Figuren rücken nach bestimmten Regeln auf den Feldern vor. Fuchsjagd, Wettrennen, das Wiener Stadtbahnspiel oder das Eisenbahnspiel verbanden Unterhaltung und Belehrung. Diesem Motto folgten auch die Lotto- und Quartettspiele. Das Lotto war kein Glücksspiel, sondern eine Art Puzzle. Es bestand aus 32 Karten, auf deren einen Seite ein Text, auf der anderen ein Teil eines Bildes gedruckt war, und einer Unterlagstafel. Auf dieser standen Rätsel und Fragen, die der Spielleiter stellte. Die Antworten fand man auf der einen Seite der Karte. Wer antworten konnte, legte sie mit der Rückseite auf. Sieger war derjenige, dessen Bild zuerst komplett war.

Beim Quartett trainierten die Kinder Aufmerksamkeit und Wissen. Für dieses Gesellschaftsspiel, meist mit 48 Karten, brauchte man mindestens drei Spieler. Je vier Karten mit gleicher Überschrift, aber verschiedenen Bildern, bildeten ein Quartett. Durch geschicktes Fragen galt es herausfinden, welcher Mitspieler die fehlenden Karten hatte. Quartettspiele waren für viele der erste Kontakt mit der "großen, weiten Welt". Bevorzugte Themen waren ferne Länder, Natur, Kunst, Musik und Literatur.

Kakelorum, das auf römische Würfelspiele zurückgehen soll, bestand aus einer Spirale, manchmal in Form einer Figur, einem Brett, mit nummerierten Feldern und einem kugelförmigen Spielstein. Man legte diesen oben in die Spirale, durch die er auf das Brett rollte. Das Feld, auf dem er landete, bestimmte die Höhe des Gewinns. Der Name des Glücksspiels, das als wenig Ertrag bringend galt, ging in eine Redensart ein: "Kokolores machen" bedeutete so viel wie sinnlos herumspielen.

Hingegen wird Spielen heute als etwas Positives gesehen. "Spielerisch lernen" ist ein viel zitiertes Ideal. "Ein Großteil der kognitiven Entwicklung und der Entwicklung von motorischen Fähigkeiten findet durch Spielen statt … Spielen gewinnt eine besondere Qualität, wenn kreative Aspekte überwiegen, … weiterreichende Entwicklungen der teilnehmenden Persönlichkeiten und ihrer gesellschaftlichen Beziehungen ins Auge gefasst werden.", liest man in Wikipedia, ebenso ein Zitat des deutschen Dichters und Schauspielers Natias Neutert: "Spielen erzeugt eine eigene Wirklichkeit: die der Möglichkeiten."

Erschienen in "Granatapfel"