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Helga Maria Wolf

Heiligenattribute#

Kleines Andachtsbild Hl. Joseph mit Lilie und Jesuskind, gemeinfrei
Kleines Andachtsbild Hl. Joseph mit Lilie und Jesuskind, gemeinfrei

Von "Abtstab" bis "Zweig" reicht das ABC der Heiligenattribute. Schon in der Antike trugen Figuren bestimmte Beigaben, um sie unverkennbar zu machen: Athene einen Helm, Hermes Flügelschuhe, der Göttervater Zeus schleuderte Blitze.

Christliche Künstler übernahmen diese Art der Charakterisierung. Als die Verehrung der Heiligen im Mittelalter einen Höhepunkt erreichte, erhielt jede/r spezielle Kennzeichen. Die meisten Gläubigen konnten damals nicht lesen und bezogen ihr religiöses Wissen aus der "Bilderbibel" der Kirchenausstattung. Die persönlichen Attribute der Fürbitter bezogen sich auf ihre Legenden und Patronate.

"Katharina mit dem Radl, Barbara mit dem Turm und Margareta mit dem Wurm, das sind die drei heiligen Madl", fasste man die Zeichen der Virgines Capitales kurz und populär zusammen. Katharina von Alexandria, deren Klugheit sich 50 Philosophen geschlagen gaben, vertritt den Lehrstand. Barbara von Nikomedien, die ihr Vater in einem Turm gefangen hielt, wurde zur Schutzfrau des Wehrstandes, wie (Festungs-)Baumeister, Artilleristen und Bergknappen. Margareta von Antiochia, die einen Drachen besiegte, gilt als Patronin des Nährstandes, der Bauern. Die Vierte im Bunde der wichtigsten heiligen Jungfrauen ist Dorothea. Sie schickte einem Spötter duftende Rosen und frische Äpfel aus dem Himmel, ihr vertrauen die Gärtner und Floristen.

Nicht immer sind die Symbole eindeutig. Als Abt erscheinen etwa Ägydius, Bernhard von Clairvaux, Berthold von Garsten, Kolumban, Leonhard, Maurus, Othmar und Severin. So kommen bei den Darstellungen weitere Merkmale dazu: Hirschkuh, Kelch und Rabe, Bienenkorb, Brot und Fisch, Bär und Sonne, Haustiere und Eisenketten, Lilienschild und Teufel, Fass, Hund und Pilgerstab. Doch auch diese Attribute gehören oft zu mehreren Heiligen und erst die Kombination kann des Rätsels Lösung erschlieeßen. Allgemein kennzeichnet der Glorienschein (Nimbus) den Träger als Heiligen - auch das kommt aus der Antike. Gattungsattribute wie Bischofs-Mitra, Papst-Tiara, Königs-Krone oder Mönchsgewand verweisen auf einen bestimmten Stand, Sinnbilder, wie die Lilie, auf Tugenden und Palmzweige auf Märtyrer. Bücher oder Schriftrollen verraten die Evangelisten.

Viele alte Fürbitter waren frühchristliche Märtyrer, doch häufig überwuchern Legenden die historische Lebensgeschichte. Die Heiligengeschichten entsprangen nicht nur der Fabulierlust, sie sollten pädagogisch wirken und zum Nacheifern anspornen. Es ging nicht um eine historische Biographie, sondern um die Konzentration der Verdienste vor Gott und Gnadenerweise. Die Viten folgen oft biblischen Vorbildern sie sind dem entsprechend ähnlich und individuelle Züge selten. Der/die typische Heilige ist von Anfang an erwählt, verlässt die Familie, ist schön, klug, würdevoll, demütig und einfach. Er/sie verschmäht die Freuden des Lebens, isst und schläft wenig, betet viel und ist wohltätig, freundlich und friedliebend. Weibliche Heilige verweigern die Ehe und verstehen sich als Braut Christi. Nur in Glaubenssachen streng, geht er/sie konsequent in den Tod. Die danach gewirkten Wunder, die wiederum bestimmten Typen folgen, nehmen in den Legenden breiten Raum ein. "Märtyrer vom unzerstörbaren Leben" werden vielfältigen Foltern unterworfen und durch himmlische Hilfe bewahrt oder geheilt, bis schließlich doch das Todesurteil vollstreckt wird. Kern der Legenden vom unzerstörbaren Leben ist die "Neuschöpfung" des Märtyrers.

Legenden erscheinen heute unglaublich grausam, finden aber in der Kunst ihren Niederschlag. Viele Attribute sind Marterwerkzeuge. Agatha trägt ihre abgeschnittenen Brüste auf einem Teller. Sebastian band man an einen Baum und schoss mit Pfeilen auf den Wehrlosen. Nicht nur Pankratius hält das Schwert als Zeichen seiner Enthauptung in Händen. Corona wurde zwischen zwei Palmen gebunden, die ihren Leib auseinanderrissen. Johannes Nepomuk fand den Tod durch Ertränken und ist daher auf einer Brücke abgebildet. Vitus warf man in einen Kessel mit siedendem Öl. Laurentius wurde auf einem glühenden Rost gemartert. Bartholomäus erlag der Todesstrafe durch Enthäuten. Simon wurde bei lebendem Leib zersägt, Judas Thaddäus mit einer Keule erschlagen. Der Apostel Andreas endete am schrägen Kreuz. Der Erzmärtyrer Stephanus erlitt die Steinigung.

Erbaulicher sind jene Attribute, die sich auf gute Taten, Krankenheilungen oder Wunder beziehen: Georg tötet den Drachen, Florian löscht ein brennendes Haus, Helena findet das Kreuz Christi, das flammende Herz symbolisiert Augustinus' Gottesliebe, Franziskus spricht mit den Tieren, Leonhard befreit Gefangene, Martin kleidet einen Bettler, Elisabeth versorgt Arme, Nikolaus schenkt goldene Kugeln. Kirchen- und Klosterstifter sind mit Modellen ihrer Bauwerke zu sehen, wie Norbert, Altmann, Bernhard, Rupert und Virgil, Wolfgang oder der Landespatron Leopold.

Manche Freunde Gottes sind mit Jesus abgebildet: Der Nährvater Josef trägt das Jesuskind, Antonius von Padua hält das strahlende Kind in seinen Armen, Christophorus trägt es über den Fluss. Johannes tauft Jesus im Jordan. Das Kreuz Christi ist wohl das häufigste Attribut. Auch Visionen finden ihre Andeutung, wie bei der Kirchenlehrerin Teresa von der Engel mit dem Pfeil, bei Hubertus und Eustachius der Hirsch mit dem Kreuz im Geweih oder Peregrinus Latiosi, zu dem sich der Heiland von Kreuz neigt, um ihn von seinen Schmerzen zu befreien.

Erschienen in "Schaufenster Kulturregion" Mai 2015