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Innovation

Bräuche wurden und werden durch Einzelne oder einflussreiche Gruppen erfunden und gefördert. Dann findet eine kreative Aneignung statt. Wie dies vor sich geht, unterliegt verschiedenen Einflüssen und Wechselwirkungen, die von der Ethnologie im Einzelfall zu untersuchen sind. Darauf haben schon der Schweizer Germanist und Volkskundler Eduard Hoffmann-Krayer (1864-1936) und sein deutscher Fachkollege Hans Naumann (1886-1951) hingewiesen. Von Naumann stammt die bekannte Theorie vom „gesunkenen Kulturgut“ (1922 - Oberschichten erfinden Kulturgut, das später von den nicht innovativen Unterschichten übernommen wird) und vom „primitiven Gemeinschaftsgut“ (das von „unten“ kommt). Hoffmann-Krayer betonte (1930) die „fortwährenden fluktuierenden Wechselwirkungen zwischen Individuum und Masse“. Adolf Spamer (1883-1953) sah 1924 die „Untersuchung der Kombinations- und Umstilisierungsprozesse“ als wichtigste Aufgabe der Volkskunde an. 

Der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856-1939), beschäftigte sich etwa gleichzeitig mit solchen wechselseitigen Beeinflussungen. 1921 erschien seine Abhandlung „Massenpsychologie und Ich-Analyse“. Darin schreibt er, dass die großen Entscheidungen, folgenschweren Entdeckungen und Problemlösungen nur dem Einzelnen möglich seien. „Aber auch die Massenseele ist genialer geistiger Schöpfung fähig, wie vor allem die Sprache selbst beweist, sodann das Volkslied, Folklore und anderes. Und überdies bleibt es dahingestellt, wieviel der einzelne Denker oder Dichter den Anregungen der Masse, in welcher er lebt, verdankt.“ Freud diskutierte in dieser Abhandlung die - damals mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegenden - Theorien von Gustave Le Bon (1841-1931). Der französische Arzt und Soziologe gilt als Begründer der Massenpsychologie. 

Ein namentlich bekannter Braucherfinder war der Dichter Matthias Claudius (1740-1815). Er verfasste 1782 eine Reihe „Briefe an Andres“, in denen er seine Innovationen beschreibt, wie Knospenfest, Widderschein, Maimorgen, Grünzüngel, Herbstling und Eiszäpfel.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts entstanden in Wien Event-Innovationen für ein Millionenpublikum: In die Ära des damaligen Vizebürgermeisters Erhard Busek (1978-1987, ÖVP) fallen das Grätzelfeste, das Wiener Stadtfest (1978) und andere Aktivitäten seiner "bunten Vögel". 1983 erfand Gemeinderat Harry Kopietz (SPÖ) das Donauinselfest. Der Wiener Rathausplatz hat sich zum Schauplatz zahlreicher Cityfeste entwickelt. Eine Umfrage unter Wiener Pfarren ergab 1990/91, dass 40,4 % von neuen Bräuchen berichteten. Die Gesellschaft des ausgehenden 20.Jahrhunderts wurde als Risikogesellschaft (Ulrich Beck), Erlebnisgesellschaft (Gerhard Schulze), Non-Stop-Society oder Patchwork-Kultur charakterisiert. Was für Wohnen und Kleidung gilt, betrifft auch die Bräuche: Elemente, die dem Einzelnen geeignet erscheinen, werden je nach Situation ausgewählt, zusammengesetzt und wieder verändert.

Persönlichen Innovationen kommt der aktuelle Zeittrend zur Reritualisierung entgegen. Von Seiten der Psychologie und Psychotherapie wird darauf hingewiesen, wie heilsam und hilfreich das Erfinden von Ritualen sei. Nicht Erstarrtes ist dabei gefragt, sondern sehr persönliche Zeichen, die Einzelnen, Paaren, Familien und Gruppen in bewegten Zeiten Halt geben können.


Quellen:
Sigmund Freud: Werkausgabe in zwei Bänden. Frankfurt/M.2006. Bd 2 / S.437
Matthias Horx: Die acht Sphären der Zukunft. Wien 1999. S. 288.
Helga Maria Wolf: Alte und neue Bräuche. Wien 1991
Vergiss Woodstock. 20 Jahre Donauinselfest. Wien 2003
Donauinselfest

Bild: Innovatives Brauchgebäck als Geschenk zum Führerscheinerhalt. Wien 1980. Foto: Alfred Wolf