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Kelten-Ideologie#

Bild 'Kelten'

"Die Kelten sind, nach dem die Germanen für viele nicht mehr ganz salonfähig scheinen, unsere mittel- und westeuropäische Vergangenheit, deren Spuren wir in der Landschaft finden, deren Werke wir in den Museen bestaunen und von denen wir uns wünschen, sie hätten uns sozusagen noch posthum als ihre geistigen Kinder adoptiert." So formuliert Helmut Birkhan, em. Professor an der Universität Wien die Faszination, die seit Jahrhunderten von deren archaischer Kultur ausgeht. Der Keltologe verfasste u.a. das fast 1300-seitige Standarddwerk "Kelten" (Bild) "Nicht erst seit es eine Kelten-Esoterik gibt ... vor 200 Jahren auf dem Höhepunkt der Ossian-Schwärmerei haben die Kelten schon einen ganz ähnlichen Zauber ausgeübt ... Die Griechen und Römer hat an den Kelten fasziniert, dass dieses 'Barbarenvolk' augenscheinlich in eben jener Kultur steckte, die Homer und andere große Sänger als ihre eigene heroische Vorzeit besungen hatten." 

Die Sehnsucht nach dem "Urzustand" der eigenen Kultur, nach "uralten" Bräuchen und Mythen fand lange Zeit in der germanischen Lebenswelt ihre Erfüllung. Schon im 12. Jh. wurde den Deutschen empfohlen, sich nicht mit den Römern zu identifizieren, sondern die Germanen als ihre Vorläufer anzusehen. Deutscher Patriotismus fand sich in Maria-Theresianischer Zeit in den Liedern der Volkskomödie. So schrieb Philipp Hafner (1731-1764), der seine Zeitgenossen beobachtete, das Lied "Der kroatische Bauer und das Wiener Mädgen", in dem der Freier wegen seiner Nationalität von der Angebeteten abgewiesen wird. 

Frühe Volkskundler (und nicht nur diese) wurden zu wilden Phantasien angeregt, denen die Ideologien auf dem Fuß folgten. Die Brüder Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859), die zu den Ahnherren des Faches zählen, waren Germanisten. Sie sahen im "Singen und Sagen im Volk" Überlieferungen eines "Volksgeistes", der für sie deutschen Nationalgeist verkörperte. Ihre Auffassung eines "Deutschtums" baute auf der Vorstellung unveränderlicher Kulturgüter auf. "Dass ihre Dokumente, die Volkslieder und Volksmärchen, oft weniger dem Volke von den Lippen abgelauscht als vielmehr von den Lehrern oder Pfarrern als Gewährsleuten zusammengetragen worden sind, dass es sich vielfach um Neu- oder Nachdichtungen bürgerlicher Romantiker handelt, dass sie nicht die Variationen der Stoffe über die Zeit untersuchen, sondern an feste, stabile Form glauben, in der sich 'Kontinuität' auch inhaltlich erhalten habe, tritt gar nicht in ihr Problembewusstsein. "Sie finden eine Tradition, die sie zugleich auch selbst erfinden," weiß der deutsche Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba und folgert: "Der Nationalismus benötigt Ursprungsmythen und Gemeinschaftsgefühle, um der Geschichte Zukunftsvisionen abzuringen." Die weitere Entwicklung im 20. Jahrhundert ist bekannt - und im Sammelband "Völkische Wissenschaft" detailliert nachzulesen. 

Die Kelten-Esoterik und der neuheidnische Aufbruch erfasst zahlreiche Zeitgenossen. In altertümelnden Trachten treffen sie sich an "Kultorten" um vermeintlich heidnische Feste zu feiern. Als Wikinger, Hexen oder Schamanen steigern sie sich mit ekstatischer Trommelmusik in die Vorstellung einer heidnischen Urzeit hinein - oft mit dem Ziel, die keltisch-germanische Glaubenswelt Europas wiederzubeleben, die ihrer Meinung nach durch den jüdisch-christlichen Monotheismus ausgerottet worden sei.


Quellen:
Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. Wien 1997
Helmut Birkhan: Kelten. Bilder ihrer Kultur. Wien 1999. S. 11
Helmut Birkhan: Nachantike Keltenrezeption oder Was wir von den Kelten haben. Wien 2009
Wolfgang Kaschuba: Einführung in die Europäische Ethnologie. München 1999. 34 - 36
Rüdiger Sünner: Schwarze Sonne. Freiburg/Br. 1999. 16, 172
Völkische Wissenschaft. Hg. W. Jacobeit, H. Lixfeld, O. Bockhorn. Wien 1994
Begleitheft zur CD "Die Eipeldauer: Zu ebener Erde und erster Stock", Musica Riservata Ex-443-2.