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Oral History#

Zu den Erweiterungen der Volkskunde/Europäische Ethnologie in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts zählte die Forschungsrichtung der Oral History, erzählte Lebensgeschichte(n). Anthropologen, Ethnologen und Historiker bedienten sich dieser Methode, einer Mischform zwischen offenem und geschlossenem Interview. Bei der "Geschichte von unten" geht es um Alltagskultur, lebensgeschichtliche Erinnerungen, die erzählt oder von den Autoren aufgeschrieben werden. Die vom Sozialhistoriker Univ. Prof. Michael Mitterauer im Verlag Böhlau begründetete Erfolgsserie "Damit es nicht verloren geht" umfasst inzwischen 65 Bände.

Zuvor stellte die Erforschung der Lebensverhältnisse der so genannten Kleinen Leute die Historiker vor Quellenprobleme. Die Angaben, die sie über diese Gruppe fanden, wurden nicht von den Betroffenen, sondern von Experten gemacht. Sie entsprachen nicht dem Selbstverständnis der Menschen, für die es ungewohnt war, sich schriftlich zu artikulieren. Die Auswertung mündlicher Überlieferung sollte diesem Mangel abhelfen. Jahrzehnte später äußert sich ein Pionier der Oral History, der deutsche Historiker Lutz Niethammer, allerdings skeptisch über den subjektiven Forschungsansatz der "Ego-Histoire". 

Völker- und Volkskundler hatten in ihren Fächern lange Erfahrungen mit der "Feldforschung". Dabei zeigte sich das Bemühen der früher so genannten "Gewährspersonen" (Gesprächspartner, Informanten), vermeintliche Erwartungshaltungen der Interviewer zu erfüllen.


Quellen: 
Silke Göttsch, Albrecht Lehmann (Hg.): Methoden der Volkskunde.Berlin 2007
Michael Mitterauer: Lebensgeschichte sammeln. In: Schriften und Kataloge des Fränkischen Freilandmuseums, Bd.14. 1991. S.17-35
Lutz Niethammer: Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Frankfurt/M. 1985
Lutz Niethammer: Ego-Histoire ? Wien 2002
Buchreihe