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Jelinek, Elfriede#

* 20. 10. 1946, Mürzzuschlag, Steiermark

Schriftstellerin
Nobelpreis für Literatur


Jelinek, Elfriede
Elfriede Jelinek. Foto, 1992.
© Die Presse/Harald Hofmeister, für AEIOU

Elfriede Jelinek wurde am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag, Steiermark geboren und wuchs in Wien auf, wo sie eine Klosterschule besuchte. Sie maturierte 1964 und studierte Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in Wien, bis sie 1967 das Studium durch Angstzustände gezwungen abbrach und ein Jahr lang zu Hause in völliger Isolation lebte.


Hier begann ihre Existenz als Berufsschriftstellerin: der erste Roman "bukolit" (1968) blieb allerdings bis 1979 unveröffentlicht. In den sechziger Jahren experimentierte Jelinek mit Texten, wobei sie sich in ihrem Stilausdruck an die "Wiener Gruppe" annäherte.


Ihre Musikausbildung an der Musikschule und am Wiener Konservatorium schloss sie 1971 mit einem Organisten-Diplom ab.


Seit 1966 lebt Jelinek als freie Schriftstellerin abwechselnd in Wien und München.


1974 trat sie in die Kommunistische Partei Österreichs ein, die sie 1991 wieder verließ.


1974 heiratete sie Gottfried Hüngsberg, der in den 60er Jahren dem Kreis um Rainer Werner Faßbinder angehörte.


Sie war von 1973-92 Mitglied der Grazer Autorenversammlung, um 1980 auch Rezensentin beim österreichischen Monatsmagazin "Extrablatt" und Mitarbeiterin der Berliner Zeitschrift "Die schwarze Botin". Seit 1993 ist Elfriede Jelinek Ehrenpräsidentin der Österreichischen Dramatikervereinigung.


Sie schrieb zahlreiche Hörspiele, poetologische Essays, Romane, Theaterstücke. Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen (u. a. Thomas Pynchon, Georges Feydeau). 1990 schrieb sie das Filmdrehbuch "Malina" gemeinsam mit Werner Schroeter nach dem Roman von Ingeborg Bachmann; außerdem arbeitete sie mit KomponistInnen wie Patricia Jünger, Hans Werner Henze und Olga Neuwirth zusammen.


Bereits mit dem ersten deutschsprachigen Poproman "wir sind lockvögel baby!" (1970) verfasste sie eine sprachliche Widerstandshandlung gegen die Unterhaltungskultur. Jelinek zeigt auch in ihren späteren Romanen, wie diese Klischees Einzug ins Bewusstsein halten und den Widerstand gegen klassenbedingte Ungerechtigkeit und geschlechtliche Unterdrückung lähmen, ihre Gesellschaftsanalyse mündet in grundlegende Zivilisationskritik.


Jelinek setzt die klischeehafte Sprache von Comics, Medien, Werbung und ähnliches ein und verfremdet diese bis ins Groteske. Sie gilt als exponierte Vertreterin der Frauenliteratur, besondere Bedeutung kommt in ihren Werken den Themen weibliche Sexualität und Geschlechterkampf zu (Die Klavierspielerin, 1983; Lust, 1989).


Ihr neuer Roman "Neid" wird nicht gedruckt erscheinen; er ist im Lauf eines Jahres als Online-Text entstanden (über 900 Seiten), nachzulesen auf Elfriede Jelineks Webseite. Mit "Neid" setzt Elfriede Jelinek ihr "Todsündenprojekt" fort, das sie 1998 mit "Lust" begonnen hatte, vor acht Jahren erschien als Teil zwei "Gier".


Die zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen, die sie erhalten hat, gipfelten 2004 im Nobelpreis für Literatur, den sie für "den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen" erhielt.

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Preis der Österreichischen Jugendkulturwoche Innsbruck, 1969
  • Preis des Lyrikwettbewerbs der Österreichischen Hochschülerschaft, 1969
  • Staatsstipendium des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur, 1972
  • Roswitha-Gedenkmedaille für Literatur der Stadt Bad Gandersheim, 1978
  • Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst, 1979
  • Drehbuchpreis des Innenministeriums der Bundesrepublik Deutschland, 1979
  • Würdigungspreis des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur, 1983
  • Heinrich-Böll-Preis für Literatur der Stadt Köln, 1986
  • Literaturpreis des Landes Steiermark, 1987
  • Würdigungspreis der Stadt Wien für Literatur, 1989
  • "Dramatikerin des Jahres" der Zeitschrift "Theater heute", 1993
  • Peter-Weiss-Preis für Literatur der Stadt Bochum, 1994
  • Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen, 1994
  • Bremer Literaturpreis der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung, 1996
  • "Hörspiel des Monats" der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, 1997
  • Georg-Büchner-Preis, 1998
  • "manuskripte"-Preis des Landes Steiermark, 2000
  • Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf, 2002
  • Theaterpreis Berlin, 2002
  • Mülheimer Dramatikerpreis, 2002
  • Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis, Mainz, 2003
  • Lessing-Preis für Kritik, Wolfenbüttel, 2004
  • Stig Dagerman-Preis, Laxön, Schweden, 2004
  • Hörspielpreis der Kriegsblinden des Bundes der Kriegsblinden Deutschlands, Berlin, 2004
  • Tschechischer Franz Kafka Literaturpreis, 2004
  • Mülheimer Dramatikerpreis, 2004
  • Nobelpreis für Literatur, 2004
  • Andrè-Gide-Preis D/F für die französische Übersetzung von Die Kinder der Toten, 2006
  • Dramatikerin des Jahres, 2007

Werke (Auswahl)#

In Buchform veröffentlichte Werke:

  • Lisas Schatten. Hrsg.: Kreis der Freunde; verantwotlich für d. Hrsg.: Wolfhart Eilers u. a. München, Würzburg, Bern: Relief, 1967
  • wir sind lockvögel baby! roman. Reinbek: Rowohlt, 1970
  • Materialien zur Musiksoziologie. [Mit Ferdinand Zellwecker und Wilhelm Zobl]. Wien, München: Jugend und Volk, 197
  • Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft. Prosa. Reinbek: Rowohlt, 1972
  • Die Liebhaberinnen. Roman. Reinbek: Rowohlt, 1975
  • bukolit. hörroman. Ill.: Robert Zeppel-Sperl. Wien: Rhombus, 1979.
  • Die Ausgesperrten. Roman. Reinbek: Rowohlt, 1980.
  • Die endlose Unschuldigkeit. Prosa - Hörspiel - Essay. [Paula / Ballade von drei wichtigen Männern sowie dem Personenkreis um sie herum / Die endlose Unschuldigkeit]. Schwifting: Schwiftinger Galerie-Verlag, 1980
  • ende. gedichte von 1966-1968. Ill.: Martha Jungwirth. Schwifting: Schwiftinger Galerie-Verlag, 1980
  • Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften. Stück. Wien, München: Sessler, 1980.
  • Die Klavierspielerin. Roman. Reinbek: Rowohlt, 1983.
  • Theaterstücke. [Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte / Clara S. / Burgtheater]. Hrsg., Nachw.: Ute Nyssen. Köln: Prometh, 1984.
  • Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr. Prosa. Reinbek: Rowohlt, 1985.
  • Krankheit oder Moderne Frauen. Stück. Hrsg., Nachw.: Regine Friedrich. Köln: Prometh, 1987.
  • Lust. Reinbek: Rowohlt, 1989
  • Wolken.Heim. Göttingen: Steidl, 1990.
  • Isabelle Huppert in "Malina". Ein Filmbuch von Elfriede Jelinek. Nach dem Roman von Ingeborg Bachmann. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1991.
  • Totenauberg. Ein Stück. Reinbek: Rowohlt, 1991
  • Theaterstücke. Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften. Clara S. musikalische Tragödie. Burgtheater. Krankheit oder Moderne Frauen. Hrsg.: Ute Nyssen, Regine Friedrich, Nachw.: Ute Nyssen. Reinbek: Rowohlt, 1992
  • Die Kinder der Toten. Roman. Reinbek: Rowohlt, 1995
  • Stecken, Stab und Stangl. Raststätte. Wolken.Heim. Neue Theaterstücke. Mit einem "Text zum Theater". Reinbek: Rowohlt, 1997
  • Sturm und Zwang. Schreiben als Geschlechterkampf. [Mit Jutta Heinrich, Adolf E. Meyer]. Hamburg: Ingrid Klein, 1995.
  • Ein Sportstück. Reinbek: Rowohlt, 1998
  • er nicht als er. (zu, mit Robert Walser). Ein Stück. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998
  • Macht.Nichts. Eine kleine Trilogie des Todes. Reinbek: Rowohlt, 1999
  • Gier. Ein Unterhaltungsroman. Reinbek: Rowohlt, 2000
  • Das Lebewohl. 3 kl. Dramen [Das Lebewohl / Das Schweigen / Der Tod und das Mädchen II]. Berlin: Berlin Verlag, 2000
  • In den Alpen. Drei Dramen [In den Alpen / Der Tod und das Mädchen III (Rosamunde) / Das Werk. Mit einer Nachbemerkung der Autorin]. Berlin: Berlin Verlag, 2002
  • Der Tod und das Mädchen I-V. Prinzessinnendramen [Der Tod und das Mädchen I (Schneewittchen) / Der Tod und das Mädchen II (Dornröschen) / Der Tod und das Mädchen III (Rosamunde) / Der Tod und das Mädchen IV (Jackie) / Der Tod und das Mädchen V (Die Wand)]. Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag, 2003
  • Bambiland. Babel. Zwei Theatertexte. Reinbek: Rowohlt, 2004
  • Neid. Privatroman. Abrufbar auf der Homepage http://www.elfriedejelinek.com/

In Buchform veröffentlichte Übersetzung von Elfriede Jelinek:

  • Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel. Roman. [Originaltitel: Gravity's Rainbow]. Übers. a. d. Engl.: Elfriede Jelinek u. Thomas Piltz. Reinbek: Rowohlt, 1981.

Literatur#

  • Gegen den schönen Schein. Texte zu Elfriede Jelinek. Hrsg.: Gürtler, Christa. Mit Beiträgen von Alexander von Bormann u. a. Frankfurt/M.: Verlag Neue Kritik, 1990
  • Dossier 2. Elfriede Jelinek. Hrsg.: Bartsch, Kurt; Höfler, Günther A. Graz: Droschl, 1991
  • Elfriede Jelinek. Text Kritik 117 (1993) [1. Auflage], (1999) 2., erweiterte Auflage
  • Hoffmann, Yasmin: Elfriede Jelinek. Sprach- und Kulturkritik im Erzählwerk. [Dissertation: Lille: Université de Provence, 1993] Opladen: Westdeutscher Verlag, 1999
  • Schlich, Jutta: Phänomenologie der Wahrnehmung von Literatur. Am Beispiel von Elfriede Jelineks "Lust" (1989). Tübingen: Niemeyer, 1994
  • Elfriede Jelinek: Framed by Language. Hrsg.: Johns, Jorun B.; Arens, Katherine. Riverside: Ariadne, 1994 (Studies in Austrian Literature, Culture and Thought)
  • Fiddler, Allyson: Rewriting Reality. An Introduction to Elfriede Jelinek. Oxford, Providence, RI: Berg, 1994.
  • Meyer, Anja: Elfriede Jelinek in der Geschlechterpresse. "Die Klavierspielerin" und "Lust" im printmedialen Diskurs. Hildesheim, u.a.: Olms-Weidmann, 1994
  • Pflüger, Maja Sibylle: Vom Dialog zur Dialogizität. Die Theaterästetik von Elfriede Jelinek. Tübingen, Basel: Francke, 1996
  • Sandner, Margarete: Textherstellungsverfahren bei Elfriede Jelinek. Das Beispiel "Totenauberg". Würzburg: Königshausen & Neumann, 1996
  • Brunner, Maria E.: Die Mythenzertrümmerung der Elfriede Jelinek. Neuried. Ars una, 1997
  • Elfriede Jelinek. Schreiben. Fremd bleiben. [Zeitschrift] du, Nr. 700, 1999
  • Glenk, Eva M. F.: Die Funktion der Sprichwörter im Text. Eine linguistische Untersuchung anhand von Texten aus Elfriede Jelineks Werken. Wien: Edition Praesens, 2000
  • Lücke, Bürbel: Semiotik und Dissemination. Von A. J. Greimas zu Jacques Derrida. Eine erzähltheoretische Analyse anhand von Elfriede Jelineks "Prosa" "Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr". Würzburg: Königshausen & Neumann, 2002
  • Janke, Pia. Salzburg, Die Nestbeschmutzerin. Jelinek und Österreich, Wien, Jung und Jung, 2002
  • Janke, Pia: Werkverzeichnis Elfriede Jelinek. Wien: Edition Praesens, 2004


Das Elfriede Jelinek-Forschungszentrum wurde im November 2004 gegründet und versteht sich als Informations- und Kommunikationszentrum für alle, die sich für Jelineks Arbeiten interessieren.
Auf der Grundlage der Buchpublikation Werkverzeichnis Elfriede Jelinek (Edition Praesens, 2004), die zum ersten Mal das Schaffen der Autorin in seiner Gesamtheit erfasst, ist es eine der Hauptaufgaben des Forschungszentrums, Jelineks Arbeiten und deren Rezeption zu dokumentieren, um dadurch eine fundierte Auseinandersetzung zu ermöglichen.


Leseprobe#

aus

Elfriede Jelinek - "Das Lebewohl"

Dies noch nicht wissen, daß wir endlich heimgekehrt nach langer Fahrt, was immer wir tun, Recht oder Unrecht, wir sinds, die es tun, und nie verborgen ists unterm Schleier. Wir sagen es alle ganz offen, und dies noch nicht wissen: ausgelacht werden sie, im Himmel, besonders dann, wenn sie Hilfe erflehn. Unbedingt. Niemand schöpft Verdacht. Wir sind ja alle, weil stets gemeinsam wir sind! Die anderen: nur viele! Nur mehr viele! Nicht mehr als viele! Wir, geschwisterlich ernährt, ernährn uns jetzt von ihnen. Die Toten erheben sich, wenn die Sonne untergeht. Wir erheben uns, wenn sie aufgeht, um uns zu bewegen! Und rasch packen, am Mittag, den andern, beim Pressefoyer, bei der Pressekonferenz des Landeshauptmanns, da wird abgewaschen, und da rechnen wir ab. Nur mehr die Mehrheit die anderen. Wir aber: alle. Das ist in vieler Hinsicht ein furchtbares Stück, wir können darin kaum atmen oder die Augen aufmachen unter dem Wasser, das wir absonderten. (S. 22)

Wollen Sie mir erklären, wer ich bin, während ich doch bereits aus diesem Kuß schließen darf, wer Sie sind? Da bin ich Ihnen aber einen Schritt voraus. Heißen Sie nur Prinz oder sind Sie es? Blödsinn. Sie müssen es sein, siehe oben, sonst schliefe ich ja noch. Aber wer sind Sie eigentlich wirklich? Welches Land gedenken Sie zu regieren? Ich wette meins. Und dafür habe ich mich an dem Dorn gestochen oder was das war. Ich kramte noch sinnlos in mir herum nach der Ursache des heftig einsetzenden Schmerzes, obwohl ich den Dorn, also das Spitzige, gelt, ja sehen konnte. Und dann war ich weg. Aus. Filmriß. Sense. Wer bin ich. Wo bin ich. Mir ist jetzt eingefallen, daß Sie Prinz sein müssen, und ich füge mich dieser Wahrheit Ihres Sein. (S. 52)

© 2000, Berlin Verlag, Berlin.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
LITERATURHAUS


Hörproben #


Österreichische Mediathek Hörprobe


Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte?
Ausschnitt; Autorenlesung. Wien, 17.4.1978.

Vorlesen

Rede
zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1998. Ausschnitt.

Vorlesen

Quellen#

Weiterführendes#


Redaktion: I. Schinnerl