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Lehár, Franz #

* 30. 4. 1870, Komárom (Komárno Komarno , Slowakei)

† 23. 10. 1948, Bad Ischl

Kapellmeister, Komponist, Dirigent


Der Operettenkomponist Franz Lehár. Photographie um 1920, © IMAGNO/Austrian Archives
Der Operettenkomponist Franz Lehár. Photographie um 1920
© IMAGNO/Austrian Archives

Franz Lehár wurde am 30. April 1870 als Sohn eines tschechischstämmigen Deutsch-Mähren und einer deutschstämmigen Ungarin in Komárom geboren. Er hatte einen Bruder, Anton Freiherr von Lehár.


Da sein Vater Franz Lehar k. und k. Militärkapellmeister war, übersiedelte er oft mit seiner Familie von Garnison zu Garnison, so wuchs der junge Franz in einer Atmosphäre von Militär- und Zigeunermusik auf.


Schon früh war seine musikalische Begabung offenkundig , er trat schon mit zwölf Jahren ins Prager Konservatorium ein, wo er Geige studierte - u. a. bei Antonin Dvořak, der ihn zum Komponieren ermunterte.


Seine musikalische Laufbahn begann er jedoch nach Abschluss seines Studiums als Orchestermusiker in Barmen-Elberfeld, spielte in der Kapelle seines Vaters, bis er sich entschloss, Militärkapellmeister zu werden. Als jüngster Militärkapellmeister der ganzen Monarchie war er in der ungarischen Ostslowakei und dann als Marinekapellmeister in Pula, bevor er sich in seiner Wahlheimat Wien niederließ.


Er versuchte sich als Opernkomponist mit "Kukuška" (Uraufführung in Leipzig am 27. November 1896) und feierte seinen ersten großen Erfolg mit dem Walzer "Gold und Silber", den er für eine Redoute der Fürstin Pauline von Metternich in Wien komponierte.


Franz Lehár kam erstmals 1902 nach Ischl, wo er die Orchestration der Operetten "Wiener Frauen" und "Der Rastelbinder" abschloss. Zu dieser Zeit war der Kurort durch den Direktor des Theaters an der Wien, Wilhelm Karczag, der alljährlich nach Ende der Theatersaison hierher reiste, zum sommerlichen Mittelpunkt der Wiener Operette geworden.


Von diesem wurde er an das Theater an der Wien engagiert und daraufhin beendete er seine Militärlaufbahn.


Franz Lehár mit M. Günther als Hanna Glawari und L. Treumann als Graf Danilo in 'Die lustige Witwe'. Foto, 1934, © Bildarchiv d. ÖNB, Wien, für AEIOU
Franz Lehár mit M. Günther als Hanna Glawari und L. Treumann als Graf Danilo in "Die lustige Witwe". Foto, 1934
© Bildarchiv d. ÖNB, Wien, für AEIOU

Sein erster durchschlagender Erfolg war "Die Lustige Witwe", die am 30. Dezember 1905 im Theater an der Wien uraufgeführt wurde. Innerhalb kurzer Zeit fanden in ganz Europa und in Amerika Tausende von Aufführungen statt, was die Operette zur erfolgreichsten aller Zeiten machte. Es folgten Verfilmungen in Hollywood, u. a. von Ernst Lubitsch mit Jeannette MacDonald und Maurice Chevalier (1934).


Lehár verstand es, typische Wiener Musik mit einem slawischen Lokalkolorit zu verbinden. Er brachte in den klassischen Operettenstil Elemente der zeitgenössischen Unterhaltungs- und Volksmusik (in der Nachfolge von Johann Strauß´ "Zigeunerbaron") ein. So gingen zahlreiche Melodien aus seiner Hand als unsterbliche Evergreens in die Musikgeschichte ein. Allein die Arie "Dein ist mein ganzes Herz" wurde in über 100 Sprachen übersetzt.


Der früh einsetzende Erfolg seiner Operetten ermöglichte es ihm, sich ausschließlich der Komposition und dem Dirigieren seiner Werke zu widmen. Dem Welterfolg der „Lustigen Witwe“ schloss der Komponist fast 40 weitere Bühnenwerke an, darunter: "Der Graf von Luxemburg", "Paganini", "Der Zarewitsch", "Friederike", "Eva", "Fraquita", "Schön ist die Welt", "Das Land des Lächelns" und "Giuditta".


Lehár war einer der bedeutendsten Vertreter der Operette im 20. Jahrhundert, ja er gilt als DER Meister der "Silbernen Operettenära".

Franz Lehár österreichischer Komponist. Vor dem Bühnentürl beim Theater an der Wien. Photographie. Um 1900. (H.I.N. 230. 463), © IMAGNO/Wienbibliothek im Rathaus
Franz Lehár österreichischer Komponist. Vor dem Bühnentürl beim Theater an der Wien. Photographie. Um 1900. (H.I.N. 230. 463)
© IMAGNO/Wienbibliothek im Rathaus


1909 lernte er Sophie Paschkies, geschiedene Meth, eine Jüdin kennen, 1912 erwarb er eine Villa in Bad Ischl und verbrachte hier gemeinsam mit Sopie vorerst nur die Sommermonate. Insgesamt schuf er 25 Operetten im "Großen Arbeitszimmer" seiner Villa in Bad Ischl.


Ab 1924 war er eng mit dem Tenor Richard Tauber befreundet, dem er viele seiner Operetten-Arien zu sagen auf den Leib schrieb.


Im Lauf der Jahre zu beträchtlichem Reichtum gekommen, erwarb Lehár 1931 das Schikaneder-Schlösschen in Wien, umgab sich mit großer Dienerschaft und bestimmte in seinem Testament, dass große Teile seines Vermögens und sein Haus in Bad Ischl nach seinem Tod der Gemeinde und notleidenden Künstlern zur Verfügung gestellt werden sollten.


Als in den 1920er-Jahren dann die bisherige "alte" Operette in der Publikumsgunst zunehmend der Revue weichen musste (Lehár versuchte es mit einer Revuefassung der Lustigen Witwe), verabschiedete sich auch Lehár von dieser heiteren Kunstform. Er verzichtete er auf das bisher übliche Happy-End und setzte auf opernhaftes Gefühl und Pathos -auch die Tenorpartien dieser letzten Operetten, wie "Das Land des Lächelns" oder "Der Zarewitsch" schrieb er großteils für Richard Tauber. Seine letzte Operette "Giuditta", die er als "musikalische Komödie" bezeichnete, wurde dann tatsächlich auch 1934 in der Wiener Staatsoper uraufgeführt.


Mit der Machtübernahme Hitlers 1933 veränderte sich Sophies und Lehárs Dasein, erst unmerklich, dann massiv. Ab 1935 wurden dem "Arier" Lehár seine von "jüdischen Händen" verfassten Libretti vorgeworfen, die Musik für "undeutsch" erklärt, die Operetten sollten aus den Spielplänen verschwinden.


1936 verfügte Joseph Goebbels, dass Lehárs Bühnenwerke aufzuführen seien und er wurde offiziell zum "Meister der deutschen Operette" ernannt. Lehár nahm die Achtungsbeweise gern entgegen, denn gute persönliche Kontakte sollten auch die Sicherheit Sophies garantieren.


Nach der "Reichskristallnacht" im November 1938 begann Lehár mit seiner Sophie (die er 1924 geheiratet hatte) die Haushaltsverlegung nach Bad Ischl; alle Bühnen in Wien waren nun für ihn verboten.


Als er 1943 in Budapest die Uraufführung seines letzten Werkes "Garaboncia" (Freiheitskampf Ungarns) dirigierte, brach er am Pult zusammen. Nach Ischl zurückgekehrt, war er monatelang bettlägerig, bevor er sich in Zürich behandeln ließ, wo sie die letzten Kriegsjahre in einer Luxussuite des Hotel Baur au Lac verbrachten.


Hier in Zürich starb Sophie 1948 an einem Herzversagen, im Juni 1948 kehrte Franz Lehár zusammen mit seiner Schwester Emilie Christine, die ihn nach dem Tod von Sophie bereits betreut hatte, nach Ischl zurück. Anlässlich seiner Rückkehr wurde dem "Meister der Operette" zu Ehren eine Begrüßungsfeier veranstaltet.

Bad Ischl Kurpark, Franz Lehar-Denkmal
Bad Ischl Kurpark, Franz Lehar-Denkmal
Foto: © Ewald Judt

Am 14. Oktober 1948 erhielt Franz Lehár die Ehrenbürgerschaft der Kurstadt Bad Ischl verliehen. Nur wenige Tage später, am 24. Oktober 1948, verstarb er in Bad Ischl, wo sich auch seine Grabstätte befindet.


Auf dem Ischler Friedhof ruhen auch seine Frau Sophie und nahe bei ihnen befindet sich das Grab Richard Taubers.

Weiterführendes#

Werke (Auswahl)#

38 Operetten, unter anderem:

Filmmusiken:

  • Es war einmal ein Walzer, 1932
  • Großfürstin Alexandra, 1934

5 Opern, Lieder, Tänze, Märsche

Literatur#

  • S. Czech, Schön ist die Welt: F. Lehárs Leben und Werk, 1957
  • B. Grun, Gold and Silver: The Life and Time of F. Lehár, 1970
  • M. Schönherr, F. Lehár, 1970
  • S. Frey, "Was sagt ihr zu diesem Erfolg." F. Lehár und die Unterhaltungsmusik des 20. Jahrhunderts, 1999
  • Neue Deutsche Biographie


Hörproben#



Österreichische Mediathek Hörprobe

Meine Lippen, sie küssen so heiß aus: Giuditta;
Interpreten: Jarmila Novotna (Sopran), Wiener Philharmoniker, Franz Lehár (Dirigent); Label: Parlophon B 501 (Ausschnitt)

Musik spielen

Ich hol dir vom Himmel das Blau
Interpret: Michael Heltau; Label: Ariola 203 923-365, 1981 (Ausschnitt)

Musik spielen


Kapellmeister Lehár
Kapellmeister Lehár
Foto: Saner-Joos/Quelle: Guido P. Saner
Vitzliputzli
Vitzliputzli
Foto: Saner-Joos/Quelle: Guido P. Saner
Mit Tauber
Mit Richard Tauber
Foto: Saner-Joos/Quelle: Guido P. Saner
Lehár als Dirigent
Lehár dirigiert
Foto: Saner-Joos/Quelle: Guido P. Saner
Theobaldgasse – Foto Saner-Joos
Theobaldgasse
Foto: Saner-Joos/Quelle: Guido P. Saner
Skizzen – Foto Saner-Joos
Skizzen
Foto: Saner-Joos/Quelle: Guido P. Saner
Lehár-Schlössl – Foto Saner-Joos
Portal Lehár-Schlössl
Foto: Saner-Joos/Quelle: Guido P. Saner
Park Lehár-Schlössl – Foto Saner-Joos
Park Lehár-Schlössl
Foto: Saner-Joos/Quelle: Guido P. Saner
Salon Lehár-Schlössl – Foto Saner-Joos
Salon Lehár-Schlössl
Foto: Saner-Joos/Quelle: Guido P. Saner
Bad Ischl, Kreuzplatz 16, Lehar Filmtheater
Bad Ischl, Kreuzplatz 16, Lehar Filmtheater
Foto: © Ewald Judt


Franz Lehár (Essay)
#

von Guido P. Saner


Franz Lehárs Vorfahren waren bis anfangs des 18. Jh. Kleinbauern, Glaser, Tischler, Gastwirte in Lesnitz und Brünnles bei mährisch-schlesisch Neustadt (Ostsudetenland); Der Name ist tschechischen Ursprungs. Nach der Heirat des Vaters, des Militärkapellmeisters Franz sen. mit der Ungarin Christine Neubrandt fügt Lehar das ungarische Dehnungszeichen " ´ " hinzu.; Franz jun. signiert mit „Lehár Fz“ (= Ferencz). Kindheit und Jugend in Pressburg (heute: Bratislava) und Ödenburg (heute: Sopron); Volksschule in Karlsburg und Klausenburg. Gymnasium in Budapest und deutsche Volksschule in Sternberg und Prag. Erster Musikunterricht am Nationalkonservatorium Budapest bei Stefan Tomka (Geige und Orgel), mit 11 Jahren am Konservatorium Prag bei Karl Komzák. Stundenlanges extremes Üben und Hungerzeiten! Auf Anraten Dvoráks beginnt Lehár zu komponieren. Eltern und beide Kinder übersiedeln vorab nach Wien; Franz bleibt bis Studienabschluss in Prag. 12.7.1888 Austrittsprüfung am Rudolfinum und 1. Violine am Stadttheater Elberfeld-Barmen für mtl. 150 Mark.


Der Militärkapellmeister

Doch der Vater beordert Franz nach Wien zurück, Eintritt in Vaters Militärkapelle Inf. Rgt. Nr. 50; Konzerte im Wiener Stadtpark. Pultnachbaren waren Leo Fall und Edmund Eysler. Zu dritt Studium der Lied-, Klavier- und Instrumentalwerke großer Komponisten. Militärkapellmeister, mit 20 Jahren jüngster Militärkapellmeister der Armee, beim 25. Inf. Rgt. in Losoncz a.d. Eipel. Eklat mit Major (Titulierung Zigeuner-Geiger)! 1894 Versetzung nach Pola (Kroatien) in die damals größte österreichische Adria-Kriegshafenstadt. Ehrung durch den deutschen Kaiser Wilhelm II. 1894 und Einladung mit Orchester zur Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals nach Kiel am 18.6.1895. Erneuter Opernversuch („Kukuschka“) am Leipziger Stadttheater angenommen. Aufgabe der Stelle als Marine-Kapellmeister. Rückkehr in die Wohnung der Eltern nach Budapest; brüsk abgewiesen wegen angeblicher Leichtsinnigkeit und Arroganz! Erneut Militärkapellmeister beim Inf. Rgt. 87 Wien für seinen erkrankten Vaters (verstorben am 7.2.1898). Unterstützung durch die Mutter und Beendigung der Militärkapellmeisterstelle. Operettenflaute nach dem Tod von Johann Strauss (Misserfolg „Wiener Blut“ am Carl-Theater; Direktor Jauner erschießt sich!) und der erfolglosen Werke Carl Millöckers 1899.

Lehár wird wieder Militärkapellmeister beim Inf. Rgt. 26. 1900-02 erfolgreiche Walzer-Zyklen; "Lehár-Walzer" werden zum Begriff. Austausch mit Michael Ziehrer und Uraufführung des Welterfolgs "Gold und Silber" am 27.1.1902 zur Eröffnung der "Concordia-Bälle". Verleger Julius Chmel zahlt dafür 50 fl.; verdient ein Vermögen. Inf. Rgt. 26 nach Györ (Raab) verlegt, Lehár verbleibt aber 32-jährig ohne Anstellung in Wien. Großmutter Goger (92 J.) stimmt zu, dass die Mutter nach Wien übersiedelt. Zur goldenen Hochzeit des Erzherzogenpaars verpflichtet Regisseur Karczag (Theater a.d. Wien) die Kapelle des Inf. Rgt. 26 unter Lehár. Für Star Alexander Girardi schreibt Lehár die Operette „Wiener Frauen“ (200x gegeben) und erhält einen 5-Jahresvertrag. Heirat mit Ferry Weißenberger (Tochter des Militärkasino-Gastwirts) geplant, aber durch Vater und Tante verhindert - Briefkontakt bleibt bis ans Lebensende. Weitere Operettenerfolge von Hamburg aus ("Der Rastelbinder", "Der Göttergatte", "Die Juxheirat"); erster Einbau von Tänzer/-innen trotz Bedenken von Girardi ("Variété mit gehupften Seelendamen!"). Die Entwicklung der neuen Operette schreitet voran. Nächste Projekte berücksichtigen den Gesellschaftswandel in Wien - das Kleinbürgertum wird breites Theater-Publikum. Lockerung alter Gesetze (u.a. ab 1895 zivile Ehescheidung in Ungarn) somit neue Sujets („Zigeunerbaron-Idylle“); freie Liebe als Sensation auf der Operettenbühne!


Die "lustige Witwe"

Beginn der Libretto-Vertonung der in Paris handelnden "Lustigen Witwe" durch Lehár; eigentlich für anderen Komponisten vorgesehen; Victor Léon zieht sein Libretto zurück. Dennoch 6-monatige intensive Weiterarbeit, unter Obhut der Mutter. Léon und Leo Stein sind begeistert; nach kleinen Korrekturen und wenig Proben - Dirigat (Lehár persönlich)Première am 30.12.1905 im Theater a.d. Wien; vorerst kein großer Erfolg. Publikum erlebt aber eine Operettenform, die alles Bisherige umstürzt. Lehár setzt Tanzmelodien in Lagen, die den Theaterbesuchern das Mit- und Nachsingen erlauben. „Die lustige Witwe“ wird zum Inbegriff und Musikereignis; ab März 1906 in Hamburg, Prag (u/Klemperer), Zürich (u/Furtwängler); 400. Aufführung in Wien 1907. Welterfolg über London (800x gegeben), Paris, Indien, Südafrika, China, Japan und 1907 in New York und Chicago bis 1909 wieder in Paris - 20.000 Aufführungen in 10 Sprachen; bis 1970 rund 500.000 Aufführungen; Verkauf von 30 Mio. Klavierauszügen und Notenblättern/Arrangements; 40-50 Mio. Schallplatten!


Erstmals Bad Ischl

Als Mutter Emilie Christine in der Schleifmühlgasse in Wien erkrankt, bringt sie ihr Sohn zur Kur nach Bad Ischl.

Weitere Operetten ("Wiener Frauen", "Der Schlüssel zum Paradies"), Dirigate in Leipzig und Kinderoperette „Peter und Pauls Reisen ins Schlaraffenland“. Neue Theater entstehen; Sprechbühnen spielen nun auch Operetten. 1909/10 in 3 Monaten an 3 Bühnen 3 neue Erstaufführungen; Lehár führt in fast allen Statistiken. Erprobung neuer Ideen (chinesische Bühnenmusik); viele Nachahmer, u.a. Robert Stolz ("Im Prater blüh´n wieder die Bäume"; eigends Valse-Moderato aus "Ihr Männer im Paradies"). Lehár kauft das Haus Theobaldgasse 16 in Wien mit kleinem Museum im Dachgeschoss. Schaffensrausch; parallel Werke mit verschiedenen Sujets. Zum Jahreswechsel 1909/10 wird Lehár zum "Mann mit den drei Premièren": "Fürstenkind" und "Zigeunerliebe" (Première Theater a.d. Wien 8.10.1910 und "Der Graf v. Luxemburg" - ein Theaterrekord ; ein wahres Lehár-Fieber, die sogenannte „Leháritis“ greift um sich! Weltweit Aufführungen; geographischer "Höhepunkt" der Wiener Operette in Darjeeling am Himalaja!

Nun wird Bad Ischl ein weiteres Schaffenszentrum; Bezug der Wohnung an der Grazer Str. Nach einem Jahr Bezug der "Rosenvilla" an der Esplanade 6. Jährlich ab 1. Juli in Bad Ischl mit gesamter Wiener Musik-Entourage. 1910 meistgespielter Komponist an deutschen Bühnen mit 2.200 Aufführungen vor Wagner (1.994). Weitere Kompositionen („Eva“ und „Endlich allein“); „Eva“ wird größter Operettenerfolg am Theater a.d. Wien; Absage der Angebote bis New York. Am 31.7.1912 Auftritt beim englischen Königspaar; vehemente Kritik, denn die Wiener Geigen fehlen! 1912 Kauf der Villa in Bad Ischl am Rudolfskai 8 (heute: Museum).


Der Erste Weltkrieg

Franz Lehár wird nicht in den 1. Weltkrieg einberufen, aber sein Bruder Anton Lehar (Major). Am 18.8.1914 Dirigat in Wien zum Kaisergeburtstag; nach 3 Wochen kehrt der Bruder kriegsverletzt zurück. Komposition Liederzyklus "Aus eiserner Zeit", basierend auf letzter Reiterschlacht. Es war dies der Versuch, Kriegsgeschichten musikalisch umzusetzen; die Wiener aber wollten keine "Kriegsoperetten". Es folgt die erste Operette in ungarischer Sprache "Pascirta" etwa 100x gegeben. Zusammen mit "Die Lerche" ist die Kriegszeit nun überstanden. Im Juni 1918 erhält der Bruder für die Rettung von Menschenleben an der Piavefront die Tapferkeitsmedaille und von Kaiser Karl das Ritterkreuz des Maria-Theresien-Ordens und die ungarische Baronie. Anton Lehar ist der höchstdekorierte Offizier der k. u. k. Monarchie. Kriegsnot in Wien, dennoch neue Werke („Die blaue Mazur“, „Die gelbe Jacke“); Lehár dirigiert täglich im Theater in Wien.

Nach seiner 50. Geburtstagfeier erkrankt Lebensgefährtin Sophie und die Villa in Bad Ischl steht bis zum 1. OG im Hochwasser. Dennoch entsteht die spanische Operette "rasquita"; erstmals mit acht Nackttänzerinnen. Des weiteren "Die Tangokönigin" (= bearbeitete "Ideale Gattin"). 1929 wird das Apollo-Theater in das erste Großkino Wiens umgebaut. Dadurch entsteht eine Premièrenbühne für Lehár-Filme. Nach der "Frasquita"“-Première (Theater a.d. Wien) nimmt der Meister die Arbeit an der "Giuditta" auf. Richard Tauber wird als Herzensbrecher-Tenor in Lehár-Arien bekannt;


Mit Schlagzeug und Saxophon

1922 Skizzierung des Welterfolgs "Dein ist mein ganzes Herz". Neues Operetten-Projekt in Bad Ischl "Clo(-)clo"; erstmals mit Einsatz des modernen Schlagzeugs, Saxophonen und den Modetänzen Java, Blues, Tango, Onestep, Shimmy, Foxtrott. Die Partitur wird in nur neun Tagen verfasst!

Am 20.2.1924 Heirat mit langjähriger Lebensgefährtin Sophie Meth geb. Paschkis in Wien. Mit 53 Jahren sucht Lehár neue Operettenbühnen; die Stars der ersten Epoche am Theater a.d. Wien sind weggezogen; enttäuscht über den Revuestil Marischkas. Arbeit an "Paganini" mit Lied für Tauber "Gern hab´ ich die Frau´n geküsst" und Schallplattenaufnahmen in Berlin 1926. Bereits am 1.10.1924 "Frasquita".- die erste Operetten-Radioübertragung der Welt. Tauber und Lehár werden zu Medienstars. Zurück in Wien trifft Lehár Künstlerkollegen im Café Museum oder bei der „Schlaraffia“ (Lieder-Kompositionen) und 1928 Treffen mit George Gershwin in Wien.


Das Wolgalied

Der "Zarewitsch". Die Notationen erarbeitet Lehár größtenteils mit Bleistift, aber diese 425 Seiten-Partitur ist perfekt in Tinte für die Uraufführung 1927 in Berlin geschrieben; Großerfolg wegen des "Wolgaliedes". Tauber löst seinen Staatsopernvertrag vorzeitig auf, denn die Operettenauftritte sind lukrativer. Kurz zurück in Wien für alljährlichen Grabbesuch der Mutter. Wien gefällt Lehár aber nur noch im Vorkriegscharakter! Die Auftritte sind nun von Attentaten, Streiks und politischen Wirren beeinträchtigt. 1928 Dirigate in Berlin ("Der Graf v. Luxemburg" und Première "Friederike"). Tauber ist nun der nun best-bezahlte Bühnenstar -800.000 Mark und bis 250.000 Mark aus Schallplatten pro Jahr. Lehár verdient je Einzelauftritt weit weniger als Tauber!

Nach Auftritten in Europa wirkt Lehár erneut in Berlin ("Friederike") als deutsches Singspiel, wogegen die Nationalsozialisten nichts ausrichten können. Nach Taubers Zusammenbruch 1929 auf der Bühne in Hamburg - nicht auskurierte Angina, Gelenkentzündungen zur Kur in Bad Pystan (heute: Piestany; Slowakei). Rückkehr zu Lehár nach Wien für Plattenaufnahmen und Proben "Land des Lächelns" (Metropol-Theater); Première 10.10.1929 mit Tauber-Lied „Dein ist mein ganzes Herz“; auch dieses Stück wird zum Welterfolg! Trotz Wirtschaftskrise Donnerstag 23.10.1929 ("Black Friday") in den USA, bis zu neun Lehár-Produktionen pro Tag in Berlin.

Am 8.11.1930 Tonfilm-Première "Land des Lächelns" im Apollo-Kino in Wien. Nun Filmmusik-Kompositionen "The Rogue Song"“ ("Zigeunerliebe") mit Oliver Hardy und Stan Laurel. 1934 Lubitsch-Verfilmung "Lustige-Witwe" ("The Merry Widow"). Am 3.12.1930 wagt Lehár den Operettentitel "Schön ist die Welt", trotz dramatischen Lebensbedingungen in Deutschland und Theaterschließungen. Es gibt 3.000 arbeitslose Musiker und der Direktor des Nationaltheaters Bratislava stürzt sich aus dem Fenster! Taubers Filmgesellschaft wird 1931 liquidiert; er wird als "Geldabschneider" und Halbjude angeprangert - verlässt Berlin aber rechtzeitig.

Neue Skizzen für "Giuditta" (Musikalische Komödie) verzögern sich wegen des Hauskaufs in Wien-Nussdorf - 1931 Kauf/Bezug 1932-1944 des Schikaneder-Schlössl in der Hackhofergasse 18. Ausleben seiner Tierliebe: Hunde, Katzen, Vögel, Goldfische, Frösche, ein "Tauber" (namens "Richard").


"Giuditta" und die Nazis

Aus Budgetüberlegungen lässt Direktor Clemens Krauß an der Wiener Staatsoper ab 1929 Operetten zu. 120 Radiosender übertragen die "Giuditta"-Première am 20.1.1934 live aus der Staatsoper. Schon 1935 "Giuditta" an zweiter Stelle der Bühnenstatistik (nach Wagners "Fliegender Holländer") und vor Mozarts "Figaros Hochzeit". Nur in Nazi-Deutschland wird „Giuditta“ verboten, Lehár fällt wegen politischen Äußerungen seines Bruders in Ungnade. Auch Mussolini, den Lehár als Geigeninterpreten der „Frasquita-Serenade“ kennenlernt, lehnt die Operette ab. Die Titelrolle verhöhne die Führerautorität; von Berlin werden nun Anti-Lehár-Demonstrationen organisiert. Zusammenarbeit mit jüdischen Librettisten werden beanstandet und 1932 wird "Das Land des Lächelns“ den jüdischen Werken zugeordnet und Lehár aus den Operettenspielplänen entfernt; 1934 werden alle Lehár-Operetten für ungeeignet erklärt. Mitte 1936, nach einem Entscheid Goebbels über den "jüdisch versippten" Eduard Künneke, verfügt Hitler persönlich, Lehár-Operetten für öffentliche Aufführungen wieder freizugeben, obwohl Lehár mit einer Jüdin verheiratet ist. „Die lustige Witwe“ erklärt Hitler, neben Wagners Kompositionen, zu seinen Lieblingswerken. Er begrüßt Lehár persönlich im November 1936 als Ehrengast beim Jahrestag der Reichskulturkammer und besucht mit Goebbels eine von Lehár dirigierte "Zarewitsch"-Aufführung; sogar jüdische Librettisten sind im Programm erwähnt. Der Versuch von Richard Strauß scheitert, Lehár als Gefahr für deutsches Kulturleben anzuschwärzen; Goebbels meint: "Lehár hat die Massen, Sie aber nicht!" Die Nazi-Aufseher beobachten exakt Lehárs Auslandauftritte und die Treffen mit Tauber. Zu Silvester 1938 dirigiert Lehár "Die Lustige Witwe" im Berliner Großen Schauspielhaus. Lehár hilft vielen Künstlern in Not bis er selbst in Finanzprobleme gerät.

1937 heiratet Tauber in der Hauskapelle in Lehárs Schlössl in Wien-Nussdorf die englische Schauspielerin Diana Napier. Bundeskanzler Schuschnigg wird zum Rücktritt gezwungen und Hitler marschiert mit 200.000 Mann in Österreich ein; das eigenständige kulturelle Wirken wird für sieben Jahre unterdrückt; viele Kunstschaffende und Regisseure begehen Selbstmord. Tauber fordert Lehár eindringlich auf zu emigrieren; Auslanddirigate sind noch erlaubt.

Nach der "Reichskristallnacht" vom 9.11.1938 beginnt Lehár mit seiner Frau die Haushaltsverlegung nach Bad Ischl; alle Bühnen in Wien sind für ihn verboten und er steht unter Verfolgung des Propagandaamtes; dennoch Silvesterdirigat in Berlin. Auch Lehárs Bruder wird längst beobachtet; er hat versucht, das ungarische Königtum für Kaiser Karl nach dem Ersten Weltkrieg zu erhalten; steht nun unter Hausarrest. In Bad Ischl wollen zwei Gestapo-Leute Lehárs Frau abholen; diese fällt in Ohnmacht. Lehár ist zufällig anwesend - nach Anruf bei Gauleiter Bürkel - ziehen die Leute kommentarlos ab. Lehár versteckt nun seine Gattin bei Freunden, wenn er abwesend ist. Er erbringt nie den sogenannten "Arier-Nachweis" für seine Frau; dennoch erhält er eine Sondergenehmigung Hitlers für die Berufsausübung.


Der Zweite Weltkrieg

Nun setzt erneut ein großes Theatersterben ein; viele Künstler müssen an die Front. Lehár absolviert fast nur Auftritte in Zürich und Budapest. Zum 70. Geburtstag ehrt ihn sein Heimatort mit einer Marmortafel am Elternhaus und die Stadt Ödenburg (heute: Sopron) mit der Ehrenbürgerschaft. Trotz Verbots von "Friederike" wird ihm die Goethe-Medaille verliehen; die Operette wird bei Goebbels in Privataufführungen gegeben. Als Militärkapellmeister werden Lehár fünf Kapellen der Wehrmacht unterstellt; er weicht gekonnt Kompositionsaufträgen für Militärmärsche und Kriegslieder aus (ausgenommen den "Marsch der Kanoniere" für den Film). Lehár wird oft Anbiederung an Nazi-Regime vorgeworfen, doch er begeht zum Schutz seiner Familie und Freunde wahre Gratwanderungen! Mit Freiheitsbekenntnis dirigiert er 1943 in Budapest "Garabonciás"; sein letztes Bühnenwerk. Nach der 2. Vorstellung erleidet Lehár einen totalen Zusammenbruch und ist Monate in Bad Ischl bettlägerig (Gallen-, Nieren-, Drüsen-, Augenprobleme, Lungenentzündung).


Befreiung

Am 6.5.1945 treffen US-Panzer in Bad Ischl ein, GI´s überraschen Lehár mit Gesangsständchen. In Wien lebt das Theater wieder auf und das Metropol-Theater Berlin kündigt Lehár wieder als Dirigenten an, welcher jedoch krankheitsbedingt absagen muss (Schlaganfall und Augenschmerzen). Ab Jänner 1946 ärztliche Behandlung in Zürich (Apartment im Hotel "Baur au Lac"). Lehár diskutiert Filmprojekte mit Willi Forst und Musicals mit Paul Burkhard. Tauber reist nach London; er singt den Octavio in Mozarts "Don Giovanni" mit nur einer Lunge! Nach Ankämpfen gegen Husten und Atembeschwerden versagt am 8.1.1948 sein Herz.


Das letzte Lebensjahr

Im Febuar 1948 dirigiert Lehár in Zürich mit 78 Jahren im Kongresshaus und Ärzte orientieren ihn, seine Zeit ist nun begrenzt. Mehr als ein Jahr zieht sich das Ehepaar Lehár zurück und einige Tage nach der "Paganini"-Vorstellung im Stadttheater Zürich verstirbt seine Frau unerwartet im Freundeskreis im Hotel. Der Tod seiner Frau und die Plünderung der Lebenserinnerungen im Wiener Schlössl (russische Besatzung) sind kaum zu verkraften. Lehár äußert der Presse seine Entrüstung über die Wiener; will nie mehr zurückkehren! Ende Juli 1948 daher Rückkehr mit seiner Schwester Emilie Christine nach Bad Ischl. Lehár leidet an grauem Star und Magenkrebs. Er braucht Bluttransfusionen; der Meister erhält am 14.10. 1948 die Ehrenbürgerschaft von Bad Ischl. Am 23.10.1948 spricht er zur Haushälterin Amalia Scaja: „Jetzt habe ich alles Irdische erledigt - war höchste Zeit - ja, ja, mein liebes Kind jetzt geht´s ans Sterben." Der Arzt stellt am selben Nachmittag den Herzstillstand fest. Begräbnis am 30.10.1948 in Familiengruft in Bad Ischl. Nahe Lehárs Gruft in Bad Ischl befinden sich die Grabstätten von Richard Tauber und Oscar Straus (verst. 1954).
--> In Bad Ischl gibt es zwar ein Grab, das vorsorglich bereits für Richard Tauber mit seiner Inschrift angelegt worden ist; jedoch ist Tauber in London bestattet. Im Grab in Bad Ischl liegt sein Neffe Max Tauber! Dies ist nur klein auf dem Grabsockel vermerkt; auf dem großen Grabstein steht nach wie vor "Richard Tauber"!?

Dieser Text wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Guido P. Saner WAM WienArt Musikexkursionen KEG, Nov. 2009




Text aus dem Buch "Große Österreicher":#

Franz Lehar (1870-1948)

Franz Lehár, 1870 in Komorn in Ungarn geboren, 1948 in Bad Ischl in Oberösterreich gestorben, hat einem halben Jahrhundert auf seine Art eine unverwechselbare Note verliehen.

Die Experten für Operette behaupten seit neuestem, er sei gewiß nicht der bedeutendste Vertreter des Zeitalters der silbernen Operette - also der Zeit nach Johann Strauß und Millöcker - sondern eine ganz und gar unverwechselbare Persönlichkeit und der Schöpfer eines Operettentyps, den außer ihm auch niemand komponieren konnte.

Früher aber war man nicht dieser Ansicht, sondern durfte schon behaupten, Lehár sei der erfolgreichste, der populärste und zugleich der unglücklichste der Operettenkomponisten nach Strauß und Millöcker gewesen.

Der erfolgreichste? Die gut gezimmerte und der Wahrheit nicht zu ferne Legende berichtet von dem mäßig erfolgreichen Militärkapellmeister und Operettenkomponisten Lehár, der dringend um das Textbuch zur »Lustigen Witwe« bat, es durch Verleger wirklich vom bereits an dem Werk arbeitenden Kollegen Richard Heuberger bekam und alsbald für eine Verlegenheitspremiere Ende 1905 fertigschrieb. Und davon, daß die erste Vorstellung kein großer Erfolg des Theaters an der Wien war, daß sich jedoch nach einigen eher mäßigen Wochen allmählich die große Anteilnahme des Publikums und dann, wie Steppenbrand, eine begeisterte Reaktion der ganzen Welt einstellte. Die »Lustige Witwe« wurde wirklich überall in unzähligen Versionen gespielt, und sie wurde als eine der ersten Operetten auch verfilmt.

Seine zweite Operette in diesen Erfolgsdimensionen gelang auch nicht auf Anhieb; ehe »Das Land des Lächelns« über alle Bühnen dieser Erde ging, gab es Schwierigkeiten mit der »Gelben Jacke«, wie das Stück zuerst hieß. Nach diesen Anlaufschwierigkeiten aber war's noch einmal so wie 1905.

Vorher, zwischendurch und nachher komponierte Lehár unzählige Werke, von denen man heute entweder gar nichts mehr weiß oder zuwenig hört oder aber mit viel Respekt immer noch die Kasseneinnahmen zur Kenntnis nimmt - je nach Gusto kann man für jede Rubrik Titel nennen, ich würde »Wiener Frauen« und »Eva« und »Die Tangokönigin« zu den vergessenen Operetten zählen, würde den »Rastelbinder« und den »Zarewitsch« hoch einschätzen und schließlich zugeben, daß »Paganini«, »Friederike« und auch »Giuditta« immer noch hohe Einnahmen bringen, denn einzelne Lieder aus diesen Werken sind täglich in allen Rundfunkprogrammen zu hören und provozieren immer wieder Aufführungen der ganzen Operetten, die ja nicht alle in der Großstadt auf dem Spielplan sein müssen.

Früher also hätte man von Franz Lehár mit großer Hochachtung, aber immer innerhalb der Gattung Operette berichtet. Er kam aus einer Familie von Militärmusikern, studierte in Prag, spielte selbst in der Kapelle seines Vaters in Wien und arbeitete sich über verschiedene Stationen in der Monarchie bis zum Nachfolger seines Vaters, war Militärkapellmeister in Wien und als solcher wahrlich nicht für Marschmusik, sondern für Unterhaltungsmusik in Uniform verantwortlich. Er spielte für junge Damen beim Eislaufen, für ältere Herrschaften im Park und manchmal für Patrioten jeder Altersklasse sogar bei mili¬tärischen Prunkereignissen.

Selbstverständlich hatte er so zu komponieren, daß wenigstens einer seiner Walzer zum »Saisonwalzer« wurde und seinen und den Ruhm seiner Regimentskapelle durch Wien und damit durch die Monarchie trug. Das schien eine der vornehmsten Aufgaben der Armee um 1900. Und später? Da hatte Lehár ab 1914 wie die meisten seiner auch erfolgreichen Kollegen offenbar die Pflicht, patriotische Operetten zu komponieren und mitten im Krieg nicht nur für Ablenkung, sondern ausdrücklich für Freude am Krieg zu sorgen. Das lenkte man damals auch via Armeeoberkommando.

Von einem anderen Gesichtspunkt aus gesehen, hatte Lehár offenbar die Aufgabe, seine Konkurrenten anzuspornen. Man weiß, daß Oscar Straus versuchte, nach einem eigenen Rezept den Erfolg der »Lustigen Witwe« auch zu erringen - mit »Ein Walzertraum« ist es ihm beinahe geglückt. Man kann überall nachlesen, daß Emmerich Kaiman mit seiner »Gräfin Mariza« sehr richtig auf Lehárs Erfolg mit einem anderen als einem Wiener Thema reagierte und eine Serie von ungarischen Operetten komponierte, die freilich alle auch einen Walzer und irgendwann die Erwähnung der guten alten Wienerstadt in einem Refrain haben mußten. Und man kann ruhig annehmen, daß Leo Fall mit seinem »Fidelen Bauer« thematisch aufs Land ging, um sich ausdrücklich von Lehár zu unterscheiden - der sofort erfolgreiche Komponist hätte mit diesem einen Schlager ausgesorgt gehabt, war jedoch ein Spekulant und Spieler und komponierte gezwungenermaßen immer wieder, um seine finanziellen Verluste wettzumachen.

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie hätte die Zeit der Operette auch vorüber sein können. Aber so simpel war das nicht, es existierte ja in Wahrheit bis 1938 sehr viel aus der Monarchie und also auch die Operette. Und es kam zudem noch der Film, dann auch der Tonfilm in Mode, und dies war wiederum eine lebensspendende Injektion für die Operette, denn man konnte sie umschreiben, wiederverwerten, in alle Welt transportieren - und Lehár verstand sich sowohl auf die Adaptierung eigener Stoffe wie auch darauf, aus einem neuen Medium noch einmal Erfolg zu schlagen.

Auch auf diesem Sektor hatte er Konkurrenten und einige, die ihm beinahe das Wasser reichen konnten - wo auf der Operettenbühne Fall, Straus, Kálmán neben Lehár gut leben konnten, dort etablierte sich in den Filmstudios vor allem Robert Stolz, der mit »Zwei Herzen im Dreivierteltakt« auf Anhieb einen Schlager zustande brachte und dann beinahe ein halbes Jahrhundert Melodie auf Melodie aus dem Ärmel schüttelte.

Aufgewachsen in einer Tradition, die den erfolgreichen Musiker jedes Genres in der Residenzstadt - und im Sommer in Bad Ischl - und sonst nirgends ansiedelte, waren die Meister der silbernen Operette in guten wie in schlimmen Zeiten im Wiener Kaffeehaus oder auf der Promenade von Bad Ischl einander auf die Finger sehende Freunde, die entweder selbst oder über ihre Verleger um neue Stoffe, um die idealen Interpreten und um neue Absatzmöglichkeiten besorgt und sich ihren gemeinsamen Eigenschaften wohl bewußt waren: sie alle hatten eine gründliche theoretische und praktische Ausbildung genossen, sie alle zeigten professionelles Interesse für die sogenannte ernste Musik ihrer Zeit, und sie alle nahmen ihre Operetten längst nicht so ernst wie etwa Karl Kraus, der jahrzehntelang versuchte, sie tödlicher Lächerlichkeit preiszugeben. Man darf sich Franz Lehár als kultivierten, erfolgreichen musikalischen Geschäftsmann vorstellen, der wußte, daß er den Mozartsänger Tauber so dringend brauchte wie Johann Strauß dereinst Girardi. Man soll sich Franz Lehár aber auch als einen klugen Musiker vorstellen, der in der Zwischenkriegszeit einmal lebhafte Auseinandersetzungen mit dem konservativen Musiker Joseph Marx hatte, weil dieser nicht der Ansicht war, ein finanzieller Überschuß aus Operettentantiemen solle an Anton von Webern gehen - Lehár war ausdrücklich für Webern. Und erlag zwar in der Zeit der Weltwirtschaftskrise dem aus der Not an Publikum geborenen Angebot, seine »Giuditta« in der Staatsoper aufführen zu lassen, wußte schließlich aber selbst, daß er da in die falsche Umgebung kam.

Ihm und allen seinen Kollegen von Rang und Ansehen wurde 1938 zu einem Schicksalsjahr. In diesem mußten alle hochgeschätzten jüdischen Librettisten außer Landes, und selbstverständlich flüchteten auch die jüdischen Musiker. Lehár »mußte« nicht und hatte zudem das Pech, einer der Lieblingskomponisten des Führers zu sein ...

An dieser Stelle sind Vermutungen, die Verdächtigungen ähnlich sind, nicht zu unterdrücken: Lehár war kein Parteigänger der Nationalsozialisten. Lehär wurde kein Aushängeschild für das Regime, seine emigrierten einstigen Freunde sehnten sich in das Reich der Operette. Und hätte sich nach 1945 nicht die Welt und der Geschmack der Welt verändert, wenigstens die Operettenkomponisten hüben und drüben hätten genau dort fortgesetzt, wo sie 1938 unterbrochen worden waren.

Aber die Welt hatte sich verändert, und Lehár als der Klügste unter den Operettenkomponisten wußte es besonders klar. Er saß als sehr alter Mann in seiner Bad Ischler Villa und wartete auf das Ende. Daß eine Generation nach ihm Versuche unternahm, die Operette am Leben zu erhalten, nahm er nicht mehr ernst. Das Publikum wollte die alten Melodien hören und sich zurückträumen. Einmal satt von Erinnerung, wollte es etwas Neues, und dies kam in der Form der ersten amerikanischen Musical Plays - »Kiss me, Kate!« und »Show Boat« und »Oklahoma« waren die Vorläufer - auf die Bühnen.

Ob Lehár wußte, daß es eine direkte Verbindung von ihm und seinem Welterfolg zum erfolgreichsten Musical alten Stils gab? Frederik Loewe, der »My Fair Lady« schrieb und sich damit als zweiter kluger Komponist an einen Stoff von G. B. Shaw machte, war der Sohn eines im Theater an der Wien engagierten Tenors, der in zweiter Besetzung am Serienerfolg der »Lustigen Witwe« 1905/06 teilgenommen hatte.

Nach dem Zeugnis von Zeitgenossen wußte Franz Lehár immerhin sehr genau, daß das Zeitalter der Operette alter Machart spätestens 1938 zu Ende gegangen war und die Erfolge beim Publikum, die bis in die Gegenwart zu registrieren sind, keine neuen Werke mehr provozierten.

1948 starb Franz Lehár. Heinrich von Kralik schrieb in einem Nachruf höchst kenntnisreich: »Rauschzustände sind keine Dauerzustände, und nichts spricht mehr für den inneren Wert und die solide Konstitution der Lehárschen Musik, als daß dem Taumel der Berauschung keine katzenjämmerliche Enttäuschung folgte ... Lehár, der als Neuerer begonnen hatte, blieb nicht in der Ausgangsposition stecken. Er ging mit der Zeit, paßte sich ihrem Rhythmus, ihrem Klang, ihrem Erfordernis geschmeidig an; und blieb dabei der alte, blieb stets er selbst.«

Seither ist genügend Zeit vergangen, um eine knappe Wirkungsgeschichte der Wiener Operette anzudeuten. Sie ist mit ihren populärsten Werken auch in der Gegenwart in aller Welt zu hören. Im japanischen Kaufhaus ebenso wie im Musikprogramm des Senders von Peru, im Repertoire des Stadttheaters in der deutschen Provinz ebenso wie als der größte Erfolg, den sich die Zentrale für Fremdenverkehr in Wien für die Sommermonate errechnen kann.

Das Geheimnis dieser ungebrochenen Wirkung, die sich allen berechtigten Angriffen auf dumme Texte, läppische Situationen, kitschige Szenen auf immer neues Publikum beweist, ist zweifellos in der Qualität der Musik zu suchen ... Die Erfolge gehen somit, was nicht einmal im Falle Franz Lehär immer bedacht wird, auf das Konto der »guten alten Zeit«, in der im Musikland Österreich-Ungarn auch der Unterhaltungsmusiker ein seriöser Musiker sein mußte.

Literatur#

  • S. Czech, Schön ist die Welt: F. Lehárs Leben und Werk, 1957
  • B. Grun, Gold and Silver: The Life and Time of F. Lehár, 1970
  • M. Schönherr, F. Lehár, 1970
  • S. Frey, "Was sagt ihr zu diesem Erfolg." F. Lehár und die Unterhaltungsmusik des 20. Jahrhunderts, 1999

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl/P. Diem