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Sealsfield, Charles #

eigentlich: Carl Magnus Postl
weiteres Pseudonym Charles Sidons


* 3. 3. 1793, Poppitz bei Znaim (Popice, Tschechische Republik)

† 26. 5. 1864, bei Solothurn (Schweiz)


Erzähler und Journalist

Charles Sealsfield. Stich., © Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU
Charles Sealsfield. Stich.
© Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU

Charles Sealsfield wurde am 3. März 1793 als Carl (Magnus) Postl in einer bäuerlichen Familie in Poppitz bei Znaim (Popice) geboren.

Von der Mutter zum Priester bestimmt, trat er nach dem Besuch des (Unter-) Gymnasiums in Znaim in den Kreuzherrenorden ein, in dessen Prager Konvent er von 1808 bis 1815 Philosophie und Theologie (u.a. bei Bernard Bolzano) studierte. Nach der Priesterweihe 1814 wurde er Ordenssekretär. Dadurch kam er mit aufklärerischen und liberalen Ideen in Berührung und verkehrte in den Kreisen der liberalen und vermutlich freimaurerischen Prager Aristokratie.

Unter bis heute nicht völlig geklärten Umständen verschwand er 1823 und flüchtete in die USA, wo er sich eine neue Existenz - zuerst als Charles Sidons, dann als Charles Sealsfield - aufbaute; für seine Familie blieb er vermisst. (Erst bei der Testamentseröffnung nach seinem Tod wurde seine frühere Identität bekannt.)

Über seine Aktivitäten gibt es wenige gesicherte Informationen: zwischenzeitig war er wohl als Journalist und Korrespondent für amerikanische und englische Zeitschriften tätig (u.a. war er 1830 Redakteur des "Courrier des États Unis" in New York). Von 1823 bis 1830 hielt er sich jedenfalls - von einem einjährigen Aufenthalt in Europa 1826/27 abgesehen - in den USA auf, vor allem in Pennsylvania und Louisiana. In diese Zeit fallen seine ersten Publikationen.


Neben kurzen Prosaerzählungen in verschiedenen englischen und amerikanischen Zeitschriften, die ihm zum Teil bis heute nicht eindeutig zuzuschreiben sind, veröffentlichte er vor allem zwei Reiseberichte: 1827 erschien unter dem Pseudonym Charles Sidons "Die Vereinigten Staaten von Nordamerika" (eine zweibändige revidierte englische Version kam 1828 unter dem Titel "The United States of North America as They Are" heraus) und 1928 erschien in London anonym der Reisebericht "Austria as it is, or sketches of continental courts, by an eye-witness", eine sehr kritische Abrechnung mit dem Regime Metternich.
(Das Buch wurde in Österreich verboten; die österreichische Geheimpolizei versuchte vergeblich dem Verfasser auf die Spur zu kommen; erst Jahre später gestand Postl seine Autorenschaft ein.)

1829 erschien schließlich Postls/Sealsfields erster Roman "Tokeah or the White Rose“. Dieser Roman - der einzige, den er auf englisch schrieb - ist deutlich von James F. Coopers Last of the Mohicans (1826) beeinflusst.

1830 kehrte Postl als Charles Sealsfield nach Europa zurück und lebte an verschiedenen Orten in Südwestdeutschland und der Schweiz, ehe er sich schließlich in Solothurn niederließ. In die USA kehrte er nur 1837 für einen kurzen Besuch und 1853 bis 1858 für einen längeren Zeitraum zurück, um die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erwerben (dafür musste man 5 Jahre ununterbrochen in den Vereinigten Staaten leben).

Mit der Übersetzung und Umarbeitung seines Romans "Tokeah" begann 1833 seine schriftstellerische Karriere im deutschen Sprachraum. Der Roman erschien anonym unter dem Titel "Der Legitime und die Republikaner. Eine Geschichte aus dem letzten amerikanisch-englischen Krieg."

Bis 1846 veröffentlichte er weitere Romane über die USA und Mexiko, darunter "Lebensbilder aus der westlichen Hemisphäre", "Morton oder die große Tour", "Der Virey und die Aristokraten", "Die Deutsch-Amerikanischen Wahlverwandtschaften". Zu seinem erfolgreichsten Werk wurde "Das Cajütenbuch, oder Nationale Charakteristiken" (2 Bände, 1841).

Carl Postl – alias Charles Seafield – beschrieb als erster deutschsprachiger Autor die heranwachsende amerikanische Nation vor dem Hintergrund abenteuerlicher Handlung. In seinen Romanen wollte er einerseits das von ihm geschätzte politische System der Vereinigten Staaten in der deutschsprachigen Welt bekannt machen und aus der Perspektive eines amerikanischen Bürgers dem alten Europa eine neue, dynamische und zukunftsträchtige Welt vor Augen führen, andererseits aber auch die Weite und Schönheit der amerikanischer Landschaften und die Pionierleistung der Besiedelung des Landes schildern.

In den 1830er Jahren erregten Sealsfields Romane beträchtliches Aufsehen – besonders von der jungdeutschen Kritik wurden sie gefeiert. Vorübergehend erreichte er in den 1840er Jahren auch in den USA eine gewisse Prominenz: die meisten seiner Romane wurden (unautorisiert) übersetzt, es fanden sich in der amerikanischen Presse Debatten über den geheimnisvollen europäischen Autor; prominente Schriftsteller wie Edgar Allen Poe oder Nathaniel Hawthorne äußerten sich kritisch.

Von 1843 bis 1846 brachte Sealsfield eine Sammlung seiner Romane "Sämtliche Werke in 18 Bänden" heraus, veröffentlichte danach aber bis zu seinem Tod keine neuen Texte mehr.

Ab 1848 aber verschwand sein Werk aus der literarischen Öffentlichkeit. (Erst nach seinem Tod setzte wieder ein reges Interesse ein, wohl vor allem wegen der geheimnisvollen Biographie.)

Charles Sealsfield lebte zurückgezogen auf seinem Gut "Unter den Tannen" in der Nähe von Solothurn in der Schweiz, wo er am 26. Mai 1864 starb. Auf dem Grabstein des seltsamen und rätselhaften Schriftstellers steht: "Charles Sealsfield - Bürger von Nord Amerika."

Der Großteil des Nachlasses ist nicht erhalten; er wurde vermutlich von Sealsfield selbst vernichtet. Eine umfangreiche Sammlung von Briefen, Büchern usw. verwahrt die Zentralbibliothek Solothurn; ein detaillierter Katalog findet sich in den Sämtlichen Werken, Bd. 27 (1991).

Werke (Auswahl)#

  • Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, nach ihrem politischen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet. Mit einer Reise durch den westlichen Theil von Pennsylvanien, Ohio, Kentucky, Indiana, Illinois, Missuri, Tennessee, das Gebiet Arkansas, Mississippi und Louisiana (2 Bände), 1827
    • The United States of North America as They Are in Their Political, Religious, and Social Relations. (Revidierte englische Version des 1. Bandes), 1828
    • The Americans As They Are: Described in a Tour through the Valleys of the (Revidierte englische Version des 2. Bandes), 1828
  • Austria as it is, or sketches of continental courts, by an eye-witness, 1828
  • Tokeah; or the White Rose. (2 Bände), 1829
    • The Indian Chief; or, Tokeah and the White Rose. A Tale of the Indians and Whites (Revidierte Version, 3 Bände), 1829
  • Der Legitime und die Republikaner. Eine Geschichte aus dem letzten amerikanisch-englischen Krieg, 3 Teile, 1833
  • Transatlantische Reiseskizzen und Christophorus Bärenhäuter (2 Bände), 1834
  • Der Virey und die Aristokraten oder Mexiko im Jahre 1812, 3 Bände, 1835
  • Die große Tour, 2 Teile, 1835
  • Lebensbilder aus beiden Hemisphären, 6 Teile, 1835-37
    • Lebensbilder aus beiden Hemisphären: Die große Tour (2 Bände), 1835
    • Lebensbilder aus beiden Hemisphären, dritter Theil: Ralph Doughby's Esq. Brautfahrt oder Der transatlantischen Reiseskizzen dritter Theil, 1835
    • Lebensbilder aus beiden Hemisphären, vierter Theil: Pflanzerleben oder Der transatlantischen Reiseskizzen vierter Theil, 1836
    • Lebensbilder aus beiden Hemisphären, fünfter Theil: Die Farbigen oder Der transatlantischen Reiseskizzen fünfter Theil, 1836
    • Lebensbilder aus beiden Hemisphären, sechster Theil und Nathan, der Squatter-Regulator, oder Der erste Amerikaner in Texas. Der transatlantischen Reiseskizzen sechster Theil, 1836
  • Neue Land- und Seebilder oder Die deutsch-amerikanischen Wahlverwandtschaften (4 Bände), 1839-40
  • Das Cajütenbuch oder Nationale Charakteristiken (2 Bände), 1841
  • Süden und Norden, 3 Bände, 1842-43

Ausgaben

  • Gesammelte Werke, 18 Bände, 1843-46
  • Sämtliche Werke (Hg. K. J. R. Arndt), 24 Bände, (weitere Bände mit Materialien und Supplementen), 1972-91
  • Leseausgabe (Hg., bearbeitet, übersetzt u. mit einem Nachwort versehen v. Primus-Heinz Kucher), 1997

Literatur#

  • F. Schüppen, C. Sealsfield, 1981
  • G. Schnitzler, Erfahrung und Bild. Die dichterische Wirklichkeit des C. Sealsfield (Karl Postl), 1988
  • F. Schüppen (Hg.), Neue Sealsfield-Studien, 1995
  • J. P. Strelka (Hg.), Zwischen Louisiana und Solothurn. Zum Werk des Österreich-Amerikaners C. Sealsfield, 1997
  • G.-A. Pogatschnigg (Hg.), C. Sealsfield - politischer Erzähler zwischen Europa und Amerika, 1998
  • E. Grabovszki, Zwischen Kutte und Maske. Das geheimnisvolle Leben des Charles Sealsfield, 2005

Weiterführendes#

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl