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Als das Betteln in Graz kriminalisiert wurde #

Der absolutistische Staat trat vehement gegen das Herumziehen der Bettler ein – denn so konnte man sie kaum kontrollieren. Also kriminalisierte man das Betteln. (Erster Teil) #


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Grazer Rathaus im Renaissancestil
Das Grazer Rathaus im Renaissancestil, wie es bis 1803 aussah: Hier wurden im zweiten und dritten Stock die Bettler eingesperrt.(KK)

Im Mittelalter galt es noch als selbstverständliche Christenpflicht, Not leidenden Menschen Almosen zu geben – schon um das eigene Seelenheil zu retten. Aber zu Beginn der Neuzeit änderte sich das radikal. Nun achtete man vermehrt darauf, ob jemand an seiner Notsituation selbst schuld war oder wirklich ein Opfer widriger Umstände. Überdies unterschied man, ob es sich um ortsansässige oder fremde Bettler handelte, ob diese arbeitsfähig waren oder nicht. Das wird gelernten Grazern natürlich sehr bekannt vorkommen, hat aber eine lange Vorgeschichte.

Kaiserliche Verordnung#

Die am 15. Oktober 1550 von Kaiser Ferdinand I. erlassene Polizeiordnung regelte in den habsburgischen Erbländern das Armenwesen grundlegend, berichtet Elke Hammer-Luza in „Dem Publico überlästig. Bettlerinnen und Bettler in Graz im 18. Jahrhundert“ (Historisches Jahrbuch der Stadt Graz, Band 41, 2011): „Dem sogenannten Heimatprinzip folgend, sollten alle Gemeinden für ihre Armen aufkommen, entweder durch Verteilen von Almosen oder durch die Vergabe von Abzeichen, um ihr Betteln zu legitimieren.“

„Der blinde Bettler“ von Pieter Bruegel d. Ä.
„Der blinde Bettler“ von Pieter Bruegel d. Ä. (KK)

Als dann im 18. Jahrhundert die Verarmung der unteren Bevölkerungsschichten stark zunahm, hielt man sich dennoch weiter an diese Bestimmungen – das Betteln um Almosen blieb verboten, fremde und arbeitsfähige Bettler wurden aus dem Fürsorgenetz ausgeschlossen. Dem absolutistischen Staat war das unkontrollierbare Herumziehen der Bettler ein Dorn im Auge. Mit Vehemenz trat man ihnen entgegen und kriminalisierte ihr Betteln. Allein Maria Theresia erließ zwischen 1750 und 1755 sage und schreibe 15 Patente gegen „Bettel und Vagieren“. Besonders betroffen davon waren die durch Wirtschaftskrisen, Kriegsfolgen und Ernteausfälle verarmten Unterschichten, vor allem Kleinhäusler, Dienstboten, Tagelöhner, abgedankte Soldaten, Alte und Frauen. Damals lebten etwa 20 bis 25 Prozent aller Europäer am Rande des Existenzminimums, schätzt man.

Öffentliches Bettelverbot#

Natürlich galt auch in Graz das öffentliche Bettelverbot. Da es aber immer wieder von der Obrigkeit neu verlautbart wurde, scheint es nicht streng eingehalten worden zu sein. Denn hier waren „sehr viele, dem Publico zur Last und Unruhe fallende, auch mit verschiedenen seltsamen Kleidern angetane und z. T. sehr kecke und ärgerliche Wort ausstoßende Bettler gesehen und betroffen worden“. Was also tun? Schließlich glaubte man die Lösung des Bettelproblems gefunden zu haben. „Statt der unkontrollierten Ausgabe privater Zuwendungen strebte man nun vielmehr eine zentral gesteuerte und institutionalisierte Armenversorgung an“, schreibt Hammer-Luza.

Weiterführendes#


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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele